Dieses Buch ist gewissermaßen die Entspannungsmassage für Ihre Seele, die Sie schon immer gesucht haben. Es ist Ihr  Sprungbrett, Ihr Flugterminal, von dem aus Sie abheben, um dem stressigen Alltag für ein paar Stunden zu entkommen.


Spannende Kriminalgeschichten, atemberaubende Thriller, Erzählungen voll knisternder Erotik und jede Menge überraschende Pointen erwarten Sie.

Das ist Ihre Lektüre an regnerischen Novemberabenden, wenn zwischen den Weihnachtsfeiertagen wieder ein wenig Ruhe einkehrt, das Feuer im Kamin prasselt oder im Sommerurlaub, egal ob an der See, in den Bergen, in Kötschenbroda, Starnberg oder am Strand von Hawaii, im Flugzeug nach Peking oder abends unterm Eifelturm bei einem Gläschen Wein. 


Auf diesen Seiten tummeln sich feurige Liebhaber und kleine Betrüger, große Ganoven und unwiderstehliche Killerladies, Träumer und Spinner, Aliens und Postangestellte.


Und meistens, gibt es irgendwie ein Happy End.


Leseprobe

Auszug aus dem Sammelband „Die Bombe“

 

 

 

Inhalt

 

 

 

Santa Barbara – Die Unternehmungen des Professor Cunningham

 

Der Arzt ihres Vertrauens

 

Schrat, schrat, schrat

 

Der Fährmann

 

Mörderische Spielzeit

 

Die Nationalmannschaft

 

Die Bombe - Aus dem Tagebuch der Marion Felix

 

Roadmovie - Wie ein preisgekrönter Film gemacht wird

 

Auf dem Kokosnussläufer sind noch Plätze frei

 

Das Weihnachtsgeschenk

 

Motivation ist alles

 

Eiskalt

 

 

 

 

Santa Barbara

 

oder

 

Die Unternehmungen des Professor Cunningham

 

 

 

Kapitel 1 - Ankunft am Pazifik

 

 

 

LA. Landeanflug. Ein Gong. Das Symbol zum Anschnallen leuchtete auf. Interessiert blinzelte Mc Allister nach draußen. Die Abendsonne blendete. Silbrig glitzernd grüßten vom Horizont die Wellen des Ozeans herüber. Des großen, stillen, pazifischen Meeres. 

 

Davor das andere Meer. Der schier unendlich sich nach Nord und Süd dehnende Ozean flacher grauer Dächer. Fabrikanlagen, Lagerhallen, Supermärkte. Dazwischen Parkplätze, Parkplätze, Parkplätze. Dann wieder rechtwinklige, palmenbestandene Alleen. Gesäumt von Parzellen unterschiedlicher Größe. Häuser, Villen, Schulen, Baseballstadien. Und mitten drin wie von mutwilliger Kinderhand in das Wirrwarr hinein gestapelt, die unvermeidlichen Wolkenkratzer. Kathedralen vermeintlichen Fortschritts aus Glas und Beton, die keiner größeren Stadt in den Staaten fehlen durften.

 

Mc Allister lehnte sich grinsend in seinem gemütlichen First Class Sessel zurück. Da hatten sie wohl etwas zu kompensieren, diese Amis. Fette Pickups, hohe Häuser, gigantische Autobahnkreuze …  alles irgendwie überproportioniert, fand er.

 

Die Boeing neigte sich zur Seite. Statt der Weiten des Pazifik rückten schneebedeckte Gipfel in sein Gesichtsfeld. Eis und Palmen. So nah beieinander. Die Maschine setzte zur Landung an. Endlich.

 

 

 

Dr. Brian Mc Allister betrachtete es als ausgesprochenen Glücksfall, zu diesem Kongress nach Kalifornien eingeladen worden zu sein. Er war sich natürlich bewusst, daheim in Edinburgh als Kapazität in Fragen der Kieferchirurgie zu gelten. Allein, dass sein Ruf sogar bis ins ferne Santa Barbara gedrungen war, erstaunte ihn schon ein wenig … und schmeichelte ihm natürlich ungemein. Ein früherer Landsmann, der nach eigener Aussage seit Jahren in Kalifornien lebte, hatte die Sache eingefädelt. Ein gewisser Charles Mc Fadden. Genannt Charly. Seines Zeichens Veranstaltungsmanager und Koordinator der bevorstehenden Fachtagung. Angeblich kannte der Mann ihn von verschiedenen Kongressen und diversen Publikationen. Er hatte über Facebook Kontakt zu ihm aufgenommen.

 

Mc Allister konnte sich zwar nicht erinnern, je von einem Charly Mc Fadden gehört zu haben, aber was tat das schon zur Sache? Die Gelegenheit, vor der versammelten Meute Hollywood gestählter Dentisten und Schönheitsfarmer über schottische Methoden der Zahnheilkunde und Kieferorthopädie referieren zu dürfen, eröffnete völlig neue Perspektiven.

 

Vielleicht sollte er sie nutzen, sich ganz und gar hier im Westen anzusiedeln, um künftig die makellosen Gebisse von Catherine Zeta Jones oder Angelina Jolie in Pflege zu nehmen?

 

Beim Gedanken an die Traumfrauen, die er bislang nur von der Leinwand kannte, schloss der Arzt seine Augen. Es war wie im Film. Er sah verführerisch aufgespritzte Botox-Lippen, blitzend weiß gebleichte Zähne, perfekt in Reih und Glied gerichtet, auf seinem Behandlungssessel, unter seinen einfühlsamen Händen. Und er sah seine Hände, die dazugehörige Rechnungen in astronomischer Höhe ausfertigten.

 

 

 

Ein heftiges Rütteln und Schütteln holte den schottischen Dentalakrobaten auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie waren gelandet. 

 

Draußen, vor der Halle mit dem Gepäckband, reihten sich Taxen und Busse. Trauben schwitzender Menschen schoben sich hinein und heraus. Trotz des Gewusels schienen die meisten Leute irgendwie entspannter als daheim in Schottland. Eben Kalifornien.

 

Suchend sah sich Dr. Mc Allister um. Er zerrte die zerknitterte Mail aus seiner Jackentasche, um sich zu vergewissern. Die Ankunftszeit und das Terminal stimmten. Folglich müsste in Kürze ziemlich genau an dieser Stelle jemand aufkreuzen, um ihn einzusammeln.

 

„Professor Cunningham, Señor?“

 

„Bitte?“ Erschrocken drehte sich Mc Allister um. Der Mann, der ihn angesprochen hatte, war einen Kopf kleiner. Dunkler Typ. Mexikaner vermutlich.

 

„Äh nein, nein. Sie verwechseln mich.“

 

„Sí. Sie Professor Cunningham, Señor. Sie nach Santa Barbara.“

 

Die Hartnäckigkeit des Mexikaners amüsierte den Schotten.

 

„Sie irren sich. Santa Barbara ja, Professor Cunningham nein. Mein Name ist Mc Allister. Dr. Mc Allister. Guten Abend, mein Herr.“ Er wandte sich ab. Doch der andere gab nicht auf.

 

„Wenn sie Mc Allister, Señor, dann sie Professor Cunningham!“ sagte er bestimmt und griff, noch ehe Mc Allister protestieren konnte, nach dessen Koffer.  

 

„He, warten sie. Was soll denn das? Geben sie mir sofort meinen Koffer zurück. Ich bin nicht ihr Professor. Kapieren sie nicht?“ Ein Verdacht keimte in ihm auf. Sollte es sich um die besonders raffinierte Variante eines Raubüberfalls handeln?

 

Tolldreist mitten unter diesen unzähligen Fluggästen? Schlagartig wurde ihm bewusst, dass es ihn ja quasi in den wilden Westen verschlagen hatte, unter unzivilisierte Halbwilde. Denen fehlten logischerweise ein paar hundert Jahre britischen Understatements.

 

„Hören sie, wenn sie nicht umgehend stehen bleiben und mir meinen Koffer wiedergeben, alarmiere ich die Polizei.“ Einige Passanten wandten sich neugierig nach dem merkwürdigen Paar um. Der Mexikaner scherte sich weder um sie noch um Mc Allisters Gezeter.

 

Ungerührt packte er den Koffer des Schotten in den bereitstehenden Wagen. 

 

„Sie Dr. Mc Allister, sie also Professor Cunningham, Señor. Sie wollen nach Santa Barbara. Ich ihr Fahrer. Señor Charly mich schicken.“

 

„Charly? Mr. Charly Mc Fadden?“

 

„Sí. Charly Mc Fadden. Ich seien Marty, Señor.“ Marty? Mc Allister zerrte seinen Zettel erneut aus der Tasche. Tatsächlich. Der Mann der ihn abholen sollte, hieß Marty. So stand es jedenfalls in der Nachricht von diesem Mc Fadden. Verwirrt stieg der Chirurg ins Auto.

 

Der Wagen ließ nichts zu wünschen übrig. Ein ziemlich neues Modell einer ziemlich noblen Marke. Getönte Scheiben, weiches Leder, in der Minibar gekühlte Drinks. Das roch nach Geld. Das roch nach Hollywood. Das entsprach seinen Erwartungen. Langsam wurde er ruhiger. Vielleicht hatten ihm seine vom langen Flug strapazierten Nerven einen Streich gespielt und er hatte irgendetwas an der verworrenen Rede des Mexikaners falsch verstanden. Ihm schien eine Erklärung nötig.

 

„Ähm, sorry. Tut mir leid. Also ich wollte sie nicht brüskieren, Marty. Nur die Geschichte mit diesem … Professor. Das hat mich irgendwie irritiert.“

 

„No Problemo, Señor. Alles gut. You‘re welcome.”

 

Eine Weile schwiegen sie sich an. Marty bugsierte sein Gefährt gekonnt durch ein unübersichtliches Gewirr stark frequentierter Straßen bis sie schließlich auf einen nach Norden führenden vielspurigen Highway einbogen.

 

„Santa Monica Boulevard“, erläuterte der Fahrer.

 

„Aha.“

 

„Sind neu in Los Angeles, Señor?“

 

„Ja. Ist mein erster Besuch in Kalifornien.“

 

„Schönes Land. Leute nennen es ‚Golden State‘.“

 

Obwohl es langsam dunkelte, leuchteten die reifen, golden schimmernden Apfelsinen und Zitronen von den Bäumen und Sträuchern der gepflegten Vorgärten und Plantagen zu ihnen herüber. Die in Edinburgher Blumenläden sündhaft teuren Strelitzien wucherten überall am Straßenrand. Mc Allister bewunderte fasziniert die vorbeiziehende Landschaft.

 

Später wurden die Häuser spärlicher, blieben schließlich ganz aus. Marty hatte den Highway verlassen. Um diese späte Stunde sei die alte Route 101 nach Norden fast leer und einfach viel angenehmer zu fahren, erklärte er. Zeitweilig führte die Straße direkt an der Küste entlang. Vom Landesinneren rückten Felsen und schroff ansteigende Hänge näher. Wären da nicht ab und zu Surfer-Kneipen und die Bahngleise der parallel verlaufenden Amtrak Route gewesen, auf der einige Male diese typisch hohen amerikanischen Doppelstock- und Güterzüge vorbeidonnerten, Mc Allister hätte geglaubt, wieder daheim in den Highlands zu sein.

 

Nach einer guten Stunde öffnete sich die Landschaft. Die Berge zur Rechten wichen zurück und gaben den Blick auf ein fantastisches Lichtermeer frei. Nicht so gleißend hell wie LA. Eher weit gestreut mit weichem, warmem Schein. Das romantische Candle-Light-Dinner eines Riesen.

 

Aufgereiht von der Bucht beginnend, wo sich die Laternen der Seebrücke im Wasser spiegelten, bis weit hinauf in die Höhen des nahen Santa Anna Gebirges, schwerelos im Dunkel schwebend wie Sterne.

 

„Santa Babs.“ meinte Marty.

 

„Bitte?“

 

„SB. Santa Barbara. Wir gleich da.“

 

„Aha.“ Der Doktor hatte sich natürlich zu Hause umfassend informiert. Insofern wusste er die Wahl des Ortes zu schätzen.

 

Das verhältnismäßig kleine Städtchen beherbergte eine ziemlich gut gehende Universität sowie mehrere Schulen und Weiterbildungseinrichtungen.

 

Seiner schönen Lage an der Bucht und des guten Klimas wegen hatten sich in den Bergen rund um das Stadtzentrum etliche Hollywoodstars angesiedelt. Dazu Manager großer Unternehmen, staatliche Institutionen, Naturschutzbehörden, wohltätige Stiftungen und andere mehr. Die zahlungskräftige Kundschaft brachte es mit sich, dass sich mehrere Kinos und Theater im Ort hielten, Museen, dazu unzählige Kneipen und Boutiquen.

 

Enttäuscht stellte der Doktor fest, dass sein Chauffeur eine schmale, eng gewundene Straße hinauf in die Berge wählte. Insgeheim hatte er gehofft, in einem der schmucken Hotels nahe dem Wasser untergebracht zu sein. Er liebte das Meer und wollte in den Kongresspausen unbedingt einmal im Pazifik baden gehen. 

 

 

 

Der Wagen bog in eine von gepflegten Hecken eingefasste Allee ein, die geradewegs auf ein großes schmiedeeisernes Tor zu führte. Dahinter ein hell erleuchtetes Haus. … Wobei, was hieß Haus? Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto deutlicher waren die Umrisse eines regelrechten Palastes auszumachen. Wie von Geisterhand schob sich das Tor zur Seite und gab den Weg in einen großzügigen Park frei. Ein Wachmann nahm Haltung an und salutierte, als sie an ihm vorüber rollten. Mc Allister war sprachlos. Das alles war viel mehr, als er erwartet hatte. Unglaublich. Ein Traum.

 

Der Wagen stoppte. Marty sprang heraus, rannte um das Auto, riss die Tür auf und salutierte ebenfalls. Draußen standen aufgereiht mehrere Frauen und Kinder.

 

„Meine Frau und meine Kinder heißen herzlich willkommen, Professor. Schön, dass endlich wieder zu Hause“, posaunte der Chauffeur. Im Angesicht der Kinder wagte der Arzt nicht, ihrem Vater zu widersprechen. Irgendwie würde sich die Sache mit dem Professor schon klären. Ein kleiner Junge von vielleicht vier Jahren löste sich aus der Reihe und trat mit einem Blumenstrauß auf Mc Allister zu.

 

„Buenos tardes, Señor Professor. Willkommen daheim.“ Dabei musterte er ihn neugierig. Auch seine Geschwister schienen ihn eher erstaunt als erwartungsfroh zu betrachten. Einige von ihnen sogar ein bisschen ängstlich.

 

Als er sich von Martys Frau ins Haus führen ließ, drängte sich das älteste der Mädchen, sie mochte 16 oder 17 sein, kurz an seine Seite und flüsterte:

 

„Die Beautyfarm scheint Ihnen gut bekommen zu sein. Wenn Pa nicht gesagt hätte, dass sie es sind, könnte ich es kaum glauben. Sie sehen zehn Jahre jünger aus! Ehrlich.“ Sie zwinkerte ihm zu und verschwand in der Dunkelheit.

 

 

 

Brian Mc Allister blieb keine Zeit, sich vom Schock zu erholen. Kaum im hellerleuchteten Empfangssaal der Villa angekommen, schritt eine elegante Dame unbestimmbaren Alters hoheitsvoll auf den Doktor zu. Marty und seine Familie zogen sich zurück.

 

Die Dame staunte nicht. Sie wirkte sehr selbstsicher. Mit geschäftsmäßig leicht unterkühltem Lächeln ergriff sie seine Hand.

 

„Hallo. Schön, dass sie wieder da sind, Professor Cunnigham. Wir alle haben sehnsüchtig auf ihr Eintreffen gewartet. Ich bin ihre Privatsekretärin Nora Paulsen. Nennen sie mich einfach Nora. … Aber das wissen sie natürlich. Wie dumm von mir. Verzeihen sie bitte. … Ich soll sie recht herzlich von Charly Mc Fadden grüßen. Er kann heute Abend leider nicht persönlich kommen. Wenn sie Fragen haben, wenden sie sich deshalb bitte vertrauensvoll an mich. Ich werde mich bemühen, ihnen nach bestem Wissen und Gewissen zu antworten. Marianna, Martys Frau, hat ihnen ihr Schlafzimmer im Obergeschoss gerichtet. Dort finden sie auch einen kleinen Imbiss für die Nacht und verschiedene Getränke. Fühlen sie sich ganz zu Hause. Wenn sie mir bitte folgen wollen.“

 

„Moment!“ Mc Allister war fest entschlossen, sich keinen Millimeter von der Stelle zu rühren, bis nicht vollständig geklärt war, welches Spiel man hier mit ihm spielte. „Ich bin nicht Professor Cunningham. Mein Name ist Mc Allister. Dr. Brian Mc Allister aus Edinburgh. Ich bin hier nicht zu Hause sondern will lediglich einen Kongress besuchen. Was soll dieses ganze Theater und Gelaber von wegen Beautyfarm?“

 

„Ach?“ Nora zog die Augenbrauen hoch. „Das mit der Beautyfarm ist auch schon bis zu ihnen durchgedrungen? Gerüchte scheinen sich in diesem Hause schneller auszubreiten als in ihrer Firma, Mr. Cunningham.“

 

„Ich bin nicht …“

 

„Ja, ja. Schon gut. Ich glaube, ich bin Ihnen wirklich eine Erklärung schuldig.“

 

„Das will ich meinen.“

 

 „Aber nicht hier. Die Wände haben Ohren. Wie wäre es in der Bibliothek? Wir haben da einen ziemlich guten alten Whisky. Genau das Richtige, nach all der Aufregung.“

 

„Bourbon?“

 

„Scotch.“

 

„Blendet?“

 

„Single.“

 

„Gut. Aber bloß nicht on the rocks!“

 

„Um Gottes Willen, kein Eis!“ meinte sie lachend. „Es ist ein wirklich guter Single Malt!“ Eine charmante gebildete Lady mit Stil! Er war erleichtert. Zum ersten Mal seit der Begegnung mit Marty hatte der Schotte das Gefühl, die Reise könnte ein gutes Ende nehmen.

 

 

 

Der erste Schluck fühlte sich in Mc Allisters Kehle an wie der berühmte Regentropfen nach langer Trockenzeit in der Savanne. Der zweite weckte seine Lebensgeister und den schottischen Kampfeswillen. Gut, sollte sie kommen. Er war auf einiges gefasst. Er würde sich nicht übertölpeln lassen. Mit einem Krieger aus dem uralten Clan der Mc Allisters konnten sie so nicht umgehen. Herausfordernd blickte er der Dame in die Augen. Und tatsächlich, sie hielt ihm nicht stand, wandte den Kopf zur Seite. Offenbar suchte sie nach den richtigen Worten. Er wurde ungeduldig.

 

„Nun? Raus mit der Sprache.“

 

„Also, die Sache ist die. Nach ihrem Sturz auf der Treppe, als klar wurde, dass sie mit ihrem Schädel-Hirn-Trauma nicht so wie bisher weiterleben konnten und sich zunächst einer Therapie unterziehen mussten, haben wir den Kindern erzählt, sie wären auf einer Beautyfarm, um sich das zertrümmerte Gesicht wieder richten zu lassen. Das schien uns harmloser als ihnen zu erklären, dass ihr geliebter Señor Professor an einer Bewusstseinsstörung leidet. Ich gebe zu, gehofft zu haben, dass es den Ärzten gelingen würde, sie vollständig herzustellen. Allerdings sagten sie mir bereits am Telefon, dass es schwer würde. … Kommt ihnen denn nicht wenigstens ihr guter alter Whisky irgendwie bekannt vor?“

 

Die Sekretärin sah ihn mit bekümmerter Miene an. Mc Allister kam sich vor, als säße er im falschen Film. Entgeistert blickte er die Frau an. Wollte die ihn für blöd verkaufen?

 

Worum zum Teufel ging es hier? Er stürzte den Rest Whisky runter, knallte das Glas auf den Tisch und sprang auf.

 

„Natürlich kenne ich den Whisky.“

 

„Wie schön.“

 

„Aber nicht, weil ich Cunningham bin, sondern weil ich den zu Hause in Edinburgh auch manchmal trinke!“

 

„Ja, aber zuerst haben sie ihn hier getrunken.“

 

„Bitte?“

 

„Beruhigen sie sich. Wir haben erfahren, dass sie aus der Nervenklinik geflohen, dass sie zurück ins Land ihrer Kindheit gereist sind. Wir wissen, dass sie sich dort als Zahnarzt ausgegeben …“

 

„Ausgegeben? Sind sie verrückt? Ich bin von Mr. Charles Mc Fadden als Kapazität …“

 

„Wir baten den guten Charly, zu diesem kleinen Trick zu greifen, um sie nicht gewaltsam von der Polizei holen lassen zu müssen. ‚Der große Professor Cunningham wird geistig umnachtet in Handschellen und Zwangsjacke zurück in die USA überführt‘. Wissen sie, was das für Schlagzeilen gegeben hätte? Können sie sich vorstellen, wie negativ sich das auf ihre Geschäfte ausgewirkt hätte?“

 

„Welche Geschäfte?“

 

„Professor Cunningham! Ich bitte sie! Machen sie einen Punkt. Sie können doch nicht verdrängt haben, dass sie einer der wichtigsten Männer in Sillicon Valley sind. Ein Multimilliardär, der es wie kein zweiter versteht, mit seinen Innovationen die Japaner, Koreaner und Chinesen auf Distanz zu halten. Herr Professor! Behaupten sie nicht, dass ihnen das alles nichts sagt! … Moment.“

 

Ihr war anscheinend eine Idee gekommen. Sie erhob sich, trat zu einem der hohen Regale, zog eine ziemliche Schwarte heraus. Mit der kehrte sie zum Tisch zurück und drückte sie dem verdatterten Arzt in die Hand.

 

„Hier. Lesen sie selbst.“

 

‚Die Unternehmungen des Steven Cunningham‘ stand da in fetten Lettern. ‚Vom schottischen Waisenkind zum Milliardär in Sillicon Valley‘. Darunter das Foto eines Mannes. Brian Mc Allister war es, als blicke er in einen Spiegel. Beinahe, jedenfalls. Das Buch war nicht mehr ganz neu und der Mann um einiges älter. 

 

 

 

Jetzt war er wirklich sprachlos. Ungefragt goss Nora nach. Er kippte das Glas in einem Zug. Sie goss nach. Er kippte. Das Ganze wiederholte sich einige Male.

 

„Aber, … aber das kann nicht sein!“ lallte er schließlich. „Das kann nicht sein. Ich bin nicht wahnsinnig, … Oder?“ Keine Reaktion. Er griff sich an die Brusttasche. „Hier. Ich kann es beweisen. Mein britischer Pass. Sehen sie?“ Nora nahm das dunkelblaue Büchlein und blätterte interessiert darin.

 

„Ja.“ nickte sie. „Verdammt gute Fälschung. Hat uns viel Geld gekostet. Es musste ja alle Kontrollen möglichst unverdächtig überstehen. Edinbourgh, London, Dallas, Los Angeles. Mit ihrem eigenen Pass konnten wir sie beim besten Willen nicht reisen lassen. Sie bestanden … nein … sie bestehen ja bis zum Moment darauf, dieser Brian Mc Allister zu sein.“

 

„Ich bin aber wirklich dieser Brian Mc Allister!“ Es sollte entschieden klingen, kam aber eher wie ein verzweifeltes Schluchzen heraus. Nora lächelte nachsichtig.

 

„Passen sie auf. Ich bringe sie erstmal auf ihr Zimmer. Sie schlafen sich aus und morgen sehen wir weiter. Okay?“  Mc Allister schneuzte sich.

 

„Krieg ich noch einen?“

 

„Aber klar. Das ist dann aber der letzte, ja?“

 

„Ja.“   


 

 

Kapitel 2 – Im goldenen Käfig

 

 

 

Es klopfte. Brian Mc Allister drehte sich stöhnend auf die andere Seite. Es klopfte wieder. Müde hob er ein Augenlied. Die grelle Morgensonne blendete schmerzend. Er kniff das Auge zu und drehte sich zurück. Sein Schädel brummte. Meine Güte, dachte er. Hab ich schlecht geschlafen. Solche Albträume wünschst du deinem ärgsten Feind nicht. Es klopfte zum dritten Mal.

 

„Jaaa.“               

 

Die Tür quietschte und eine ihm irgendwie bekannte Männerstimme sprach:

 

„Buenos díaz, Professor Cunnigham, Señor. Ich soll Ihnen von Frau bestellen, ihr Frühstück seien im Salon …“

 

Kein Albtraum. Schlagartig war der Doktor hellwach. Er richtete sich auf. Aua! Jeder Knochen tat ihm einzeln weh. Ziemlich harte Matratzen hatten die in Santa Barbara. Wenn wenigstens diese verdammten Kopfschmerzen nicht gewesen wären. Vorsichtig versuchte er, seine Augen an das grelle Licht zu gewöhnen. In Kalifornien schien die Sonne schon am frühen Morgen viel heller als in Schottland. Scheiß Alkohol.

 

 

 

Das Zimmer, in dem er sich befand, hatte gigantische Ausmaße. Genau wie sein Bett. Das stand irgendwie in der Mitte des Raumes. Rechts von ihm. Einfach riesig.

 

Er selbst saß vor einer geöffneten Balkontür. …? Moment. … Wieso überhaupt sah er Bett und Zimmer quasi aus der Froschperspektive von der Seite? Wieso hockte er in einen Teppich gehüllt am Boden? … Ach ja, richtig. Nora hatte zwar gemeint, er möge die Fenster zu lassen, weil die Klimaanlage laufe, aber er hatte, kaum dass sie fort war, beschlossen, einen Fluchtversuch zu wagen. Sonderlich weit schien er dabei nicht gekommen zu sein. Scheiß Alkohol.

 

„Was gaffen sie so?“ blaffte er Marty an. „Ich schlafe halt gern am offenen Fenster.“

 

„Brauchen Hilfe?“

 

„Nein. Verschwinde. Ich komm schon klar.“ Aua. Er hatte den Kopf zu heftig bewegt.

 

„You’re welcome!“ dienerte der Chauffeur und verschwand.       

 

 

 

Das Frühstück war mäßig begeisternd. Hartgekochtes Ei, der unvermeidliche Cheddar, Konfitüre, ein paar getoastete Bagels, etwas Butter und eine riesige Kanne Kaffee. Sonderlich viele Gewohnheiten aus old Britannia schien Mr. Cunningham nicht mit in die neue Welt genommen zu haben. Egal. Der Kaffee, den Marianna gebrüht hatte, war jedenfalls aller Ehren wert und erfüllte seinen Zweck. Mc Allister bekam allmählich wieder ein paar vernünftige Gedanken auf die Reihe. Fragen kamen und türmten sich vor ihm auf. Fragen, auf die ihm dummerweise keine befriedigenden Antworten einfielen. Zuerst die wichtigste: Warum? Warum lockte jemand einen harmlosen Dentalspezialisten nach Amerika, wohlgemerkt nicht in die Wüste, sondern in einen Palast wie aus tausend und einer Nacht, um ihm anschließend einzureden, er sei ein Milliardär mit Dachschaden?

 

Sollte es ein blöder Scherz sein, ließ ihn sich der Witzbold, dem er eingefallen war, jedenfalls etliches kosten. Dann die Frage nach der Konferenz. Fand sie nun statt oder nicht? Er hatte mit eigenen Augen im Internet die Tagesordnung gelesen. Welcher normale Mensch machte sich so viel Arbeit eines bekloppten Witzes wegen? Oder gab es an ihm etwas zu verdienen? Sollte es eine Entführung sein? Blödsinn. Das hätten die Kidnapper daheim in Schottland billiger haben können. Aber wenn es nicht um Geld ging, worum dann? Oder stimmte am Ende die Geschichte von Nora Paulsen und er war wirklich der durchgeknallte Milliardär? Gut, es gab schlimmere Visionen. Hatte er nicht erst im Flugzeug davon geträumt, sich hier niederzulassen? Jetzt musste er dafür nicht einmal etwas tun. Er war angekommen, lebte wie die Made im Speck. Das Problem mit dem Frühstück würde sich schon lösen lassen, sobald er die Rolle annahm.

 

Ach was, Nonsens. Erstens war er nicht durchgeknallt und wenn dem nicht so war, dann bezweckte jemand etwas mit dieser Geschichte. Ewig würden sie ihn sicher nicht verwöhnen. Einfach so.

 

Nach der dritten Tasse Kaffee hatte er die Idee. Er würde zu Hause in seiner Praxis anrufen und die Sprechstundenhilfe fragen … Shit. Das würde frühestens nächste Woche Sinn machen. Er hatte der Schwester für die Zeit seiner Tagung frei gegeben. Die ganze Woche. Und heute war erst Dienstag. … Hm. Das Einwohnermeldeamt?

 

Kaum wahrscheinlich, dass die so vertrauliche Nachrichten, wie lange er bereits vor Ort wohnte und praktizierte … Der Pass. Er müsste doch nur mit seinem Pass zur Botschaft nach Washington oder besser zum britischen Konsulat in LA …  Brian Mc Allister griff nach seiner Jackentasche. Nichts. Er hatte den Pass gestern Abend Nora … Sein Mobiltelefon steckte auch nicht mehr da, wo es stecken sollte. Weg. Dieses raffinierte Miststück. Scheiß Alkohol.       

 

 

 

Marianna und ihre älteste Tochter traten ein. Das Mädchen wirkte bei Tageslicht erwachsener als er es vom ersten Eindruck her in Erinnerung hatte. Ein zierliches Persönchen. Nicht unsympathisch. Sie fragte freundlich, ob sie abräumen dürfe. Ihm fiel ein, dass sie es gewesen war, die am Vorabend das steife Zeremoniell mit ihrer Indiskretion durchbrochen hatte. Vielleicht war sie nicht ganz so verdorben wie der Rest der Bagage. Dr. Mc Allister bemühte sich, seine schlechte Laune zu verbergen.

 

„Du hier, um diese Zeit? Musst du nicht zur Schule?“

 

„Aber ich bin doch längst fertig mit der Schule. Sie haben mich selbst eingestellt, damals.“

 

„Als was?“

 

„Als Serviererin und Küchenhilfe. Wissen sie das nicht mehr?“ Das Mädchen schien ehrlich verwirrt. Er ließ nicht locker.

 

„Wie heißt du?“

 

„Aber …“

 

„Bitte sag’s mir einfach.“

 

„Carina.“ Die Mutter unterbrach das Gespräch mit ein paar spanischen Brocken, die Mc Allister nicht verstand. Carina senkte den Blick.

 

„Ich muss dann wieder in die Küche. Ich soll ihnen aber sagen, dass draußen auf der Terrasse Herr Hofmann und Frau Paulsen warten.“ Sie machte einen Knicks und verschwand mit dem Geschirr. Ihre Mutter folgte ihr mit den übriggebliebenen Lebensmitteln. Nicht ohne ihrem Padrone zuvor einen bösen Blick zugeworfen zu haben. Ganz offensichtlich war sie von seinem Gespräch mit ihrer Tochter nicht begeistert.

 

 

 

Dr. Mc Allister erhob sich von der Tafel und begab sich in die bezeichnete Richtung. Auf der Terrasse stand ein Tisch aus geflochtenem Korb. Um ihn herum drei wuchtige Sessel aus dem gleichen Material. Auf dem Tisch ein Krug Wasser und drei Gläser. In den Sesseln Nora und ein fremder Mann. Nicht weit davon, am Rosenbeet, Marty. Er jätete Unkraut. Ein vielseitiger Bursche, befand der Doktor. Die beiden am Tisch erhoben sich. Nora ergriff das Wort.

 

„Guten Morgen Professor. Haben sie gut geschlafen?“

 

„Nicht dass ich wüsste. … Dann sind sie wohl Herr Hofmann?“

 

Der Kerl grinste frech.

 

„Na prima, wenigstens mich erkennt er wieder! Willkommen daheim, Professor Cunningham.“

 

„Freuen sie sich nicht zu früh, sie kleiner Ganove“, knurrte Mc Allister. „Ich kenne sie nicht und ich habe keine Lust, sie kennenzulernen. Die Serviererin hat sie angekündigt. Und jetzt mal Klartext: Geben sie mir meinen Pass zurück und lassen sie mich laufen. Man erwartet mich beim Kongress. Von mir haben sie kein nennenswertes Lösegeld zu erwarten. Jedenfalls keines, mit dem sie ein Anwesen wie dieses hier finanzieren könnten. Ich habe auch keine reichen Verwandten, die einspringen. Genauer gesagt habe gar keine lebenden Verwandten mehr. Ich bin ein nicht mehr ganz knackfrischer Junggeselle. Mich vermisst keiner und meine paar Patienten finden einen anderen Arzt. Also in ihrem eigenen Interesse, versuchen sie’s besser gar nicht erst und geben sie mir meinen Pass zurück. Den Weg runter in die Stadt finde ich notfalls allein.“

 

Verdammt. Ein beunruhigender Gedanke schoss durch Mc Allisters Kopf. Außer seiner Sprechstundenhilfe würde ihn wirklich niemand vermissen. Und der konnten sie sonst was für Märchen erzählen. Was, wenn es dieser Bande genau darum ging? Ihn verschwinden zu lassen? Wozu? Wegen seines britischen Passes, den sie einbehalten hatten? Natürlich. Mit einem echten Pass ließ sich ein Terrorist leichter ins Empire einschleusen als mit einem gefälschten. Ein Attentat auf den Buckingham Palast würde den Aufwand rechtfertigen.

 

Jetzt wurde ihm einiges klar. Er musste unbedingt fliehen, um die Botschaft zu verständigen. Das war seine erste Bürgerpflicht. Dafür musste er seine Strategie ändern.

 

Er musste diplomatischer vorgehen als bisher. Gott sei Dank konnten die dreisten Entführer seine Gedanken nicht lesen. Hofmann fummelte nach der Ansprache nervös an seiner Krawatte herum. Nora goss Wasser in Mc Allisters Glas und sah ihm dann entschlossen in die Augen.

 

„Setzen sie sich doch bitte erstmal an unseren Tisch. Trinken sie einen Schluck und hören sie Karl, also ihrem Geschäftsführer, Herrn Hofmann, zu. Er bringt interessante Neuigkeiten. Neuigkeiten, die sie umstimmen könnten.“

 

Schweigend ließ er sich in den dritten der Sessel schieben. Karl Hofmann setzte sich ihm gegenüber und legte eine schmale Mappe auf den Tisch.

 

„Das sind die letzten Quartalszahlen. Der neue High-Speed-Chip ist am Markt wie eine Bombe eingeschlagen. Würden wir jetzt an die Börse  …“ Nora legte Hofmann die Hand auf den Arm.

 

„Ich glaube nicht, Karl, dass sich Professor Cunningham im Moment für eine Börseneinführung interessiert. Zeigen sie ihm bitte einfach die letzten Ergebnisse und erläutern sie ihm die Gewinnaussichten, die sich aus der Markteinführung des Chips für Cunningham Enterprises ergeben.“

 

Hofmann klappte die Mappe auf und schob sie Mc Allister hinüber. Der hatte beschlossen, das Theater bis auf weiteres mitzumachen, trank ein paar Schlucke und nahm die Mappe zur Hand. Zwar war er kein Großunternehmer, aber ein wenig verstand auch er von Abrechnungen und Steuererklärungen. Mal sehen, was sie ihm da für einen Bären aufbinden wollten.

 

Er beugte sich über den Wisch und musste unwillkürlich grinsen. Erwartungsgemäß. Absolut erwartungsgemäß. Ein Blick hatte genügt, ihm zu sagen, dass das alles ziemlich an den Haaren herbei gezogen sein musste. Derart utopische Ziffernfolgen vor dem Komma in der Rubrik „Gewinne“ waren geeignet, einen Dummkopf zu beeindrucken. Nicht ihn. Das Zahlenwerk war vollkommen unglaubwürdig. Genau genommen war es geradezu eine Zumutung, ihn so billig einwickeln zu wollen.  Wofür hielten ihn die Leute?

 

Hofmann hatte sein Grinsen bemerkt und wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch der Doktor winkte ab.

 

„Schon klar. Super Ergebnisse. Tolle Gewinne. Und nun? Soll ich irgendetwas unterschreiben?“

 

Diesmal war es an Nora Paulsen und Karl Hofmann, sich zu wundern. Mc Allister reichte ihnen die Mappe zurück.

 

„Also nicht. Gut. Ich vertraue ihnen voll und ganz, lieber Hofmann. Gründliche deutsche Wertarbeit. … Sie sind doch Deutscher, ihrem Akzent nach zu urteilen?“ Der Angesprochene lief rot an. „Nora, setzen sie ein entsprechendes Protokoll auf. Ich gehe derweil ein wenig im Park spazieren, dem Gärtner auf die Finger schauen.“ Damit stand er auf und ließ die beiden sitzen.

 

Langsam schlenderte er den Parkweg hinunter, klopfte dem verdutzten Marty jovial auf die Schulter und bog in Richtung des großen Tores ab. Der Wachmann, es war ein anderer als am Vorabend, trat aus seinem Häuschen und salutierte.

 

„Hätten sie bitte die Güte, das Tor zu öffnen und mich hinaus lassen? Ich möchte ein wenig spazieren gehen.“

 

„Tut mir leid, Sir, ich darf nicht.“

 

„Bitte? Ich bin ihr Arbeitgeber und sie haben zu tun, was ich anordne.“

 

„Nicht ganz, Sir“, druckste der Wächter, dem die Sache sichtbar peinlich war. „Der Wachdienst, für den ich arbeite, hat von ihrer Firma ausdrückliche Weisung, sie nicht ohne Begleitung aus dem Anwesen zu lassen. Jedenfalls, bis sie wieder völlig hergestellt und … hm … zurechnungsfähig sind. Tut mir leid Sir.“ Mc Allister hyperventilierte.

 

„Aber ich bin völlig zurechnungsfähig!“

 

„Tut mir wirklich sehr leid, Sir, aber meine Weisung lautet eindeutig: Bis auf schriftlichen Widerruf.“

 

„Dann bin ich Gefangener in meinem eigenen Anwesen?“, schnaubte der vermeintliche Professor. Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. Nora.

 

„Bleiben sie ruhig, Professor. Ich weiß, dass es für sie nicht leicht ist, dies alles zu verstehen. Aber es ist zu ihrem eigenen Schutz.“

 

„Und“, ergänzte Hofmann, der hinzugetreten war, „um Schaden von den Cunningham Enterprises abzuwenden. Deshalb ist der Wachdienst angewiesen, bei einem unautorisierten Fluchtversuch notfalls von der Waffe Gebrauch zu machen. Kommen sie jetzt bitte wieder zum Haus, oder soll ich sie gewaltsam abführen und ihr Zimmer künftig verriegeln lassen?“

 

„Sie Nazi-Schwein. Sie Verbrecher. Das sind KZ-Methoden. Schicken sie mich doch gleich in die Gaskammer!“ Er riss sich von Nora los, um zum Tor durchzubrechen. Der Wachmann stellte sich vor ihn und zog seinen Revolver. Marty hatte in der Nähe drohend mit einer Harke Stellung bezogen. Es gab kein Entkommen.

 

Hofmann packte seinen Chef und drehte ihm den Arm um. Mc Allister wurde schwindlig. Er war zu keiner Gegenwehr fähig. Verdammt, dachte er, warum gerade jetzt so ein Schwächeanfall. Müdigkeit überkam ihn.

 

„Seien sie vernünftig.“ Nora löste Hofmanns harten Griff, hakte sich entschlossen bei ihrem Gefangenen unter und zog den Schwankenden mit sanftem Druck zur Terrasse. „Es geschieht alles nur zu ihrem besten, glauben sie mir. Niemand will ihnen Böses.“

 

Resignierend ließ sich Mc Allister abführen. Er sah ein, dass ihm im Moment keine Wahl blieb. Die Entführer hatten an alles gedacht. Allerdings wollte er es unter keinen Umständen bei diesem einen Versuch bewenden lassen. Wenn sie ihn eine Weile am Leben ließen, und das mussten sie anscheinend, sonst hätten sie ihn längst unbemerkt verschwinden lassen, würde er Gelegenheit haben, sich genauer mit dem Anwesen vertraut zu machen und einen sichereren Fluchtplan zu schmieden. So wahr sein Name Mc Allister war und nicht Cunningham. ….Wenn er nur nicht so müde wäre.

 

„Das ist keine gute Idee“, brachte er mühsam heraus. „Man wird mich auf der Konferenz vermissen.“

 

„Ich sagte ihnen gestern bereits, es gibt keine Konferenz. Sie halluzinieren.“ Das glaubte der Doktor auch langsam. Er hatte Durst. Sein Blick fiel auf den Wasserkrug. Die anderen hatten nichts davon getrunken. Sollte etwa im Wasser ein Präparat …? Mit letzter Kraft riss er sich zusammen.

 

„Dann will ich mit Charly Mc Fadden reden oder gibt es den auch nicht?“ Schweigen. „Ist das ihr Ernst?“ Hofmann räusperte sich.

 

„Die Event Agentur Charles Mc Fadden ist ein reines Phantasieprodukt, um sie zur Heimkehr zu bewegen, Professor Cunningham. Ich habe die Seiten ins Netz gestellt, Nora hat ihnen die Mails geschrieben.“

 

„Mit anderen Worten, sie haben mich seit Wochen belogen und jetzt soll ich ihnen plötzlich glauben?“

 

„So ist das nicht“, protestierte Nora. „Das waren Notlügen. Es ging und geht uns nur um die Fortexistenz ihres Unternehmens.“

 

„Um eine erfolgreiche Fortexistenz“, ergänzte Hofmann.

 

„Und woher soll ich wissen, dass ‚mein Unternehmen‘ nicht auch ein ‚reines Phantasieprodukt‘ ist?“

 

„Sie können gern im Internet …“

 

„Ha, ha, ha. Das war ihr bester, Hofmann.“ Jedes Wort fiel ihm schwer. Gott sei Dank hatte er nicht so viel von dem Zeug getrunken. „Wusste gar nicht, dass Deutsche so lustig sein können.“

 

Karl Hofmann blickte pikiert zu Boden. Auf einen Wink von Nora brachte Marianna Orangensaft und Kaffee. Dazu ein paar Kekse.

 

„Ein Vorschlag.“ Der Geschäftsführer hatte sich zu einem Entschluss durchgerungen. „Wenn sie sich bereiterklären, keine dummen Bemerkungen zu machen, nicht auf ihrem ‚Dr. Mc Allister‘ Gefasel beharren und auch ansonsten alle meine Weisungen befolgen, organisiere ich für sie eine Besichtigungstour der Cunningham Werke unten bei LA. Sie werden von mir, Nora und zwei Security Leuten begleitet. Vor Ort wird ein Arzt zu uns stoßen. Ich wie auch der Arzt werden Betäubungsspritzen dabei haben, mit deren Hilfe wir jederzeit einen Schwächeanfall provozieren können. Zeigen sie sich kooperativ, werden sie viel über sich und ihre Rolle in diesem Unternehmen lernen. Weigern sie sich, diese Bedingungen zu akzeptieren, verspreche ich ihnen ein unrühmliches Ende in ihrer goldenen Bettengruft da oben. Das ist mein letztes Angebot.“ Hofmanns Blick richtete sich an Nora. Die senkte zur Zustimmung  kaum merklich ihre Lider. Brian Mc Allister sah nachdenklich auf seinen Kaffee.

 

„Könnte ich bitte etwas von dem Scotch bekommen?“ Vielleicht half das, den verdrehten Kopf wieder klar zu bekommen. Marianna wartete nur auf Noras Wink, um loszulaufen. Unweit der Sitzgruppe, bewegte sich an einem der Terrassenfenster die Gardine. Wenn ihn nicht alles täuschte, Carina. Ob sie eingeweiht war? Ihr Erstaunen gestern und heute hatte echt gewirkt. Wobei das letztlich gleichgültig war. Helfen konnte ihm so ein Kind bestimmt nicht. Wenn überhaupt, dann bot die angebotene Führung eine Chance zur Flucht. Vorausgesetzt es gab die Cunningham Werke und die Fahrt war nicht einfach nur sein letzter Weg in diesem Leben. Wobei ihm noch immer nicht klar war, wer ihn los sein wollen könnte. Ihm fiel niemand ein, dem er ernsthaft im Wege stand.  Denken war mit diesem vernebelten Hirn sowieso Glückssache. Vielleicht war er ja wirklich dieser Professor und hatte das Gedächtnis verloren? Wer weiß. Alles war möglich.

 

 

 

Der Whisky kam. Mit dem bekannten Duft in der Nase fühlte sich der Doktor nicht mehr ganz so verloren. Apropos verloren. Was hatte er schon zu verlieren. Sein Untergang schien beschlossene Sache. Die Zahl der Alternativen reduzierte sich minütlich. Er ließ sich das Getränk auf der Zunge zergehen.

 

„Und sie sind sich ganz sicher, dass ich Professor Steven Cunningham bin?“ Nora und Kurt nickten synchron. „Werde ich irgendetwas unterschreiben müssen?“ Wieder nickten beide. „Wieviel Zeit habe ich, meine Unterschrift zu üben?“

 

„So viel sie benötigen.“ Beruhigte ihn Nora.

 

Das also war des Pudels Kern. Es gab etwas zu erledigen, wofür sie ihn brauchten. Etwas, das der echte Cunningham nie tun würde. Deshalb war er noch am Leben. Oder suchte der schrullige Multimilliardär am Ende nur einen Doppelgänger? Sollte es ja geben. Nur warum dann die Geheimniskrämerei? Ein solcher Vorschlag ließ sich sachlich diskutieren. Nein, er hatte keine Wahl. Er musste die Entwicklung der Dinge abwarten und dabei versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nie wieder Wasser, das er nicht selbst gezapft hatte!

 

„Also gut. Zeigen sie mir die Cunningham Werke. Wann geht es los?“

 

„Wenn sie mögen, so bald als möglich. Sagen wir morgen Vormittag?“

 

„Einverstanden.“

 

„Ich werde alles Nötige arrangieren. Bis dahin würde ich sie bitten, von unüberlegten Handlungen Abstand zu nehmen. Sonst kann ich für nichts garantieren.“

 

„Selbstverständlich wird es ihnen hier im Haus auch weiterhin an nichts fehlen“, ergänzte Nora.

 

„Also abgemacht“, knurrte Mc Allister. „Aber ich warne sie. Ich weiß jetzt, dass mein Leben keinen Pfifferling mehr wert ist. Wenn sie versuchen, mich zu bescheißen, garantiere ich meinerseits für nichts.“

 

„Bleiben sie cool“, meinte Hofmann. „Ich bin sicher, sie werden nicht enttäuscht sein.“     


 

 

Kapitel 3 – Die Frauen des Professors

 

 

 

Siesta. Eigentlich war Mittagsschlaf nicht gerade etwas, das Brian Mc Allister zu seinen Bedürfnissen zählte. Und durch den nahen Pazifik mit seinen auflandigen Winden herrschte in Santa Barbara auch keineswegs jene ungesunde mexikanische Hitze, die ein paar Meilen weiter südöstlich jedes Leben um die Mittagszeit ersterben ließ. Trotzdem lag der Doktor auf seinem breiten französischen Lotterbett und starrte in die Luft. Was hätte er auch anderes tun sollen? Müdigkeit und Schwindelgefühl vom Vormittag waren zum Glück weitgehend gewichen. Er würde künftig vorsichtiger sein. Nun wo er wusste, dass sie ihn mit Psychopharmaka gefügig machen wollten, konnte er sich wenigstens darauf einstellen.

 

Den Garten hatte er soweit als möglich besichtigt. Von allen Seiten war das Gelände mit hohen Mauern gesichert und von dichten stachligen Hecken umsäumt. Sie machten den Blick auf die Mauern erträglicher und die Annäherung an sie schwieriger. Die Mauerkrone zierte scharfzackiger NATO-Draht.

 

Und als wäre all dies nicht genug, entdeckte Mc Allister ein dichtes Netz von Beobachtungskameras. Er hätte sich nicht gewundert, gäbe es hinterm Zaun einen Todesstreifen mit Minenfeld, Bluthunden und Selbstschussanlagen. So wie seinerzeit an der Berliner Mauer. Karl Hofmann hatte alles mit deutscher Gründlichkeit bedacht. Guter Mann. Der Doktor hasste ihn dafür. Er war zur Untätigkeit verdammt. Ein komischer Vogel in einem goldenen Käfig.

 

Ob es in seinem Schlafzimmer auch Kameras gab? Er hatte Decke und Wände mehrfach abgesucht. Vergeblich. Aber das wollte nichts heißen. Er war kein Spionagefachmann. Gut möglich, dass wirklich jede seiner Bewegungen überwacht wurde. Vielleicht hielten sie ihn sich zu Studienzwecken? Als menschliche weiße Maus. Und später dann würde das Ergebnis in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht:

 

‚Der gemeine Schotte und sein Verhalten in fremder Umgebung. Sein psychischer Verfall unter permanenter Gehirnwäsche.‘ Vielleicht würden sie ihm ein Ohr auf den Rücken nähen, wie er es im Fernsehen bei Laborratten gesehen hatte. Oder er bekam Sensoren implantiert. Wer weiß.

 

Bisher waren sie jede Erklärung für ihr Verhalten schuldig geblieben. Seit dem Morgen hatten Hofmann und Nora keinen weiteren Versuch unternommen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Hofmann war schon vor dem Mittag wieder abgefahren. Angeblich, um im Betrieb nach dem Rechten zu sehen. Ob es Hintermänner gab? Sicherlich. Die Cosa Nostra? Aber wozu? Das war letztlich die Frage, bei der er immer wieder landete. Er fand keine logische oder auch nur einigermaßen plausible Erklärung für die Dinge, die mit ihm geschahen. Insgeheim hoffte er, dass alles nur ein böser Traum sei, aus dem er hoffentlich bald erwachte. Er schloss die Augen. Es klopfte.

 

„Herein.“

 

„Hola Señor. Qué tal?“ Marianna. Was wollte die denn von ihm? Das Mittagessen war gerade vorüber und die Tea Time noch fern.

 

Mc Allister setzte sich auf, schob die Beine aus dem Bett und steckte seine Füße in die Pantoffeln.

 

„Wie bitte? Ich verstehe kein Spanisch.“

 

„Wie gehen Señor Professor?“

 

„Ging schon mal besser.“

 

„Qué?“

 

„Geht so, danke.“

 

„Sie brauchen was? Ich helfen?“ Sie trat an sein Bett. So nah war ihm Martys Frau bislang nie gekommen. Die kleine dunkelhäutige Lady war nicht gerade eine Schönheit, hatte sich aber für eine Mutter von sieben Kindern ganz ordentlich gehalten. Mc Allister fiel erst jetzt auf, dass sie ziemlich hübsche dunkle Augen besaß. Irgendwie geheimnisvoll.

 

„Nein, danke. Ich brauche nichts.“

 

„Vielleicht doch?“ Sie setzte sich auf seinen Schoß.

 

Erschrocken und unbeholfen zuckte er zurück, was die Señora natürlich bemerkte. Lachend lehnte sie sich an ihn.

 

Die müsste sich auch mal ihre Zähne richten lassen, schoss es dem Doktor durch den Sinn. … Ach was, verdammt, …

 

„Was wird das?“ Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten. Marianna begann, mit einer Hand ihre Bluse zu öffnen. Mit der anderen griff sie nach Mc Allisters Fingern und schob sie sich in den Ausschnitt.

 

„Du brauchen Frau.“

 

„Wer sagt das?“ Erschrocken schob er Marianna von seinem Schoß und stand auf.

 

„Sagen Señora Nora. Ich denken, haben recht. Sein so schwermütig Señor.“

 

Dabei versuchte sie, ihm die Arme um den Hals zu legen.

 

„Papperlapapp.“ Der Doktor stieß sie von sich. „Das einzige, was ich brauche, ist meine Freiheit. Was sagt überhaupt Marty zu ihrer neuen Mittagsbeschäftigung?“

 

„No és nuevo. Muss außerdem nicht alles wissen, womit ich verdienen Pesos en ésta Cása.“

 

„Ach, sie werden dafür bezahlt? Von wem? Señora Nora.“

 

„Sí.“ Marianna riskierte einen dritten Anlauf, aber Mc Allister war jetzt auf 180. Mit einem Satz wich er aus, sprang zurück, griff nach einem der Stühle, die am Fenster standen, und brachte ihn zwischen sich und die verhinderte Verführerin.

 

„Keinen Schritt näher!“ Und lauter: „Für alle, die vielleicht mithören oder -sehen: So billig kriegt ihr mich nicht! … Und jetzt raus, du kleine Nutte! Verschwinde.“

 

„Aber früher haben Señor Professor …“

 

„Es interessiert mich nicht, was der Herr Professor früher. Verzieh dich. Pronto!“

 

Marianna brach in Tränen aus, schlug sich die Hände vor’s Gesicht, besann sich jedoch und knöpfte erst ihre Bluse ordentlich zu, bevor sie heulend hinauslief.

 

 

 

Ich muss verdammt aufpassen, dachte Mc Allister. Genau genommen konnte man ihm sogar ohne dass etwas passiert war, mit einer heulenden Frau, die aus seinem Zimmer rannte, einen Strick drehen.

 

Die Affäre dieses Franzosen von der Weltbank, der wegen eines New Yorker Zimmermädchens seinen Job verloren hatte, war ihm gut in Erinnerung. Wenn Aussage gegen Aussage stand, hatten Frauen vor Gericht grundsätzlich einen Glaubwürdigkeitsbonus.    

 

 

 

Den Tee ließ er sich von Marty auf seinem Zimmer servieren. Er hatte nicht die geringste Lust, den Damen Marianna oder Nora über den Weg zu laufen. Die kleine Carina, das möglicherweise einzige ehrliche und vertrauenswürdige weibliche Wesen in dieser verflixten Mausefalle, hatte er seit dem kurzen Gespräch am Frühstückstisch nicht mehr zu Gesicht bekommen.

 

Zum Dinner bestand Nora Paulsen auf seiner Anwesenheit im Salon. Im Interesse seiner diplomatischen Bemühungen um mehr Freiraum, sagte er zu. Die Lady schien im Hause mehr als nur die Privatsekretärin zu sein. Früher hätte man ihre Rolle wohl mit ‚Hausdame‘ oder ‚Gesellschafterin‘ umschrieben. Was sie anordnete, war Gesetz. Brian Mc Allister war überzeugt, wenn es diesen Professor wirklich gab, war er ein armes Schwein.           

 

So saß der Doktor denn der grauen Eminenz seines Hauses gegenüber. Marty bediente. Seine Frau sei ein wenig unpässlich, hatte er zu verstehen gegeben. Und die Tochter? Die habe Feierabend, müsse ihren kleinen Geschwistern bei den Hausaufgaben helfen und ihrer Mutter im Haushalt zur Hand gehen. Die Frage nach Carina brachte Mc Allister einen missbilligenden Blick von Nora ein. Nach dem Essen bat sie ihn in die Bibliothek.

 

„Möchten sie einen Scotch?“

 

„Nein, danke. Heute Abend nicht.“

 

„Wie sie wünschen. … Haben sie die Gelegenheit genutzt, ein wenig in ihrer Biografie zu blättern?“

 

„Nein. Sollte ich?“

 

„Könnte nicht schaden, um ihren Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen. Es ist zwar nicht unbedingt notwendig, dass sie sich an alles erinnern. Sie haben Herrn Hofmann und mir schon vor Jahren umfassende Vollmachten erteilt, um in Ruhe ihrem Hobby, der Erforschung außerirdischen Lebens frönen zu können, aber schaden könnte es wie gesagt nicht.“

 

„Erforschung außerirdischen Lebens?“

 

„Aliens und so.“

 

„Ach was?“

 

„Ja. … Hm. Als Zeichen unseres guten Willens bat mich Herr Hofmann übrigens, ihnen ihren Reisepass zurückzugeben. Sie sollen sich bei uns wirklich zu Hause und keineswegs eingesperrt fühlen.“

 

„Wie nett. Haben sie ihn dabei, Nora?“

 

„Bitte.“ Sie reichte ihm einen Pass. Keinen britischen, einen amerikanischen. Wenn Dr. Mc Allister ob dieser neuerlichen Impertinenz erschrocken war, so ließ er es sich nicht anmerken.

 

Er nahm die Papiere, klappte sie auf und betrachtete interessiert Foto und Bildunterschrift. ‚Steven Cunningham, Prof.‘ stand da eingetragen. Darüber ein ziemlich aktuelles Foto. Das war diesmal wirklich er selbst. Irrtum ausgeschlossen. Und jedes Detail wirkte zu 100 Prozent echt.

 

„Schauen sie ihn sich genau an.“ Nora lächelte. „Er ist echt. Vollkommen. Ausgestellt von einem Officer hier in unserer zuständigen County Behörde.“

 

„Faszinierend.“

 

„Nicht wahr?“

 

„Wissen sie, ob sie es selbst glauben oder nicht, Professor Cunningham, letztlich ist es egal, für wen sie sich halten. Genießen sie einfach ihr Leben bei uns und sträuben sie sich nicht. Wenigstens eine Weile. Sie werden es nicht bereuen. Und lassen sie sich ruhig von Marianna ein bisschen verwöhnen. Sie kann das sehr gut. Das entspannt. Seien sie versichert, es gibt keine Kameras in ihrem Zimmer.“

 

„Haben sie meine Ansage durch die versteckten Mikrofone gehört?“ Nora lachte.

 

„Nein, die gibt es auch nicht. Marianna hat mir erzählt, was sie gerufen haben. Sie war völlig aufgelöst, dass sie ihren Auftrag nicht hatte erfüllen dürfen. Sie waren vor ihrem Sturz kein Kostverächter, lieber Herr Professor.“ Nora blinzelte ihm verschwörerisch zu.

 

„Äh, hatten wir womöglich ebenfalls bereits …?“

 

„Keine Angst“, grinste sie, „wir beide gehören zu jenen Leuten, die Dienstliches und Privates sehr gut zu trennen verstehen. Man muss Prioritäten setzen.“

 

Dr. Mc Allister atmete vernehmbar auf. Wenigstens hatte er von der Seite nichts zu befürchten, denn um ehrlich zu sein, bei einer so beeindruckenden Persönlichkeit wie dieser Privatsekretärin wäre ihm Widerstand vermutlich erheblich schwerer gefallen als bei der biederen kleinen aufdringlichen Marianna.

 

„Schön“, murmelte er. Nora runzelte gespielt beleidigt die Stirn.

 

„Schön? Wie darf ich das verstehen?“

 

„Nicht ehrenrührig. Um Gotteswillen. Nein. Ich habe absolut nichts gegen sie, liebe Nora.“

 

„Na dann ist ja gut. Möchten sie jetzt vielleicht einen Whisky? Morgen wird ein anstrengender Tag.“

 

„Überredet.“

 

 

 

Waren es die Aufregungen der vergangenen beiden Tage oder war es der Whisky? Der Doktor schlief jedenfalls wie ein Murmeltier. Tief, fest und erstaunlicherweise sogar einigermaßen ruhig. Bis zu dem Moment, da sich etwas Warmes, Weiches unter seine Bettdecke schob und sich an seinen Rücken kuschelte. Etwas Warmes, Weiches im Pyjama. Er wagte nicht, sich umzuwenden. Er hatte schlicht und ergreifend Angst vor dem, was er sehen würde. Also stellte er sich schlafend. Seine Gedanken allerdings arbeiteten fieberhaft. Wer war der unerwartete Gast? Vermutlich neuerlich Marianna, wie von Nora angekündigt. Die dreiste Art würde zu ihr passen. … Wenn ja, sollte er sie wieder hinauswerfen?

 

 

 

Das Wesen hinter seinem Rücken unternahm keinerlei Annäherungsversuche. Was ihn einigermaßen verwunderte. War es am Ende gar Nora selbst? Ihr neuester Trick, ihn um den Finger zu wickeln? Ihm kam eine Idee. Er versuchte, das Problem olfaktorisch zu ergründen. … Womit sich die Option Marianna sofort von selbst erledigte. Ihr aufdringlich süßliches Parfüm hätte er aus hunderten Geruchsnoten herausgefiltert. Nora nutzte eine dezent herbe Note. Die roch er auch nicht. Es würde doch nicht womöglich Marty …? Nein, nein, nein. Der stank nach Schweiß und Zigarillos.

 

Das hier war ein anderer Duft. Fast so warm und weich wie der Körper, der sich an seinen Rücken schmiegte. Mit einer zarten blumigen Note. Eines der Kinder? Was sagte Nora neulich gleich? Sie hätten „ihren geliebten Professor“ vermisst? Was für eine schreckliche Vorstellung. Sollte sein Doppelgänger womöglich pädophil … ein Kinderschänder … Ihm grauste, den Gedanken zu Ende zu denken. Das konnte bedeuten, dass Cunningham ihn womöglich als Bauernopfer brauchte, um ihn an seiner Stelle auf den elektrischen Stuhl ….  

 

Die Atemzüge hinter Mc Allister wurden gleichmäßiger. War das ein Witz? Legte sich dieses Etwas in sein Bett und begann zu pennen? Ein wenig war der Doktor über so viel Impertinenz entrüstet. Er fühlte sich nicht ernst genommen. Weswegen letztlich die Neugier obsiegte. Er musste sich einfach Gewissheit verschaffen.

 

 

 

Vorsichtig hob er das dünne Leinenlaken, das ihm als Decke diente, und drehte sich um die eigene Achse. Das Mondlicht fiel hell genug durch die offene Balkontür, um jedes Detail des Gesichtes wahrzunehmen.

 

Es waren erstaunliche Details, die er entdeckte. Erst jetzt, da er sie so dicht vor sich sah, wurde ihm bewusst, welches Wunder die Natur vollbracht hatte, aus den kantigen Wangenknochen von Marty und dem rundlichen Antlitz von Marianna derart feine Züge zu zaubern.

 

Die schlafende Carina ließ ihn erschaudern und beruhigte ihn zugleich. Ihre Anwesenheit war zweifellos von allen Gedankenspielen das am wenigsten furchterregende. Sie war wenigstens fast erwachsen. Nur, was hatte sie hier zu suchen?

 

Wurde sie am Ende genauso von Nora manipuliert, missbraucht wie ihre Mutter? Oder erwartete sie Schutz? Ausgerechnet von ihm? Dem Gefangenen? Und wenn sie schon heimlich kam, warum hatte sie ihn nicht geweckt? Einfach zu einem Fremden unter die Decke kriechen … Welches normale Mädchen tat so etwas? Irgendetwas stimmte also auch mit ihr nicht. Sorgenvoll betrachtete Mc Allister die sanft geschwungenen Linien ihre Lippen, die feinen Nasenflügel, die sich gleichmäßig hoben und senkten, ihre Augenlider, die sie in diesem Moment öffnete, um ihm einen Blick aus jenen tiefen geheimnisvollen Augen zu schenken, die er von ihrer Mutter kannte. Sie hatte also ebenso wenig geschlafen wie er.

 

„Hola“, flüsterte sie.

 

„Hallo.“

 

„Bitte sprechen sie leise, Professor Cunningham, in diesem Haus muss man neuerdings vorsichtig sein. Deshalb bin ich gleich unter ihre Decke …, damit uns keiner hört. Ich wollte sie nicht erschrecken. Seien sie bitte nicht böse. Ich musste sie einfach unter vier Augen ...“

 

„Ich bin nicht böse. Höchstens … überrascht.“

 

„Tagsüber werden sie mich künftig nichts mehr fragen dürfen. Und ich sie auch nicht.

 

Meinen Geschwistern und mir ist nach unserem Gespräch beim Frühstück jeder Kontakt zu ihnen verboten worden. Das finden wir merkwürdig. So etwas gab es, seit wir hier wohnen, noch nie.“

 

„Kann ich mir vorstellen.“

 

„Sie erinnern sich wirklich an nichts mehr?“

 

„Woran sollte ich mich denn erinnern? Gibt es etwas, das uns beide betrifft?“

 

„Vielleicht.“

 

„Dann erzähl es mir. Bitte. … Alles.“

 

„Das ist … viel. Sehr viel.“

 

„Bitte.“

 

„Na gut.“ Das Mädchen biss sich auf die Lippe. Mc Allister konnte ihren Gesichtsausdruck im Mondlicht nicht deuten. Es sah aus, als suche sie nach einem passenden Anfang. Schließlich begann sie zögernd:  „Sie waren … sind … für mich immer wie ein Vater. Ich glaube, sie verstanden … verstehen mich besser als meine eigenen Eltern. Vater nahm mich mit 15 von der Schule, damit ich hier zum Familienunterhalt beitragen konnte. … Und, damit ich keine Jungs mehr treffe. Ich lebte … lebe in einem goldenen Käfig. Wie eine Gefangene.“

 

„Genau wie ich“, murmelte Mc Allister.

 

„Möglich. … Zum 18. Geburtstag haben sie, Professor, mir dann ein großes Geldgeschenk gemacht ...“

 

„Du bist schon 18?“

 

„Ich darf ab nächsten Monat Tequíla trinken!“

 

„21?“ Er war verblüfft. „Du wirkst jünger.“

 

„Ich weiß. Dafür sehen andere mit 15 schon wie 20 aus. Die werden schneller alt.“

 

„Mag sein. Was hast du mit meinem Geld gemacht?“

 

„Sie sagten, ich soll es aufheben und sie würden mir helfen, mein Abitur nachzuholen und zu studieren.“

 

„Und?“

 

„Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon keine Lust mehr, die Schulbank zu drücken. Aber allein für das Angebot und das Geschenk war ich ihnen sehr, sehr dankbar.“

 

„Schön.“ Eine blöde Bemerkung, über die er sich im nächsten Moment ärgerte. Carina ging dankenswerterweise über sie hinweg.

 

„An diesem Abend bin ich zum ersten Mal über Nacht bei ihnen geblieben.“ Er schwieg betreten. Der Hals wurde ihm trocken. Er schluckte. Sie bemerkte die Verwandlung und schien über seinen offensichtlichen Anfall von Schüchternheit amüsiert. Lächelnd setzte sie deshalb ihren Bericht fort.

 

„Wir haben uns unterhalten … “

 

„… und?“

 

„Was wollen sie hören? Ob wir miteinander …?“

 

„Haben wir?“

 

„Vielleicht.“ Sie lachte leise. Cunningham Mc Allister war nicht zum Lachen zumute. Ihm schien die Situation prekär. Egal was mit dem echten Professor vorgefallen war, er wollte und durfte seine möglicherweise einzige Verbündete nicht im Unklaren lassen. Also begann er:

 

„Ich … ich muss dir etwas sagen, Carina. Ein Geständnis, gewissermaßen. Eine Beichte. Ich bin …“ Sie legte ihm den Finger auf den Mund.

 

„Psch. Ich weiß.“

 

„Aber …“

 

„Später. Ich muss jetzt gehen. Es wird bald hell und wenn Vater mich nicht in meinem Bett findet …“ Sie erhob sich und huschte zur Balkontür, ohne den Doktor zu Wort kommen zu lassen. Bevor sie verschwand, drehte sie sich nach ihm um und warf ihm eine Kusshand zu. Mc Allister brannte eine letzte Frage auf den Lippen:

 

„Sehen wir uns wieder?“

 

„Vielleicht. … Wenn es sie morgen Abend noch in diesem Haus gibt …“

 

 

 

Wenn es sie morgen Abend noch in diesem Haus gibt. Was sollte das heißen? Eine versteckte Warnung? Wollte man ihn umbringen? Oder ahnte sie, dass er einen neuen Fluchtversuch riskieren würde? War es ernst gemeinte Sorge oder womöglich nur eine raffinierte Methode, ihn zum freiwilligen Bleiben zu nötigen? Würde er das Rätsel um diesen mysteriösen Professor Cunningham jemals lösen können? Wenn das Mädchen die Wahrheit gesprochen hatte, konnte er zumindest kein von Grund auf schlechter Kerl sein. Nur, warum zeigte er sich dann nicht?


 

 

Kapitel 4 – Ausflug mit Nebenwirkungen

 

  

 

Nora Paulsen erwartete ihren Gefangenen bereits am Frühstückstisch.

 

„Guten Morgen, Professor! Ich hoffe, es ist ihnen recht, dass ich mich einfach selbst eingeladen habe“, flötete sie ihn mit zuckersüßer Stimme. „Ich dachte, ein Frühstück zu zweien - und der Tag fängt gleich viel freundlicher an.“ Vermutlich wollte sie Pannen wie das Gespräch mit Carina am Vortag von vornherein unterbinden. Marianna servierte mit unbewegter Miene und ohne ihren Brotherrn auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie war wohl immer noch beleidigt. Ihre Tochter, wie nicht anders zu erwarten, fehlte.

 

Statt des hart gekochten Eies gab es diesmal Rührei. Neu am Frühstückstisch war der Orangensaft. Den hatten sie am Vortag wohl vergessen. Dr. Mc Allister hatte ihn nicht vermisst. Zu Hause trank er morgens auch meist nur Kaffee.

 

Interessanterweise stand da auf dem Tisch aber nicht etwa ein Krug zur Selbstbedienung wie im Falle des Kaffees, sondern sowohl Nora als auch er bekamen exakt nur ein volles Glas von Marianna zugeteilt. Es waren billige Sammelgläser mit Disney-Figuren drauf. Er hatte Donald, Nora Goofy. Zweifellos war etwas dran, an den schottischen Wurzeln dieses Professors.

 

 

 

Mc Allister hätte seinen Saft unberührt gelassen. Das Wasser vom Vortag lag ihm noch schwer im Magen. Aber Nora insistierte. Ihnen stünde ein anstrengender und heißer Tag bevor. Es sei geboten, dass sie beide vorab ausreichend Flüssigkeit zu sich nähmen. Sie trank ihr Glas komplett aus und erklärte, sie würde die Fahrt absagen, wenn er es ihr nicht gleich täte. Er hatte keine Wahl.  

 

Gleich nach dem Frühstück fuhr Marty mit dem Wagen vor. Nicht mit dem zwar eleganten aber eher unscheinbar noblen Fahrzeug, mit dem er Dr. Brian Mc Allister vom Flughafen abgeholt hatte. Der Chefvisite eines Professor Cunningham in seinem Unternehmen war Repräsentativeres vorbehalten. Ein Rolls Royce. Sehr weiß. Sehr auffällig. Sehr gewichtig und mit von außen undurchsichtigen dicken Panzerglasscheiben gesichert. 

 

Mit dem Rolls kam auch Karl Hofmann. Seine leicht verspannte Körpersprache deute darauf hin, dass ihm der Ausflug nicht behagte. Hatte er Sorge, sein Betrug könnte auffliegen?

 

Hofmann und Nora setzten sich Mc Allister im Fond des Wagens gegenüber und schnallten ihn ordnungsgemäß an. Nachdem Marty die Türen verriegelt hatte, griff der Geschäftsführer in seine Jackentasche und holte eine kleine Spritze heraus, deren Schutzkappe er entfernte.

 

„Nur für den Fall der Fälle. Könnte ja sein, dass sie an einem heißen Tag wie heute eine Herzattacke erleiden.“

 

Das war deutlich. Wäre der Deutsche bei seinen Worten nicht so ernst und ruhig geblieben, Mc Allister hätte glatt jetzt schon einen Infarkt erlitten. Einfach aus Panik. Und der mangelnden Hygiene wegen.

 

Selbstverständlich ließ es sich nachvollziehen, dass sein sogenannter Geschäftsführer die Schutzhülle der Spritze vorsorglich abzog, um rasch reagieren zu können. Ärgerlich blieb es trotzdem, denn nun war das Instrument nicht mehr steril und er konnte sich sonst was holen. Aber klar, das interessierte den Mafioso nicht. Den Schaden würde ja ‚nur‘ der Gefangene davon tragen. Der Arzt empfand die Situation als äußerst bedrohlich. Auch eine Beerdigung erster Klasse blieb eine Beerdigung. Schweigend schickte er ein kurzes Gebet zum Himmel.

 

 

 

Lautlos rollten sie los. Er warf einen letzten Blick hinüber zum Haus. Anders als bei der Ankunft stand niemand vor der Eingangstreppe. Ob er Carina je wieder zu Gesicht bekam? Bedauernswertes Mädel. Irgendwann würden sie diese Mafiosi sicher in ihren Kreis einbeziehen und verderben. Es sei denn, dem war bereits so und der nächtliche Besuch lediglich eine Schmierenposse gewesen. Er würde es vermutlich nie erfahren.

 

Am Tor schlossen sich zwei weitere Fahrzeuge an. Dunkle gepanzerte Limousinen. Sie nahmen den weißen Rolls Royce in ihre Mitte. So schlängelte sich die kleine Kolonne die kurvige Straße nach Santa Barbara hinunter und von dort aus auf den Highway nach LA.  

 

 

 

Mc Allisters Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Keine Spur von Müdigkeit. Der O-Saft verfehlte seine Wirkung. Das Zeug war anscheinend clean gewesen. Dabei hätte er in diesem Moment etwas für eine Beruhigungspille gegeben. Andererseits war es ihm recht, munter zu bleiben. So konnte er seine Gegenüber beobachten und behielt die Entwicklung der Dinge im Auge.

 

Dass der Geschäftsführer und die Privatsekretärin in diese Richtung heute keine Vorkehrungen getroffen hatten, wunderte ihn eigentlich. Sie mussten sich ihrer Sache sehr sicher sein.

 

Karl Hofmann schien im Übrigen ähnlich gespannt wie er selbst. Überspannt, besser gesagt. Er rückte nervös auf seinem Platz hin und her und ließ seinen Gefangenen keine Sekunde aus den Augen. Immer die Hand einsatzbereit in jener Jackentasche, in der sich die kleine Spritze befand.

 

Ganz anders Nora Paulsen. Die persönliche Sekretärin wirkte zunehmend schläfrig. Anscheinend fiel es ihr schon bald recht schwer, die Augen offen zu halten. Mein Gott, muss die Frau abgebrüht sein, dachte der Doktor. Eine wirklich eiskalte Lady. Und das bei den mittlerweile fast arktischen Temperaturen, auf die Marty den Wagen herunter gekühlt hatte. 

 

 

 

In Los Angeles wurde der Verkehr dichter. Die Millionenmetropole war ein Moloch, der morgens tausende Pendler aus dem Umland aufsog, um sie am Abend wieder auszuspucken. Trotz der vielen Fahrspuren auf dem breiten Highway kam es zu Stockungen.

 

Etwas später, sie verließen die Stadt schon fast wieder und befanden sich in einer Kurve, war Nora endgültig in Morpheus Armen angekommen. Sie schnarchte leise. Der Verkehr lief endlich etwas flüssiger. Marty beschleunigte. Plötzlich gab es zwei Autos weiter vorn wie aus heiterem Himmel einen Auffahrunfall. Einer bremste, sein Hintermann war abgelenkt. Das Übliche. Sofort kam der gesamte Fahrzeugstrom zu stehen und Marty musste scharf stoppen. Nora, die sich nicht angeschnallt hatte, kippte auf Hofmann, der schrie kurz auf und sackte mit schmerzverzerrtem Gesicht in sich zusammen. Nora rappelte sich hoch, murmelte eine Entschuldigung und schlief weiter.

 

Stille. Nur die leisen Fahrgeräusche der Edelkutsche, die sich wieder in Bewegung setzte, und Noras friedliches Atmen waren zu vernehmen. Marty hatte vom Geschehen hinter sich nichts mitbekommen. Nach einem deftigen Fluch über die ungewollte Unterbrechung, konzentrierte er sich darauf, die Unfallstelle zu umkurven und sich in den fließenden Verkehr einzuordnen.  

 

 

 

Mc Allister beugte sich vor, rüttelte an Hofmanns Knie. Nichts. Er legte die Hand auf Noras Schenkel und drückte leicht zu. Ein zufriedenes Gurgeln ertönte. 

 

Da hörte sich alles auf. Das durfte nicht wahr sein. Der Chirurg war sprachlos. Hier saßen seine Bewacher. Sie waren keiner menschlichen Regung mehr fähig. Unglaublich. 

 

Wenn die beiden Profis waren, dann gute Nacht. Arme Mafia. Er schnallte sich ab und begann, Hofmann genauer zu untersuchen. Seine Vermutung bestätigte sich. Bei dem Bremsmanöver oder vielleicht auch erst danach, mit Noras Aufprall, hatte sich der Kerl die Spritze durch Jackentasche und Hose in den Oberschenkel gerammt. Tot war er nicht, nur betäubt. Künstlerpech.

 

Was sich die Lady dagegen leistete, empfand Mc Allister als geradezu empörend. Sie pennte ungerührt weiter, als sei nichts geschehen! Das war nicht nur eiskalt, sondern tolldreist oder besser gesagt regelrecht dumm. So abgebrüht konnte doch niemand sein! Die Mutter röchelte friedlich mit offenem Munde, als hätte ihr jemand was in den Kaffee … Moment. … Der Saft. Donald und Goofy. War da am Ende womöglich doch in einem der beiden Gläser etwas für ihn Bestimmtes enthalten gewesen und Marianna oder sogar Nora selbst hatte sie nur vertauscht? … Das wäre ja … dilettantisch!  Geradezu beleidigend dilettantisch wäre das. Wer war er denn? Ein harmloses Lämmchen, das zur Schlachtbank geführt wurde? Pah!

 

 

 

Am liebsten hätte der Doktor gebrüllt, Marty solle gefälligst anhalten und sich um seine beiden bekloppten Kollegen kümmern. Allein, wozu? Sollten sie sehen, was sie davon hatten. Einen bewegungsunfähigen Geschäftsführer und eine verschlafene Sekretärin. Feine Gesellschaft!

 

Brian Mc Allister schielte nach vorn. Marty war ausreichend mit Verkehr und Gegenverkehr beschäftigt. Sie durchfuhren ein belebtes weitläufiges Gewerbegebiet.

 

Die Security Leute in den Wagen vor und hinter ihnen konnten durch die getönten Scheiben des Rolls erst recht nichts sehen. Weswegen er zu einer gründlicheren Durchsuchung seiner hilflosen Bewacher überging.

 

 

 

Viel war es nicht, was er entdeckte. Hofmann hatte sich wohl gänzlich auf seine Spritze und die übrigen Mitglieder der Eskorte verlassen. Typisch deutsch. Seit dem zweiten Weltkrieg hatten die einfach ein gestörtes Verhältnis zu Waffen, befand der Schotte. Bei Nora hatte er mehr Erfolg. In ihrer Handtasche fand sich ein äußerst aggressives Pfefferspray. Außerdem war ihm vorhin, als er ihr Bein gedrückt hatte, als hätte er einen kantigen Gegenstand gefühlt.

 

Vorsichtig und millimeterweise schob er ihren Rock hoch. Tatsächlich kam schon bald ein Lady-Colt zum Vorschein, den sie romantischer Weise mit einer Art Strumpfband am Schenkel befestigt hatte. Er musste ihren Rock ziemlich weit schieben, bis er ihn aus dem kleinen ledernen Halfter ziehen konnte. Wobei er bemerkte, dass die Frau trotz ihres hässlichen Charakters auffallend schöne Beine besaß.

 

Oder gerade deswegen? Er schenkte es sich, weiter über einen möglichen Zusammenhang zu philosophieren. Es war schon erstaunlich genug, dass Nora nicht mal während dieser langen und umständlichen Prozedur munter wurde. Vermutlich hatten sie reichlich eingeschenkt. Nach dem Motto ‚doppelt hält besser‘. Wenn er das richtige Glas bekommen hätte: Wie wollten sie ihn in so einem Zustand eigentlich durch die ominösen Cunningham Werke führen?

 

 

 

Er musste sich beeilen, beide Waffen in seinen Hosentaschen zu verstauen. Die kleine Karawane rollte soeben auf einen Betriebshof.

 

Schnell den Rock zurechtrücken und anschnallen. Fertig. Jetzt konnten sie die Dame wecken. In ihrem derzeitigen Zustand würde die Sekretärin den Verlust kaum bemerken. Sie hatte ja immer noch das Strumpfbandhalfter umgebunden. Ob da etwas drin steckte oder nicht …

 

Der Rolls Royce stoppte.

 

„Sind da, Señora y Señores!“ krähte Marty, wobei er in seinen Rückspiegel blickte. „Alles aussteigen!“ Mc Allister nickte ihm freundlich lächelnd zu.

 

Einer der Sicherheitsmänner riss dienstbeflissen die Tür auf. Er erstarrte.

 

„What the fuck …?“

 

„Tja, mein Lieber“, antwortete der ihm offiziell als Professor Cunningham angekündigte Fahrgast, während er lässig aus dem Auto stieg. „Das habe ich mich auch schon gefragt.“ Mc Allister rückte seine Krawatte gerade. „Vielleicht hat Marty die Klimaanlage etwas zu kalt gestellt und die beiden haben sich einen Schnupfen geholt? … Ah, da ist ja zum Glück schon ein Doktor.“ Verbindlich lächelnd ging er auf den verblüfften Kollegen zu. „Hallo, wie geht’s? Einen Rollstuhl und eine nette Krankenschwester haben sie gleich mitgebracht. Wie umsichtig, mein Bester. … Gnädige Frau.“

 

Er ergriff die Hand der molligen Schwester und hauchte ihr einen Handkuss darauf. Die Matrone errötete. „Gut. Genug der Formalitäten. Jetzt kümmern sie sich bitte um ihre beiden Patienten.“

 

„Aber der Rollstuhl war eigentlich … brauchen sie ihn nicht, Professor …?“ stotterte der Medizinmann.

 

 

 

Dass sein Rundgang genau so geplant gewesen war, hatte Mc Allister sofort begriffen, als er den Rollstuhl entdeckte. Schön festgeschnallt. Den größten Teil der Runde hätte er verschlafen und sie hätten allen Leuten ganz beruhigt den kranken Typen mit der Vollmeise vorführen können, ohne dass jemand den Betrug bemerkt hätte. Die Suppe hatte sich die Bande schon mal selbst versalzen.

 

„Wie sie sehen, bin ich vollständig wiederhergestellt. Es war nur eine Vorsichtsmaßnahme von Herrn Hofmann. Der Gute ist ja immer sehr umsichtig, nicht war … Gott sei Dank, möchte ich sagen. Sehen sie, so schnell kann es gehen. Jetzt dürfte ihr Rollstuhl trotzdem zu Ehren gelangen. Ich bezweifle nämlich, dass Frau Paulsen auf ihren eigenen hübschen Beinen laufen kann. Und Hofmann benötigt meines Erachtens sogar eine Trage und gehört schnellstens ins Hospital.“

 

Die Sicherheitsleute hievten die beiden Halbtoten aus dem Fahrzeug. Schnell erteilte der Betriebsarzt die nötigen Anweisungen, griff zum Telefon und kurze Zeit später brauste ein Notarztwagen mit Blaulicht und Sirene heran.

 

Nora lallte zwar, sie könne durchaus allein, er solle sie loslassen …, aber weil sie dabei dem Wächter, der sie zu halten versuchte, wegrutschte, lang hinschlug und sich gegen seine Bemühungen, ihr aufzuhelfen, heftig und unkontrolliert wehrte, verpasste ihr der Arzt eine Beruhigungsspritze, die sie umgehend in den gleichen Zustand versetzte wie Hofmann.

 

 

 

Das läuft ja besser als gedacht, freute sich Mc Allister. Marty stand entsetzt daneben, verfolgte das Geschehen, knetete seine Chauffeursmütze und jammerte ein ums andere Mal, das habe er nicht gewollt. Natürlich traute er sich nicht, einzugreifen. Er wusste, wenn er als kleinstes Licht in der Runde versuchte, das Kommando zu übernehmen, würde ihm das nicht gut bekommen. Außerdem konnte er sich auf die Ereignisse beim besten Willen keinen Reim machen. Und wenn Brian Mc Allister Martys Blicke richtig deutete, bekam der alte Knabe langsam Angst vor ihm.       

 

Nachdem nun das größte Chaos beseitigt war, der Doc hatte sich entschieden, beide Verschwörer zur gründlichen Untersuchung ins Krankenhaus zu schicken, trat er zu Professor Cunningham Mc Allister.

 

„Verehrter Professor, ich bin froh, dass es ihnen besser geht. Haben sie eine Erklärung, für den Zustand ihrer beiden Mitarbeiter?“

 

„Nicht direkt. Ich habe eine Vermutung.“

 

„Sprechen sie sie aus. Selbst wenn sie unangenehm sein sollte, sie könnte helfen.“

 

„Gewiss. Nun … Ich habe es nicht genau mitbekommen, aber ich glaube … also. Es sollte ja für beide heute ein wichtiger Tag werden. Wie sie vielleicht wissen, war ich lange Zeit nicht mehr hier …“

 

„Sehr lange Zeit, Herr Professor, sehr lange. Ich habe sie kaum wiedererkannt. Sie haben sich zu ihrem Vorteil verändert, wenn ich so sagen darf.“

 

„Danke. Jedenfalls, ich glaube, die beiden waren extrem angespannt. Wenn ich richtig gesehen habe, hat sich Hofmann zur Beruhigung eine Spritze aufgezogen. Ich wusste nicht, dass er Medikamente braucht. Sie sollten seine Jackentaschen durchsuchen. Vielleicht gibt ihnen das Auskunft. … Tja, und die liebe Nora? Ich hatte das Gefühl, sie war heute Morgen sehr aufgedreht. So als hätte sie etwas genommen, um sich aufzuputschen. … Vielleicht eine Überdosis?“

 

„Danke, Herr Professor. Das wird uns weiterhelfen. Irgendetwas in der Art hatte ich vermutet. Danke für ihre Offenheit.“

 

„Keine Ursache.“


 

 

Kapitel 5 - In den Cunningham Werken

 

 

 

Der Arzt verabschiedete sich. Am liebsten wäre der falsche Professor mit ihm gegangen, denn nun war er mit den Security Männern und Marty fast allein. Aber erstens standen da noch einige Gaffer herum, auf die seine Bewacher wahrscheinlich Rücksicht nehmen mussten. Die sahen längst nicht alle wie Mafiosi aus. 

 

Zweitens hätte seine Flucht von hier auf alle Nichteingeweihten sicher seltsam gewirkt. Er war schließlich zur Betriebsbesichtigung gekommen.

 

Drittens war er neugierig geworden. Denn an den großen Fabrikhallen, vor denen sie eingeparkt hatten, stand tatsächlich in großen Lettern ‚Cunningham Enterprises‘.

 

Außerdem deckten sich die Bemerkungen des Arztes in erstaunlichem Maße mit denen Carinas, wenigstens, sofern es sein ‚Wiedererkennen‘ betraf. Vielleicht gab es diesen geheimnisvollen Doppelgänger und seine Firma wirklich?

 

Wenn er jetzt noch Marty loswürde, … Gelegenheiten zur Flucht sollten sich in jedem Fall ergeben. Er hatte es nicht versäumt, seinen neuen amerikanischen Pass und etwas Geld einzustecken. Professor Cunningham räusperte sich.

 

„Hm. Und nun? Ich hatte mich auf die Besichtigung gefreut.“

 

Ein schmächtiger Mann mit starker Brille löste sich aus dem Kreis der Gaffer.

 

„Gestatten, Herr Professor, mein Name ist Fred Mortimer. Ich bin der technische Leiter ihrer hiesigen Niederlassung. Also quasi Herrn Hofmanns Stellvertreter. Wenn sie wünschen, könnte ich die Führung übernehmen. Auch wenn ich es sicher nicht ganz so perfekt wie Herr Hofmann …“  

 

„Eine fabelhafte Idee lieber Mortimer. … Hm, sie wissen, ich habe durch den Sturz etwas gelitten. Sind wir uns schon früher begegnet?“

 

„Leider nein, Sir, ich bin erst seit zwei Jahren im Werk und in dieser Zeit hatten sie leider nie  Gelegenheit  …“

 

„So lange?“

 

„Ja. Wir haben es schon bedauert, dass ihre Zeit immer so knapp bemessen war. Umso mehr freuen wir uns, sie heute hier bei uns …“ Er drehte sich um und winkte. Erst jetzt bemerkte Cunningham Mc Allister, dass ein Teil der vermeintlichen Gaffer als offizielles Begrüßungskommando angetreten war. So ähnlich wie am Abend seiner Ankunft bei der Villa Martys Familie. Das schien beim Professor Tradition zu sein. Sehr sympathisch. Als Angehöriger eines alten schottischen Geschlechts hatte der Doktor viel für Traditionen übrig. Mortimer räusperte sich.

 

„Ja … also: Eine Kleinigkeit mit den besten Genesungswünschen von der gesamten Belegschaft.“ Zwei junge Frauen traten vor. Sie überreichten ihm einen liebevoll gepackten Präsentkorb. Besonderes Highlight daran: Der Korb war aus technischen Teilen und Geräten zusammengebastelt. Offenbar Produkte seiner Firma.

 

Der unfreiwillige Professor bedankte sich herzlich. Er rief Marty, dem er den Korb in die Hand drückte. Konnte der Mexikaner wenigstens keine anderen Dummheiten anstellen.

 

„Hier, mein lieber Marty. Du bleibst beim Auto und passt mir schön auf diesen wunderbaren Korb auf. Und wehe, nachher fehlt etwas.“ Lachend hieb er dem ratlosen Chauffeur auf die Schulter. Alle lachten. Die meisten waren erleichtert. Sie hatten sich den großen Chef aus den Erzählungen älterer Kollegen längst nicht so locker und nett vorgestellt.  

 

„Na dann, Mortimer.“

 

„Nennen sie mich einfach Fred.“

 

„Ist recht. Also Fred, dann lassen sie uns mal loslegen. Ich bin schon sehr gespannt, was sich alles getan hat, seit meinem letzten Besuch.“

 

„Wenn sie mir bitte folgen wollen.“ Fred Mortimer machte eine einladende Geste. Sofort hefteten sich zwei Sicherheitsleute an seine Fersen. Kurzentschlossen drehte sich Mc Allister um.

 

„Meine Herren, ich glaube nicht, dass ich hier bei meinen Mitarbeitern in Gefahr bin. Oder?“ Er hakte sich lachend bei einem der Mädchen unter, die ihm den Korb gebracht hatten. „Ich fühle mich von den Damen durchaus gut beschützt. … Geben sie auf mich Acht, Lady?“

 

„Klar doch, Boss!“ Die junge Frau strahlte. Sie platze fast vor Stolz.

 

„Aber Herr Hofmann …“

 

„Aber Herr Hofmann, aber Herr Hofmann. Wem gehört dieses Unternehmen?“

 

„Ihnen.“

 

„Richtig. Und wer ist Herrn Hofmanns Stellvertreter in diesem Werk? … Mortimer. Sie haben es gerade gehört. Fred, können sie für meine Sicherheit garantieren?“

 

„Aber selbstverständlich, Sir. Meine Herren, es reicht vollkommen, wenn sie hier auf Professor Cunningham warten.“

 

„Wunderbar. Auf geht’s!“ Damit schob Mc Allister mit seiner neu rekrutierten Eskorte ab. Die Wachmänner wagten keinen weiteren Widerspruch.

 

Eigentlich wirklich keine schlechte Sache, so ein reicher Unternehmer zu sein, dachte sich der Schotte. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass es so leicht würde, seine Entführer abzuschütteln. Natürlich war ihm klar, dass er damit noch nicht auf der sicheren Seite war. Er lief mit einem gefälschten Pass unter falschem Namen herum. Nicht freiwillig zwar, aber immerhin. Deshalb: Ruhe bewahren und nicht hektisch werden. Für den Moment interessierte er sich wirklich und ernsthaft für die Cunningham Enterprises.  

 

 

 

Es wurde eine spannende Runde. Mc Allister hatte zwar nicht die geringste Ahnung, von den Besonderheiten dieses oder jenes Fertigungsverfahrens. Er wusste nichts davon, ob und wie die Qualität eines bestimmten Chips die Leistungsfähigkeit von Computern beeinflusste. Schon gar nicht konnte er beurteilen, mit welchen neuen Produkten eine führende Position auf dem Weltmarkt zu behaupten war. Was er allerdings ziemlich gut einschätzen zu können glaubte, das war, ob ihn jemand belog, ob man ihm Potjomkinsche Dörfer vormachte oder ob ein Produktionsablauf wirklich wie beschrieben funktionieren konnte.

 

Und in diesen Punkten war er sich ganz sicher: Das hier war alles echt. Die Menschen waren echt, ihr Engagement und ihre Erfahrungen.

 

Blieb die Frage, was es mit den Zahlen auf sich hatte, die ihm Hofmann gestern auf der Terrasse präsentiert hatte. Der Kiefernchirurg beschloss, den direkten Weg zu gehen. Er suchte einen Platz, an dem er Mortimer unter vier Augen sprechen konnte. Einen Platz, an dem es für den technischen Leiter keine Ausflüchte gab, an dem er keine Angst haben musste, dass Mithörer wichtige Interna aufschnappten. Die Gelegenheit bot schließlich die Herrentoilette.

 

„Jetzt mal Klartext, Fred. Hier hört uns keiner zu. Muss ich mir Sorgen machen? Halten wir im internationalen Geschäft mit oder müssen wir fürchten, irgendwann Insolvenz anzumelden?“

 

„Wie kommen sie denn darauf? Hat ihnen Herr Hofmann nicht …?“

 

„Ich bin mir seit meinem Unfall nicht mehr sicher, was ich ihm glauben kann. Deshalb frage ich sie. Hier und jetzt. Wie steht das Unternehmen da?“

 

„Sir, ich bin nur der technische Leiter. Ich verfüge nicht über alle Informationen, die Hofmann hat. Aber eins weiß ich: Wir bekommen reihenweise Übernahmeangebote, weil wir die besten sind. Die besten, nicht die größten. Ein Familienunternehmen hat immer strategische Nachteile gegenüber den multinationalen Aktiengesellschaften. Aber auf den Feldern, auf denen unsere Stärken liegen, dominieren wir den Markt. Die Gewinnlage ist stabil. Hofmann hat im letzten Jahr in ihrem Namen, seit ihrem Unfall, zweimal die Löhne und Gehälter der Belegschaft angehoben, was übrigens lange überfällig war. Er hat die Pensionskasse aufgestockt, das Betriebshospital mit neuen Gerätschaften ausgestattet und gerade kürzlich die Gründung eines eigenen Kindergartens angeregt. Die Planungen laufen. Das alles würde er nicht tun, wenn die Betriebsergebnisse nicht glänzend wären. Er ist kein Hasardeur.“

 

„Nicht?“

 

„Ganz gewiss nicht. Er ist es, der hier alles am Laufen hält, wenn sie keine Zeit haben oder nicht gesund sind.“

 

„Interessant. Sehr interessant. Und wir haben ein Betriebshospital?“

 

„Ja. Das Cunningham Memorial.“

 

„Bitte? Ein Krankenhaus als Denkmal für mich?“

 

„Nicht für sie. Für ihren lieben Herrn Vater.“

 

„Ach. Ich dachte, ich bin ein Waisenkind?“

 

„Schon, aber irgendeinen Vater werden sie schließlich gehabt haben, der ihnen den Namen mitgab. Jedenfalls war das die Erklärung damals, als das Hospital eingeweiht wurde.“

 

„Aha. Wäre da ein eigenes Waisenhaus nicht logischer?“

 

„Das können sie ja noch gründen, wenn sie wollen. Aber da haben sie sich schon vor vielen Jahren von Hofmann überreden lassen, lieber den vielen vorhandenen mit Spenden zu helfen, als selbst eines zu betreiben.“

 

„Klingt logisch.“ Er schloss seinen Hosenstall und trat ans Waschbecken.

 

„Letzte Frage, bevor wir diesen heimeligen Ort verlassen: Habe ich nach dem Sturz in meinem Hospital gelegen?“

 

„Soweit ich weiß, nicht. Auf Grund der Schwere ihrer Verletzungen mussten sie ja sofort in eine Spezialklinik. So übermittelte es jedenfalls Herr Hofmann.“

 

„Aha.“ Womit das intime Gespräch ein Ende hatte. Mc Allister kam zu dem Schluss, dass es sich vielleicht doch lohnte, mal einen Blick in die Cunningham Biografie zu werfen.

 

 

 

Zum Mittag hatte Mortimer auf Hofmanns Geheiß einen Tisch in einem nahen Nobelrestaurant reserviert. Worüber sich Mc Allister wunderte. Allerdings musste es zu Hofmanns Strategie gehören, den armen kranken Mann wenn schon denn schon möglichst vielen vorzuführen. Der Belegschaft, der Öffentlichkeit, ... Warum auch immer. Das gefiel ihm nicht. Zwar hatte er sich jetzt auf das Spielchen des Trios eingelassen, was aber nicht hieß, dass er jeden Spielzug mitgehen musste. Hier im Betrieb fühlte er sich sicherer. Außerdem hatte er das Bedürfnis, seinen lange vernachlässigten Mitarbeitern irgendwie Solidarität zu demonstrieren. 

 

Kurzerhand bat er, den Tisch abbestellen und stattdessen die Mahlzeit in der Betriebskantine einnehmen zu dürfen. Am liebsten an einem Tisch mit anderen Kollegen. Vielleicht mit den beiden jungen Damen vom Vormittag und auf alle Fälle mit dem Arzt, von dem er gern einen ersten ausführlichen Bericht über den Zustand der beiden Patienten hören wollte.

 

 

 

Wenig später saßen sie zum Gaudi sämtlicher Angestellter in trauter Runde mitten in dem ausgedehnten Speisesaal des Werkes und ließen es sich schmecken. Der Professor hatte sogar darauf bestanden, sich ordnungsgemäß in der Schlange am Buffet anzustellen. Beim Essen redeten sie über dies und das.

 

Der Doktor teilte mit, dass beide Patienten wieder bei Bewusstsein wären. Als sie jedoch realisierten, in welcher Lage sie sich befänden, wären sie hyperaktiv geworden. Er musste sie erneut ruhig stellten. Beinahe hätte Mc Allister laut losgelacht. Er riss sich aber zusammen und zeigte sich besorgt.

 

„Und, waren es … Drogen?“

 

„Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die Testreihen im Labor laufen. Die Sache mit der Spritze in der Tasche war zumindest merkwürdig. Wäre ein Anschlag denkbar?“

 

„Was meinen sie, sollten wir die Polizei verständigen?“

 

„Ich weiß nicht“, meinte Mortimer, „es könnte negativ fürs Image der Firma sein.“

 

„Wenn Polizei und Öffentlichkeit es erst aus der Zeitung erfahren, weil irgendjemand plaudert, ist es schlimmer. Eigentlich bin ich immer für offene Karten.“

 

Die anderen stimmten ihrem Chef zu. Weswegen der sich ein Telefon reichen ließ, persönlich das LA Police Department informierte und um Beratung bat.

 

 

 

Er musste nicht lange warten. Schon bald nach dem Essen fanden sich zwei Ermittler in Hofmanns Büro ein. Mit von der Partie: der Arzt, Mortimer, der falsche Professor und Marty. Das war Mc Allisters Wunschkombination. Er hatte einen Plan, den die anderen kennen sollten. Zumindest die Rahmendaten. Vor allem Marty. Mc Allister wollte sich nicht direkt outen, aber wenigstens die Gelegenheit nutzen, sich abzusichern und als deutliche Machtdemonstration gegen seinen verräterischen Chauffeur in aller Öffentlichkeit zum Gegenschlag auszuholen. Vermutlich hatte Marty bereits gestrichen die Hosen voll, als die Polizisten den Raum betraten. Damit musste er leben. Was hatte er sich auf dieses falsche Spiel eingelassen?

 

 

 

Der Professor eröffnete die Runde mit ernster Miene. „Meine Herren, ich muss ihnen eine unerfreuliche Mitteilung machen, meine Person betreffend. Ich bin nicht Professor Cunningham.“ Marty zuckte zusammen. Die anderen sahen ihn erstaunt an. „Ja, es ist leider zutreffend. Ich bin nicht ich selbst. Nicht mehr. Ich habe mit meinem Sturz zu viele Erinnerungen verloren, als dass ich noch der Steven Cunningham sein könnte, der ich einmal war. Ich habe zwar einen amerikanischen Pass, in dem steht, ich sei es, aber ich weiß fast nichts über mich und meine Mitarbeiter.“

 

Marty verdrehte die Augen und atmete auf. Er hatte kurz vor dem Herzinfarkt gestanden, hockte fluchtbereit auf einer schmalen Kante seines Stuhles und schwitzte Blut und Wasser. Nach Mc Allisters letzten Worten, ging es ihm etwas besser. Etwas, nicht viel.

 

„Heute wurde ich nun mit der Möglichkeit konfrontiert, dass meine engsten und vertrautesten Partner, privat wie im Unternehmen, möglicherweise ein Drogenproblem haben. Es könnte aber alles auch ganz anders sein. Vielleicht war das Ganze ein perfider Anschlag und galt eigentlich meiner Person?“

 

„Wie meinen sie das?“, fragte einer der Beamten.

 

„Nun, welcher normale Mensch trägt, wie es mir der Herr Doktor über Herrn Hofmann schilderte, eine starke Spritze offen in der Jackentasche mit sich herum und jagt sie sich dann durch die Hose selbst ins Bein? Wenn sie mich fragen, das klingt nach Gehirnwäsche, Manipulation. … Und Nora? Ich kenne sie als nüchterne, seriöse, zuverlässige Person. Für mich unvorstellbar, dass sie sich derart zu dröhnt.“ Er blickte Marty an. Der wurde erst rot dann blass. Er begann wieder zu schwitzen. Mc Allister fuhr ungerührt fort. „Ich bin mir sicher, dass die Ursache für all die Geschehnisse nicht in meinem Hause liegt. Für die Familie von Marty … Marty, wie heißen sie gleich?“ Marty war völlig von der Rolle. Er verstand nur Bahnhof.

 

„Äh, na, heißen Marty, Señor.“

 

„Das weiß ich. Ich meine, mit Familiennamen.“

 

„Sanchez. Sanchez heißen Marty, Señor Mc All… Professor.“ Jetzt war es an Mc Allister, die Augen zu verdrehen. Hoffentlich verdarb der gute Marty nicht alles. Hatte er dem kleinen Mexikaner zu viel zugemutet? 

 

„Ja richtig, also für die Familie von Marty Sanchez lege ich meine Hand ins Feuer.“

 

„Wie hat er sie gerade genannt?“ hakte der andere Polizist nach. „Mc Al…?“

 

„Der gute Marty ist durch die Ereignisse der vergangenen Tage und Stunden hoffnungslos überfordert. Er bringt alles durcheinander. Und ja, tatsächlich, jetzt fällt es mir wieder ein. Wir haben uns kurz vor meinem Sturz dem Thema Ahnenforschung gewidmet. Dabei fanden wir heraus, dass der Name Cunningham im Schottischen in eine ferne verwandtschaftliche Beziehung zum alten Stamm der Mc Allisters gesetzt wird. Sehr lustig, dass das in seinem Kopf geblieben ist. Aber das gehört nicht hierher.“

 

„Hm. Und was sollten wir ihrer Meinung nach tun? Alles was sie hier äußern, sind Vermutungen. Bevor konkrete Fakten von der Untersuchung auf dem Tisch liegen, können wir nichts machen.“

 

„Bestünde denn nicht die Möglichkeit, Hospital und Haus eine Weile polizeilich zu observieren? Wer einmal einen Anschlag zumindest teilweise erfolgreich zu Ende gebracht hat, versucht es vielleicht ein zweites Mal.“

 

„Wie viele Polizisten müssten wir da auf einen bloßen Verdacht hin abstellen? Wissen sie, was das kostet?“

 

„Geld spielt für mich keine Rolle. Ich übernehme alles.“

 

„Mag sein. Aber das nutzt nichts. Für Werke hier im Süden könnten wir natürlich tätig werden aber Santa Barbara zum Beispiel ist schon wieder ein ganz anderes County Department. Da sind wir gar nicht zuständig.“

 

„Das heißt, abwarten bis erst wirklich etwas Handfestes passiert ist?“

 

Die beiden Officers zuckten mit den Schultern. Fred Mortimer, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, meldete sich zu Wort.

 

„Sir, meine Herren, wenn ich einen Vorschlag …?“

 

„Bitte.“

 

„Was wäre, wenn wir für die Überwachung eine gute Privatdetektei …“ Mortimer sprach von ‚wir‘, wofür Mc Allister ihn hätte küssen können. Er nickt ihm aufmunternd zu. „Und wenn die dann zu brauchbaren Ergebnissen kommen sollte, können wir immer noch die Polizei … oder eben nicht, falls nicht.“

 

„Ein ausgezeichneter Gedanke! Was meinen sie, meine Herren vom LAPD?“ Der vermeintliche Professor zeigte sich begeistert. „Einen Mann könnten wir Marty als Gärtner zur Seite geben. Ein zweiter wird im Krankenhaus als Pfleger untergebracht, solange die beiden Herrschaften noch bettlägrig sind. Und einer könnte in unsere Security Abteilung eingeschleust werden. Also da würde ich mich natürlich schon viel sicherer fühlen. Solange es nur eine solide Detektei ist, die allen Betroffenen neutral gegenüber steht und bei ihnen für gute und gesetzestreue Arbeit bekannt ist. Hm?“       

 

Die beiden Polizisten sahen sich an.

 

„So eine Detektei, die groß genug ist, gibt es schon. Genau genommen ist es ein Verbund mehrerer guter Privatdetektive, die gelegentlich zusammenarbeiten. Es sind ehemalige Kollegen. Wir könnten ihnen einen Kontakt herstellen.“

 

„Tun sie das, meine Herren. Tun sie das bitte. Fred, würden sie bitte alles Notwendige für mich organisieren und mir dann Bescheid geben? Auf Herrn Hofmann und Nora können wir ja leider im Moment nicht bauen.“ Mortimer nickte.

 

„Selbstverständlich, Sir. Umgehend.“ Mc Allister wandte sich an den Arzt.

 

„Und sie sorgen bitte dafür, dass die beiden Kollegen in unserem Hospital gründlichst untersucht und notfalls entgiftet werden. Im Zweifel können sie sie gern zusätzlich ein paar Tage zur Beobachtung behalten. Ich denke, Fred sie werden es bestimmt auch ohne Herrn Hofmann eine Weile schaffen, nicht wahr?“

 

„Aber selbstverständlich, Sir.“ Fred schwoll die Brust vor Stolz über das Vertrauen, dass ihm der Boss entgegenbrachte. In dem würde er ab sofort den zweiten Verbündeten haben. Mc Allister jubilierte innerlich. Nach außen lächelte er väterlich und fuhr fort.

 

„Nora und Karl sollen erst richtig gesund werden, bevor es für sie wieder an die Arbeit geht. Der Detektiv wird für ihre Sicherheit sorgen. Falls ihnen das nicht reicht, Doktor, lassen sie es mich wissen. Dann stellen wir noch ein paar Leute meiner Security ab, damit kein Unbefugter Zutritt erlangt. Ich werde ihnen eine Besucherliste zukommen lassen. Marty, wir warten mit unseren Freunden vom Wachdienst hier, bis der Detektiv kommt, der Dein Gehilfe wird. Den nehmen wir dann gleich mit. Ich bewege mich jedenfalls keinen Meter aus diesem Büro, bis das nicht geklärt ist.“

 

Damit war das Gespräch beendet. Die Polizisten tauschten mit Mortimer Daten aus. Der Betriebsarzt wartete, bis klar war, wer zu ihm als ‚Pfleger‘ kommen würde, dann kehrte er ins Krankenhaus zurück.

 

Marty sprach die ganze Zeit kein Wort. Nur manchmal blitzte er Mc Allister unverhohlen feindselig an. Der Schotte bemerkte die Blicke sehr wohl, ignorierte sie allerdings geflissentlich.

 

Er hatte sein Ziel erreicht. Nora und Hofmann waren kaltgestellt. Jeder ihrer Schritte würde überwacht werden. Mit wem sie Kontakt bekamen, bestimmte ab jetzt er. Marty hatte ebenfalls einen persönlichen Wachhund. Extratouren waren nahezu unmöglich.

 

Mit Mortimer vereinbarte der Schotte, dass die Detektei über den neuen ‚Gärtner‘ direkt an den Professor und telefonisch an den technischen Leiter berichten sollte. Um außerdem abhörsichere Querverbindungen zu schaffen, versprach Mortimer neue Cell Phones zu besorgen, deren Nummern nur ihm und Cunningham bekannt sein sollten. Das war besonders wichtig, da Nora ihm, als er betrunken war, sein Mobiltelefon abgenommen hatte. Andere Telefon- und Internetverbindungen vom Haus aus durfte er bisher nicht nutzen. Und selbst wenn sich daran nun etwas änderte, wer konnte sagen, wer alles mithörte?

 

Kurz und gut, Mc Allister konnte guten Gewissens weiter den Multimilliardär spielen, dem Geheimnis des echten Cunningham auf die Spur kommen und dabei trotzdem relativ sicher vor künftigen Anschlägen leben. Eine Aussicht, die ihm äußerst behagte. Abenteuer pur.

 

Es war ein Sieg auf der ganzen Linie. Gewiss, er spielte das Spielchen das sich Nora Paulsen, Karl Hofmann und Marty Sanchez ausgedacht hatten. Nur nicht so, wie die es sich vorgestellt hatten. Ab sofort wurde nach seinen Regeln gespielt. Wermutstropfen: Blöderweise wusste er noch immer nicht, worum es in diesem Spiel eigentlich ging. Als einziger, vermutlich.


 

 

Kapitel 6 - Von Schotten, Ufos und Delphinen

 

 

 

Mc Allister saß mit einem Scotch in der Bibliothek und blätterte in ‚seiner‘ Biografie. Draußen ließ sich der neue Gärtner von einem spürbar nervösen Marty in die Geheimnisse des Cunninghamschen Parks einführen. Drinnen vertiefte sich der strahlende Held des Vormittags in die zweifellos beschönigende Beschreibung seines Doppelgängers.

 

Eine pikante Situation. Einerseits brauchte er den Privatdetektiv, einen gewissen Mathew Evans, um Marty im Schach zu halten, andererseits durfte der Schnüffler nicht zu viel herausfinden. Durch seine Entscheidung war er vom Opfer zum Mittäter geworden. Darum hatte er auch das Kontaktverbot der Kinder nicht angetastet. Eine falsche Frage, eine falsche Antwort … Wirklich pikant.

 

 

 

Mc Allister hoffte, in der Cunningham Biografie verwertbare Hinweise zu finden. Hinweise, die zur Lösung des Rätsels um den Professor führen konnten. Gerade in dieser Hinsicht war das Werk allerdings eine Enttäuschung. Es endete bereits vor einigen Jahren. Die letzten Seiten drehten sich um den Einstieg von Karl Hofmann als Geschäftsführer, der das Unternehmen in der Ära der superschnellen Rechner nach schwierigen Jahren wieder auf Erfolgskurs brachte. Ungefähr zur gleichen Zeit wandte sich der Milliardär der Erforschung fliegender Untertassen zu. Interessanterweise kamen jedoch auch soziale Engagements wie zum Beispiel die Errichtung seines Krankenhauses neu auf die Tagesordnung.

 

Irgendwie schien das eine mit dem anderen zu tun zu haben. Einschließlich des Erscheinens eben jener Biografie, die Mc Allister gerade in Händen hielt. Denn der Professor wurde im Buch als bis dahin sehr öffentlichkeitsscheu dargestellt. Der Autor feierte sich ein ums andere Mal, dass es ihm mit Unterstützung des Geschäftsführers gelungen sei, als erster tieferen Einblick in das Leben des Aufsteigers aus Schottland erhalten zu haben.

 

 

 

Klar, natürlich war das hier keine investigative Recherche sondern ein Auftragswerk. Geschickte PR, um das Image eines Superreichen aufzupolieren, der genau das dringend nötig zu haben schien. Denn wer zwischen den Zeilen zu lesen verstand, entdeckte in Cunningham ein ziemlich egoistisches Ekel. Einen rücksichtslosen Ausbeuter der eigenen Arbeitskraft und derjenigen seiner Mitarbeiter. Bis Hofmann kam.

 

Was hatte Mortimer gesagt? Die zweifache Lohnerhöhung wurde von Hofmann erst nach dem Unfall des Professors angewiesen? Also möglicherweise ohne dessen Wissen. Hm?

 

Karl Hofmann besaß offenbar im Unternehmen tatsächlich allumfassende Vollmachten. Erstaunlich genug, bei einem Egomanen wie Cunningham. Der Grund dafür leuchtete allerdings ein.

 

Betrachtete man die Beschreibungen in der Biografie nämlich unter dem Gesichtswinkel von Hofmanns Wirken, dann war er es gewesen, der aus einem ausgebrannten Workaholic mit schwächelnder Firma einen Multimilliardär mit einem Weltunternehmen gemacht hatte. Professor Steven Cunningham schien sich in der Folge zunehmend von fast allen geschäftlichen Entscheidungen zurückgezogen zu haben.

 

Ihm war in den vergangenen Jahren möglicherweise relativ gleichgültig geworden, was sein erster Mann in der Firma trieb, solange dieser nur seinen Reichtum mehrte.

 

 

 

Womit der Inhaber der Cunningham Enterprises als Strippenzieher von Mc Allisters Entführung im Prinzip ausschied. Die kriminelle Tat konnte nur auf Hofmanns Konto gehen. Andererseits, wie passte sie zu dessen sozialen Wohltaten?

 

Der Doktor grübelte. Keine voreiligen Schlüsse. Die Mafia in Sizilien sorgte schließlich ebenfalls liebevoll für die Armen der Region. Wie er den Deutschen kennengelernt hatte, durfte er sich keinen Illusionen hingeben. Im Gegenteil.

 

Weiter: Wenn sein Doppelgänger als Kopf der Bande ausfiel, wohin war dieser Steven Cunningham verschwunden, dass Hofmann eine Marionette an dessen Stelle benötigte? Was hatte es mit diesem vermaledeiten Unfall auf sich? Womöglich ein Mord? War der Professor kriminellen Machenschaften seines Adlatus‘ auf die Spur gekommen? Ließ sich allein mit Mikroelektronik überhaupt so viel Geld verdienen?

 

Weit weniger spannend fand Brian Mc Allister den Anfang des reichlich bebilderten Buches. Cunningham war als Neugeborenes von seiner Mutter in einem Waisenhaus nahe Edinburgh abgeliefert worden. Mehr als seinen Namen hatte er nie von ihr erfahren.

 

Als er volljährig wurde, ging er nach Amerika und gründete seine Firma. Es folgten Fotos des jungen Chefs in der Edinburgher Altstadt, auf dem Schiff, vor der Freiheitsstatue, Fotos an der Werkbank, mit dem ersten selbstverdienten Geld, im ersten Auto. Meist war der Kerl allein abgebildet. Ein Einzelgänger.                

 

 

 

Mc Allister gähnte. Immerhin hatten die Entführer Glück gehabt, ausgerechnet in Edinburgh jemanden zu finden, der dem alten Herrn ähnlich sah. Da gab es bei Leuten, die Cunningham kannten, wenigstens keine Probleme wegen der Aussprache.

 

„Diesen Dialekt kriegst du dein Lebtag nicht los!“ knurrte er. Erschrocken blickte sich der Zahnarzt um. Hoffentlich hatte niemand sein Selbstgespräch belauscht. Es wäre ihm peinlich gewesen. Außer ihm hielt sich jedoch niemand in der Bibliothek auf.

 

Ja, der Edinburgher Dialekt. Er hatte sowohl beim Studium als auch danach viel Zeit und Kraft in Sprachübungen investiert. Vergebene Liebesmüh.  

 

Nur, wie waren die Leute eigentlich gerade auf ihn gestoßen? Merkwürdig, … das heißt, andererseits … im Facebook-Zeitalter …

 

Im Nachhinein betrachtet war es wohl ein gravierender Fehler gewesen, den Account überhaupt einzurichten. Da hatten sie zweifellos das Bild für seinen Pass her. Verdammte Eitelkeit. Er hatte sich durch den möglichen Sympathie-Effekt beim ‚Freunde-Sammeln‘ neue Kunden für seine Praxis erhofft. Sch… Dr. Brian Mc Allister klappte das Buch zu und gähnte. Zeit fürs Dinner.

 

 

 

Der weitere Abend verlief nicht sonderlich ereignisreich. Der Hausherr hatte seinen Gärtner eingeladen, mit ihm zu essen. Dabei tauschten sie erste Eindrücke und besprachen das weitere Vorgehen. Mathew Evans erwies sich als heller Kopf mit schneller Auffassungsgabe. Dass es bei dem Job um mehr ging als simple Überwachung, war ihm von der ersten Sekunde an bewusst gewesen. Cunningham Mc Allister musste auf der Hut sein. Dennoch war ihm ein solcher Partner deutlich lieber als irgendeine Dumpfbacke. Evans war ihm sympathisch, und er hatte das Gefühl, dass die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie einigten sich auf eine unaufgeregte diskrete Observierung. Der Detektiv erhielt ein schönes Zimmer im Haus zugewiesen. Natürlich Vorschuss und Spesen.

 

 

 

Marianna, die wie meist servierte, betrachtete die beiden Männer mit unverhohlener Neugier. Gemischt mit einem Schuss Bewunderung. Keine Spur mehr von der beleidigten Leberwurst. Mc Allister hatte keine Ahnung, wieviel ihr Marty erzählt haben mochte. In jedem Fall war es genug, um ihre Sicht der Dinge gründlich umzukrempeln. Er war sich einigermaßen sicher, ab jetzt nicht mehr von ihr belästigt zu werden.    

 

Nach dem Dinner, als alles Wesentliche geklärt war, zog sich Professor Cunningham schnellstens auf sein Zimmer zurück. Er wollt jetzt vor allem allein sein. Ein wenig abschalten.

 

 

 

Das geräumige Schlafzimmer nahm fast den kompletten Nordflügel der Villa ein. Große Fenster und mehrere Türen öffneten Blick und Zugang zu einem breiten, das Haus vollständig umlaufenden Balkon. Womit sowohl die wärmende Morgen- als auch die romantische Abendsonne bei Bedarf Einlass fanden. Mittags spendeten Haus und Dach Schatten. Die Architektur mit schlanken Säulen, die das überstehende Dach stützten, erinnerte ein wenig an den gediegenen Kolonialstil alter Farmhäuser in Louisiana. Anders als dort war Cunninghams Personal jedoch im Haus untergebracht. Es bewohnte den Südflügel.     

 

 

 

Brian Mc Allister öffnete eine der Balkontüren im Westen, dem Sonnenuntergang entgegen. Draußen standen Liegestühle, ein Tischchen und jede Menge Windlichter. Tisch und Stühle waren einigermaßen sauber. Die Windlichte musste er erst von Spinnweben und trockenen Blättern befreien, bevor er sie so verteilen konnte, wie er sich das für einen gemütlichen Abend vorstellte. Sie waren seit Monaten nicht benutzt worden. Ihre Reinigung gehörte wohl nicht zum täglichen Pensum von Marianna.

 

Er holte sich seinen Whisky von der Minibar und ließ sich endlich in einem der Liegestühle nieder. Was für ein Ausblick!

 

Ziemlich dicht neben seinem Balkon blühten schlanke Palmen. Ihre langen rosafarbenen Blütengirlanden wehten sanft im auflandigen Pazifikwind.

 

 

 

Vor ihm, unten im Tal der Santa Barbara Bucht, bereitete sich die kleine Stadt auf die Nacht vor. In der State Street, der langen graden Hauptstraße, die Down Town SB ziemlich genau in zwei Hälften teilte, flammten die ersten Lichter auf.

 

Hinten, überm Meer, näherte sich eine riesige tiefrote Sonne dem Horizont. Genau zwischen zwei Inseln. Wenn Mc Allister die Landkarte, die unten im Salon hing, richtig in Erinnerung hatte, waren das die sogenannten Channel Islands Santa Rosa und Santa Cruz. Rechts und links davon lagen zwei kleinere Kanal Inseln. San Miguel und Anacapa.

 

Geografie war eines der Hobbies des Kieferchirurgen. Er wollte immer gern mehr über die Gegend wissen, in der er sich gerade befand. Und speziell die hiesige spanische Besiedlungsgeschichte fand er höchstinteressant.  

 

 

 

Links der Inseln entdeckte er etliche dunkle Punkte auf dem Wasser. Aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Nur nicht so schön. Was mochte das sein? Schiffe? Wenn überhaupt, lagen sie auf Reede, denn sie bewegten sich nicht vom Fleck. Was aber auch Unfug war, denn Santa Barbara besaß keinen großen Überseehafen und benötigte folglich keine Warteschleife für Ozeanriesen.

 

Diese dunklen Flecken ließen Mc Allister keine Ruhe. Was ein richtiger Professor war, der besaß sicher ein Fernglas oder etwas in der Art. Er marschierte ins Zimmer und durchwühlte sämtliche Schubfächer und Schränke. Tatsächlich wurde er fündig.

 

Gespannt trat er an die Balkonbrüstung, setzte das Glas an die Augen und setzte es ab. Diese Amis schreckten wirklich vor nichts zurück. Die hatten hier das Paradies vor der Haustür und montierten Ölplattformen mitten hinein. Am liebsten hätte er befohlen, die Plattformen zu kaufen, um sie abreißen zu lassen, weil sie ihm die Abendstimmung verdarben. Allerdings befürchtete er, dass dafür selbst das umfangreiche Vermögen eines Professor Cunningham nicht reichen würde. 

 

Er nahm den Feldstecher wieder hoch. Etwas bewegte sich draußen auf dem Wasser, angestrahlt von den letzten flach streifenden Strahlen der untergehenden Sonne.

 

Er hielt die Luft an. Delphine. Wenn sie aus dem Wasser sprangen, schillerten die hochspritzenden Tropfen wie Diamanten. Dass es ihm vergönnt war, so etwas Schönes zu sehen! Irgendwie unwirklich. Viel zu schön, um wahr zu sein. Ein bisschen fühlte er sich wie ein Alien, der auf einem unbekannten Planeten gestrandet war. Auf einem Planeten, den es nach und nach zu entdecken galt. Wenn Cunningham bei diesem Ausblick genauso empfand, war ihm sein Ufo-Spleen nicht zu verübeln.  

 

Langsam wurde es Zeit, die Windlichter zu entzünden. Von unten leuchtete Santa Barbara, hier oben schuf sich der schottische Arzt die seines Erachtens angemessene Stimmung dazu. Schließlich hatte er möglicherweise Damenbesuch zu erwarten.

 

 

 

Er sah dem Treffen allerdings mit gemischten Gefühlen entgegen. Was sollte er dem Mädchen nach diesem verrückten Tag erzählen? Ein wenig hoffte er fast, Carina würde nicht kommen. Trotzdem bereitete er sich vor, stellte einen zweiten Liegestuhl neben den Tisch. Nochmal wollte er sich nicht im Bett überraschen lassen. Er war außerdem viel zu aufgekratzt, um zu schlafen. Sollte er dennoch müde werden in dieser Nacht, die Stühle waren weich genug.

 

Zum Schluss überprüfte er die Minibar nach geeigneten Getränken. Sie war bestens bestückt. Er schenkte sich Whisky nach und setzte sich in seinen Liegestuhl.


 

 

Kapitel 7 – Balkongeflüster und offene Rechnungen

 

    

 

Es ging auf Mitternacht zu. Allmählich verstummten die Geräusche im Haus. Von Ferne drangen das mächtige Rauschen der Pazifikwellen und das leise Brummen des Highways zu ihm. Ab und an wehte der Wind Fetzen verlorener Diskobeats aus einem der Down Town Clubs herauf in die Berge.

 

Die Grillen stimmten ihre Instrumente. Bald würde ihr Konzert alles andere übertönen.

 

Dr. Brian Mc Allister stand auf, trat an die Brüstung und betrachtete den Sternenhimmel. Ob es da oben wirklich Leben gab? Eine Diele knarrte. Er drehte sich um.

 

„Hola!“

 

„Guten Abend. Schön, dass du kommst, Carina.“

 

„Schön, dass sie sich drüber freuen.“

 

Im Gegensatz zur vorhergehenden Nacht erschien sie unspektakulär normal gekleidet. Enge Jeans, leichtes Top.

 

„Setz dich. Möchtest du was trinken? Ein Glas Wein vielleicht?“

 

„He, ich werde erst nächsten Monat 21.“

 

„Ach ja, ich vergaß, wir sind in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“

 

„Richtig. Aber wenn sie mich so fragen, dann bitte das gleiche wie sie.“

 

„Einen Scotch?“

 

„Scotch.“

 

„Du bist hart im Nehmen.“ Er musste lachen. „Na prima. Jedenfalls beweist du Geschmack.“

 

„Danke.“ Sie setzte sich in den bereitgestellten Liegestuhl, während Mc Allister von seiner Hausbar ein Glas holte.

 

„Darf ich ein bisschen Wasser dazu …?“

 

„Ihr Wunsch ist mir Befehl, Madame.“

 

„Psch.“

 

„Ja. Ja, du hast recht.“

 

„Zumal jetzt, wo sie uns den Detektiv ins Haus geholt haben.“

 

„Du hast dich mit dem neuen Gärtner schon angefreundet?“ Er reichte ihr den Whisky und ein Glas Wasser.

 

„Danke. Das nicht, pero mi Padre schimpft wie ein Rohrspatz auf ihn und sie und verflucht die Stunde, in der er sie von der Beautyfarm abgeholt hat.“

 

„Cheers!“

 

„Cheers!“

 

Sie stießen an. Lange ruhte ihr Blick auf ihm.

 

„Wer sind sie?“

 

„Steven …“

 

„Versuch mich nicht zu verarschen. Bitte. Ich bin gerade dabei, dich sympathisch zu finden. Versau es nicht.“  

 

„Du hast recht. Normalerweise würde ich sagen, nenn mich Brian. Aber ich schätze, es wäre im Moment für uns beide gefährlich, diesen Namen auszusprechen. Können wir deshalb bis auf weiteres bei Steven bleiben?“

 

„Okay. Und weiter? … Die Nummer mit der Beautyfarm war ein Witz. An deinem Koffer hingen Adressbändchen von British Airways.“

 

„Gut beobachtet. Das war aber nicht meine Idee. … Kannst du bitte etwas näher ... Ich will nicht so laut reden.“ Sie rückten beide ein Stück aufeinander zu.

 

„Da bin ich. Nun? Ich habe vom Fenster gesehen, wie du weg wolltest und sie dich mit gezogenem Colt aufgehalten haben. … Wer bist du und warum bist du hier?“

 

„Gut. Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit. Mein Name ist Brian Mc Allister. Ich wohne in Schottland, in Edinburgh. Ich bin Zahnarzt. Genauer gesagt, Kieferchirurg. Ich habe die Einladung zu einem Kongress in Santa Barbara erhalten, dazu Flugtickets. Also bin ich nach LA geflogen, wo ich abgeholt werden sollte. Tatsächlich kam jemand. Dein Vater. Den Rest kennst du. Sie habe mir den Pass abgenommen. Bis heut Morgen war ich quasi ihr Gefangener.“

 

„Also eine echte Entführung. Und Pa mittendrin. … Warum?“

 

„Wenn ich das wüsste. Es scheint ein Plan von Hofmann und Nora Paulsen zu sein. Allerdings ein Plan, bei dem deine Eltern mitspielen. … Gestern hatte ich darum noch vor, zu fliehen …“

 

„Das war mein Eindruck. Deshalb wusste ich auch gleich, worum es ging, als Nora zum Frühstück unbedingt den Orangensaft höchst persönlich anrichten wollte.“

 

„Du wusstest davon?“

 

„Ich hab‘s gesehen. Aber weil wir den Gläsersatz zweimal haben, hab ich die Inhalte umgeschüttet, bevor Madre alles rausgetragen hat.“

 

„Du warst das? Dann hast du mich gerettet!“

 

„Wieso? Was ist denn eigentlich genau passiert?“

 

„Das glaubst du mir nie.“

 

„Probiers.“

 

Er erzählte ihr die Geschichte, wie sie im Auto abgelaufen war. Carina hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen.

 

„Schöne Kidnapper. … Und jetzt?“

 

„Na ja, im Werk hab ich gemerkt, dass es den Professor wohl wirklich gibt. Und weil Hofmann und Nora erstmal außer Gefecht sind und dein Dad Dank Herrn Evans nichts gegen mich unternehmen kann…“

 

„ … hast du dir gedacht, du spielst die Schmierenkomödie einfach weiter, um rauszukriegen, was sie von dir wollen.“

 

„Hast du eine Ahnung?“

 

„Ganz ehrlich, nein.“

 

„Ob sie ihn umgebracht haben?“

 

„… Nein. Ich war beim Unfall dabei. … Der Mistkerl. Ich hab`s ihm gegönnt.“

 

Mc Allister hob erstaunt die Augenbrauen.

 

„Aber gestern …“

 

„Ich wollte testen, was du für ein Schwein bist. Ob du deine Rolle freiwillig spielst. Mit allem, was dazu gehört. Mein  Messer steckte die ganze Zeit im Slip. Wenn du mich auch nur mit einem Finger berührt hättest … Mach den Mund zu. Ich konnte doch nicht riechen, wie das alles zusammenhängt.“

 

„Und? Was bedeutet das jetzt genau? Sag mir die ganze Wahrheit.“

 

Sie kippte ihren Whisky auf ex, schüttelte sich, kippte das Wasser nach und starrte eine Weile stumm vor sich hin.

 

„Wahrheit? Was meinst du, wie die Stadt da unten heißt?“ Sie wies mit der Hand ins Tal.

 

„Na, Santa Barbara, denk ich.“

 

„Und was ist Santa Barbara?“

 

„Hm. Sagen wir, eine nette Kleinstadt?“

 

„Siehst du, das ist deine Wahrheit. Die Wahrheit der meisten Leute hier. Für die Indianer sieht die Wahrheit anders aus. Sie nennen die Bucht ‚Sjugdun‘. Geschrieben S I U X T U N. Und für sie ist die ein Heiligtum. So was wie der Nabel der Welt. …

 

Eigentlich eher ihr Arsch. Aber im positiven Sinne. Als das Ende des Verdauungstraktes von Mutter Erde oder so. Nichts dagegen einzuwenden, oder? Ist ein ziemlich hübscher Arsch. Guckt man gern hin, oder? …

 

Jedenfalls, die Chumash, die hier lebten, fühlten sich als Wächter des Fleckens. Als sein Reiniger. Spirituell gesehen. Sie hatten hier einen Job zu erledigen. … Vielleicht kommen sie irgendwann und holen sich zurück, was ihnen gehört. Wenn sie genug Geld oben in den Bergen von Santa Ynez in ihrem Casino verdient haben. …“ Sie lachte bitter. „So hat jeder seine Wahrheit. Cunningham, Nora, mein Pa, Hofmann. Welche willst du hören?“    

 

„Im Zweifel deine.“

 

„Meine? Von mir aus. … Cunningham ist, oder war, ein Schwein. Er hat’s mit meiner Mutter getrieben und gleichzeitig mit mir. Das erste Mal, da war ich gerade zwölf. Mit 15 bestand er darauf, dass ich die Schule schmeiße, damit ich nur noch für ihn da bin. Mittlerweile sind meine kleinen Schwestern auch dran.“ Mc Allister war entsetzt.

 

„Und deine Eltern?“

 

„Die wollten ihren Job nicht verlieren. Sie kamen als Illegale. Bei ihm wohnen wir spitzenmäßig und er bezahlt, … bezahlte nicht schlecht für sein Vergnügen. Das ist ihre Wahrheit. Und die von Cunningham. Was ich erduldet habe, ist eine andere Rechnung. … Mehr Wahrheiten gefällig? … Was würdest du zum Beispiel von einer Wahrheit halten, in der ich erst 15 bin und nächsten Monat 16 werde statt 21? Oder ich bin 25 und werde 26? Was würde dir denn am besten gefallen? Such dir was aus.“ Er schwieg. „Siehst du, so ist das mit der Wahrheit. Glaub mir die von gestern oder die von heute. Oder von allem was oder gar nichts. … Was weiß ich denn, welche deiner Wahrheiten stimmt? Die von gestern oder die von heute? Es ist mir ehrlich gesagt auch völlig egal. Aber wenn ich trotzdem noch einen Whisky kriege, wäre ich dir nicht böse. … Und wenn ich dich nicht ‚Steven‘ nennen muss, Brian.“

 

Mc Allister war wie gelähmt. Es bereitete ihm Mühe, Haltung zu bewahren. Schwerfällig griff er nach der Flasche und goss beiden nach. Lange saßen sie sich gegenüber, ohne ein Wort zu wechseln. Endlich raffte sich Mc Allister auf.

 

„Ich glaube, wir müssen herausfinden, was mit Cunningham passiert ist, dass sie jetzt einen Doppelgänger brauchen.“

 

„Ich glaube, das ist mir scheißegal. Von mir aus kann er einbetoniert auf dem Boden des Ozeans als Fischfutter vergammeln. Interessanter finde ich, was sie mit dir vorhatten. Es muss einen triftigen Grund geben. So ohne weiteres baut keiner so einen Scheiß. Schon gar nicht mein Pa.“

 

„Das eine könnte mit dem anderen zusammenhängen.“

 

„Vielleicht.“ Sie sah ihn durchdringend mit ihren geheimnisvollen dunklen Augen an. „Ich will nicht, dass dir was passiert, Brian. Es ist schon viel zu viel passiert. Vielleicht wäre es sogar besser, du haust ab. Für immer. Jetzt wird dich keiner mehr daran hindern.“

 

Er zögerte.

 

„Willst du mich los sein, Carina?“

 

„Ehrliche Antwort?“

 

„Ehrliche Antwort.“

 

„Ich will dich nicht los sein. Ich mach mir Sorgen.“

 

„Du? Du machst dir Sorgen um mich?“

 

„Ja.“

 

„Warum? Hast du nicht selbst genug Sorgen?“

 

„Wäre es möglich, dass ich dich mag? Dass ich dich nicht verlieren will, wo ich dich gerade erst gefunden habe? Kann es sein, du bist der erste Kerl, den ich kennenlerne, der mit mir reden will und nicht nur ficken?“

 

Er ergriff ihre Hand und streichelte sie. Es brauchte einige Zeit, bis er sich gesammelt hatte.

 

„Ich will dich … auch nicht verlieren. Aber genau deshalb glaube ich, ist es besser zu bleiben. Jetzt, wo ich einen kleinen Teil der Wahrheit kenne, deinen Teil, vielleicht kann ich ja mit Hilfe der Detektive den Rest heraus bekommen. Vielleicht kann ich mich dann bei dir für meine Rettung revanchieren. Ich glaube, du hast Hilfe genau so nötig wie ich. Oder nötiger. Am liebsten würde ich dich hier raus holen.“ Sie lächelte.

 

„Du bist lieb. Ich mag dich. Wirklich. Aber jetzt muss ich gehen.“

 

„Das musst du. … Sehen wir uns morgen Abend?“

 

„Wenn du das möchtest?“

 

„Ich möchte das.“

 

„Dann bis morgen. … Vielleicht.“

 

„Bis morgen.“

 

Sie entzog ihm ihre Hand, sprang auf, huschte lautlos den Balkon entlang und verschwand um die Hausecke. Mc Allister stand auf. Der Sternenhimmel war immer noch so klar wie zuvor. Aber irgendetwas war trotzdem anders. Etwas in ihm drin, das er lange nicht mehr gespürt hatte. 

 

 

 

In dieser Nacht schlief Brian Mc Allister wenig. Nicht allein um Carina und ihre Wahrheiten kreisten seine Gedanken.

 

Sorge machte ihm, dass er keinen genauen Plan für sein weiteres Handeln besaß. Irgendwie war ihm bisher alles mehr oder weniger in den Schoß gefallen. So würde es nicht bleiben.

 

Ein Unternehmen wie die Cunningham Enterprises seines Geschäftsführers zu berauben, war das eine. Dabei das große Räderwerk nicht zum Stillstand kommen zu lassen, das andere. Außerdem konnte ihn Untätigkeit schon bald teuer zu stehen kommen. Er würde Hofmann nicht ewig im Hospital halten können. Noch galten dessen Weisungen, die ihn mit Hilfe der Security an das Anwesen in den Bergen banden. Dass am Abend ein neuer Kollege seine Arbeit in der Nachtschicht der Wachmannschaft aufgenommen hatte, änderte nichts am Fakt an sich. Er und der Gärtner konnten sein Leben schützen. Mehr nicht.

 

 

 

Bei Sonnenaufgang saß Mc Allister darum bereits in der Bibliothek und übte die Unterschrift des Professors. Als Vorlage diente ihm das Faksimile eines Cunningham-Briefes, das er in der Biografie gefunden hatte. Wobei die perfekte Kopie allein nicht reichen würde. Er benötigte jemanden, der sich im Konzern auskannte. Jemanden, der offizielle Weisungen korrekt an die richtige Stelle kommunizieren konnte. Jemanden wie Nora Paulsen. Aber woher nehmen und nicht stehlen?

 

 

 

Ein Anruf während des Frühstücks kam ihm zu Hilfe. Fred Mortimer meldete sich über das neue Diensttelefon. Er habe nachgedacht. Professor Cunningham könne nach dem vorübergehenden Verlust seiner Privatsekretärin sicher einen versierten Büroleiter brauchen. Wenigstens übergangsweise. Zumal mit Blick auf Hofmanns Erkrankung wichtige Entscheidungen anstünden. Ohne dem vorgreifen zu wollen, sei er nämlich der Meinung, dass sein Geschäftsführer nach Ende des Krankenhausaufenthalts sicher nicht sofort wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren könne. Kurz, er habe sich erlaubt, einen erfahrenen und loyalen Kollegen aus dem Werk zu bitten, seinen Dienstsitz bis auf weiteres in die Villa zu verlegen. Ob das in Ordnung gehe?

 

Brian Mc Allister war schlicht begeistert. Mit Mortimer hatte er zweifellos aufs richtige Pferd gesetzt. Der Kerl war sein Geld wert. Er bedankte sich herzlich.

 

 

 

Der Sekretär, ein junger Schwarzer Ende 20, hieß Germaine Jones. Ohne groß um die Sache herumzureden, stellte er sich vor und bat, das Büro des Chefs in Besitz nehmen zu dürfen. Was Mc Allister etwas in Bedrängnis brachte. Ihr Büro hatte Nora ihm nicht gezeigt. Er machte aus der Not eine Tugend.

 

Da der Privatsekretär, und bliebe er nur für wenige Tage vor Ort, das ganze Haus kennen müsse, bat er Marianna, sie beide ein wenig herumzuführen. Als sie am Büro angelangt waren, weigerte sich die Frau jedoch, aufzuschließen. Señora Paulsen habe es ihr ausdrücklich untersagt, wenn sie nicht dabei sei, jemanden … 

 

Der Doktor bot ihr an, den Gärtner holen und die Tür aufbrechen zu lassen. Er würde ihr die Reparatur danach in Rechnung stellen. Die Drohung wirkte.

 

 

 

Gemeinsam begutachteten Jones und Mc Allister die vorhandenen Gegebenheiten. Noras Computer besaß kein gesondertes Passwort, was den Zugriff auf die wichtigsten Dateien enorm erleichterte.

 

Während sich der Sekretär ins Firmennetz einloggte, durchforschte sein Chef die Ordner und Mappen in den Regalen. Zu seinem Leidwesen fand er weder seinen Pass noch irgendwelche Papiere zu seinem Fall. Nur einen verschlossenen Tresor. Weitere Suche zwecklos.

 

Jones war inzwischen einsatzbereit. Mc Allister setzte sich neben ihn und überlegte kurz.

 

„Was würden sie als erstes tun?“ Der Sekretär fühlte sich geehrt. Der Boss schien wirklich in Ordnung.

 

„Na ja, die Leiter der Betriebsteile warten auf Anweisungen der Geschäftsführung, Sir. Sie sollten sie vielleicht kurz informieren, dass Herr Hofmann einen Schwächeanfall hatte, sich aber auf dem Weg der Besserung befindet, damit sie sich keine Sorgen machen.“

 

„Gute Idee. Ich nehme an, die Damen und Herren können ein paar Tage selbständig handeln?“

 

„Gewiss. Allerdings wäre es sinnvoll, einen Vertreter für Rückfragen zu bestimmen, Sir. … Außer sie wollen selbst …?“

 

„Nein, nein.“ Der Doktor lachte. „Danke, dass sie mir das zutrauen, aber dafür bin ich zu lange raus. … Hm. Gibt es einen etatmäßigen Stellvertreter?“

 

„Nein. Das hat Herr Hofmann bislang meist von Fall zu Fall entschieden, wenn er Urlaub machte.“

 

„Was halten sie von Mortimer?“

 

„Fred? Ich wüsste keinen besseren. Er versteht zwar mehr von Technik als vom Geld, aber ich denke, für den Moment sind technische Fragen auch wichtiger.“

 

„Dann schreiben sie das so.“

 

 

 

Das Schreiben ging als PDF mit Stempel und Unterschrift des Professors an alle Betriebsteile. Mortimer und die Mitarbeiter der Geschäftsführung bekamen seine offizielle Ernennung als gesonderte Information.

 

Danach bat Cunningham Mc Allister seinen Sekretär, Noras Dateien nach Anweisungen Hofmanns zu durchsuchen, die ihn selbst beträfen. Es dauerte nicht lange, bis Jones fündig wurde. Da war es, das Schreiben an die Security Firma, mit dem Hofmann angeordnet hatte, den geistig umnachteten Professor unter keinen Umständen vom Grundstück zu lassen. Das Datum ließ keinen Raum zu Spekulationen. Es war ausgefertigt am gleichen Tag, an dem Mc Allister seine Teilnahme an der Konferenz bestätigt hatte. Zufall ausgeschlossen.

 

„Gut. Eine Vorsichtsmaßnahme. Hofmann konnte nicht genau beurteilen, wie weit meine Genesung fortgeschritten war.“

 

„Soll ich ein Schreiben verfassen, das diese Weisung zurücknimmt?“

 

„Darum wollte ich sie gerade bitten.“ Mc Allisters Telefon klingelte. Der Gärtner. Er hätte soeben eine Information erhalten, dass Karl Hofmann und Nora Paulsen aus dem Krankenhaus entwichen seien. Der männliche Patient habe sich bereits am frühen Morgen sehr aggressiv verhalten und der behandelnde Arzt befürchte, dass er in diesem Zustand zu einer Gefahr für seine Kollegen oder sogar den Professor werden könne. Ob Paulsen ihm freiwillig gefolgt sei oder entführt worden wäre, könne er nicht sagen. Wahrscheinlich freiwillig.

 

Es sei anzunehmen, dass die beiden entweder auf dem Weg ins Büro der Geschäftsführung oder zur Villa seien.

 

„Und ihr ‚Pfleger‘?“ wollte Mc Allister wissen. Der sei bei der Flucht niedergeschlagen worden. Er befinde sich nun selbst in Behandlung. Was tun? Mc Allister musste nicht lange überlegen.

 

„Überlassen sie das mir und bleiben sie auf ihrem Posten.“ Er legte auf.

 

„Germaine, haben sie die Dienstanweisung an den Sicherheitsdienst schon fertig?“

 

„Noch nicht ganz, Sir.“

 

„Das ist gut so. Bitte ergänzen sie: Achtung! Karl Hofmann hat seine Behandlung im Cunningham Memorial gegen den Rat der Ärzte abgebrochen und ist geflüchtet. Aufenthaltsort unbekannt. Der Mann steht unter Einfluss von Medikamenten, ist hochgradig aggressiv und möglicherweise bewaffnet. Wenn er auftaucht, ist er in Gewahrsam zu nehmen und Professor Cunningham zu übergeben.“ Jones grinste.

 

„Sie müssen den Mann sehr lieb haben.“

 

„Worauf sie Gift nehmen können“, knurrte der Schotte.

 

„Wir gehen vorsichtshalber aufs Ganze. Schicken sie bitte ein weiteres Rundschreiben an alle Betriebsteile und die Geschäftsführung:

 

Karl Hofmann ist mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Alle durch Professor Cunningham jemals erteilten Vollmachten sind ausgesetzt. Hofmann ist bis auf weiteres niemandem in den Cunningham Enterprises weisungsberechtigt. Der Mann steht unter Medikamenten und ist unberechenbar. Bei seinem Erscheinen ist unverzüglich der Sicherheitsdienst zu benachrichtigen.“ Jones hielt im Schreiben inne.

 

„Was ist?“ wollte der Doktor wissen.

 

„Sir, mit Verlaub, das können sie nicht machen.“

 

„Warum?“

 

„Es gibt viele Menschen in den Cunningham Werken, die Hofmann manches zu verdanken haben.“

 

„Schön, und?“

 

„Sir, ich weiß nicht, was zwischen ihnen beiden vorgefallen ist. Es geht mich auch nichts an. Aber … sie waren lange nicht mehr vor Ort, kennen die Befindlichkeiten der Leute nicht. Dass es in letzter Zeit so gut läuft, liegt nicht zuletzt am guten Betriebsklima. … Wenn dieses Schreiben so rausgeht und die Runde macht …“

 

 

 

Einen Augenblick lang war Mc Allister versucht, seinen Angestellten anzubrüllen, was dieser sich herausnähme. Glücklicherweise konnte er den Impuls unterdrücken.

 

Was war in ihn gefahren? Nahm er mit der Rolle auch das Machtgehabe eines Multimilliardärs an? Hatte er vergessen, wie dünn das Eis war, auf dem er sich bewegte? Er hatte Freunde verdammt nötig. Wenn er anfing, Leute, die es gut mit ihm meinten, vor den Kopf zu stoßen, würde er schon bald auf verlorenem Posten stehen.

 

Mc Allister war ans Fenster getreten. „Brian, Brian!“ sagte er zu sich. „Jetzt bloß ruhig Blut bewahren und nichts Unüberlegtes tun.“ Er musste Germain Jones dankbar sein, dass der nicht einfach Dienst nach Vorschrift machte.      

 

„Was meinen sie, Germain? Was soll ich tun?“

 

„Wenn Hofmann an der Wache auftaucht, haben sie es in der Hand, mit ihm das Gespräch zu suchen. Die nötigen Vorkehrungen sind getroffen. Befürchten sie, dass er von daheim in seinem Zustand Fehlentscheidungen für das Unternehmen trifft, reicht es vollkommen, das vorige Schreiben dahingehend zu ergänzen, dass die an Hofmann übertragenen Vollmachten einschließlich der üblichen Weisungsberechtigung als Geschäftsführer seiner Krankheit wegen bis auf Widerruf durch sie persönlich ausgesetzt sind. Das sollte genügen.“ 

 

„Das ist fast dasselbe wie vorher, klingt nur etwas freundlicher, nicht wahr?“

 

„Gewiss, der Ton macht die Musik. … Entschuldigen sie. Es steht mir nicht zu, sie zu belehren.“

 

„Nein, nein, schon gut. Ich bin ihnen dankbar. Wahrscheinlich habe ich mich wirklich zu lange aus allem herausgehalten. … Also schreiben sie, wie sie es für richtig halten.“

 

 

 

Draußen, hinter der großen Scheibe, zog ein Falke einsam seine Runden. Ohne auch nur einen Flügelschlag zu tun, schraubte er sich, vom Aufwind getragen, Fuß um Fuß den steilen Berghang hinauf, bis er den Gipfel erreicht hatte und nach Osten, zum Santa Anna Gebirge hin, davon glitt.

 

 

 

Kurz vor Mitternacht. Mc Allister schreckte in seinem Liegstuhl hoch. Zwei Hände hatten sich auf seine Schulter gelegt und rüttelten vorsichtig. Carina. Er spürte ihr Haar an seiner Wange, ihren Duft.

 

„Hola Brian“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Aufwachen!“

 

Er richtete sich hoch, wobei ihm fast das I-Pad von seinem Schoß gefallen wäre. Germain hatte ihm das Gerät besorgt, damit der Chef seine Recherche unabhängig von Nora Paulsens Büro und Computer am Abend fortsetzen konnte. Bei dieser Tätigkeit war er eingeschlafen.

 

„Buenos Noches, Carina.“

 

Ungefragt ließ sie sich neben ihm nieder. Ein weites geblümtes Kleid umspielte ihre schlanke Gestalt. Straßsteinchen blinkerten im Kerzenschein.

 

„Wie war dein Tag?“ fragte sie.

 

„Anstrengend. Hast du von Hofmann und Paulsen gehört?“ Sie nickte.

 

„Was haben sie vor?“

 

„Wenn ich das wüsste. Hast du eine Idee?“

 

„Nicht direkt. … Vielleicht. … Ich denke, sie haben Angst um die Firma.“

 

„Angst um die Firma? Wie meinst du das, Carina?“

 

„Na schau doch mal, sie wollten, dass du die Cunningham-Rolle spielst. Und das, nachdem der Alte so lange fort ist. Liquidieren hätten sie das Unternehmen auch ohne dich können, Brian. … So. Und jetzt kommst du, bist keine bequeme Marionette und haust ihnen die Beine weg. Du, ein ahnungsloser Zahnarzt!“

 

„Kieferchirurg.“

 

„Egal. Was immer sie geplant hatten, es ist in Gefahr. Und nach all dem Tohuwabohu dürfte das Unternehmen kaum wie bisher weiter geführt werden können. Du bist gerade dabei, denen ihr Spielzeug wegzunehmen.“ Brian Mc Allister sah das Mädchen verwundert an. Sie hatte recht.

 

„Du bist nicht nur eine verdammt hübsche sondern auch eine verdammt kluge Frau!“ Fast war er erschrocken über seine eigene Courage. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einer Frau so offen Komplimente gemacht zu haben. Ernstgemeinte Komplimente, keine Floskeln. Hoffentlich missverstand sie das nicht als billige Anmache. Doch Carina tat nicht dergleichen. Amüsiert prostete sie ihm zu.

 

„Danke, aber ist das nicht logisch?“

 

„Schon, nur drauf kommen muss man erstmal.“

 

„Tja, was wärt ihr Hombres ohne uns Chiquas?“

 

„Wohl wahr.“ Sie stießen an. „Auf dein Wohl!“

 

„Auf deines.“ Sie nippte genüsslich an seinem alten Whisky. „Hast du eigentlich mal drüber nachgedacht, wieso du dem Professor so ähnlich siehst? Ich meine, ihr stammt aus der gleichen Gegend. … Hast du Geschwister?“ Brian schüttelte den Kopf.

 

„Eine kleine Schwester hätte ich fast gehabt. Sie starb bei der Geburt. Danach konnte meine Mutter keine Kinder mehr bekommen.“

 

„Cousins, Cousinen, uneheliche Brüder?“

 

Nicht, dass ich wüsste. Und wenn ja, haben meine Eltern ihr Geheimnis mit ins Grab genommen. Übrigens, wenn die Biografie stimmt, ist Cunningham ein ganzes Stück älter als ich.“

 

„Ist mir aufgefallen“, grinste Carina. „Ich hab gehört, seine Mutter soll im Waisenhaus ‚Vater unbekannt‘ angegeben haben. … Vielleicht eine Verfehlung deines Padres vor der Hochzeit?“

 

„Nichts ist unmöglich. Vater war viel älter als Mutter. Vielleicht wirklich eine frühere Liebschaft, von deren Folgen er nichts wusste …“

 

„Oder nichts wissen wollte.“

 

„Wenn dem so wäre, könnte es nur ein DNA-Test beweisen. Dafür bräuchten wir den Professor.“

 

„Den haben wir nicht. Womit sich der Kreis schließt.“ Carina lachte. „Da wird wohl mein geheimnisvoller Ritter auch in dieser Nacht sein Rätsel nicht abschließend lösen können. Weißt du, ich hab mal ein Buch gelesen, …“ Es folgte eine fröhliche Erzählung über ungelöste Menschheitsrätsel.

 

 

 

Mc Allister hörte ihr zu und hörte ihr nicht zu. Er konnte seine Augen nicht von diesem Mädchen lassen. Er war daheim bei seinen Freunden als notorischer Eigenbrödler bekannt. Frauen glaubte er sich nur dienstlich gewachsen, einigermaßen jedenfalls. Privat fand er selten die richtigen Worte. Weswegen er es irgendwann aufgegeben hatte, eine dauerhafte Partnerschaft anzustreben. Ab und an ein kleiner One-Night-Stand oder ein Bordellbesuch. Er war mit den Jahren genügsam geworden.

 

Bei Carina hatte er zum ersten Mal im Leben das Gefühl, eine Frau getroffen zu haben, mit der er sich wie mit einem Kumpel unterhalten konnte. Eine Frau, die ihn nicht verlegen machte, von der er sich verstanden fühlte. Vor allem eine Frau, die anscheinend nichts gegen seine knurrige Art hatte. Wenn sie doch nur nicht so furchtbar jung wäre. Aber vielleicht war es gerade ihre Jugend, die sie unbefangen sein ließ.

 

Schade, dachte er, dass sie sich unter solchen Umständen kennengelernt hatten. Schade, dass es nicht lohnte, mit ihr eine Beziehung anzufangen, weil sich ihre Wege bald wieder trennen würden. Schade, dass sie wahrscheinlich die letzte war, die sich für eine Beziehung mit einem Mann wie ihm interessierte. Sie hatte ganz andere Möglichkeiten, in einem Land wie diesem, wo es vor gut gebauten, braun gebrannten jungen Laffen nur so wimmelte.      

 

„Du siehst traurig aus, Brian. Hörst du mir überhaupt zu?“ Ihre Worte rissen ihn aus seinen Gedanken.

 

„Wie?“

 

„Woran hast du gerade gedacht?“ Falsche Frage, nächste Frage. Weiber!

 

„An … nichts. Über deine Menschheitsrätsel …“

 

„Lügner. Du hast an mich gedacht. Stimmt‘s?“ Mc Allister wurde rot.

 

„Bitte?“

 

„Wovor hast du Angst, großer starker Mann?“ Sie stellte ihr leeres Glas weg, stand auf, trat vor ihn und beugte sich zu ihm.

 

„Ich … äh …“

 

„Du bist süß.“ Mit diesen Worten packte sie entschlossen seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn. Ohne innezuhalten, legte er seine Arme um ihre Hüfte, zog sie auf seinen Schoß und drückte sie fest an sich. Es krachte. Der Liegestuhl brach zusammen und sie polterten gemeinsam auf den Balkonboden. Carina stieß einen leisen Schrei aus. Geistesgegenwärtig hielt er ihr den Mund zu.

 

„Oh Gott, entschuldige. Ich bin ein Idiot. Hast du dir wehgetan?“

 

Sie schob seine Hand von ihrem Mund und grinste.

 

„Schon gut, danke der Nachfrage. Ich bin ja weich gefallen. Wie sieht’s bei dir aus?“

 

„Pst.“ Unten vom Kiesweg waren eilige Schritte zu vernehmen. Dann die Stimme von Evans:

 

„Sir? Professor Cunningham? Ist ihnen etwas zugestoßen?“          

 

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich bin bloß mit dem Liegestuhl zusammengebrochen. Hab mich bisschen ungeschickt angestellt.“

 

„Brauchen sie Hilfe?“

 

„Nein danke.“ Mc Allister bedeutete Carina, sich von ihm herunter zu rollen. Dann rappelte er sich hoch und trat an die Brüstung.

 

„Geht schon. Der Rücken schmerzt ein wenig, aber das wird wieder.“

 

„Na fein, gute Nacht, Sir!“

 

„Gute Nacht, Evans!“

 

 

 

Carina lag noch immer auf dem Balkonboden. Sie hielt sich mit beiden Händen den Mund zu, um nicht vor Lachen laut loszuprusten. Er hockte sich neben sie und streichelte ihr Haar. Langsam beruhigte sie sich.

 

„Und nun?“

 

„Wird Zeit, dass ich gehe. Schätze, meine Eltern sind sowieso munter geworden. Dass sie nicht selbst nachsehen gekommen sind, haben wir dem Gärtner zu verdanken.“

 

„Schade.“

 

„Schade, dass sie nicht hergekommen sind?“

 

„Nein, schade, dass du gehen musst.“

 

„Ich komme wieder. Versprochen.“ Er half ihr auf. Zum Abschied hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand, immer noch kichernd, um die Balkonecke.   


 

 

Kapitel 8 – Revanchefoul auf langen Beinen

 

 

 

Der kommende Vormittag verging wie im Flug. Es galt, einige Formalitäten zu klären.

 

Mehrere Versuche, Nora oder Hofmann ausfindig zu machen, scheiterten. Sie hatten sich dem Vernehmen nach nirgendwo blicken lassen. Germain Jones suchte ihre Privatadressen heraus, aber die Beiden reagierten weder auf Anrufe von Mc Allister  noch auf persönliche Besuche der Detektei. Sie hatten sich in Luft aufgelöst. Nichts zu machen. 

 

 

 

Nach dem Mittagessen unternahm der Doktor deshalb endlich seinen ersten lang ersehnten Ausflug nach Down Town Santa Barbara. Er ließ sich von seinem Sekretär fahren. Marty hatte zwar heftig geknurrt aber letztlich keine Widerrede gewagt.

 

Nach Tagen hinter goldenen Gittern war es eine Wohltat, sich endlich wieder als freier Mensch bewegen zu dürfen. Mc Allister ließ Jones den Wagen nahe der Uferpromenade parken.

 

Glücklich wanderte der Arzt den breiten Weg entlang. Radfahrer sausten an ihm vorbei. Liebespärchen genossen die Nachmittagssonne. Manche blieben an einem großen kreisrunden Mosaik stehen, das in den Boden eingelassen war. Indianische Künstler hatten es mit farbenfrohen Motiven ihrer Legenden ausgestaltet. Delphine, Boote, Regenbogen.

 

Ein paar Meter weiter spielten Kinder Beachvolleyball. Er zog die Schuhe aus und tapste vergnügt durch den Sand zum Wasser. Kurz darauf stand er mit beiden Füßen und hochgekrempelten Hosenbeinen im Pazifik. Wie er sich auf diesen Moment gefreut hatte.

 

Hinterher investierte der Schotte einen viertel Dollar, um sich von einem der kleinen Elektrobusse, die im Zehnminutentakt die State Street herauf und herunter summten, ein paar Blocks weit in die City bringen zu lassen. Ihn faszinierte die südspanisch-mexikanisch inspirierte Architektur vieler Häuser, die Türmchen, Erker, verspielten Balkone. Keine Hochhäuser. Selbst von den neueren Gebäuden besaß kaum eines mehr als zwei oder drei Stockwerke. Und zwischen den Boutiquen, Bars und Hotels fanden sich immer wieder kleine gemütliche Straßencafés. Er kehrte in eines ein und bestellte Cappuccino mit Kuchen. So saß er denn unter hohen Palmen, bewunderte die Strelitzien am Straßenrand und die schlanken Beine der asiatischen Studentinnen, die laut schwatzend und kichernd dem nahen Kino entgegen flanierten. Freitagnachmittag eben. Das Leben konnte so schön sein.

 

 

 

Allerdings wusste Mc Allister, dass er nicht allzu viel Zeit zum Genießen hatte. Germain Jones wartete am Auto. Der Bursche wollte Feierabend machen. Er konnte nicht wissen, warum sein Chef unbedingt mit ihm und nicht mit seinem Chauffeur fahren wollte, trotzdem hatte er diskussionslos zugestimmt. Wahrscheinlich hatte er sich seinen eigenen Reim darauf gemacht. Auf den Kopf gefallen war der Junge jedenfalls nicht.

 

 

 

Mc Allister trank seinen Kaffee aus, zahlte und schlenderte zurück zur Promenade. Hinter den Bahngleisen konnte er schon seinen Wagen sehen, als neben ihm ein anderes Fahrzeug stoppte. Bevor er reagieren konnte, sprangen zwei Männer heraus und zerrten ihn auf den Rücksitz.

 

So blitzartig das Auto angehalten hatte, so rasant startete es mit quietschenden Reifen. Am Steuer saß Marty. Der Mistkerl war ihm gefolgt. 

 

 

 

Im Innern des Dr. Brian Mc Allister brodelte es. Wie konnte er nur so dumm sein, seine neue Freiheit unbedingt allein genießen zu wollen. Er hätte sich denken müssen, dass ein Mann wie Hofmann nicht so leicht aufgab.

 

Denn kein anderer als der renitente Geschäftsführer war es, der sich nun vom Beifahrersitz umdrehte.

 

„Hallo Professor!“ Seine Augen blitzten wütend. „Man trifft sich immer zweimal im Leben.“

 

„Sie machen einen großen Fehler, mein Lieber“, knurrte Mc Allister.

 

„Das bezweifele ich. Wie sie sehen, habe ich Freunde. Genug, um mir von einem miesen kleinen Hochstapler wie ihnen nicht mein Lebenswerk zerstören zu lassen.“

 

„An ihrer Stelle würde ich nicht so viel plaudern. Möglicherweise haben sie ihren Freunden hier nicht alles erzählt.“

 

 

 

Die beiden Männer sahen definitiv nicht wie abgebrühte Mafiosi aus. Eher wie Nerds aus der Entwicklungsabteilung des Unternehmens. Nicht einmal seine Taschen hatten sie bis jetzt durchsucht. Sie waren nervös. Hofmann war nervös. Und als dieser ihre fragende Blicke sah, drehte er sich wieder nach vorn und befahl kurz angebunden, dem Professor die Augen zu verbinden und ihn zu knebeln. Die beiden sahen einander verzweifelt an.

 

„Muss das sein?“ presste der Jüngere heraus.

 

„Er darf nicht sehen, wo wir ihn hinbringen. Außerdem hört er dann auf, dummes Zeug zu labern. Ihr seht ja selbst, dass er nicht ganz dicht ist.“ Und als sie immer noch zögerten: „Er wird es euch danken, wenn er wieder klar denken kann. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Und jetzt bewegt euch endlich, sonst seid ihr gefeuert!“

 

Zerknirscht begannen die beiden, seinen Befehl auszuführen. Nicht ohne dem vermeintlichen Professor immer wieder zu versichern, wie leid es ihnen tue und, dass alles nur zu seinem besten wäre. Nun, da sie also mit Augen verbinden und knebeln beschäftigt waren, achten sie nicht mehr auf seine Hände. Mc Allister gelang es, sein neues Cell Phone in der Hosentasche zu erreichen. Jetzt noch die richtige Schnellwahltaste erwischen, um sich bei einem der Detektive in Erinnerung zu rufen … es schepperte blechern. Das war der Ton, mit dem sich das Gerät abschaltete. Sch … Hofmann fuhr herum.

 

„Was war das?“ Mit seinen verbundenen Augen konnte der Arzt die dummen Gesichter der beiden Amateur-Entführer nicht sehen. Vorstellen konnte er sie sich. Zum Lachen war ihm trotzdem nicht zumute. Das neue Telefon jedenfalls war er los. Jetzt wurde es eng.  

 

 

 

Nach diesem Zwischenfall entspann sich im Auto eine Debatte, was denn der Big Boss gemeint habe, als er davon sprach, Hofmann hätte ihnen nicht alles erzählt. Der Geschäftsführer hatte seine liebe Mühe, die beiden Helden zu überzeugen, dass dies schwachsinniges Gewäsch eines Trottels sei. Er erklärte ihnen zum wiederholten Mal, dass der Professor in geistiger Umnachtung den Anschlag auf Nora und ihn geplant hätte. Seine Anweisungen des heutigen Tages hätten bewiesen, dass er das Unternehmen, also nicht nur Hofmanns sondern auch sein eigenes Lebenswerk, anscheinend in Stücke schlagen wolle. Eine kerngesunde Firma. Ließe man ihn jetzt einfach weitermachen, würde das sie alle in die Arbeitslosigkeit treiben. Weswegen er und Nora versuchen müssten, den Alten vorübergehend kalt zu stellen.

 

 

 

Mc Allister lauschte gebannt. Hofmann argumentierte verlogen aber überzeugend. Konnten solche Gründe vielleicht eine Erklärung für das Verschwinden des echten Professors sein?

 

Definitiv war es keine Erklärung dafür, dass sie anschließend einen möglichst nervlich ruinierten Doppelgänger benötigten. Außer es war Mord, den sie nun irgendwie vertuschen mussten.

 

Oder? … Wobei … Carina hatte gesagt, sie sei beim Sturz zugegen gewesen. Das bedeutete, so hoffte er, dass es sich wirklich nur um einen Unfall gehandelt hatte. Vielleicht aber um einen mit Spätfolgen?

 

Wäre es undenkbar, dass der echte Professor irgendwo in einer Irrenanstalt unter falschem Namen festsaß? In dem Fall brauchten sie natürlich eine gefügige Marionette, die sie von Zeit zu Zeit vorzeigen konnten, um deren ‚Lebenswerk‘ fortsetzen und sich die Taschen vollschlagen zu können. Skeptiker wurden mit kleinen Geschenken wie Kindergärten und Lohnerhöhungen mundtot gemacht. Das klang nach einer logischen Erklärung.

 

 

 

Das Auto hielt. Als man ihn heraus zerrte, roch er das Meer und hörte die Wellen. Sie waren also nicht ins Landesinnere gefahren sondern in Küstennähe geblieben. Türen klappten. Sie führten ihn in ein Haus, setzten ihn auf einen Stuhl, banden seine Hände. Einer der Männer nahm ihm die Augenbinde ab.

 

Sie befanden sich in einer kleinen fröhlichen Spelunke, vollgestopft bis unters Dach mit Surfer-Utensilien. Hoffentlich würden sie auch den Knebel entfernen, betete er. Langsam bekam er nämlich Maulsperre. Aus den Mundwinkeln rann ihm Speichel, der das Tuch unangenehm durchnässte und aufs Hemd troff. Karl Hofmann ignorierte seine Leiden. Er wollte lästigen Diskussionen bis auf weiteres aus dem Weg gehen.

 

Unschlüssig standen die Herren im Raum herum. Hinter der Theke putzte die Wirtin Gläser. Dabei versuchte sie verzweifelt so zu tun, als würde sie das Geschehen nichts angehen, obwohl sie immer wieder zum geknebelten Cunningham schielte. Die Sache schien ihr unangenehm. Ein merkwürdiger Clan, grübelte der Schotte. Lauter stinknormale Leute. Was hatte Hofmann, dass sie ihm folgten?

 

 

 

Die Tür ging auf. Herein spazierte, komplett neu eingekleidet, Nora Paulsen. Wäre Mc Allister nicht geknebelt gewesen, ihm wäre direkt ein Laut der Bewunderung entfahren. Die Frau hatte Stil und Geschmack. Das Kostüm, das sie trug, war noch einen Kick kürzer als jenes vom Mittwoch und noch einen Kick extravaganter geschnitten.

 

Zusammen mit den hohen Absätzen ihrer Schuhe brachte es Noras Beine wirkungsvoll zu Geltung. Er bemerkte, dass es den anderen Männern in der Schankstube nicht besser erging als ihm selbst: Es fiel ihnen schwer, ihre Blicke von diesen Beinen abzuwenden.

 

Wie auch immer, ihr Auftritt hier und jetzt hatte nur einen Zweck. Er sollte allen und jedem klar machen: Ich bin hier der wahre Chef. Mich habt ihr zu respektieren, keiner hält mich auf. Die Frau strotzte vor selbstgefälligem Machtbewusstsein. Karl Hofmann wurde einen Tick nervöser. Sollte sie am Ende der Kopf der Bande …? Er traute es ihr zu. 

 

Ungeachtet dessen funktionierten Nora und Hofmann letztlich nur gemeinsam. Beider perfektes Team Play zog andere in seinen Bann. Sein Wissen und Organisationstalent, ihre langen Beine und das Charisma, mit dem sie bezauberte. Sie sprach einige leise Worte mit ihrem Partner, dann wandte sie sich dem Entführten zu. Effektvoll nahm sie vor ihm Aufstellung.

 

Irgendwie kam Mc Allister die ganze Szenerie wie die schlechte Parodie irgendeines Actionfilmes vor. An wen erinnerte ihn die herrische Nora? Er grübelte. Brigitte Nielsen. Genau. Brigitte Nielsen. Die ist auch mal so aufgetreten. War das in Beverly Hills Cop I oder II?

 

„Ich glaube, sie haben etwas, das mir gehört.“

 

Der Schotte zuckte mit den Schultern und verdrehte die Augen. Wenn er glaubte, jetzt endlich seinen Knebel loszuwerden, sah er sich erneut getäuscht.

 

„Durchsucht ihn!“ zischte sie ihre Helfershelfer an.

 

„Aber das haben wir schon, Ma’am“, wagte der Jüngere einzuwenden.

 

„Dann macht es eben noch einmal.“ Mc Allister schüttelte den Kopf und ließ die Leibesvisitation über sich ergehen. Als überzeugter Pazifist hatte er Pistole und Pfefferspray natürlich daheim gelassen, als er zu seinem Ausflug aufbrach.

 

„Na wenigstens können sie uns nicht gefährlich werden“, konstatierte die Dame säuerlich, nachdem der endgültige Befund feststand. Hofmann trat an ihre Seite. Er räusperte sich.

 

„So, und jetzt raus mit der Sprache. Was haben sie vor?“

 

Verdutzt sah ihn der Schotte an. Wenn die Frage ein Witz sein sollte, war es ein verdammt schlechter.

 

Der ältere Entführer erbarmte sich endlich, trat näher und griff nach dem Knebel. Hofmann hielt ihn zurück.

 

„Noch nicht. … Professor, sichern sie uns zu, auf unsere Fragen zu antworten, nach bestem Wissen und Gewissen? Ohne Diskussionen und Nachfragen ihrerseits? Ich verspreche ihnen, dass ihnen nichts passiert und sie bald wieder daheim sind, wenn sie sich unseren Anweisungen beugen. Bitte nicken sie mit dem Kopf, wenn sie einverstanden sind.“ Mc Allister blieb einen Moment unschlüssig, dann gab er nach.

 

„Danke.“ Hofmann gab das Zeichen, den Knebel zu entfernen. „Nachdem wir das geklärt hätten, zu unserem Anliegen. Sie haben, wie ich hörte, gesehen, wie gesund sich ihr Unternehmen unter meiner Führung entwickelt hat. Es bietet tausenden Menschen Lohn und Brot. Sind sie gewillt, diesen Menschen zu helfen, ihre Jobs zu behalten?“

 

„Dumme Frage. Natürlich.“

 

„Ein einfaches ja hätte gereicht“, zischte Nora. Hofmann hob die Hände.

 

„Beabsichtigen sie mit meiner Entmachtung, die Cunningham Werke zu sabotieren?“

 

„Um Gottes Willen, ganz im Gegenteil.“

 

„Gut. Alles, was wir bisher unternahmen, diente dem Ziel, Cunningham Enterprises stark zu machen und zu erhalten. Können sie sich mit so einem Ziel identifizieren?“

 

„Warum nicht? Ja.“

 

„Schön. Wir werden dieses Ziel auf Dauer aber ebenso wenig ohne sie erreichen wie sie ohne uns. Sind sie bereit, zu kooperieren?“

 

„Diese Frage könnte ich beantworten, wenn sie endlich die Katze aus dem Sack lassen und mir sagen, was genau sie von mir erwarten.“

 

Karl Hofmann holte tief Luft. Er blickte zu Nora, die sich während des Gesprächs auf einem Barhocker niedergelassen hatte. Sie zeigte keine Reaktion. Das änderte sich schlagartig, als draußen mehrere Autotüren klappten, denen ein geharnischter spanischer Fluch folgte. Die Stimme von Marty. Dann herrschte wieder Stille.

 

Irritiert sahen die Männer einander an. Nora, ganz Raubkatze, die ihrem Jagdinstinkt folgt, glitt vom Hocker und schob sich lautlos ans Fenster. Vorsichtig zog sie den Vorhang zur Seite. Mc Allister glaubte, ein leises Zucken auf ihrem Gesicht zu bemerken. Die fragenden Blicke der anderen ignorierte sie. Nach kurzem Überlegen drückte sie die Scheibe einen Spalt breit nach oben und beugte sich vor.

 

Wie ein Panther kurz vorm Sprung stand sie, alle Muskeln gespannt. Laut und entschlossen aber sehr ruhig begann sie zu sprechen.  

 

„Keinen Schritt weiter. Wenn sie versuchen, sich dem Haus zu nähern, ist Professor Cunningham ein toter Mann. Wir sind bewaffnet und haben mehrere Geiseln in unserer Gewalt.“ Die anderen fuhren erschrocken zusammen.

 

„Bist du wahnsinnig?“

 

„Was soll der Blödsinn?“

 

„Sind das Bullen?“

 

„Sollen die meine Kneipe dicht machen?“

 

„Willst du uns alle hinter Gitter bringen?“ schrien sie durcheinander. Nora hob beruhigend die Hände.

 

„Es ist nur unsere Security und ihre Detektive, Professor. Ich frage mich zwar, wie die uns so schnell gefunden haben, aber egal. Wir müssen Zeit gewinnen.“

 

 

 

Draußen ratschte es, dann knatterte ein Megafon los.

 

„An alle, die sich im Haus befinden: Legen sie ihre Waffen ab, lassen sie Professor Cunningham frei und kommen sie mit erhobenen Händen langsam heraus. … Wir geben ihnen fünf  Minuten Zeit, dann stürmen wir das Haus.“ 

 

„Aha. Zeit gewinnen, Zeit gewinnen. Liebe Nora, Karl, es reicht. Ich gehe“, erklärte der jüngere Bewacher.

 

„Ich auch, schloss sich der ältere an. Aber vorher machen wir den Professor los. Hilfst du mir? … Tut uns Leid, Sir.“

 

„Ehrlich, das haben wir so nicht gewollt. Entschuldigen sie bitte.“ Die Jungs wirkten zerknirscht, während sie ihn losbanden.

 

Nora und Hofmann sahen ihnen tatenlos zu. Den Beiden nutzten jetzt weder Wissen noch Charisma. Es war vorbei. Nora hatte den Bogen überspannt und draußen ging es zu wie in einem Hollywoodkrimi. Nichts für schwache Nerven. Die Amateurentführer wollten nach Hause. Auf eine „Bonny und Clyde“- Nummer hatten sie keinen Bock.

 

 

 

Hofmann stand wie gelähmt, Nora sackte förmlich in sich zusammen. Aus dem wilden stolzen Panther war in Sekunden eine verprügelte Hauskatze geworden. Die Wirtin stemmte ihre Arme in die Hüften. Schwer verärgert verfolgte sie die Entwicklung.

 

„Und mir habt ihr gesagt, das sei ein harmloses Spielchen. Wisst ihr was, ihr Kurpfuscher, ich gehe auch.“ Sie warf das Putztuch zur Seite und band ihre Schürze ab. „Entschuldigen sie, Professor. Sie haben lebenslang freie Kost bei mir, sollte ich nach dieser Aktion meine Kneipe behalten dürfen. Versprochen.“ Mc Allister rieb seine Handgelenke.

 

„Ja, ja, schon gut. Aber, hört mal, Leute, wartet einen Moment.“ Er trat ans Fenster.

 

„Cunningham hier. Evans?“

 

„Ja, Sir?“

 

„Passen sie auf. Mir geht es gut. Schalten sie bitte vorerst nicht die Polizei ein.“

 

„Aber Sir …“

 

„Das ist ein Befehl. Bleiben sie wo sie sind. … Wir schicken ihnen jetzt ein paar Leute raus, die mit der Sache nichts zu tun haben. Nehmen sie von denen die Personalien auf und lassen sie sie laufen. Wenn ich in fünfzehn Minuten nicht draußen bin, können sie das Haus stürmen.“

 

„Okay.“ Mc Allister drehte sich in die Stube um. „So, jetzt dürft ihr. Und vorläufig bitte kein Wort über das hier Vorgefallene. Ich denke die beiden Helden hier haben mir einiges zu erklären. Je nach dem werde ich entscheiden, was zu tun ist.“

 

„Danke, Sir!“

 

„You‘re welcome. Und jetzt raus mit euch.“


 

 

Kapitel 9 - Zeit für Bekenntnisse

 

 

 

Nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, knarzte erneut das Megafon.

 

„Sir, hier ist jemand, der sie unbedingt sprechen will.“ Das Gerät wechselte quietschend und pfeifend den Besitzer. Leise war ein „Hier müssen sie drauf drücken, Ma’am“, zu hören. Dann ertönte eine ihm nur allzu bekannte liebe Stimme.

 

„Hola, Professor.“

 

„Carina! Was machst du denn hier?“

 

„Ich kann doch nicht zu Hause bleiben, wenn diese Idioten dich vielleicht umbringen wollen. … Geht es dir wirklich gut?“

 

„Den Umständen entsprechend. Aber Mädel, das ist leichtsinnig. Wenn dir was passiert? Dein Vater wird wütend sein.“

 

„Soll er, ist mir egal.“

 

„Evans, sie garantieren mir für Carinas Sicherheit.“

 

„Zu Befehl, Sir.“

 

„Was ich fragen wollte: Wie kommt es eigentlich, dass sie mich so schnell gefunden haben?“

 

„Das haben sie Carina zu verdanken. Sie sah, wie ihr Vater ihnen folgte und hat mich alarmiert. Wir waren Marty die ganze Zeit auf den Fersen. Nur den Überfall, den konnten wir nicht verhindern. Das ging zu schnell.“

 

„Gute Arbeit, Evans. … und danke Carina.“  

 

„Darf ich bitte, bitte rein kommen? Ich glaube, ich habe euch etwas Wichtiges zu erzählen.“ Das war wieder Carina.

 

„Bitte nicht. Erzähl es mir hinterher.“

 

„Das geht nicht. Es gehört zu deiner Geschichte. Ich komme jetzt.“ Evans meldete sich wieder.

 

„Das werde nicht zulassen, Sir. Frau Paulsen sagte, sie sei bewaffnet.“ Mc Allister sah Nora und Hofmann an.

 

„Versprechen sie mir, das Carina nichts geschieht?“ Nora zuckte mit den Schultern.

 

„Was soll es bringen, wenn das Göhr dabei ist? Dann können wir wieder nicht offen reden.“ Das klang niedergeschlagen. Keine Spur mehr von herrischer Attitüde. Sie hatte resigniert und bemühte sich, wenigstens einen Rest Haltung zu bewahren. Hofmann saß auf einem Stuhl und ließ den Kopf hängen. Mc Allister empfand kein Mitleid.

 

„Auch noch feige. Ich denke, das Mädchen ist vernünftiger als sie beide zusammen. Im Übrigen haben wir eine prima Alternative. Ich sage denen da draußen, sie sollen das Haus stürmen, und sie packen bei der Polizei aus. Das wäre natürlich für mich das Bequemste. Ob es ihren vorhin erwähnten Zielen dienlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Hängt davon ab, was sie sonst alles ausgefressen haben.“ Carina meldete sich wieder.

 

„Bitte, Brian … Steven, sag Evans, dass ich reinkommen darf!“

 

„Evans, hören sie?“

 

„Ja, Sir?“

 

„Ich habe mit den beiden hier drin geredet. Sie bluffen, hoffe ich. Bis jetzt habe ich jedenfalls keine Waffe gesehen. Nora leidet lediglich an leichtem Größenwahn. Lassen sie Carina ruhig rein, dann habe ich wenigstens eine Zeugin dabei. Und kommen sie in fünfzehn, na ja, jetzt sind es nur noch elf, sagen wir zwölf Minuten wie verabredet mit ihren Leuten nach.“

 

„Okay. Auf ihre Verantwortung. Ich lasse Carina jetzt zu ihnen, Sir.“ Mc Allister öffnete die Tür. Carina kam herein, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

 

„Gott sei Dank, es geht dir wirklich gut!“

 

„Pass bitte auf. Du wirst nass. Ich hatte bis vorhin einen Knebel im Mund. Mein Hemd ist voller Speichel.“

 

„Das ist mir egal, wenn du nur lebst.“ Er war gerührt. Es tat ihm gut, ihre Wärme zu spüren.

 

„Du hast mich also gerettet. Schon wieder. Wie soll ich das je wieder gut machen?“

 

„Ach du dummer Junge! Das hast du doch längst.“ Carina standen Tränen in den Augen. Aber vielleicht wirst du noch sehr böse auf mich sein. … Versprich mir, nicht zu böse sein.“

 

„Ganz bestimmt nicht.“ Nora und der Geschäftsführer verfolgten den Dialog der Beiden mit wachsendem Erstaunen. Schließlich bat Dr. Brian Mc Allister alle an einen Tisch.

 

„So, Herrschaften. Sie haben zehn Minuten. Danach werde ich entscheiden, ob wir die Polizei informieren und sie in Handschellen abgeführt werden. … Was ist mit dem echten Professor Cunningham?“ Nora sah Karl Hofmann an. Der räusperte sich.

 

„Also … die Sache ist die … er ist tot.“

 

„So was in der Art dachte ich mir fast. Haben sie ihn ermordet?“ Stille. Schließlich druckste Nora herum.

 

„Ich … hab ihn gefunden … da lag er unten auf der Treppe … blutüberströmt … vom Sturz … aber …“

 

„Ich war’s!“ Carinas Stimme klang fest. „Ich habe ihn umgebracht.“

 

„Bitte?“ Drei Augenpaare hefteten sich verblüfft auf die Lippen des Mädchens.

 

„Was heißt, du warst es?“

 

„Das heißt, ich habe ihn die Treppe runter gestoßen. … Er war wieder mal bei Estrella. Ich habe sie schreien gehört, aber meine Alten haben sich darum ja genau so wenig gekümmert wie sie, Frau Paulsen. Die Kleine ist gerade mal 11! Ich hatte solche Wut. Ich hatte es so satt, wie er mit uns Mädchen und meiner Mutter umgesprungen ist, und alle haben weggeguckt. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten. Ich bin aus meinem Zimmer gerannt. Er war gerade bei der Treppe.

 

Ich wollte ihn zur Rede stellen aber das Schwein hat nur gelacht und gemeint, ob ich nicht gleich mitkommen wolle, er könne schon wieder… Da hab ich ihm einen Stoß gegeben. Er hat das Gleichgewicht verloren und ist rücklings die Treppe runtergekippt.“ Carina lehnte sich zurück. „So war das. Und als ich gesehen habe, dass er tot ist, bin ich schnell zurück ins Zimmer und hab mich eingeschlossen. Ich habe mir die Decke übern Kopf gezogen und die ganze Nacht geheult.“ Hofmann pfiff durch die Zähne.

 

„Das erklärt die Verletzung am Hinterkopf.“

 

„Er sagte aber, er sei nur gestolpert? Wir haben uns schon gefragt, wie.“ Carina sah die Beiden fragend an. Mc Allister fasste ihren Blick in Worte.

 

„Wie ‚er sagte‘? Ich denke, er war gleich tot? Nora?“

 

„Nein, war er nicht. Als ich ihn fand, war er bewusstlos. Ich rief Marty und Marianna. Karl kam zufällig vorbei, weil er  ein Problem für den nächsten Tag klären wollte. Als wir überlegten, was zu tun sei, kam der Professor wieder zu sich. Wir halfen ihm auf und brachten ihn in sein Bett. Er meinte, es sei alles halb so schlimm. Marianna zog ihn aus und wusch die Wunden. Es sah wirklich nicht sehr böse aus. Die Verletzungen hatten nur durch das viele Blut auf den ersten Blick so schlimm gewirkt.“ Carinas Augen weiteten sich.

 

„Dann hab ich ihn gar nicht …“ Karl Hofmann nickte.

 

„Jedenfalls nicht direkt. Ich wollte damals gleich den Notarzt rufen. Er lehnte ab. Er meinte, es ginge ihm schon viel besser. Er habe keine Lust auf Krankenhaus und sei nur etwas müde. Außerdem würde der Notarzt unnötige Fragen stellen. … Wenn ich das von Carina höre, weiß ich auch, vor welchen Fragen er sich drücken wollte. Denn die Schramme am Hinterkopf war für einen simplen Stolperer wirklich unlogisch. Er hätte sagen müssen, dass er gestoßen wurde und dann wäre vielleicht in einem Verfahren aufgerollt worden, von wem und warum. Jedenfalls meinte er, er wolle sich erstmal ausschlafen. Am Morgen sollte ich ihn in unser Hospital bringen.“

 

„Er ist aber nicht mehr aufgewacht“, ergänzte Nora.

 

„Na prima“, keuchte der Mediziner entsetzt. „Das war unterlassene Hilfeleistung, Herrschaften. Und deswegen habt ihr ihn irgendwo verscharrt und die Fiktion aufrechterhalten, er lebe noch. Fast ein Jahr lang! … Und du hast die ganze Zeit von dieser Lüge gewusst, Carina.“   

 

„Ja. Aber weil ich ja Schuld war und alle gesagt haben, er sei nur in Behandlung, habe ich mich bis heute nicht getraut, jemandem davon zu erzählen.“

 

„Das verstehe ich. Was ich nicht verstehe: Warum zum Kuckkuck brauchtet ihr nun unbedingt mich? Und warum erst jetzt?“ Hofmann huschte die Andeutung eines Lächelns über die Lippen.

 

„Da sind sie dran schuld, Doktor. Sie haben leider erst letzten Monat ihre Website um den Facebook Account erweitert. Mit lauter neuen schicken Fotos. Erst dadurch hat sie eine Freundin durch Zufall entdeckt und mich auf die große Ähnlichkeit hingewiesen. Wir hatten bis dahin lange vergeblich nach einem Doppelgänger gesucht. Aber bei ihnen passte endlich alles. Sogar der schottische Akzent.“

 

„Das erklärt noch immer nicht, warum sie unbedingt einen Doppelgänger brauchen. Und was hat das mit dem Gewäsch von wegen tausender Arbeitsplätze zu tun? Ich nehme an, es ging ihnen mehr um die gefährdete eigene Karriere.“

 

„Und um meine und um den Job von Marty, ja“, nahm Nora seinen Faden auf. „Aber das war es nicht allein. Ich habe, wie sie sich denken können, vor ein paar Jahren sein Testament diktiert bekommen.“

 

„Und?“

 

„Da drin hat er verfügt, weil er über keine Erben verfügte und weil er wollte, dass die Cunningham Werke ohne einen Cunningham nicht weiter existieren sollten, das Unternehmen müsse verkauft werden. Jedenfalls, wenn sich bis zu seinem Ableben kein Erbe einstellen sollte. Die Firma sollte komplett zerschlagen werden, damit niemand einen Nutzen davon habe.“ Hofmann hielt es für nötig, einzuhaken und die Folgen konkreter zu beschreiben.

 

„Wäre sie als Ganzes verkauft worden, wäre es übrigens nicht besser gewesen. Es gibt genügend Bewerber, die nur darauf warten, unser Knowhow zu übernehmen und uns dann zu liquidieren. Chinesen, Koreaner, Franzosen, Deutsche. Das Schlimmste kommt aber erst: Sein gesamtes Vermögen sollte sodann einer Stiftung zur Erforschung extraterrestrischen Lebens übereignet werden. Diese Spinnerei war das einzige Thema, das ihn in den letzten Jahren interessierte. Vielleicht abgesehen von den kleinen Mädchen der Familie Sanchez. Das begann seinerzeit, als er merkte, dass er den aktuellen Entwicklungen auf dem Weltmarkt nicht mehr gewachsen war. Also quasi, nachdem er mich zum Geschäftsführer gemacht und mir alle Vollmachten übertragen hatte, die sie mir gestern abgenommen haben.

 

Ich frage sie, können sie es wirklich verantworten, dass so viel kaputt geht und nur ein paar bekloppte ‚Alien-Forscher‘ davon profitieren?“     

 

„Ja, nein. Okay. Und? Was bedeutet das nun schließlich und endlich für mich? Sollte ich das Testament ändern?“

 

„Präzise. Wie sie wissen muss bei der Unterschrift ein Notar zugegen sein. Folglich brauchen wir einen echten Cunningham mit einem echten Pass.“

 

„Und was soll das Testament beinhalten? Wollen sie zu Universalerben eingesetzt werden und für die Scheiße, die sie gebaut haben, auch noch fett absahnen? Und dafür machen sie mein Leben kaputt?“

 

Nora und Hofmann blickten betreten auf den Tisch. Mc Allister war wütend. Carina legt ihre Hand beruhigend auf seine. Er sah sie an. Sie hatte ja recht. Es brachte nichts, sich aufzuregen. Also weiter.

 

„Was soll drin stehen? Kommen sie zur Sache, meine Jungs werden in Kürze hier rein stürmen. Bis dahin muss ich wissen, was ich denen erzähle.“ Hofmann fasste sich.

 

„Die sauberste Lösung für alle wäre die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Ich habe alles vorbereitet. Sie können sich danach zur Ruhe setzen. Egal ob hier oder in Schottland. Natürlich  bekommen sie für ihre Dienste eine gute Abfindung. Falls sie mögen, auch Aktien.“

 

„Und warum konnten sie mir das nicht einfach erzählen?“ Nora lachte hysterisch.

 

„Ist das ihr Ernst? Was hätten sie denn gesagt, wenn ich an ihrer Tür geklingelt hätte? Guten Morgen Herr Doktor. Ich habe zwar keine Zahnschmerzen, aber eine Leiche im Keller. Würden sie bitte mal schnell das Testament für mich ändern? Und kein Wort zur Polizei. … Ich bitte sie! Was hätten sie mir geantwortet? … Nein, die Gehirnwäsche war sicherer.“ 

 

„Das sehe ich. Ihre Rechnung hat aber noch mehr Fehler oder sie verheimlichen mir etwas.“

 

„Was sollte das sein?“

 

„Irgendwann wäre ein Dr. Mc Allister in Edinburgh vermisst worden. Und aus der Post hätte man einiges rekonstruieren können. Spuren, die zu ihnen führen.“ 

 

„Daran haben wir gedacht. Sie hätten ganz normal als Dr. Mc Allister weiter leben können.“

 

„Wie das? Nein, nein. Das ist übrigens das zweite Problem. Das Testament würde ja erst nach meinem Tod eröffnet. Sie müssten mich also zwangsläufig umbringen.“ Brian Mc Allister spürte, wie sich Carinas Hand auf seinem Arm verkrampfte. „Keine Angst, jetzt kann nichts mehr passieren. … Also?“ Er sah zur Uhr. „Nach meiner Rechnung bleiben ihnen maximal 60 Sekunden.“

 

„Erstens“, dozierte Hofmann, „hätten wir die Aktiengesellschaft mit ihrer Einwilligung auch zu ihren Lebzeiten gründen können. Dann wäre im neuen Testament zum Beispiel lediglich vermerkt, dass ihr übriger Besitz als Dank für langjährige Tätigkeit den Frauen der Familie Sanchez übereignet wird, was nachdem, was sie durch den Alten zu erleiden hatten, nur gerecht wäre.“

 

„Dem stimme ich zu“, nickte der Doktor. Er sah zu Carina. „Ich denke, die brauchen auch schnellstens eine psychische Betreuung.“ Sie schmiegte sich an ihn.

 

„Zweitens“, fuhr der Geschäftsführer fort, „hätten wir den Professor seinen Unfall ein zweites Mal erleben lassen können.“

 

„Also doch.“

 

„Nein, den echten Professor. Dann wären sie einfach wieder Mc Allister und up, up and away.“

 

„Sie haben doch nicht etwa …“ Nora nickte schuldbewusst.

 

„Er liegt in einer großen Kühltruhe im Keller. Im Ganzen und gut erhalten. Jedenfalls lag er da noch vorgestern. Wenn ihre Schnüffler nicht das Haus auf den Kopf gestellt haben …“

 

„Dafür hatten sie bisher keinen Grund.“ Das Megafon schnarrte. Evans.

 

„Sir? Wir kommen jetzt.“ Dr. Brian Mc Allister löste sich von Carina, ging zur Tür und öffnete. Er hatte seinen Entschluss gefasst.

 

„Okay, rief er. Kommen sie rein.“


 

 

Kapitel 10 - Die Woche geht gut los

 

 

 

Edinburgh. Montagmorgen. Schwester Elisabeth Duncan hängte ihren Regenmantel an den Haken und stellte den Schirm in den Ständer. Mistwetter, dachte sie. Hoffentlich hatte der Doktor in seinem kalifornischen Sonnenparadies nicht den OP-Termin vergessen, den er für heute 10.00 Uhr angesetzt hatte. Sie fuhr den Rechner hoch. Mails checken. Das Telefon klingelte.

 

„Praxis Dr. Brian Mc Allister. Schwester Elisabeth. Was kann ich für sie tun?“

 

Am anderen Ende meldete sich das britische Konsulat Los Angeles. Elisabeth Duncan erschrak.

 

„Ist was mit dem Doktor? Ich muss hoffentlich nicht die OP absagen?“

 

„Ich befürchte leider ja“, antwortete der Beamte. „Der Doktor ist bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen.“

 

„Ach herrje!“ der Schwester fiel der Hörer aus der Hand. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn wieder am Ohr hatte. „Wie, wie ist das denn …?“

 

„Er ist gestürzt. Er war zu Besuch bei einem Freund, den er hier kennengelernt hatte.

 

Die beiden haben wohl etwas viel getrunken. Darüber ist er eine Treppe runter gestürzt.“

 

„Und jetzt? … Was mache ich denn jetzt? … Was wird aus der Praxis?  … Der Doktor hatte doch sonst niemanden …“

 

„Keine Panik, meine Dame. Wir wissen das. Der Freund von Dr. Mc Allister, ein gewisser Professor Cunningham, ist ein schwerreicher Milliardär. Er wird alle Formalitäten erledigen. Er hat auch versprochen, eine Vertrauensperson zu ihnen zu senden, die ihnen bei der Abwicklung der Praxis behilflich ist.“

 

„Oh Gott, oh Gott.“

 

„Beruhigen sie sich. Die betreffende Dame, eine sehr versierte Frau, sie ist die Privatsekretärin des Professors, eine gewisse Nora Paulsen, wird voraussichtlich heute im Laufe des Tages bei ihnen eintreffen. Sie wird sich vorher telefonisch melden.“

 

„Oh mein Gott! … Ich weiß gar nicht, ob der Doktor ein Testament hat. Was geschieht denn nur mit all seinen Sachen?“

 

„Auch das ist schon geregelt. Es war dem Doktor möglich, vor seinem Ableben alle nötigen Vollmachten für Frau Paulsen und sie auszufertigen. Im Notfall sind wir ja auch noch da. Ich soll ihnen jedenfalls das aufrichtige Beileid von Professor Cunningham übermitteln und er lässt ihnen ausrichten, die letzten Worte des Sterbenden unter Zeugen beinhalteten Folgendes:

 

Sein Privatvermögen, das wohl einige 10.000 Pfund beträgt, möchten sie bitte dem Fußballverein ‚Heart of Midlothian‘ für  Nachwuchsarbeit spenden. Wenn wir richtig orientiert sind, war er da ja sogar Mitglied.“

 

„Ich denke schon.“

 

„Gut. Dann bliebe die Immobilie. Der gesamte Erlös von Haus und Ausstattung, geschätzter Zeitwert etwa 2,5 Millionen Pfund, soll ihnen gehören. Liebe Schwester Elisabeth, bitte beruhigen sie sich also erstmal. Alles wird gut! … Hallo? … Hallo? … Schwester Elisabeth? … Sind sie noch da?“

 

Die letzten Worte erreichten die Frau nicht mehr. Der Hörer baumelt neben ihrem Schreibtisch. Wäre nicht genau in diesem Moment die Patientin eingetreten, die den 10.00 Uhr Termin vereinbart hatte, hätte es an diesem Tag ein weiteres Todesopfer gegeben. Die Dame kam zum Glück rechtzeitig, um die japsende Schwester mit einem Glas Wasser und gutem Zureden vor einem Herzversagen zu bewahren.            


 

 

Kapitel 11 - P. S.:

 

 

 

Etwa ein halbes Jahr später bekam die kalifornische Klatschpresse ein Thema, das für längere Zeit die üblichen Hollywood Skandälchen in den Schatten stellte. Der alternde Milliardär Steven Cunningham hatte geheiratet. Ein blutjunges Ding, eine gewisse Carina Sanchez, die Tochter mexikanischer Einwanderer, die auf seinem Grundstück arbeiteten. Was die Gemüter vor allem erregte: Auf den Fotos von der glanzvollen Hochzeit war unzweifelhaft erkennbar, dass sich unter dem prachtvollen Designerhochzeitskleid ein beachtliches Babybäuchlein wölbte. Womit zugleich sämtliche Spekulationen, der Professor könne sich mangels Erben über kurz oder lang von seinem Unternehmen trennen, ein für alle Mal vom Tisch gewischt waren.