1999. Filmfestspiele in Cannes. Südfrankreich. Eine internationale Gang plant den größten und spektakulärsten Brillanten-Raub aller Zeiten. Es geht um jenen Schmuck, den Hollywood-Schönheiten wie Catherine Zeta-Jones und Julia Roberts hier auf dem roten Teppich tragen. Schmuck, für diesen Zweck aus Werbegründen vom Sponsor des Festivals leihweise zur Verfügung gestellt. Der Coup gelingt. Die Bande erbeutet Ketten, Ringe und Ohrgehänge im Wert von weit über hundert Millionen Schweizer Franken. Ein fast perfektes Verbrechen.

 

 

Sieben Jahre später taucht das sogenannte „Roberts-Collier“, eine der wertvollsten Preziosen aus dem Raub, bei Sotheby‘s in London auf. Anwalt Martin Hall erhält den Auftrag, den Überbringer zu verteidigen. Keine große Sache, wie es scheint. Halls Recherche  allerdings wirbelt Staub auf. Er löst mit seiner Suche nach der Wahrheit eine ungeheuerliche Mordserie aus. Verkompliziert wird die Recherche durch seine neue Angebetete. Die attraktive aber ziemlich überdrehte Malerin Corinne Blair besteht darauf, ihn zu begleiten und ihm zu assistieren. Eine blutige Spur führt Hall und Blair in der Folge über Amsterdam, Gibraltar, Córdoba und New York bis nach New Orleans.

 

 

Je tiefer sie in den Sumpf des Verbrechens eintauchen, desto mehr verwischen die Konturen von Gut und Böse, Opfer und Täter. Ein äußerst brutaler Wettlauf auf Leben und Tod beginnt.

 


Leseprobe

 

Auszug aus „Die Cannes Brillanten“

 

 

 

Die Augen des Todes 

 

Ein älterer Herr mit grauen Schläfen bummelte die Straße hinunter zu den Chelsea Piers. Er trug ein offenes weißes Hemd und eine weite hellgrüne Baumwollhose. Unterm Arm hielt er ein Päckchen Tageszeitungen zusammengerollt. Interessiert betrachtete er die gepflegten Vorgärtchen der Backsteinhäuser. Für New Yorker Verhältnisse wirkte das Wohnviertel im Südwesten Manhattans, nahe am Hudson River, geradezu kleinstädtisch. Und ziemlich gewöhnlich. Unmittelbar neben den Hauseingängen baumelten die rostigen Gerippe der Brandschutztreppen. Kästen aus hässlichem grauem Blech tropften vor nahezu jedem Fenster. Sie verbreiteten einen unangenehm chemischen Geruch. Air Conditioner. Klimaanlagen. Sie bekamen in diesem Sommer reichlich Arbeit. Immer wenn der schwülheiße Wind vom Westen her, aus dem Landesinneren, über den River herüber wehte, fiel es den Lehrern im Geographie Unterricht etwas leichter, ihren Schülern zu erklären, dass sich ihre Stadt auf dem gleichen Breitengrad befand wie die süditalienische Stadt Neapel. Das subtropische Klima ließ sich mit Händen fassen. Kaum verließ man den künstlich gekühlten Raum, war das Shirt klitschnass.

 

Ein Puertoricaner mit breitkrempigem Strohhut hockte neben einem Treppenaufgang und beschnitt Rosensträucher. Der Herr mit den grauen Schläfen grüßte ihn freundlich. Verblüfft blickte der sonnengebräunte Mann auf. Normalerweise ging hier selten jemand spazieren. Und gegrüßt wurde erst recht nicht. Es sei denn, man kannte sich. Aber das taten nur die wenigsten Leute in dieser großen Stadt. Jeder lebte für sich allein. Nebeneinander. Aneinander vorbei. Allerdings, die Kleidung des merkwürdigen Menschen bewies dem Gärtner, dass er nach Chelsea passte. Keine Bluejeans, kein Shirt, kein Base Cap. Kein typischer New Yorker. Kein Grund zur Sorge. Weswegen sich der Puertoricaner wieder seiner Arbeit zuwandte. Chelsea war eben anders. Denn, auch wenn hier alles recht einfach und bieder wirkte, das Viertel gehörte zu den begehrtesten Wohnquartieren der Millionenmetropole. Sicher waren die Appartements nicht so teuer wie am Central Park, aber teurer als anderswo in der Stadt in jedem Fall. Derart idyllisch ruhige Gegenden wurden immer seltener in New York. Der Latino verschwendete keinen weiteren Gedanken an den seltsamen Menschen und beschnitt seine Rosen.

 

Was der Spaziergänger erfreut zur Kenntnis nahm. Er schaute sich um. Niemand schien ihm zu folgen. Am späten Vormittag waren die meisten Bewohner dieser Häuser auf Arbeit oder in der Schule. Läden oder Kneipen gab es hier nicht. Auch keinen Supermarkt. Nur Wohnungen. Und die fast menschenleere Straße.

 

Entschlossen erklomm er die Stufen zur nächsten Tür und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis eine Frauenstimme fragte, wer da sei. Er antwortete, ein Surren ertönte und der Mann trat ein.

 

 

 

Wortlos ließ Chiara Terri in ihre Wohnung. Sie war ungekämmt und trug einen leichten Morgenmantel über ihrem kurzen Seidenpyjama. Der Mantel bestand aus hauchzarter Spitze, die mehr durchschimmern ließ als verhüllte. Ein Alibi-Kleidungsstück. Angesichts der aktuellen Temperaturen durchaus passend. Fahrig bemühte sich Chiara, ihre wirren Haare mit den Händen ein wenig in Form zu bringen.

 

„Lass es.“ Terri lächelte. „Du siehst ungekämmt verdammt gut aus. Der Hauch von Nacht steht dir.“ Er wurde ernst. „Kannst du uns bisschen Musik anmachen?“ Sie zögerte. „Der Romantik wegen!“ Sie brauchte einen Moment, bis sie verstand. Er hatte sie aus dem Schlaf geklingelt, machte Komplimente und nun … wurde ihr klar, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Und er rechnete mit weitaus Schlimmerem. Sonst wäre er nicht allen Warnungen und Großstadtphobien zum Trotz persönlich in Manhattan aufgekreuzt. Unangemeldet. Gewissermaßen mitten in der Nacht. Sie sprang auf und suchte eine CD.

 

„Was hältst du von Frank Sinatra?“

 

„Passt.“ Die markante Stimme füllte den Raum mit ihrem rauchigen Timbre. Falls jemand mithörte, hörte er „New York, New York“

 

„Was ist passiert, Terri?“ Er warf ihr die Zeitungen auf den Tisch. „New Yorker Hacker in Amsterdam tot aus dem Kanal gefischt“. Unter der Schlagzeile ein großes Foto des Opfers. Das zweite Blatt titelte „Schon die zweite Leiche: Simon Brown regelrecht hingerichtet! Polizei vermutet Mafia-Fehde“. Chiara erbleichte.

 

„Ich hab’s geahnt.“ Lange sahen sie einander schweigend an. Die junge Frau überkam das Bedürfnis, sich anzuschmiegen, Trost zu suchen. Terri Matisse nahm sie in den Arm, streichelte sie. Als er dem Mädchen vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet war, versuchte sie die Eiskalte zu spielen. Fremden gegenüber gab sie sich bis heute so. Das war ihre Art, sich unangreifbar zu machen. Ihr Panzer. Ihr Schutz vor einer Welt, die ihr feindlich entgegentrat, in der sie sich durchsetzen musste. Jedenfalls glaubte sie das. In dem Punkt hatte er sie schnell durchschaut. Warum das so war? Er hatte sie nie gefragt. Sie hatte nie etwas gesagt. Was wusste er von dieser Frau, die nun so zerbrechlich in seinem Arm lag? Was hatte sie durchgemacht, bevor sie gemeinsam diesen Coup starteten? Diesen Coup, der ihr Leben veränderte, der ihnen beiden eine unglaubliche Freiheit schenkte. Und zugleich neue Mauern schuf, in denen sie gefangen saßen, aus denen sie nicht ausbrechen konnten.

 

Nichts. Nichts wusste er von ihr. Manchmal bedauerte Terri das. Aber es war besser so. Sie taugte nichts, diese Nähe. Das spürte er. Zu viel Gefühl. Gefühl macht verletzlich. Chiara hob den Kopf.

 

„War er’s?“

 

„Paul?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist nicht sein Stil. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt jemals getötet hat.“ Chiara rückte ein Stück von ihm ab.

 

„Magst du einen Drink? Ich mach mir einen Kaffee.“

 

„Für mich das Gleiche, bitte.“

 

„Setz dich da in den Sessel. Wenn ich zurückkomme, gibt‘s Frühstück.“ Henri ließ sich in das tiefe, weiche Sitzmöbel fallen. Der samtige Bezug vermittelte Geborgenheit. Es fühlte sich an, als flüstere eine leise Stimme „Bleib bei mir. Ich lass dich nie wieder fort. Was immer draußen geschieht, bei mir geht es dir gut.“ Ja. Das war es. Das passte zu Chiara. Die gelernte Innenarchitektin hatte ihre geschmackvolle Einrichtung genau nach diesem Prinzip ausgewählt. So wie sie lebte, wohnte sie. Draußen war draußen und drinnen drin. My home is my castle. Ein Fluchtpunkt. Hielt er es anders? Nein. Nur dass das alte Farmhaus seiner Familie weitläufiger angelegt war. Dafür lag es entschieden einsamer als Chiaras New Yorker Wohnung. Vermutlich verband sie mehr miteinander, als er es für möglich gehalten hatte.

 

 

 

Die Kaffeemaschine blubberte. Im Bad rauschte die Dusche. Frank Sinatra röhrte „I did it my way!“

 

„Kannst du bitte nach den Bagels schaun?“ Ein nasser Wuschelkopf schob sich durch die Badezimmertür. „Ich habe sie in den Toaster gesteckt. Kann sein, ich hab sie zu lange eingestellt. Nicht, dass sie anbrennen.“ Terri erhob sich widerstrebend.

 

„Soll ich uns Eier braten?“ fragte er.

 

„Wenn du im Kühlschrank welche findest. Müsste auch Honig, Butter und Cheddar da sein. Den Cheddar kannst du mit unter die Eier rühren, falls du magst.“ Terri mochte. Seine Familie war vor vielen Generationen von Frankreich nach Louisiana ausgewandert. Manche Gewohnheit aus der alten Welt hatte die Zeit lange überdauert. Zum Beispiel das Frühstück. Sein Vater legte stets Wert darauf, frühmorgens süße Croissants zu dünnem Milchkaffee zu bekommen. Terri hatte sich damit nie anfreunden können. Er liebte die herzhafte amerikanische Küche. Zu seiner Freude entdeckte er in Chiaras Kühlschrank zwei fast frische Paprika. Herz, was willst du mehr?

 

Bald zog eine Symphonie appetitlicher Düfte durch das Zimmer, die eine geradezu aphrodisierende Wirkung auf den Mann ausübte. Zum Kaffee und dem Bratenduft gesellte sich eine fruchtig-blumige Note aus Mango und Hibiskus, die von der weichen, feucht schimmernden Haut Chiaras ausging. Gehüllt in einen Bademantel, ihr langes dunkles Haar in einen Handtuchturban gewickelt, hockte sie mit angezogenen Beinen nachdenklich in ihrem Sessel und stocherte mit einer Gabel im Rührei.

 

„Wenn er es nicht war, wer dann? Oder glaubst du an Zufall?“

 

„So, wie es die Polizei in die Presse lanciert hat, glauben die zumindest nicht an einen Zufall. Allerdings haben sie keinen Schimmer, wie der ukrainische Hehler zum amerikanischen Hacker passt. Wenn sie den holländischen Makler erwischen, finden sie womöglich das fehlende Puzzleteilchen.“

 

„Werden sie Paul erwischen?“ Terri trank einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Sehr langsam ließ er ihn über die Zunge gleiten. Chiaras Kaffee musste man in kleinen Schlucken genießen. Er war stark. Das Mädel wusste, wie richtiger Kaffee schmecken sollte.

 

„Hast gut dosiert!“ lobte er. „So mag ich das Zeug.“

 

„Ich hab dich was gefragt. Was ist mit Paul?“

 

„Er ist abgetaucht. Wir sollen zu ihm kommen. Schnellstens.“

 

„Bitte? Hast du mit ihm telefoniert? Ich denk, das ist gefährlich?“ Terri schüttelte den Kopf. „E-Mail?“ Erneutes Kopfschütteln. „Fax? Brief?“

 

„Hab ich gesagt ‚Absolutes Kommunikationsverbot!‘ oder hab ich das nicht gesagt? Ich halte mich daran. Ein Brief wäre übrigens längst nicht hier.“

 

„Und woher weißt du, dass er abgetaucht ist und dass wir kommen sollen?“ Sie richtete sich auf. „Und wenn er abgetaucht ist, woher willst du wissen, wo wir ihn finden?“ Terri grinste. Chiara fand das unfair. Sie zermarterte sich den Kopf und der Kerl schien sich einen Jux daraus zu machen! Was sollte das?

 

„Ah, verstehe. Einsetzender Altersschwachsinn.“ Wütend knallte sie den Teller auf den Tisch. Eireste und Brotkrümel flogen auf den Teppich. „Wenn du mich verarschen willst, sag’s gleich! Hab ich keinen Bock drauf.“ Sie stand auf und ging zum Fenster.

 

„Ach ihr jungen Dinger!“ Kopfschüttelnd trat Terri hinter sie. Er betrachtete die sanften Linien ihres schlanken Halses. So nah wurde der Duft der Frau fast unerträglich. Terri riss sich zusammen. Er reichte ihr eine der Zeitungen. Es gibt ganz wunderbar altmodische Methoden. Zum Glück kennt die von den heutigen Bullen kaum jemand mehr.“ Chiara griff nach dem Blatt.

 

„Und?“ fragte sie verständnislos.

 

„Schlag die Todesanzeigen auf. Rechte Seite ganz unten.“ Chiara las:

 

„Nach langer Krankheit verstarb im Alter von 99 Jahren unsere Oma, Mutti und Schwester C.C. Córdoba. Die Beerdigung findet am kommenden Freitag, 10.00 Uhr in der Kathedrale statt. R.I.P. Im Namen der gesamten Familie, P.V. Córdoba“         

 

„Was soll das?“

 

„Unser Notfall-Code. Damit wir wissen, dass wir gemeint sind, taucht die Jahreszahl 99 auf und der Vorname C.C. Das heißt: Cannes Chopard. Danach folgt der Ort des Treffens. Córdoba. Der wird am Schluss noch einmal wiederholt, um sicher zu gehen, dass nicht zufällig jemand anders die gleichen Initialen gebraucht. Vor der Wiederholung steht der Name des Absenders. P.V. - Paul Vandenberg. Und zwischen den beiden Angaben werden Treffpunkt und Uhrzeit präzisiert. Ganz einfach.“

 

„Ganz einfach? Welcher halbwegs normale Mensch abonniert denn heutzutage eine Zeitung und liest Todesanzeigen? Und warum habe ich nicht so einen Notfall-Code?“

 

„Weil du keine Zeitung abonnierst und keine Todesanzeigen liest.“ Terri musste lachen, als er in ihr verdutztes Gesicht sah. „Außerdem kriegen wir das hier in den Staaten auch ganz persönlich hin, hab ich mir gedacht. So wie eben gerade jetzt zum Beispiel.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Vormittag. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, sah ihm in die Augen und flüsterte:

 

„Du alter Gauner.“

 

„Hab ich nie bestritten.“ Er griff nach dem Gürtel ihres Bademantels und löste die Schlaufe. Ihre Lippen kamen seinen so nah wie nie zuvor. Bevor sie zusammenstießen, hielt er kurz inne und runzelte die Stirn. „Ähm, meinst du nicht, dass Sinatra für heute genug geleistet hat? ‚New York, New York‘ läuft mindestens die dritte Runde. Ich glaub, ich könnte etwas Abwechslung brauchen.“

 

„Kriegst du“, murmelte sie. „Gleich. Wart’s ab!“    

 

 

 

Atemlose Stille lag über der Stadt. Nicht der leiseste Hauch bewegte sich. In der Glut der andalusischen Sonne verdichtete sich die Luft zu einer kompakten, gallertartigen Masse. Man hätte mit einem Messer kleine Würfel herausschneiden und auf einen Teller legen können. Sie wären nicht zerlaufen. So erlebte ich meine erste Siesta in Córdoba. Atmen fühlte sich an, als söge ich glühendes Eisen durch die Kehle. Kein halbwegs vernunftbegabtes Wesen wäre auf die Idee gekommen, um diese nachmittägliche Stunde durch die engen Gassen zu bummeln. Abgesehen von ein paar frisch eingetroffenen Touristen. Aber diese neunmalklugen Besserwisser würden spätestens in einer Stunde mit einem feuchten Tuch auf der Stirn da liegen, wo jeder Spanier und selbst Corinne und ich uns längst ausgebreitet hatten: auf dem Bett. Mit dem Unterschied, dass diese Leute dann Kopfschmerzen hatten und Durchfall und andere schöne Symptome kompletter Überhitzung aufwiesen.

 

Nun, möglicherweise war auch uns beiden bei der Anreise ein Fehler unterlaufen. Um die alte Metropole des spanischen Kalifenreiches mit allen Sinnen genießen zu können und möglichst zu Fuß jedes unserer Ziele zu erreichen, verzichteten wir darauf, Quartier in einem der gut klimatisierten großen Hotels am Rande der Stadt zu beziehen! Wir fanden eine kleine denkmalgeschützte Pension mitten im Zentrum. Im Judenviertel, unweit der Mesquita. In der gab es logischerweise keinen Air Conditioner. Wobei man den spätmittelalterlichen Architekten das Kompliment machen musste, alle natürlichen Möglichkeiten der Klimatisierung ausgenutzt zu haben.

 

Von außen ließ ein Mosaik aus farbigen Kacheln, Säulenresten der Römerzeit und weißgetünchtem Lehm der Sonne keinen Zutritt zum Haus. Betrat der Gast jedoch durch ein schmales Portal den Innenhof, empfing ihn ein Paradiesgarten aus Treppen und offenen Balustraden, die Schatten spendeten und gleichzeitig tatsächlich so etwas wie einen sanften Luftzug von Boden zum Himmel erzeugten, ausgelöst von der Hitze, die sich im Zentrum auf den fast glühenden Steinplatten staute. Rundum an Wänden, Säulen und Geländern hingen und standen hunderte Blumentöpfe. Regelmäßig und reichlich bewässert produzierten sie eine unglaubliche Blütenpracht. Der gesamte Hof duftete und leuchtete in den kräftigsten Farbtönen. Architektur und Pflanzen verbanden sich in sinnvoller gegenseitiger Ergänzung und schufen eine beschwingte Atmosphäre, die sich bis in die angrenzenden Gästezimmer zog und die Hitze vergessen ließ. Jedenfalls, solange man neben dem Bett einen eisgekühlten Drink stehen hatte und sich um Gottes Willen keinen Zentimeter bewegte.                    Am frühen Abend, als die Kraft der Sonne etwas nachließ, mieteten wir uns eine offene Kutsche und erkundeten die Stadt.

 

Córdoba gehört zweifellos zu den bemerkenswertesten Zeugnissen sowohl abendländischer als auch morgenländischer Baukunst. Das Vermächtnis der großartigen Hinterlassenschaft iberischer, römischer und frühmittelalterlich germanischer Bauherren verbindet sich auf geradezu geniale Weise mit den Bauten der arabischen Kalifen. Und diese Zeit der muslimischen Herrscher war mitnichten von religiösen Eiferern geprägt, wie man es aus heutiger Sicht vermuten könnte. Ganz im Gegenteil. Die Kalifen hegten und pflegten das zarte Pflänzlein der Toleranz zum Wohle ihrer Untertanen. Muslimische Ärzte entwickelten ihre Kunst im geistigen Austausch mit jüdischen Philosophen und christlichen Händlern. Synagogen und Kirchen wurden im Schatten der Minarette geduldet und gefördert. Im zehnten Jahrhundert unterhielt der Kalif einen intensiven diplomatischen Kontakt zum Reich Ottos, des Großen in Deutschland. Regelmäßig besuchten hochrangige arabische Delegationen aus Córdoba die Hoftage des Kaisers in Quedlinburg, Aachen oder Rom und überbrachten vielbestaunte Geschenke. Umgekehrt war sich Otto nicht zu fein, dem muslimischen Kalifen mitunter seine zumindest moralische Unterstützung selbst gegen christliche Widersacher zuzusichern. Ein Austausch kluger Köpfe zum Zwecke philosophischer und theologischer Dispute ist belegt.

 

Baukünstlerisch änderten die katholischen Könige Spaniens später wenig am Konzept ihrer Vorgänger. Sie erhielten die große Moschee, die Mesquita und nutzten sie, indem sie ihre Kathedrale schlicht und ergreifend mittenhinein setzten. Das Judenviertel mit seinen schmalen Häusern und verwinkelten Gassen bildet bis heute einen phantastischen Kontrast zur Weitläufigkeit der Bauten am breiten Guadalquivir-Strom. Córdoba erinnert an Träume von einer besseren Welt, an Märchen aus Tausendundeiner Nacht, in der das Gute am Ende siegt. So empfanden wir die alte Stadt.

 

 

 

Das Leben in Andalusien beginnt im Allgemeinen erst dann richtig, wenn in Gibraltar die Läden schließen. Wobei der genaue Zeitpunkt für den Start südspanischer Geschäftstätigkeit äußerst variabel ist. Meist öffnen die ersten ihre Türen und Fensterläden irgendwann zwischen Fünf und Sechs am Abend. Manche folgen erst erheblich später. Zwischen Acht und Neun füllen sich Straßen und Gassen mit ausgeschlafenen Menschen und ab etwa 22.00 Uhr brodelt das Leben. Man trifft sich mit Freunden, tafelt und lacht. Eine schrill quietschende Kindereisenbahn dreht irgendwo bis weit nach Mitternacht ihre Runden. Wer es gewohnt ist, früher als gegen zwei Uhr morgens zu Bett zu gehen, hat hier unter Umständen schlechte Karten. Je nachdem, in welche Richtung sich die Fenster seines Schlafzimmers öffnen.

 

Corinne und ich passten uns dem veränderten Lebensrhythmus rasch an. Die Dunkelheit und das fröhliche Treiben erleichterten unsere Suche nach besagter Stecknadel. Ohne sonderlich aufzufallen, schoben wir uns mit anderen Touristen durch die Straßen und Gassen. Das Postkartenmotiv, das ich bei George Campbell gesehen hatte, konnten wir bereits von der Kutsche aus entdecken. Es war der alte Prachtbau der Mesquita. Gut möglich, dass sich der Juwelier dort drin mit Interessenten zu treffen pflegte. Soweit ich einschlägigen Reiseführern entnahm, war das Gebäude weitläufig genug, um in entlegenen Winkeln unauffällig und als Tourist getarnt Geschäfte abzuwickeln. Allerdings gehörte die Kathedrale zu jenen wenigen öffentlichen Gebäuden der Stadt, die nachts nicht geöffnet blieben. Die Sicherheit der Kunstschätze besaß Vorrang. Es war sowieso kaum zu erwarten, dass unser Schmuckhändler ständig in dem Ding hockte. Ihn dort zu erwischen, wäre ein sehr, sehr glücklicher Zufall.

 

Weswegen wir uns zunächst wieder um Juwelier- und Antiquitätengeschäfte kümmerten. Vielleicht lief uns Mister Campbell irgendwo über den Weg. Über eines war ich mir mit Corinne dabei absolut einig: Wenn überhaupt, dann würden wir nur in der Altstadt fündig werden. Wir hielten es für ausgeschlossen, dass Brillanten-Hehler in modernen Büros an breiten Ausfallstraßen arbeiteten. Möglicherweise hatten sie dorthin ihre Buchhaltung ausgelagert. Sie beschäftigten bestimmt Heerscharen von Steuerberatern und Anwälten in solchen Häusern. Aber die kaufkräftige Kundschaft, die das Besondere an einem besonderen Ort suchte, legte Wert auf die Anonymität der Menschenmenge in pittoresken Gässchen wie der Calleja de las Flores oder rund um die Synagoge.                 

 

Es wäre vermessen gewesen, sofort durchschlagende Erfolge zu erwarten. Immerhin fanden wir einige Geschäfte, in denen wir uns einen George Campbell gut vorstellen konnten. Wir beschlossen, nach und nach jeden unserer Kandidaten gründlich zu observieren. Corinne begann umgehend, sich neue Sonnenhüte zuzulegen. Zur Tarnung. Einer auffälliger als der andere. An diesem Ort eine zweifellos erfolgversprechende Strategie. Sie würde sich in nahe Cafés setzen, Eis essen, Zeitschriften lesen und beobachten. Ich nahm mir vor, stets ein wenig herumzulaufen und nur dann und wann stehen zu bleiben. Und natürlich wollten wir unbedingt die Mesquita besuchen!

 

 

 

Inspektor Jones saß an seinem Schreibtisch und betrachtete den Zettel. Er drehte und wendete ihn. Es wollte ihm nichts Besonderes daran auffallen. Die Spurensicherung hatte ihn untersucht. Keine Fingerabdrücke. Die krakelige Schrift ließ sich keiner bekannten Handschrift zuordnen. Jedenfalls keiner Schriftprobe aus Gibraltar. Die Botschaft allerdings klang eindeutig:

 

„Hall und Blair haben Campbell. Angriff mit Betäubungspfeilen war fingiert. Campbell nach Córdoba entführt. Lockvogel für Vandenberg. Sollen dort wie Männer in Holland getötet werden. Die Deutschen gehören zur PINK PANTER Gruppe, die Cannes Brillanten geraubt hat. Wollen ihre Cumpane umbringen, um sich verbliebene Beute unter Nagel zu reißen und Spuren zu verwischen. Falle für Freitag 10.00 Uhr in der Mesquita gestellt. Ein Freund der Gerechtigkeit“

 

Ein schlechter Scherz oder bitterer Ernst? Natürlich war ihm selbst schon der Gedanke gekommen, dass der Überfall auf dem Berg ein Trick sein konnte, um von den wahren Absichten der Beiden abzulenken. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Patrone gegen den Fels zu schlagen, die zweite Frau Blair in den Arm zu stechen und dann zu warten. Allerdings hätten sie Campbell auch ohne solchen Aufwand entführen können. Und die Morde in Amsterdam? Tja. Nichts ist unmöglich. Von Sevilla nach Amsterdam und zurück gingen viele Flüge. Von anderen spanischen Flughäfen ebenfalls. Zeitlich wäre es möglich. Alle Passagierlisten zu prüfen würde Tage dauern. Durfte er das Risiko eingehen? Zumal ausdrücklich Vandenberg aus Amsterdam erwähnt war. Das konnte nur ein Insider wissen. Es blieb ihm nichts weiter übrig; er musste die ungeliebten Partner in Spanien über den Hinweis von diesem „Freund der Gerechtigkeit“ in Kenntnis setzen. In der Hoffnung, sich nicht bis auf die Knochen zu blamieren.     

 

 

 

Die Mesquita von Córdoba ist keine einfache Kirche oder Moschee. Sie ist eine Welt für sich. Als Moschee auf den Grundmauern der westgotischen Kirche San Vicente errichtet, arbeiteten an ihr arabische und christliche Baumeister oft Hand in Hand. Die Kalifen von Córdoba nutzten römische Säulen und ließen sich vom Kaiser aus Byzanz wertvolle Baustoffe senden. Durch die Jahrhunderte immer wieder erweitert, entstand ein Wald aus Pfeilern und Bögen, der sich in alle Himmelsrichtungen schier endlos dehnt. Mittendrin erhebt sich der barocke Prunkbau der neuen Kirche und schwingt über die mittelalterlichen Dächer hinaus. 

 

Atemlos wanderten Corinne und ich Hand in Hand durch dieses Märchenschloss. Stunden hätten wir in der gewaltigen Halle zubringen können, wären wir nicht aus einem anderen Grund nach Córdoba gekommen.

 

Nun, auch wenn die Observierung auf Dauer ein eintöniges und nervenzehrendes Geschäft war, wir kamen unserem Ziel näher. In einem der Läden glaubte ich einen Mann gesehen zu haben, der von weitem unserem Mister Campbell sehr ähnelte. Allerdings verschwand er zu schnell, als dass ich ihn dingfest machen konnte. Das war am Mittwoch. Folglich bezogen wir Donnerstag an beiden Enden der Gasse, in der sich das Geschäft befand, unsere Beobachtungsposten. Der Vormittag verlief weitgehend ereignislos. Gegen Mittag allerdings, ich wollte gerade meine Zelte abbrechen und Corinne zur Siesta abholen, passierte etwas. Ein kleiner Junge kam auf mich zu gelaufen, überreichte mir einen Zettel und rannte davon. Der Zettel enthielt eine Botschaft, die mit krakeliger Handschrift in englischer Sprache abgefasst war. Sie lautete:

 

„Kommen Sie morgen beide um 9.00 Uhr in die Mesquita. In der Nähe der Maksura werden Sie mich finden. Ein Freund.“

 

Was sollte das? Wer konnte von unserem Plan wissen? Wer hatte uns erkannt? Campbell? Waren wir so auffällig vorgegangen, dass man uns zu allem Überfluss als „beide“ identifiziert hatte? Was tun? Zur Polizei gehen? Mit so einem albernen Zettel? Wir entschieden uns für getrennte Wege. Ich würde der Aufforderung folgen. Corinne sollte in unserer Pension auf mich warten und wenn ich bis halb Elf nicht zurück wäre, die Polizei alarmieren.

 

Gesagt, getan. Pünktlich um Neun öffnete die Mesquita ihre Pforten. Ich gehörte zu den ersten Touristen, die sie betraten. Sehr vorsichtig in großem Bogen näherte ich mich der Maksura. Die Maksura ist ein besonders prächtig geschmückter Teil der alten Moschee. Unter ihren Gewölben fanden sich der jeweils herrschende Kalif und seine männlichen Verwandten ein, wenn der Muezzin vom Minarett zum Gebet rief. Da sich die Maksura relativ zentral in der riesigen Halle und außerdem im Schatten der barocken Kirche befindet, ist es dort ein wenig dunkler als im Rest des Hauses. Ich nutzte diesen Vorteil, mich möglichst unauffällig von Säule zu Säule zu schleichen. Bis mich etwas in den Hals stach. Mir wurde schwarz vor Augen.

 

Ich wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als ich erwachte. Mühsam versuchte ich, mich zu orientieren. Zum Glück lehnte ich an einer Säule, denn die Welt um mich herum schwankte. Ich brauchte einige Minuten, bis ich wieder klar denken konnte. Ich musste mich in einem der Haupthalle angrenzenden Raum befinden. Die Stimmen die ich hörte, klangen ziemlich weit entfernt. Irgendetwas hielt ich in den Händen. Ich hob es mir vor die Augen und erstarrte. In einer Hand trug ich eine Art Patronentasche, an der ein kurzes Blasrohr baumelte, in der anderen eine Pistole mit Schalldämpfer. Ich sprang auf. Wobei ich an etwas Weiches stieß, das neben mir an der Säule lehnte. Ich sah nach unten. Es war Campbell, die Hände hinterm Rücken zusammengebunden mit einem wunderschönen kreisrunden Loch in der Stirn. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich an. Die Augen des Todes. Schulter an Schulter mit ihm saß ein mir unbekannter Mann, den jemand in gleicher Weise zugerichtet hatte. Sollte das Vandenberg …? Irritiert betrachtete ich die beiden Leichen. Und ich hielt vermutlich die Waffen in der Hand, mit denen sie getötet worden waren. Das hieß … oh Gott! Ich musste fliehen!

 

Bevor ich endlich so weit kam, die ganze Tragweite der Situation zu erfassen, war es bereits zu spät. Polizisten mit gezogenen Revolvern stürzten in den Raum und schrien wild gestikulierend etwas auf Spanisch. Obwohl ich ein paar Brocken dieser Sprache spreche, verstand ich kein Wort. Was nichts machte, denn die Gesten der Männer waren eindeutig. Ich ließ die Waffe fallen. Im nächsten Moment wurde ich zu Boden gestoßen. Sie drehten mir die Hände auf den Rücken, Handschellen klickten.

 

Anders als bei meinem Eintritt war die Mesquita jetzt menschenleer. Lediglich etliche Uniformierte, einige davon mit Maschinenpistolen ausgestattet, patroulierten im Raum. Im Eingang erschienen Mitarbeiter der Spurensicherung.

 

Beim Betreten des Hofes blendete mich das Tageslicht mehr als gewöhnlich. Das musste an der Restwirkung der Spritze liegen. Ich fühlte mich nach wie vor unsicher auf den Beinen. Immerhin nahm ich die Gaffer wahr, die mich auf meinem Weg zum Polizeifahrzeug beobachteten. Unter einem gigantischen Sonnenhut erkannte ich Corinne. Das leichtsinnige Ding hatte sich also nicht an unsere Absprache gehalten und war mir gefolgt. Ich versuchte, nicht hinzusehen. Die Polizei sollte nicht vor der Zeit auf sie aufmerksam werden. Vielleicht konnte sie über das deutsche Konsulat Hilfe organisieren.

 

Bevor sich die Tür des Wagens vor meiner Nase schloss, bemerkte ich in ihrer unmittelbaren Nähe ein merkwürdiges Pärchen, das nicht direkt wie die üblichen Urlauber wirkte. Die junge Frau, eine dunkelhaarige, schlanke Schönheit, mochte in Corinnes Alter sein. Vielleicht etwas jünger. Der Mann neben ihr, ein sportlicher Typ, war deutlich älter als sie. Sie hätten Vater und Tochter sein können, aber das glaubte ich nicht. Die Art, wie sie seinen Arm ergriff und ihm etwas zuflüsterte, passte nicht zu einer Tochter. Die beiden fielen mir vor allem deshalb auf, weil ihre Gesichter im Gegensatz zu denen aller anderen Leute am Straßenrand keine offensichtliche Neugier zeigten, sondern ehrliches Entsetzen. Unser Streifenwagen setzte sich in Bewegung.        

 

 

 

Corinne waren die beiden schon früher aufgefallen. Sie hatte es nach einer halben Stunde in ihrem Zimmer nicht mehr ausgehalten und schlenderte zum Handwerkermarkt. Von diesem Markt und seinen umliegenden Gassen aus konnte sie den Eingangsbereich zum Hof der Kathedrale im Blick behalten, ohne sich direkt davor stellen zu müssen. Unter den Besuchern der verschiedenen Lädchen und Verkaufsstände befand sich besagtes Pärchen. Interessanterweise benahm es sich ganz ähnlich wie Corinne. Die Zwei waren Engländer oder Amerikaner, der Sprache nach. Corinne hörte die feinen Unterschiede im Dialekt nie heraus. Nach einer Weile ließen sie die kunsthandwerklichen Angebote links liegen und näherten sich der Mesquita. Weshalb die junge Frau und ihr älterer Begleiter Corinnes Argwohn erweckten, war vor allem die Tatsache, dass sie sich scheinbar sehr intensiv über architektonische Details des Gebäudes unterhielten, dabei auch immer wieder eine einschlägige Broschüre konsultierten, in Wirklichkeit jedoch permanent den gesamten Platz mit Argusaugen beobachteten und jeden Passanten misstrauisch musterten.    

 

Um nun selbst möglichst wenig aufzufallen, zog sich die Malerin in eine nahegelegene Taverne zurück, zückte ihren Skizzenblock und begann, bei einer Tasse Cappuccino das Treiben auf dem Platz zu zeichnen. Es machte Freude, sich die unterschiedlichsten Menschen anzuschauen und den einen oder anderen zu porträtieren. Das reinste Schaulaufen. Dicke, dürre, lange, kurze, braungebrannte Südländer und krebsrote Besucher aus dem Norden. Junge Mädchen, alte Frauen. Corinne bemerkte amüsiert und mit einer gewissen persönlichen Befriedigung, dass speziell die spanischen Frauen dazu neigten, mit zunehmendem Alter bedeutend deutlicher in die Breite zu gehen, als sie das aus Deutschland kannte. Mehrere der Händlerinnen und einheimischen Besucherinnen wiesen gewisse Ähnlichkeiten mit ihrer neuen Bekannten aus Gibraltar auf. Klein, rund aber ungeheuer vital. Wohingegen sich Beispiele des bekannten Klischees von der schlanken, stolzen, unnahbaren Spanierin eher seltener fanden. Jedenfalls auf dem Handwerkermarkt. Vielleicht war es auch der falsche Platz für solche Frauen. Am ehesten hätte noch besagte dunkelhaarige Touristin dazu gepasst. Wieder und wieder flanierte sie mit ihrem Partner über den Platz. So, als ob sie auf etwas warteten.  

 

Es ging auf zehn Uhr zu. Mit einem Mal kam Bewegung in die Menge. Polizisten tauchten auf. Männer in Uniform und Zivilisten, die sich in den Ecken des Platzes postierten und scharf Ausschau hielt. Das merkwürdige Pärchen, eben hatte es sich langsam in Richtung des Einganges zur Mesquita in Bewegung gesetzt, änderte abrupt seine Laufrichtung und steuerte auf Corinnes Taverne zu. Sie nahmen am Nachbartisch Platz. Wie die Malerin beobachteten sie von hier aus das weitere Geschehen. Und dieses Geschehen nahm in den nächsten Minuten dramatische Ausmaße an. Corinne bekam es mit der Angst zu tun.

 

Als erstes blockierten die Polizisten den Haupteingang zum Hof der Kathedrale. Sie ließen lediglich eine schmale Gasse frei. Durch den so entstehenden Korridor strömten von drinnen lautstark gestikulierende Besucher hastig nach draußen. Offenbar hatte man sie sehr energisch aufgefordert, umgehend das Gebäude zu verlassen. Jeder von ihnen wurde peinlich genau überprüft. Zuletzt schoben sich Streifenwagen durch die Menschenmenge und bildeten eine Art Riegel.

 

Weil sich hinter diesem Riegel eine dichte Menge von Schaulustigen einfand und ihr die Sicht versperrte, hielt es Corinne nicht mehr auf ihrem Sitz. Dort, in der gaffenden Masse würde sie kaum auffallen. Jetzt machte sich eher verdächtig, wer keinen Anteil nahm. Das Pärchen kam zum gleichen Schluss.

 

Als die Polizisten den taumelnden, mit Handschellen gefesselten Martin herausführten, hätte Corinne schreien mögen. Sie musste sich heftig auf die Lippen beißen. Fieberhaft überlegte sie, was zu tun sei. Sie sah, dass ihr Mäuschen sie bemerkte. Worauf er bewusst desinteressiert den Kopf abwandte. Das konnte nur eines bedeuten: Sie sollte Ruhe bewahren und abwarten. Nicht einmischen. Wer konnte in so einem Fall helfen? Vielleicht das Konsulat? Vorher musste sie aber in Erfahrung bringen, was man ihm vorwarf. Es dauerte nicht lange, bis zumindest gewisse Gerüchte die Runde machten. Von einem Bandenkrieg war die Rede. Zwei Leichenwagen fuhren vor. Ein Uniformierter in ihrer Nähe, ein junger Mann, der ganz offensichtlich sehr stolz war, zur Staatsmacht zu gehören, konnte es sich nicht verkneifen, auf mehrfache Anfragen hin kurz und knapp zu erklären, dass der Verhaftete mutmaßlich ein Mörder sei und in der Mesquita zwei Männer regelrecht hingerichtet hätte. Einen Engländer und einen Holländer. Genaueres wisse er nicht.

 

Die dunkelhaarige Frau, die jetzt unmittelbar neben Corinne stand, übersetzte die Worte ihrem Partner ins Englische. Und obgleich der Malerin selbst das Herz bis zum Hals schlug und sie einer Panikattacke nahe war, registrierte sie bei ihrer Nachbarin ähnliche Emotionen. Unter der unnahbaren Maske kochte es. In ihren Augenwinkeln zuckte es verräterisch. Was allerdings vermutlich nur ihr auffiel, weil sie der Lady so nahe stand und sie schon vorher beobachtet hatte. Selbst der ruhig souverän auftretende ältere Herr an ihrer Seite konnte eine gewisse Nervosität nicht völlig verleugnen. Wobei Nervosität vielleicht der falsche Begriff war. Corinne suchte nach einem passenderen Wort. Fassungslosigkeit. Genau, Fassungslosigkeit! Das seltsame Pärchen beobachtete die Ereignisse mit nur schwer unterdrückter Fassungslosigkeit. Der selbsternannten Anwaltsassistentin schwante, dass es nicht verkehrt sein könnte, die Beiden im Auge zu behalten.

 

Sie kehrte zur Taverne zurück. Ihr Platz war noch frei. Sie griff wieder zum Skizzenblock. Das Paar folgte ihr. Zögernd zunächst, weil es Corinnes Blicke gespürt hatte. Als die Beiden feststellten, dass die Frau mit dem auffälligen Hut weiter ihrer vorher begonnenen Tätigkeit nachging, beruhigten sie sich und setzten sich mit freundlichem Nicken ebenfalls an ihren angestammten Tisch. Corinne nickte lächelnd zurück.

 

 

 

Zuerst redeten sie gar nicht. Sie bestellten etwas zu trinken, eine leichte Mahlzeit. Anschließend starrten sie lange unbewegt über den sich leerenden Handwerkermarkt. Terri versuchte, den Vorfall in irgendeinen für ihn logischen Zusammenhang zu stellen. Er glaubte nicht an Zufälle. Jedenfalls nicht, wenn sie derart gehäuft auftraten. Dass es sich bei den Toten um Paul Vandenberg und einen seiner Geschäftspartner handeln musste, schien ihm zwangsläufig. Sonst wäre Paul längst bei ihnen aufgekreuzt. Also blieb nur die Möglichkeit, dass es sich um eine Falle gehandelt hatte. Nur: Von wem? Und für wen? Da Paul sie für diese Zeit hierher bestellt hatte, konnte es sein, dass auch Chiara und er in die Falle hätten gehen sollen. Nur aus welchem Grund? Alle konkreten geschäftlichen Dinge wickelte Paul allein ab. Mehr oder weniger, sah man einmal von diesem mysteriösen Calderón ab, den er erwähnt hatte. Selbst wenn jemand wusste oder ahnte, dass Paul in den Staaten Freunde besaß, welchen Nutzen sollte es für ihn haben, diese hierher zu beordern, um sie dann abzuknallen? Und wenn das alles so präzise geplant war, warum rollten die Bullen hier dann so prompt mit großem Aufgebot an und fassten einen Mörder auf frischer Tat? Und zwar rechtzeitig zum vereinbarten Zeitpunkt? Falsch, vor dem vereinbarten Zeitpunkt. Sie mussten einen Tipp bekommen haben. Von wem? Terri rückte näher an Chiaras Ohr.

 

„Ich glaube, hier ist irgendetwas komplett schief gelaufen. Das ergibt für mich alles keinen Sinn.“

 

„Für mich schon. Ich habe den Eindruck, wir sollten genau zu diesem Zeitpunkt hier sein und die Show miterleben.“

 

„Meinst du? Warum?“

 

„Vielleicht, um uns mitzuteilen, dass es auch uns jederzeit treffen könnte.“

 

„Wer sollte das wollen? Und wenn dem so wäre, dann müsste sich die betreffende Person mit uns in Verbindung setzen, um Forderungen zu stellen. Außerdem versteh ich nicht, warum in so einem Fall der Täter der Polizei einen Mörder auf dem silbernen Tablett präsentiert. Denn dass dieser Typ vorhin die ganze Geschichte allein eingefädelt und sich dann nur zu blöd angestellt hat, glaubst du nicht ernsthaft?“ In seiner Erregung wurde Terri lauter.

 

„Pssst!“ zischte Chiara. Die Malerin am Nebentisch war ihr nicht geheuer. Nicht mehr, seit sie nebeneinander vorn in der Menge gestanden hatten. Chiara kannte die Menschen gut genug, um erschrockene Neugier von atemlosen Schrecken unterscheiden zu können. Weswegen sie zwar nicht glaubte, dass die Frau zu den Auslösern des ganzen Zinnobers gehörte, wohl aber hielt sie es für möglich, dass sie mit der Sache zu tun hatte. Vorsicht schien geboten. Sie griff in ihre Handtasche, holte ein Kosmetikspiegelchen heraus und korrigierte sorgfältig einige Details ihres Makeups. Wobei sie den Spiegel unauffällig drehte, um den Nachbartisch besser beobachten zu können. Die Malerin schenkte ihr keinerlei Beachtung. Sie zeichnete hingebungsvoll am Porträt eines Mannes, der auf der anderen Straßenseite Ansichtskarten und Schnitzereien mit maurischen Motiven verkaufte.

 

Chiara verstaute die Sachen wieder in der Tasche. Wobei sie sich Mühe gab, in den Tiefen dieses typisch weiblichen Universums etwas Ordnung zu schaffen. Nicht, dass ihr im Gedränge jemand die Geldbörse …  Sie stockte. Überrascht veränderten sich ihre Gesichtszüge. Sie zog einen schmalen Briefumschlag heraus.

 

„Hast du mir den in meine Handtasche gesteckt?“ fragte sie Terri.

 

 

 

Dass ich keinen sonderlich erbaulichen Tag erlebte, lässt sich leicht denken. Das einzig Erfreuliche, das ich über die sich anschließende Nacht sagen kann: Ich durfte in einer Einzelzelle nächtigen und musste mich nicht mit irgendwelchen halbstarken Rüpeln herumärgern. Zwischen den Verhören hatte ich ziemlich viel Zeit zum Nachdenken.

 

Dass uns jemand loswerden wollte, war seit Gibraltar klar. Dass dieser jemand absolut skrupellos war, wussten wir seit Igors Tod. Zuletzt musste ich davon ausgehen, dass der Mensch entweder Vandenberg oder Campbell hieß. Beide hatten offenbar etwas mit den Cannes Brillanten zu tun. Jetzt waren beide tot. Mich hatte der Mörder am Leben gelassen. Jedoch nur, um mich in diese völlig absurde Lage zu bringen. Aus welchem Grund? Es musste dem Verbrecher klar sein, dass die Beweise gegen mich auf tönernen Füßen standen. Auch wenn er meine Fingerabdrücke wohlweislich auf allen Waffen hinterlassen, meinen Speichel auf das Blasrohr und viele andere Indizien gut gegen mich in Stellung gebracht hatte, es blieben Gegenargumente. Warum hatte ich einen Einstich im Hals? Warum fanden sich Reste des Betäubungsmittels in meinem Blut? Warum war ich noch am Tatort und versuchte nicht zu fliehen, als die Polizei kam, obwohl die beiden Männer bereits erheblich länger tot waren? Über kurz oder lang würde mich die Polizei dieser Ungereimtheiten wegen auf freien Fuß setzen müssen. Selbst wenn es ein paar Tage dauern würde, bis sie alle Details geprüft hatte.

 

Sollte meine Denunziation nur eine spontane Notvariante gewesen sein, weil Corinne nicht mit mir gekommen war und folglich sie als Zeugin nicht eliminiert werden konnte? Unwahrscheinlich.

 

Ich kam zu dem Schluss, die Sache einmal andersherum zu betrachten. Wem nutzte es, mich ein paar Tage außer Gefecht und die spanische Polizei auf eine falsche Fährte zu setzen? Vor allem eine Polizei, die bisher mit diesem Vorgang nicht das Geringste zu tun hatte? Erst der Doppelmord in der Mesquita hatte diese Polizisten überhaupt auf den Plan gerufen. Wem also und vor allem wozu konnte dieser gewaltige Aufruhr dienen?

 

Ich sah eigentlich nur eine einzige logische Erklärung. Eine Erklärung, der auch mit dem toten Amerikaner in Amsterdam zusammenhängen konnte. Irgendjemand sollte von irgendjemandem gewaltig unter Druck gesetzt werden. Igors Flucht und meine Recherchen waren wahrscheinlich nur die Initialzündung gewesen. Ich hatte einen Schneeball geworfen. Eine Lawine drohte sich zu lösen. Der unvermutet aufkreuzende Ami bewies, dass etwas in Bewegung geriet. Dass etwas ans Licht wollte. Etwas, das jahrelang unter einer frostigen Decke aus Vergessen begraben gelegen hatte. Und derjenige, der nun den Druck aufbaute, war daraufhin zu der Überzeugung gelangt, dass es keinen Sinn hatte, eine Lawine stoppen zu wollen. Viel besser wäre es, diese Lawine kontrolliert abrollen zu lassen. Womit sie sich in ein Instrument verwandelte, das für ihn persönlich Profit abwarf. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass hinterher kein noch so guter Spürhund in dem eisigen Chaos eine einigermaßen brauchbare Spur mehr finden würde. Das klang nach einem perfekten Plan. Nach einem großangelegten Ablenkungsmanöver. Der Mann am Auslöser entschärfte gewissermaßen durch gezielte Sprengung einige tickende Zeitbomben und lenkte die anrollende Lawine dadurch in eine neue, für ihn ungefährlichere Bahn. Im Schatten des Getöses eröffnete sich ihm die Möglichkeit, unbemerkt ganz groß abzukassieren. Ich tippte auf Erpressung. Eine Art Schutzgeld. Die potenziellen Opfer dieser Attacke sollten mir nicht leid tun. Sie hatten mit Sicherheit Dreck am Stecken. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um die Diebe von Cannes. Trotzdem kam ich zu der Ansicht, froh zu sein, nicht in ihrer Haut zu stecken. Denn wenn es sich alles wirklich so verhielt wie ich vermutete, saß der oder den betreffenden Personen der Schrecken jetzt gerade ziemlich tief in den Knochen.

 

Blieb nur die Frage, warum der Killer mich, den Störenfried, der alles ausgelöst hatte, verschonte? Mit meinem Tod wäre das Getöse kaum geringer gewesen und er hätte mich dauerhaft ausgeschaltet. Das Ergebnis wäre fast das gleiche gewesen.

 

Aber eben nur fast. Denn hätte die Polizei drei Leichen gefunden, hätte sie den Mörder gesucht. Großfahndung mit allem Pipapo. Indem er mich als vermeintlichen Mörder auf dem Silbertablett servierte, war der Polizeiarbeit mit meiner Verhaftung vorerst Genüge getan. Er konnte ungestört sein Werk vollenden, die Spuren verwischen und verschwinden. Dass ich wieder frei kam und möglicherweise weiter nach ihm suchen würde, nahm er billigend in Kauf. Offenbar hielt sich der Kerl für clever genug, sowohl mich als auch sämtliche Polizeibeamten abschütteln zu können. Die vergangenen sieben Jahre hatte es schließlich auch funktioniert.       

 

 

 

Wäre ich nun von Beruf Privatdetektiv gewesen, ich hätte gewartet, bis sich der Lärm nach dem Lawinenabgang gelegt hätte. Noch ein wenig die Aufräumarbeiten beobachten. Danach konnte man in Ruhe abwägen, ob es sich lohnte, die Jagd fortzusetzen oder ob es Zeit für ein großes „Schwamm drüber“ wäre. In den finstersten Keller mit den Akten!

 

Bekanntlich verdiente ich mir meine Brötchen jedoch als Anwalt und war meinen Mandanten verpflichtet. Der springende Punkt in der Geschichte aus meiner Sicht daher: Die Chancen, sich aus allem herauszuwinden, hatten sich für Wladimir Jegorenkow mit dem Tod weiterer Zeugen gerade erneut verschlechtert. Das hieß für mich, jetzt erst recht die Ärmel hochzukrempeln. Natürlich konnte ich vor Gericht auf einen Mangel an Beweisen pochen. Aber ob das bei dem vielen Dreck, den der Kerl am Stecken hatte, letztlich reichte, war ungewiss. Was, wenn der Ukrainer irgendwie tatsächlich mit der Pink Panter Bande unter einem Hut steckte? Zufällig oder absichtlich sei dahingestellt. Wenn einmal dreckige Wäsche gewaschen wird, tauchen vor Gericht zuweilen die seltsamsten Dinge auf. Natürlich empfand ich nach wie vor keinerlei Sympathie für diesen Mistkerl. Ich hätte gut damit leben können, wenn er ein paar Jahre hinter Gittern verschwand. Verdient hatte er es bestimmt.

 

Aber nein, darum ging es nicht. Wenn ich einen Fall übernehme, gilt nur ein Kriterium: Professionalität. Und die gebietet mir, die beste und für meinen Mandanten sicherste Lösung anzustreben. Was unter den gegebenen Umständen bedeutete, der Gegenpartei einen Deal anbieten zu können, der uns in die Lage versetzte, möglichst gar nicht erst allzuviel dreckige Wäsche öffentlich waschen zu müssen. Oder um mit dem legendären Satz aus dem Film „Der Pate“ zu sprechen: Ich musste ihr „ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen konnte!“            

 

 

 

Aus diesem Grund setzte ich am nächsten Morgen alles daran, meinen Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen schnellstens zu beenden. Je weniger Zeit der Killer für seine Spielchen bekam, desto eher würde ich ihn zu Fehlern zwingen können. Hoffte ich. Glücklicherweise bekam ich es bei den Spaniern mit einem erstaunlich kompetenten Ermittlungsteam zu tun.

 

Ich traf mit meiner neuen Theorie bei ihnen durchaus einen Nerv. Ihnen war die ganze Sache zu glatt gegangen. So einfach ließen sich Serienmorde normalerweise nicht aufklären. Sie fühlten sich manipuliert, was an ihrer Ehre kratzte.

 

Zweitens reagierte das deutsche Konsulat sehr schnell, nachdem Corinne meine Situation geschildert hatte.

 

Und drittens beauftragte Jegorenkows Intimus Dr. Bachmann einen Kollegen in Córdoba, mich schnellstens aus der Schusslinie der spanischen Justiz zu holen. Dass ausgerechnet ein Anwalt des Multimillionärs, der in dessen Auftrag unterwegs war, als vermeintlicher Serienmörder im Knast saß, hinterließ einfach einen sehr schlechten Eindruck. Jegorenkow war bereit, notfalls Kaution zu stellen.

 

Der Notfall trat nicht ein. Die Staatsanwaltschaft ließ sich von den Kriminalisten aus Córdoba überzeugen, dass deren Beweise für eine weitere Inhaftierung nicht reichten. Sie versprachen sich größere Ermittlungserfolge, wenn sie mich an einer langen Hundeleine quasi als obskuren Wolpertinger, halb Maulwurf halb Lockvogel, auf die Spuren der Cannes Brillanten losließen. Ein Vorschlag, mit dem ich leben konnte.

 

 

 

Ungefähr um dieselbe Zeit, es war ein regnerischer Samstagnachmittag in Amsterdam, stürmte eine Sondereinheit der niederländischen Polizei das Büro des Immobilienmaklers Paul Vandenberg. Kommissar Jan Seedorf konnte nach den jüngsten Berichten aus Spanien unmöglich bis Montag warten. Naturgemäß weilte um diese Zeit keine Sekretärin im Haus und mit einem Besuch des Herrn Vandenberg konnte kaum gerechnet werden. Es ging einfach darum, sämtliche privaten und dienstlichen Unterlagen, Computer und so weiter umgehend sicherzustellen, um sie in der kommenden Woche auswerten zu können. Die Polizisten benötigten einen kompletten Möbelwagen, um alle Kisten und Kästen fortzubringen. Dummerweise stellte sich später heraus, nachdem zig Kollegen tagelang nichts anderes getan hatten, als Dokumente zu sichten, dass die wirklich interessanten Papiere fehlten. Kein Hinweis auf Schmuck, kein Hinweis auf Hehler, kein Hinweis auf den Cannes-Coup im Jahre 1999. Hätten nicht hier und da erstaunliche Lücken in einzelnen Ordnern geklafft und wäre den Polizisten nicht mancher Geldfluss aufgefallen, der im Nichts zu versickern schien, sie hätten annehmen müssen, der tote Makler Vandenberg  sei der bravste Steuerzahler im gesamten Königreich gewesen! Selbstverständlich schickte Kommissar Seedorf eine Streife los, die Sekretärin ausfindig zu machen. Vergeblich. Frau Pause war „unbekannt verzogen“. Seedorf ließ sie zur Fahndung ausschreiben.    

 

 

 

Corinne begrüßte mich in unserem kleinen Blumenparadies im Judenviertel wie einen Helden, der nach siegreicher Schlacht heimkehrt. Während ich ausgiebig duschte, bereitete sie uns auf dem Bett andalusische Köstlichkeiten. Sie hatte sich von der Händlerin im Nachbarhaus beraten lassen. Oliven, Käse, Paprikasalami, frisches Weißbrot, Honigmelone mit Seranoschinken und der Traum meiner schlaflosen Nächte schlechthin: Datteln im Speckmantel, gefüllt mit Mandeln. Dazu eine Flasche dieses wunderbar erdigen, trockenen südspanischen Rotweins. Zum Nachtisch: Sex! Und zwar von der wilden, leidenschaftlichen Sorte, von der ich nie genug bekommen konnte. Die Frau hatte einfach an alles gedacht.

 

Schließlich lagen wir satt, glücklich und komplett verschwitzt nebeneinander. Wir lauschten den Geräuschen der heißen südlichen Nacht. In Wellen schwappten sie von draußen zu uns herein und ließen unsere Gedanken spazieren gehen. Etwas später, ich war fast eingeschlafen, holte mich meine Geliebte in unsere Gegenwart zurück.

 

„Willst du gar nicht wissen, was ich herausgefunden habe?“ Ich gähnte.

 

„Wie ‚herausgefunden‘?“ Ich hatte keinen Schimmer, worauf sie hinaus wollte.

 

„Erinnerst du dich an die Leute, die neben mir standen, als sie dich ins Polizeiauto stießen?“

 

„Düster.“

 

„Da war so ein merkwürdiges Paar.“

 

„Richtig, jetzt wo du’s sagst. Irgendwie sahen die aus, als ob sie nicht hierher gehörten. Eine ziemlich tolle Frau und ein alter Mann, oder so.“ Sie stieß mich in die Seite. „Nicht so toll wie du“, ergänzte ich rasch.

 

„Ja, ein richtig toller, sportlicher, graumelierter Mann mit einer dürren, dunkelhaarigen Ische!“

 

„Gib dir keine Mühe“, lachte ich. „Eifersucht liegt mir nicht. Wie auch immer, fahren sie fort, Gnädigste.“ Ich legte meinen Arm um Corinne. Sie kuschelte sich an und berichtete mir, wie sie die beiden beobachtet hatte.

 

„Und dann passierte folgendes: Die Frau hat in ihrer Tasche einen Brief gefunden, den sie da nicht reingelegt hatte. Er auch nicht. So guckt keiner auf einen Brief, wenn er weiß, von wem der kommt und was drin steht. Sie haben zu mir und zu den anderen Gästen geschaut, ob wir ihnen nicht über die Schulter linsen, und haben das Ding aufgerissen. Und jetzt pass auf.“ Corinne hüpfte vom Bett, wühlte einen Moment in ihrem Stadtrucksack und kam mit dem Skizzenblock zurück. Ich schaltete die Nachttischlampe ein.

 

„Schau dir das bitte mal an.“ Ich blätterte in den Skizzen. Lauter mehr oder minder gelungene Porträts von Leuten, die sie auf dem Markt gesehen hatte.

 

„Schön! Und?“

 

„Du musst dir die Haare, die Bärte, den Faltenwurf ansehen.“ Ich hielt mir die Blätter dichter vor die Augen. Das war Schrift. Winzig kleine Buchstaben, eng zwischen Haarsträhnen und Schattenlinien gedrängt.       

 

„Was ist das?“

 

„Ich bin so dicht wie möglich beim Zeichnen an die Beiden rangerutscht. Sie haben natürlich nur geflüstert, aber ein paar Worte hab ich aufgeschnappt. Damit ich sie mir merke, hab ich sie aufgeschrieben. Weil vor allem die Frau immer wieder zu mir geguckt hat, konnte ich natürlich nicht riskieren, irgendwas normal aufzuschreiben. So, und jetzt pass auf. Hier steht:

 

‚could be you‘, da hab ich aufgeschrieben ‚know everything‘, ‚50‘. Also bei den fünfzig, da wären sie fast in die Luft gegangen. Ich nehme an, sie meinten Geld.“

 

„Das ist ja unglaublich, Süße!“ Ich war hellwach. „Das ist genau meine Theorie. Die Leute, die abgeschreckt und erpresst werden sollen. Und du hast sie gefunden! Einfach so!“ Ich küsste sie. „Du bist sensationell, Baby! Bist du ihnen gefolgt? Sind Namen gefallen?“

 

„Wart bitte ab. Ja. Ein Name ist gefallen. Öfter. Calderón.“

 

„Calderón? Nie gehört. Klingt spanisch. Was noch?“

 

„Hm. ‚Wednesday‘ steht hier und ‚high noon‘. ‚more‘. Also nächsten Mittwoch um die Mittagszeit gibt es wahrscheinlich mehr.“

 

„Mehr Geld oder mehr Informationen?“

 

„Keine Ahnung. Was werden sie mit ‚50‘ meinen? Tausend?“

 

„Bei vier Toten? Da steht kein Killer für auf. Es geht um Brillanten. … Würd mich nicht wundern, wenn es Millionen wären.“

 

„Echt? Oh Gott. Na da werden es wohl mehr Informationen sein. Bis Mittwoch kriegen die nie fünfzig Millionen zusammen.“

 

„Hast du wahrscheinlich recht. Außerdem klingt fünfzig Millionen wirklich unverschämt. Das wäre fast ein Drittel des offiziell geschätzten Erlöses aus dem Raub! Hm. Und wo soll die Übergabe vonstatten gehen? Hier in Córdoba?“

 

„Moment. Hier steht wieder ‚Calderón‘, ‚got Pauls papers‘, ‚complete‘. Was könnte das heißen?“

 

„Die Unterlagen von Paul Vandenberg. Listen vielleicht von Kunden oder Umsätzen. Der Name Paul ist jedenfalls ein Hinweis, dass wir richtig liegen. Fragt sich, wo das Treffen stattfinden soll?“

 

„Hier, kannst du das lesen?“

 

„Hat’s geschrieben, kann’s nicht lesen …“

 

„Eh, es musste schnell gehen. Und ganz kleingeschrieben.“

 

„Gib mal deine Lesebrille. … Das heißt, warte, ‚semetry‘. Hä? Symmetrie? ‚won‘. Na da werden die wohl ‚one‘ gesagt haben. Symmetrie eins.“

 

„Die werden doch nicht über Schulnoten geredet haben!“                    

 

„Vielleicht, dass am Treffpunkt eine Sache symmetrisch angeordnet ist? Als Erkennungszeichen? So wie ein gleichschenkliges Dreieck oder ein genau in der Mitte aufgeschlagenes Buch. Was heißt das davor?“

 

„Irgendwas mit ‚Sand‘, würde ich sagen. ‚Sand Lui‘, Sandel ui, Sanduhr? Sandburg? Keine Ahnung.“

 

„Moment mal. Und wenn du das falsch geschrieben hast? Für mich klingt das wie ‚St. Louis‘. Das ist eine Stadt in den USA. Und über Schulnoten in den USA haben die bestimmt nicht geredet. Leute, die über Leichen gehn!“

 

„Das isses!“ Corinne frohlockte.

 

„Was?“

 

„Leichen. Die meinten nicht ‚Symmetrie‘ sondern ‚cemetery‘. Friedhof!“ 

 

„Der Friedhof Nummer eins in St. Louis!“

 

„Genau.“

 

„Wahnsinn. Süße, du bist genial!“

 

„Wir sind genial!“

 

„Weißt du, wo sie danach hingegangen sind? Vielleicht sind sie noch in der Stadt?“

 

„Tut mir leid. Hab sie im Gedränge verloren. Könnte sein, dass sie mitgekriegt haben, dass ich ihnen folgte.“

 

„Macht nichts. Das hier reicht. Ich klopfte auf die Skizzen.“

 

„Puh, war das anstrengend. Könnte jetzt ein bisschen Ganzkörpermassage mit Entspannungsübungen und so gebrauchen.“ Sie rekelte sich verführerisch.

 

„Kommt gleich, kommt sofort, gnädige Frau. Ich hole nur schnell den Wein. Auf das Ergebnis müssen wir anstoßen!“ Es wurde eine kurze Nacht.     

 

 

 

Eine Falle für Calderón

 

Jemand räusperte sich. Ein Mann. Ein Mann? Wahrscheinlich träumte ich. Ein wenig umständlich drehte ich mich aus Corinnes vereinnahmenden Armen auf die andere Seite. Der Mann sagte:

 

„Good morning!“

 

„Good … hä, was?“ Kein Traum. Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich hoch. Durch die heftige Bewegung erwachte auch Corinne. Sie blinzelt verschlafen. Eine Sekunde später war sie hellwach. Vor uns im Zimmer befanden sich zwei Menschen. Der sportliche Mann mit dem graumelierten Haar saß mit übereinander geschlagenen Beinen im Sessel. Links von ihm, an die Tür gelehnt, stand ein eleganter Bodyguard im Kleinen Schwarzen und vor der Brust verschränkten Armen. Die attraktive dunkelhaarige Lady. Kein Zweifel, sie waren es. Die Beiden, die Corinne am Handwerkermarkt belauscht hatte.

 

„Äh, hello.“ Möglichst unauffällig suchte ich mit der Hand nach meinem Mobiltelefon. Es krachte. Kein lauter Knall. Eher wie ein Beil, das Holz spaltet. Unser Bett vibrierte. Erschrocken fuhr ich herum. Der Bettpfosten direkt neben meinem Kopf war gesplittert. Ein Streifen seines Holzes ragte nun seitwärts in meine Richtung. Oberhalb der Stelle, an der der Knick einsetzte, steckte ein Bolzen mit langgezogener messerscharfer Stahlspitze. Mit offenem Mund und vermutlich ziemlich dummem Gesichtsausdruck betrachtete ich die Frau. Ein Geschoß gleicher Bauart zielte auf mein Herz. Es war mir nicht im entferntesten bewusst, wann und woher plötzlich die kleine Sportarmbrust in ihrer Hand erschienen war. Geschweige denn, wann sie das Ding neu gespannt hatte. Die Sache mit dem Telefon konnte ich vergessen. Die Beiden schwiegen und musterten uns. Ich entschloss mich, die bedrückende Stille zu beenden.

 

„Unsere Vermieterin wird nicht begeistert sein, wenn sie das sieht.“

 

„Sie wird’s mit Fassung tragen. Ich schätze, die Betten müssen öfter mal repariert werden, nachdem so reizende Pärchen wie ihr Spaß darin hatten.“

 

Na prima, der Kerl entpuppte sich als Witzbold.

 

„Okay, kein Problem. Ich werd ihr die Reparatur bezahlen“, erwiderte ich, nur um irgendetwas zu sagen. Corinne zog sich das dünne Laken, mit dem wir uns eher symbolisch zum Schutz vor eventuellen Mücken zugedeckt hatten, bis zum Hals. Angsterfüllt glitten ihre Augen von einem zum anderen. Ihr musste klar geworden sein, dass die Gangster den Spieß umgedreht hatten und ihr bis zu unserer Pension gefolgt waren. Zweifellos hatten sie das Haus seitdem beobachtet. Der Mann ergriff wieder das Wort.

 

„Wer von euch beiden ist Calderón?“

 

„Bitte?“ Ach herrje. Sie hielten uns für den Erpresser. „Keiner. Wer soll das sein?“

 

„Jetzt red keinen Unsinn, Freundchen!“ fauchte der Mann. Die Frau stieß sich von der Tür ab und hob ihre Armbrust auf einen Punkt zwischen meinen Augen. Wenn sie abdrückte, würde das meinem Schädel kaum besser bekommen als zuvor dem Pfosten.

 

„Selbst wenn ich annehmen würde, dass ihr den Brief nicht verzapft habt, müsst ihr mit der Sache zu tun haben. Sonst hätte die Dame da kaum so lange Ohren gemacht und uns am Ende sogar verfolgt. Ich nehme an, sie wollten herausfinden, wie wir auf diese Unverschämtheit reagieren, Mister Calderón. Was ich allerdings nicht ganz verstehe: Warum hat sie die Polizei so schnell wieder rausgelassen? War das alles nur Show? Eine Falle? Ein Deal mit den Bullen?“ Er sprang auf. „Raus mit der Sprache, oder ich mache sofort kurzen Prozess mit euch. Allerdings ist es mir lieber, vorher zu wissen, warum ich jemandem den Hals umdrehe.“ Seine Augen blitzten feindselig.

 

„Okay, okay, Sir, keep cool!” Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln. „Wir wollen gern über uns Auskunft geben, aber bitte, bitte sagen sie der Lady, sie soll die Waffe senken. Sie macht mich nervös.“ Er nickte der Frau zu. Sie zögerte, schien von der Idee nicht begeistert, gab schließlich jedoch nach. Ich atmete durch. Corinne begann.

 

„Dass ich mich für sie interessiert hab, war purer Zufall.“

 

„Zufall?“ Die Frau zuckte mit der Armbrust in Richtung meiner Freundin. Er legte ihr die Hand auf den Arm.

 

„Ehrlich. Weil sie sich so seltsam benommen haben, vorher, auf dem Weg zur Mesquita. Und danach auch. Fast so, als ob sie genau wie ich irgendetwas mit den Vorgängen zu tun hätten. Ich wollte wissen, was das sein könnte.“

 

„Allerdings, dass wir beide hier in Córdoba sind“, ergänzte ich, „das ist nicht ganz zufällig. Ich bin Anwalt. Schauen sie dort drüben in das Schubfach. Da sind meine Ausweise drin.“ Der Mann folgte meiner Aufforderung. „Darf ich etwas weiter ausholen?“ Die beiden schauten sich an, dann setzten sie sich.

 

„Okay, aber nicht zu weit! Und Finger weg vom Telefon.“ Da ich im Grunde nichts zu verlieren und niemandem gegenüber eine Schweigeverpflichtung unterschrieben hatte, beschloss ich reinen Tisch zu machen. Obgleich ich ahnte, mit wem ich es zu tun hatte. Allerding wusste ich auch, dass damals bei dem Überfall kein Mensch ernsthaft zu Schaden gekommen war. Dass die beiden von den Morden der vergangenen Tage ebenso schockiert waren wie wir, stand außer Frage. Wenn sie uns wirklich umbringen wollten, würden sie es so oder so tun. Wenn nicht, nun, das würde sich zeigen.

 

 

 

Nachdem ich geendet hatte, schwiegen sie. Nachdenklich lehnte sich der Mann im Sessel zurück.

 

„Und wer ist dann der Mörder?“ Corinne setzte sich auf.

 

„Ich dachte dieser Calderón, den sie suchen. Der erpresst sie doch, oder?“

 

„Hab ich nicht gesagt, du sprichst immer zu laut?“ zischte die Frau. Er zuckte mit den Schultern.

 

„Tja, sieht ganz so aus. Nur, wer ist dieser Calderón? Paul, also Herr Vandenberg, hat den Namen mal erwähnt. Ich hielt ihn für einen Hehler, wie Campbell.“

 

„Spricht etwas gegen diese Theorie?“ fragte ich.

 

„Und wofür halten sie uns beide?“ Was wollte er hören?

 

„Ich schätze, wenn ich meine Vermutung äußere, überlebe ich die nächste Minute nicht.“

 

„Seien sie nicht albern. Sie wissen eh viel zu viel, als dass wir sie so ohne weiteres gehen lassen könnten.“

 

„Und was haben sie in dem Fall mit uns vor?“

 

„Viele Optionen bleiben nicht“, meinte er. Die Frau stand auf und richtete erneut die Armbrust auf mich. Äußerlich ließ ich mich nicht beeindrucken, wenngleich sie mir in dieser Pose wirklich Angst machte. Das Herz schlug mir bis zum Hals, während sich in meinem Kopf eine ungeheure Idee formte.

 

„Mal abgesehen von der Tatsache, dass die Dame offenbar eine großartige Schützin ist, glaube ich nicht, es mit eiskalten Killern zu tun zu haben. Unser Tod würde ihnen außerdem herzlich wenig nutzen, weil ihnen Calderón im Nacken sitzt. Vielleicht legt er es sogar darauf an, dass sie ihm die Arbeit abnehmen. Womit er uns beide los wäre, ohne neue eigene Spuren zu hinterlassen! Der Kerl weiß anscheinend so viel, dass sie ihm selbst dann noch ausgeliefert sind, wenn er ihr Geld hat. Leute wie Calderón können den Hals nie voll kriegen. Die wollen ihr eigenes Spiel spielen. Das ist ganz ähnlich wie bei unserem Mandanten.“

 

„Dem Ukrainer?“

 

„Dem Ukrainer. Betrachten wir die Sache nüchtern. Sie schweben ebenso in Gefahr wie wir. Im Moment kennt sie außer uns und Calderón niemand. Und Calderón wird annehmen, dass wir nichts von ihnen wissen. Mehr noch. Er spekuliert darauf, dass nach dem Doppelmord alle Verbindungen, die auf ihn weisen könnten, gekappt sind. Er kann ja weder ahnen, dass Corinne ihnen auf die Schliche gekommen ist, noch weiß er, dass wir heute Morgen so nett miteinander plaudern. Damit sind wir Calderón erstmals einen Schritt voraus. Deshalb denke ich, sie und wir hätten womöglich bessere Karten, wenn wir künftig zusammenarbeiten würden.“ Jetzt war es raus. Corinne sah mich erstaunt an. Die Verblüffung unserer Gäste schien kaum geringer.

 

„Wenn ich sie richtig verstehe …“ Er machte eine Pause, um nach den passenden Worten zu suchen. „Sie wollen uns ein Geschäft vorschlagen? Wie sollte das, ihrer Meinung nach, aussehen? Wollen sie Geld?“ fragte er argwöhnisch. Der Kerl tickte wie Jegorenkow. Interessant.

 

„Nein, kein Geld. Informationen. Da es eine spontane Idee ist, kann ich natürlich mit keinem fertigen Plan aufwarten. Aber im Kern könnte ich mir Folgendes vorstellen. Calderón ist der Schnittpunkt, an dem ihre und unsere Probleme zusammentreffen. Er besitzt durch Vandenberg vermutlich ihre Kundenkartei. Oder wenigstens einen großen Teil davon. Liege ich richtig?“ Mein Gegenüber nickte. „Wenn wir die in die Hand bekämen, könnten wir vielen Polizisten, Staatsanwälten und Versicherungsagenten grandiose Erfolgserlebnisse bescheren. Schauen sie nicht so finster. Ich bezweifle, dass auch nur einer von denen, die ihnen die Klunkern abgekauft haben, ihr Mitgefühl verdient.

 

Die Kontaktleute der Käufer wiederum kennen alle nur Calderón, Campbell und allerhöchstens Vandenberg. Stimmt das?“ Erneutes Nicken. „Rückschlüsse auf die ursprünglichen Verkäufer wären zurzeit also nur über Calderón möglich. Könnten wir der Staatsanwaltschaft in Berlin diese Daten in die Hände spielen, wäre für unseren Mandanten ein guter Deal denkbar und unser Job wäre getan. Die einzige Gefahr, die ihnen droht, geht von dem Mann aus, der besagte Liste geraubt hat. Auf ziemlich scheußliche Art, wenn sie mich fragen. Was beweist, dass der Typ vor absolut nichts zurückschreckt. Er ist kaltschnäuzig und raffiniert. Bis heute hat er vier Männer hingerichtet. Einfach so. Und diese vier waren sicher keine naiven Simpel, oder?

 

Kurz und gut, gelänge es uns, Calderón zu stellen und seine Papiere der Polizei zu übergeben, wäre uns beiden gedient. Gemeinsam könnten wir es schaffen, ihn zu überraschen.“ Ich war fertig. Gespannt wartete ich auf eine Reaktion. Ich musste nicht lange warten.

 

„Das wäre für sie zweifellos von Nutzen. Nur, was hätten wir davon? Calderón würde sich sicher rächen und alles ausplaudern, was er über uns weiß. Was ihm mildernde Umstände und uns lange Haftstrafen einbringen würde. Verraten sie mir, welchen Vorteil wir von einem solchen Szenario hätten?“

 

Der Mann hatte recht. Daran hatte ich nicht gedacht. Im Prinzip drängte sich ein Gedanke auf. Man müsste ihn umbringen. Aber damit wären wir nicht besser als er. Und die Polizei ginge erneut auf die Suche nach einem Mörder. Die Spirale der Gewalt würde sich weiter drehen. Das brachte nichts.

 

„Und noch etwas. Jetzt kennen sie uns. Was könnte sie daran hindern, anschließend selbst eine kleine Erpressung zu riskieren? Ich weiß über sie nur, dass sie Anwalt sind. Was im Übrigen absolut nichts heißen will. Nach meiner Erfahrung sind selbstlose Samariter unter Angehörigen ihrer Spezies seltener anzutreffen als in den meisten anderen Branchen.“ Was sollte ich darauf erwidern?

 

„Wissen sie“, begann ich schließlich, „ich kann ihnen ihre Fragen nicht beantworten. Vertrauen sie uns oder lassen sie es bleiben. Es gibt keine Garantie. Bringen sie uns um, wenn sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

 

Was Calderón betrifft: Ich habe keine Ahnung, was genau er alles über sie weiß. Was wäre, wenn ich ihnen helfen würde, eine neue Identität anzunehmen? Wenn ich ihnen helfe, erneut unsichtbar zu werden? Damit würde ich mich natürlich strafbar machen, denn die Summen, selbst wenn wir nur die rechnen, die dem Fiskus entgehen, sind einfach zu hoch, als dass eine Staatsanwaltschaft eine solche Entscheidung decken könnte. Aber erstens wäre es mir egal, wenn es der einzige Weg ist, meinen Mandanten zu entlasten. Und zweitens wäre das ihre Garantie. Sie hätten mich ebenso in der Hand wie ich sie. Wenn sie auspacken, verbringe ich den Rest meiner Tage wegen Strafvereitelung hinter Gittern.“ Der Mann lächelte. Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte er.

 

„Wissen sie was?“ meinte er. „Sie haben recht. Ich kann ihnen glauben oder ich lass es bleiben. Calderón ist ein Schwein, darüber sind wir uns einig. Er verdient es, in den Vereinigten Staaten vor Gericht zu kommen. Bei uns ist für vierfachen kaltblütigen Mord in den meisten Bundesstaaten die Todesstrafe vorgesehen. Sie sehen das möglicherweise anders, aber das ist mir egal. Er hat zwei gute Freunde auf dem Gewissen und wird nicht zögern, auch uns zu töten, wenn es ihm in den Kram passt.

 

Das andere: Es ehrt sie. Trotzdem, vergessen sie’s. Uns unsichtbar zu machen, das schaffen wir ganz gut allein. Dafür müssen sie nicht ihre berufliche Unschuld verlieren. Es würde vollkommen genügen, wenn wir ihrer Zusage trauen dürften und sie uns nicht verrieten. Der erste Schritt dahin wäre, dass die Lady und sie weder über den Brief noch über den heutigen Morgen jemals einen Laut verlieren. Unter keinen Umständen! Zu niemandem. Wenn wir uns darauf einigen könnten?“

 

Sowohl Corinne als auch ich gaben ihm unser Wort. Die dunkelhaarige Lady blieb skeptisch. Dass ich nicht Calderón sein könne, sah sie trotz meiner Dokumente keineswegs erwiesen. Eine bessere Idee kam ihr aber auch nicht. Etwas mürrisch zog sie schließlich ihren Armbrustbolzen aus meinem Bettpfosten und fragte, wie es denn nun konkret weitergehen solle. Corinne wies auf die Kaffeemaschine in unserer Kochnische. 

 

              

 

Es dürfte wenig verwundern, dass unser Verhältnis angespannt blieb. Vor allem die beiden Frauen belauerten sich geradezu. Mir drängte sich der Vergleich zu zwei Tigerinnen auf, die jemand aus Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit in einem engen Käfig zusammengesperrt hatte, obgleich ihm hätte klar sein müssen, dass jede ihr eigenes Revier beanspruchte. Es schien nur eine Frage der Zeit, wann sie sich an die Gurgel sprangen.

 

Diplomatisch tasteten wir uns an die Fragen heran, die für unsere Zusammenarbeit von Bedeutung sein konnten. Wobei mich zunächst ein Fakt interessierte, der oberflächlich betrachtet wenig mit unserem Vorhaben zu tun hatte.

 

„Warum sind sie überhaupt nach Europa gekommen? Damit ihnen Calderón seine Forderungen in die Tasche schieben konnte? Was für ein Aufwand! Die hätte er ihnen problemlos per Post zusenden können.“

 

„Sie übersehen die Wirkung, Herr Hall. Die mentale Wirkung, die ein Doppelmord verbunden mit dem Polizeieinsatz auf einen Menschen hat. Wenn er gewissermaßen mitten hinein gelotst wird, ist sie ungleich größer, als wenn er das Gleiche aus dem Fernsehn erfährt. Der Mann will uns seine Macht demonstrieren. Er will uns zeigen, dass er über Mittel und Möglichkeiten verfügt, uns wie Marionetten nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.“ Er dachte nach. „Was mich verwundert, ist die Tatsache, dass er sie offenbar ebenfalls hier erwartete. Wie konnte er wissen, dass sie von Vandenberg und Córdoba erfahren und Campbell hierher folgen würden? Normalerweise würd ich sagen: Menschenkenntnis. Aber dafür müsste er sie sehr, sehr gut kennen. Was wiederum impliziert, dass sie Calderón kennen sollten. Hm?“

 

Verdammt. Von der Seite hatte ich die Sache noch nicht betrachtet. Natürlich klang es nach allem, was wir inzwischen wussten, unwahrscheinlich, dass wir ihm in Córdoba zufällig über den Weg gelaufen waren und er spontan entschieden hatte, uns in sein Spiel einzubinden. Ich grübelte. Der einzige, dem ich genügend Cleverness und Kontakte zutraute, so ein Spinnennetz zu weben, war Wladimir Jegorenkow. Ich hatte ihn bisher über alle meine Schritte auf dem Laufenden gehalten. In Ermangelung einer besseren Theorie beschlossen wir, den Informationsfluss zu meinem Mandanten auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Er sollte künftig nur das Allernotwendigste erfahren.

 

Wichtiger: Wir mussten morgen, am Montag, Polizei und Staatsanwaltschaft von unserer sofortigen Ausreise in die Staaten überzeugen. Eigentlich hatten die verlangt, wir sollten vor Ort präsent bleiben, bis der Fall gelöst sei. Ein Plan musste her. Was durften wir sagen, was mussten wir verschweigen? Die beiden Amerikaner hatten uns bisher ihre Namen nicht mitgeteilt. Wir vereinbarten, dass es vorläufig dabei bliebe. Den Namen Calderón ins Spiel zu bringen, ließe sich hingegen nicht vermeiden. Wir bastelten an einer halbwegs glaubwürdigen Legende:

 

Ein Mittelsmann des ukrainischen Oligarchen mit Sitz in New York habe uns den Namen Calderón genannt. Es handle sich offenbar um einen Machtkampf in der Szene, hätte er uns zu verstehen gegeben. Wollten wir mehr wissen, müssten wir nach New York kommen. Möglicherweise würden wir dort etwas über den Verbleib der Cannes Brillanten erfahren.

 

Diese Erklärung erschien uns insofern glaubwürdig, weil sie den Bogen zum ermordeten Simon Brown schlug. Die Spanier konnten ihre US-Kollegen bitten, im Umfeld von Brown nach diesem Calderón zu suchen. Womit unsere Hundeleine lediglich einen etwas weiteren Schnüffelradius erhielt. Keine Gefahr, dass wir ihnen abhandenkämen. Den Namen des Mittelsmannes dürften wir aus Gründen des Mandantenschutzes nicht nennen, würden wir erklären. Ob sie uns das abkauften? Es kam auf einen Versuch an.

 

In jedem Fall liefen unsere neuen Partner Gefahr, ebenfalls in den Fokus der Ermittler zu geraten. Aber dieses Risiko mussten wir eingehen. Blieb als letztes die Frage nach dem Treffpunkt.

 

„Na, in St. Louis, oder?“ fragte Corinne. Die fremde Frau sah sie irritiert an.

 

„Wie kommen sie denn auf St. Louis?“

 

„Entschuldigen sie bitte. Das war einer der wenigen Brocken, die ich neulich verstanden habe. Sie sollen auf den Friedhof nach St. Louis kommen.“ Die Züge der Fremden entspannten sich. Kurz darauf prusteten die beiden vor Lachen los. Corinne und ich konnten uns auf die plötzliche Heiterkeit keinen Reim machen.

 

„Wenn ich das geahnt hätte“, bemerkte der Mann, während er sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte, „hätten wir uns den ganzen Morgen hier mit ihnen sparen können. Sie hätten in St. Louis auf uns und Calderón warten können, bis sie schwarz werden.“ Er putzte sich die Nase. „Gut, nutzt nichts, jetzt ist es zu spät. Weiter. Ich sage ihnen, was wir machen. Wir verabreden uns mit ihnen nach der Friedhofsgeschichte. Die klären wir allein. Ist sicherer. Calderón soll keinen Verdacht schöpfen.“ Er machte eine Pause. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf. „Sind sie jemals in ihrem Leben Schaufelraddampfer auf dem Mississippi gefahren?“ Wir verneinten. „Schön. Ich werde ihnen in New York eine Einladung für den Mittwochabend zukommen lassen, die sich gewaschen hat. Das wird ein Paukenschlag!“ Die dunkelhaarige Schönheit erblasste. Sie stöhnte.

 

„Das ist nicht dein Ernst?“

 

„Warum nicht? Wenn ich demnächst untertauchen muss, kommt es jetzt auf einen Spaß mehr oder weniger nicht an. Wenn sie uns erwischen wollen, erwischen sie uns. Keiner kann das FBI abhängen, wenn es ihn erst am Haken hat. Nein. Wir zelebrieren den Abend so öffentlich und offiziell wie nur möglich! Das erweckt den geringsten Verdacht. Spätestens dann erfahren sie, Frau Blair und Herr Hall, mit wem sie es zu tun haben. Dich, meine Liebe, lade ich hiermit ebenfalls ein. Ich würde mich freuen, wenn du an diesem Abend meine Tischdame und Tanzpartnerin sein könntest. Calderón kann von mir aus vor Schreck tot umfallen, wenn er es mitbekommt. Vielleicht fühlt er sich durchschaut und macht einen Fehler. Aber wie gesagt, nach dem Friedhof. Könnte ja sein, wir erwischen ihn dort schon. Der Rest ist Plan B. Aber auch der will vorbereitet sein. Deshalb: Fürs erste besuchen Frau Blair und Herr Hall den Broadway! Auf nach New York, New York!“