Dorian van Delft ist ein arroganter, mit allen Wassern gewaschener Händler aus Rotterdam. Der Mann lässt kein Abenteuer aus, sofern es guten Gewinn verspricht. Weswegen er sich 1870 mit dem isländischen Archäologen und Historiker Doktor Frans Ingmarson auf die Suche nach einem dunklen Geheimnis begibt. Es geht um eine Unsterbliche. Um eine Seherin, deren magische Kräfte der Menschheit und damit auch Dorian van Delft von großem Nutzen sein könnten. Jedenfalls, sofern es gelänge, der Frau habhaft zu werden und ihre Kräfte gezielt einzusetzen. (vgl. „Dorian van Delft: Kassandras langer Schatten“)

 

Ein Jahr später, im Jahre 1871, weisen alle Spuren ins Osmanische Reich. Denn dort in Kleinasien, an der türkischen Ägäis-Küste, beginnt im nämlichen Jahr Heinrich Schliemann, die legendäre Stadt Troja auszugraben. Da Doktor Ingmarson der festen Überzeugung ist, die gesuchte Seherin sei identisch mit der von Homer in der Illias besungenen weissagenden trojanischen Königstochter Kassandra, brechen die beiden umgehend auf. Begleitet werden sie vom Kutscher Walter Neumann, einem Deutschen aus Böhmen. Der alte Haudegen diente früher bei den kaiserlich österreichisch-königlich ungarischen Husaren. Erfahrungen, die ihn schon bald unentbehrlich machen.  

 

Dorian van Delft mangelt es grundsätzlich weder an finanziellen Mitteln noch an Geschäftspartnern in allen Teilen Europas. Einem erfolgreichen Unternehmen steht nichts im Weg. Im Prinzip. Wäre da nicht der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn des Holländers.

So kommt es, dass der Mann und seine Expedition in kürzester Zeit zu den am meisten gesuchten Personen im Reich des Sultans werden. Eine wilde Jagd beginnt. Sie führt durch die Schluchten des Balkans, in Klöster und geheime Verstecke von bulgarischen Freiheitskämpfern. Um ihr Ziel zu erreichen, nimmt es die kleine Reisegesellschaft tollkühn mit der gesamten türkischen Kriegsflotte auf.  

 

Weil es Dorian nebenbei zu allem Überfluss schafft, sein Liebesleben gründlich durcheinanderzuwirbeln und seine Angebetete gegen sich aufzubringen, scheint ein komplettes Desaster unausweichlich. Im Prinzip.    

 

Ein amüsanter Roman voller überraschender Wendungen und phantastischer Abenteuer.

 

Erschienen am 1.8.2016

 

 


Leseprobe

Auszug aus „Trojas dunkles Geheimnis“

 

 

 

 

 

Thassopoúla

 

 

 

 

 

Logbuch des Fischkutters „Piräus“, Heimathafen Kirra, Sonnteg, 19. November 1871, Kapitän Marcos

 

 

 

Drei Verrückte aus dem Norden haben mein stolzes Schiff gemietet. Ein Holländer, ein Isländer und ein Deutscher aus Böhmen. Am heiligen Sonntag! Ich muss selbst verrückt sein. Ich hätte widerstehen sollen, aber der Holländer hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Er hat mir die komplette Jahresheuer versprochen, wenn ich die drei dafür an die Küste Kleinasiens bringe. Die Hälfte davon hat er bereits angezahlt. So viel Geld für so eine Strecke können nur Irre ausgeben. Na egal, mir soll es recht sein.

 

Zu den Türken zu fahren, ist nicht das allerschwierigste. Schon gar nicht in der Ägäis. Dort herrscht zwar der Sultan, aber bestimmt nicht mehr lange. Die Leute auf den Inseln sind Griechen wie wir. Ich kenne alle möglichen Routen leidlich. Das bisschen Sturm, das gerade aufzieht, macht mir nichts aus.

 

Was die Sache verkompliziert ist die Tatsache, dass meine drei Passagiere irgendwas ausgefressen haben und die Türken angeblich hinter ihnen her sind. Behaupten sie. Ich hoffe, die Herren übertreiben. Außer dass sie geistesgestört sind, sehen sie recht harmlos aus. Meiner Mannschaft hab ich für die kommende Woche Landurlaub gegeben. Sollen sich die beiden Jungs richtig ausschlafen, bevor wir wieder jede Nacht unsere Netze auswerfen. Der Holländer meint, er besitze gewisse Erfahrungen mit Segeln. Wenn er mir gelegentlich etwas zur Hand geht oder das Steuerruder festhält, sollte das genügen. Auf Nachtwache können wir uns ablösen. Muss ich außer mir niemanden in Gefahr bringen und die Heuer spare ich außerdem.

 

Den Rückweg schaffe ich allein. Ich fahr in kürzeren Etappen und übernachte jeweils am griechischen Festland. Verwandtenbesuche. Vielleicht lassen sich nebenbei ein paar Geschäfte machen. Oder es finden sich Passagiere in meine Richtung.

 

 

 

 

 

Geheimdienst-Hauptquartier seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Montag, den 20. November 1871, 11.00 Uhr

 

Depesche von  Mahmud Nedim Pascha persönlich an Oberkommando der Marine

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Setzen Sie umgehend Ägäisflotte in Alarmbereitschaft! …stop… Brief an deutschen Archäologen abgefangen. …stop… Bulgarische Attentäter von Griechenland aus auf dem Weg ins Reich. …stop… Vergleiche Steckbriefe vom September. …stop… Voraussichtlich zur See unterwegs. …stop… Erstkontakt mit unserem Staatsgebiet daher im Bereich der südlichen Ägäisinseln erwartet. …stop… Reiseziel liegt im Norden. …stop… An Einreise hindern und einschließlich der Helfershelfer verhaften. …stop… Bei Gegenwehr oder Fluchtversuch Schusswaffengebrauch!    

 

 

 

 

 

Oberkommando der Marine seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Montag, den 20. November 1871, 11.15 Uhr

 

Depesche an alle Einheiten der Ägäisflotte

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

An alle Einsatzkräfte! …stop… Gefechtsbereitschaft herstellen! … stop… Alle verfügbaren Schiffe auslaufen lassen. …stop… Bulgarische Terroristen planen Überfall auf Ägäisinseln. …stop… Vergleiche Steckbriefe vom September. …stop… Jede Fähre, jedes Handelsschiff, jedes Boot unter griechischer Flagge aufbringen und gründlich durchsuchen. …stop… Im Zweifel von der Schusswaffe Gebrauch machen! …stop… Im Namen Allahs, ergreift die Verbrecher! …stop…  Lebend oder tot.

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Rotterdam am Dienstag, den 21. November 1871, 9.00 Uhr

 

Depesche Van Delft Kontor an Frau Dr. Sophia Schliemann, Athen

 

 

 

Hochverehrte gnädige Frau Dr. Schliemann! …stop… Erbitten Nachricht über Verbleib Dorian van Delft. …stop… Direktkontakt seit Abreise nach Delphi abgebrochen. …stop… Gegebenenfalls Bitte um Weiterleitung unserer Anfrage, künftige Planungen betreffend. …stop… Jasper

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Athen am Dienstag, den 21. November 1871, 2.00 Uhr Nachmittags

 

Depesche Sophia Schliemann an Van Delft Kontor, Rotterdam

 

 

 

Lieber Jasper! …stop… Mynheer van Delfts Helfer soeben hier eingetroffen. …stop… Er selbst reist mit Dr. Ingmarson und Walter nach Troja. …stop… Haben Wasserweg gewählt. …stop… Dürften mithin morgen oder übermorgen anlanden. …stop… Sophia Schliemann  

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Athen am Dienstag, den 21. November 1871, 2.05 Uhr Nachmittags

 

Depesche Sophia Schliemann an Dr. Heinrich Schliemann, Hisarlik

 

 

 

Verehrter Gemahl! …stop… Sind Sie informiert, dass van Delft zu Ihnen kommt? …stop… Er hat einen Fischkutter gechartert und will die türkischen Linien in der Ägäis durchbrechen. …stop… Konnte ihn nicht aufhalten. …stop… Befürchte das schlimmste. …stop… Können Sie ihn über Ihren amerikanischen Freund schützen? … stop… Der Doktor und der Kutscher sind ebenfalls dabei. …stop… Tausend Grüße und Küsse Sophia

 

 

 

 

 

Geheimdienst-Hauptquartier seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Dienstag, den 21. November 1871, 2.08 Uhr Nachmittags

 

Depesche Büro Mahmud Nedim Pascha an Oberkommando der Marine

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Soeben Depesche an deutschen Archäologen abgefangen. …stop… Bulgarische Bombenleger nähern sich mit Fischkutter von Südwesten. …stop… Ägäisinseln abriegeln und sofortige Meldung bei Feindberührung.

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Konstantinopel am Mittwoch, den 22. November 1871, 5.00 Uhr Nachmittags

 

Depesche Dr. Heinrich Schliemann an Frau Sophia Schliemann, Athen

 

 

 

Liebste Sophia! …stop… Höre das erste Wort davon. …stop… Kerl ist wahnsinnig. …stop… Winterstürme machen Passage der Inseln fast unmöglich. …stop… Selbst bei uns stagnieren die Arbeiten wegen Wintereinbruch. …stop… Türkische Marine in Alarmbereitschaft. …stop… Himmelfahrtskommando! …stop… Versuche möglichstes. …stop… Dein Heinrich

 

 

 

 

 

Oberkommando der Marine seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Donnerstag, den 23. November 1871, 8.45 Uhr

 

Depesche an Geheimdienst-Hauptquartier, Büro Mahmud Nedim Pascha

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Seit Sonnenaufgang Jagd auf verdächtigen Fischkutter. …stop… Erstkontakt zwischen Paros und Naxos. …stop… Bulgarische Eliteeinheit überfiel Waffenlager auf Naxos und raubte es aus. …stop… Ging alles sehr schnell. …stop… Konnten sich deshalb erstem Zugriff entziehen. …stop… Derzeit Kurs Ikaria und Samos. …Ziehen gesamte Flotte in diesem Bereich zusammen. …stop… Schwere See mit extremem Wellengang behindern Verfolgung.

 

 

 

    

 

Geheimdienst-Hauptquartier seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Donnerstag, den 23. November 1871, 9.15 Uhr

 

Depesche von Mahmud Nedim Pascha persönlich an Oberkommando der Marine

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Nicht entkommen lassen! …stop… Lebendige Gefangennahme zwecks Befragung erwünscht. …stop… Flucht jedoch notfalls mit Feuer aus allen Rohren unbedingt verhindern. …stop… Dürfen uns kein zweites Mal entwischen! …stop… Sonst rollen Köpfe!

 

 

 

 

 

Logbuch des Fischkutters „Piräus“, Heimathafen Kirra, Donnerstag, 23. November 1871, Kapitän Marcos

 

 

 

Ich hab’s geahnt. Ich hab’s geahnt! Lass Dich nicht mit Irren ein! Bis heute Nacht haben wir weit und breit keinen Türken gesehen. Obwohl wir wegen des stärker werdenden Sturms nur langsam vorankamen und die alle Zeit der Welt gehabt hätten, uns zu finden. Falls sie das gewollt hätten. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir deshalb vor Milos den direkten Weg nach Norden gesucht. Wir waren ab da im osmanischen Hoheitsgebiet und hatten eigentlich nichts mehr zu befürchten. Dummerweise ging es dem isländischen Doktor wegen des Wellengangs so schlecht, dass ich den Wünschen meiner Passagiere nachkam und festes Land ansteuerte. Naxos war naheliegend. Ich kenne dort einen Händler, bei dem wir Medizin, frisches Wasser und ein paar Lebensmittel kauften. Nebenan befand sich ein Armeedepot. Die schliefen alle tief und fest. Es wäre nichts passiert, wären wir einfach wieder losgesegelt. Aber als ich zurück an Bord kam, traute ich meinen Augen nicht. Da standen zwei Fässchen Pulver, ein Vorrat Bleikugeln und vier uralte Musketen. Ich wusste gar nicht, dass die türkische Armee derart prähistorischen Schrott hortet. Unser niederländischer Mynheer und sein Freund, der böhmische Kriegsveteran, hatten den schlafenden Wächter überwältigt und das Zeug auf mein Schiff geschleppt, während ich mit dem Doktor einkaufen war. Stolz präsentierten sie mir ihre Beute und meinten, von nun an könnten wir uns sogar verteidigen, wenn wir angegriffen würden. Herr im Himmel, steh mir bei! Schenke diesen Wahnsinnigen einen lichten Moment! Wenigstens bis wir der Gefahr entronnen sind.

 

Es kam, wie es kommen musste. Gott seid Dank hatten wir einen gehörigen Vorsprung, bevor sich der gefesselte und geknebelte Wächter bemerkbar machen und uns die gesamte osmanische Marine auf den Hals hetzen konnte. Mein kleiner Kahn ist leichter und schneller als die Marineschiffe. Der stürmische Südwind, der uns bisher eher bremste, hilft uns jetzt bei der Flucht nach Norden.         

 

 

 

 

 

Oberkommando der Marine seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Donnerstag, den 23. November 1871, 4.20 Uhr Nachmittags

 

Depesche an Geheimdienst-Hauptquartier, Büro Mahmud Nedim Pascha

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Landung des bulgarischen Expeditionskorps auf Lesbos oder nahem Festland verhindert. …stop… Haben sie auf hohe See getrieben. …stop… Als Fischkutter getarntes Panzerschiff konnte allerdings bei starkem Seegang unsere Linien Richtung Nordwesten hin zum offenen Meer durchbrechen. …stop… Sind offenbar hochgerüstet und mit modernsten Waffen ausgestattet. …stop… Haben eines unsere Patrouillenboote versenkt, ein zweites schwer beschädigt. …stop… Feuer aus allen Rohren von unserer Seite erwidert. …stop… Gegner vermutlich getroffen. …stop… Sichtkontakt verloren. …stop… Verfolgung erneut aufgenommen. …stop… Flottenverband aus Thessaloniki schneidet ihnen Weg ab. 

 

 

 

 

 

Geheimdienst-Hauptquartier seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Donnerstag, den 23. November 1871, 4.25 Uhr Nachmittags

 

Depesche von Mahmud Nedim Pascha persönlich an Oberkommando der Marine

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Meine Herren, letzte Warnung! …stop… Wenn Sie erneut versagen, empfehle ich Sie der Gnade Allahs! …stop… Ich kann in dem Fall nichts mehr für Sie tun!

 

 

 

 

 

Oberkommando der Marine seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Donnerstag, den 23. November 1871, 11.00 Uhr Abends

 

Depesche an Geheimdienst-Hauptquartier, Büro Mahmud Nedim Pascha

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Feind vernichtet. …stop… Munitionsreserven des Panzerkreuzers getroffen. …stop… Starke Explosion. …stop… Feuerball am Nachthimmel. …stop… Das kann keiner überlebt haben! …stop… Falls doch: Der Sturm und das eisige Wasser erledigen den Rest. …stop… Werden morgen nach Leichen suchen.

 

 

 

 

 

Geheimdienst-Hauptquartier seiner Majestät, des Sultans, der Sonne und des Beschützers aller Rechtgläubigen, Konstantinopel am Freitag, den 24. November 1871, 9.00 Uhr

 

Depesche von Mahmud Nedim Pascha persönlich an Oberkommando der Marine

 

(Kopie aus dem Zentralarchiv der Hohen Pforte, Konstantinopel)

 

 

 

Gratuliere!

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Konstantinopel am Samstag, den 25. November 1871, 8.00 Uhr Abends

 

Depesche Dr. Heinrich Schliemann an Frau Sophia Schliemann, Athen

 

 

 

Liebste Sophia! …stop… Schlechte Nachrichten. …stop… Mussten wegen massivem Wintereinbruch gestern Grabungen vorläufig einstellen. …stop… Draußen auf dem Meer tobt Orkan. …stop… Osmanische Marine meldet heute in der Zeitung den Abschuss eines griechischen Panzerkreuzers in der Nordägäis. …stop… Die darauf befindliche Kompanie bulgarischer Elitekämpfer und normannischer Söldner sei vernichtet worden. …stop… Marine plant in Konstantinopel Siegesparade. …stop… Aus sicherer Quelle erfuhr ich, dass auf Limnos und Thassos Wrackteile eines Fischkutters angeschwemmt wurden. …stop… Heimathafen Kirra. …stop… Dürfte also das Boot von Dorian gewesen sein. …stop… Bretter sollen von Schüssen perforiert sein wie Sieb. …stop… Tut mir leid. …stop… Begebe mich morgen früh auf den Heimweg zu Dir, Liebste. …stop… Bis bald, Dein Heinrich.

 

 

 

 

 

Telegraphenamt Athen am Samstag, den 25. November 1871, 9.00 Uhr Abends

 

Depesche Sophia Schliemann an Van Delft Kontor, Rotterdam

 

 

 

Dorian van Delft und seine Begleiter voraussichtlich nicht mehr am Leben. …stop… Aufrichtiges und tiefempfundenes Beileid. …stop… Schiff von türkischer Marine versenkt. …stop… Durch Winterstürme in der Ägäis keine Überlebenschance. …stop… Ich bete für ihre Seelen. …stop… Sophia Schliemann

 

 

 

 

 

Logbuch des Fischkutters „Piräus“, Heimathafen Kirra, Sonntag, 26. November 1871, Kapitän Marcos

 

 

 

Herr, verlass uns nicht! Ich weiß, es ist ein Wunder, dass ich mit den drei Verrückten den Türken und dem Sturm entkam. Es ist ein Wunder, dass ich wenigstens mein Logbuch und mein Leben retten konnte. Ich will nicht zu viel von Dir verlangen, mein Gott. Aber hilf uns bitte ein letztes Mal, irgendwo auf festes Land zu stoßen. Auf festes Land, das nicht voller türkischer Soldaten steckt. Hilf uns! Nur noch dies eine Mal! Lass mein winziges Beiboot nicht kentern oder leck schlagen, bevor wir eine Insel erreichen. Ich will Dir zu Ehren hundert Kerzen in der Basilika entzünden, wenn ich das hier überlebe. Versprochen!

 

 

 

 

 

Petschau im Januar 1874

 

Anmerkung Walter Neumann

 

 

 

Na das is ja nu mal’n Vergnügen nach Vaterns Geschmack gewesen, dieser Höllenritt quer durch die Türken. Der Marcos, der wo unser Kapitän gewesen is, das is ein ganz gewixter gewesen. Der hätt auch dem Teufel ein Ohr abgesegelt, hätte der. Ich glaub, so viel Spaß hab ich seit der Schlacht bei Königsgrätz nich mehr gehabt.

 

Aber das allerbeste is gewesen, wie wir den Türken ihre Waffen abgenommen haben. Wie ich den Wächter dort vor seinem Munitionslager so selig schnarchen sah, konnt ich einfach nich anders. Ich musst dem Kerl eins über die Mütze geben. Der Herr Delft hat mich zwar aufhalten gewollt und hat geflucht, aber nachher hat er auch eingesehen, dass uns die Gewehre und das Pulver von Nutzen sein konnten. Und die Türken haben da drin sogar die guten alten Büchsen gehabt, mit denen ich mich gut auskennen tu. Das is dann ein gewaltiger Vorteil gewesen, als die uns das erste Mal eingekesselt hatten.

 

Wie wir mit unserer kleinen Schaluppe erst voll drauf gehalten haben, da haben die schon nicht schlecht gestaunt, die Türken. Aber als denen unsere Kugeln um die Ohren geflogen sind, haben die richtig Panik geschoben. Zwei von den türkischen Schiffen haben sich, wo wir mitten zwischen denen durchgerauscht sind, erst gegenseitig beschossen und sind dann mit Karacho zusammen gerasselt. Eins davon is gesunken, das zweite trieb monövrierunfähig und die andern sind nich vorbei gekommen, weil die Durchfahrt zwischen den Felsen, wo die uns aufgelauert haben, zu eng gewesen is. Haben wir gelacht!   

 

 

 

Es hat dann wieder ein paar Stunden gedauert, bis die uns das zweite Mal in die Zange nehmen wollten. Aber da fing es schon an, dunkel zu werden und bei dem Orkan konnten die nich gut zielen. Trotzdem haben uns etliche Kugeln getroffen. Die haben geballert, als hätten sie’s mit ‘ner ganzen gegnerischen Flotte zu tun. Nu ja, ich sag dazu nur: Viel Feind, viel Ehr!

 

Lange hätten wir den Beschuss aber wahrscheinlich nich ausgehalten. Ab und zu findet auch ein blindes Huhn ein Korn und mittlerweile kriegte unser Schiffchen heftig Schlagseite. Da hat der Herr Delft eine Idee gehabt. Der Kapitän hatte nämlich zum Reusen auslegen und wieder einsammeln auf seinem Segler ein ziemlich stabiles Ruderboot mit so ‘nem kleinen Notsegel auf ‘nem winzigen Mast, den man abklappen konnte. Diese Schaluppe hat noch keinen Schuss abgekriegt gehabt und is groß genug gewesen für uns vier, ein Fässchen Pulver, die Gewehre, Essen und ein paar Wasserflaschen. Natürlich für das Logbuch, das der Kapitän unbedingt mitschleppen musste. Wir haben ihm den Spaß gelassen.

 

Hernach haben wir den Doktor ins Boot gehievt, sind hinterher geklettert und haben zuletzt die Lunte angezündet. Die ging zum zweiten Fässchen. Mitten auf dem Schiff haben wir das verkeilt, damit es nich umkippen tät. Dann haben wir uns in die Ruder gelegt und haben gebetet, dass wir bei dem Knall weit genug weg sind und dass die Türken nich was mitkriegen oder womöglich unser Schiff kapern, bevor es in die Luft fliegt. Weil die aber seit dem Vormittag Angst vor unseren Kugeln gehabt haben, haben die sich nich näher an uns ran getraut. Und als es dann gerumst hat, mussten die natürlich denken, dass es eine von ihren Kanonenkugeln gewesen is.

 

Herrje, haben die gejubelt. Das haben wir trotz des Sturmgeheuls gehört. Is ja auch wirklich ein schönes Feuerwerk gewesen, mitten in der stockfinsteren Nacht. Das muss der Neid uns lassen. Das war so hell, dass wir uns ganz flach übereinander legen mussten, damit uns die Türken, wenn sie uns gesehen hätten, für ein weggesprengtes Stück Planke oder so hätten halten sollen.

 

 

 

Nu ja, die nächsten drei Tage sind nich so lustig gewesen. Das kleine Segel durften wir nich setzen, damit uns die Türken nich sehn. Und bei so einem eisigen Sturmwind im Ruderboot, das is nu mal nich jedermanns Sache. Unserm Doktor is es ein ums andre Mal schlecht geworden und er hat gespien. Der Marcos, was unser vormaliger Kapitän gewesen is, hat in einem fort gebetet und der Herr Delft hat kein Wort gesagt und hat sich nur auf die Lippen gebissen. Ich denk, das war nich ganz das, was er sich unter unserer Reise vorgestellt haben mag. Aber gut. Nachher sind wir glücklich auf dieser Insel gelandet. Gerade rechtzeitig, bevor wir abgesoffen wären. Denn, was wir im Dunkeln nicht gesehen haben: Eine türkische Kugel hat unser Boot doch getroffen gehabt. Und wie der Sturm sich gelegt hat und es dem Doktor wieder besser gegangen is, hat der natürlich nie nich was bessres zu tun gehabt, als die blöde Kugel aus dem Holz raus zu puhlen. Ab da is unser Boot mit Wasser vollgelaufen.                     

 

 

 

 

 

Logbuch des Fischkutters „Piräus“, Heimathafen Kirra, Montag, 27. November 1871, Kapitän Marcos

 

 

 

Gepriesen sei der Herr! Land! Heute, über eine Woche nach dem Ankerlichten in der Heimat und fast vier Tagen wilder Schaukelei in einer Nussschale, haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Halleluja! Wobei ich mich eigentlich nicht recht freuen kann. Ich versuche, die Ereignisse seit der Explosion meines stolzen Schiffes zusammenzufassen.

 

Meinen ursprünglichen Plan, irgendwo nördlich von Lesbos und damit ganz in der Nähe vom Hirsalik, dem Reiseziel meiner Passagiere, türkisches Festland zu erreichen, war fehlgeschlagen. Mehrere Küstenwachschiffe schnitten uns den Weg ab. Wo die auf einmal alle herkamen? Ist mir schleierhaft. Irgendwo südöstlich von Limnos mussten wir die „Piräus“ aufgeben. Womit es ganz logisch war, dass sie unsere Überreste der Strömung und des Windes wegen an den Küsten von Limnos und Imvros suchen mussten beziehungsweise im Meer zwischen beiden Inseln. Gegen Wind und Strömung anzukämpfen war uns natürlich ganz unmöglich, womit nur der Weg nach Westen offen blieb. Wir passierten also Limnos im Süden, hielten uns sodann östlich vom Athos und ließen uns von der Strömung nach Norden treiben. Das musste uns ganz sicher in Richtung der Insel Thassos bringen. Auch dort kenne ich ein paar Freunde. Fischer wie ich. Ich war überzeugt, auf Thassos Hilfe zu erhalten.

 

Kurz nach meinem gestrigen Eintrag kam die Insel auch in Sicht. Trotz des Sturmes waren einige Fischer bei der Arbeit. Ich wollte schon mein kleines Segel setzen, um mich zu erkennen zu geben, als mich der Holländer zurückhielt. Er reichte mir sein Fernrohr. Das waren nur zum Teil Fischer. Um sie herum, auch auf ihren Booten, wimmelte es nur so von Soldaten. Weil sie mit den Netzen warfen, konnte das nur eines bedeuten. Sie hielten es nicht für unmöglich, das unsere toten Körper bis hierher geschwemmt worden sein konnten. Sie suchten uns noch immer. Und sogar auf Thassos.

 

Damit hatten wir schlechte Karten. Zunächst versuchte ich eine möglichst weite Umfahrung nach Nordosten zu schaffen. Ein mühsames Unterfangen gegen den Wind. Unser Proviant war vor zwei Tagen zu Ende gegangen. Kälte und Hunger hatten uns geschwächt. Die starke Strömung in diesem Teil der Ägäis trieb uns immer wieder nach Westen. Nördlich von uns tauchte eine Küstenlinie auf. Das konnte nur das Nestos-Delta sein. Der Nestos trennt Thrakien von Makedonien. Dort, wo der Fluss ins Meer mündet, hat er eine breitgefächerte Sumpflandschaft erschaffen. In seinen verschachtelten und verzweigten Armen und Biegungen, zwischen hohem Schilf, musste es möglich sein, ungesehen von den Türken das rettende Ufer zu erreichen.

 

Unter Aufbietung aller meiner Kräfte legte ich mich in die Riemen. Der deutsche Kutscher half, so gut er eben konnte. Jedoch, die Strömung war stärker. Sie drückte uns nach Westen. Ja und dann entdeckte der isländische Doktor eine türkische Kugel in den Planken und begann, sie heraus zu puhlen.

 

 

 

Wir können von Glück reden, dass es zwischen Thassos und dem Festland dieses winzige Eiland gibt. Thassopoúla heißt es. Klein Thassos. Wie erreichten es mit Mühe und Not. Proviant war nicht mehr an Bord, also konnten wir uns darauf konzentrieren, unser nacktes Leben und mein Logbuch zu retten. Um das kaputte Boot allein ans Ufer zu ziehen, fehlte mir die Kraft. Der Holländer und der Deutsche beschäftigten sich nur mit dem Pulver und ihren Büchsen. Der Isländer versuchte krampfhaft ein paar Papiere über Wasser zu halten. Also musste ich das letzte Stück meiner einst ruhmreichen „Piräus“ fahren lassen. Friede seiner Asche! Wir hätten es hier wahrscheinlich sowieso nicht reparieren können, denn diese winzige Insel ist so kahl wie nur etwas kahl sein kann. Nur Gras und ein paar struppige Sträucher. Sonst nichts.

 

Immerhin fanden wir eine windgeschützte Höhle. Nachdem wir die Schlangen, die darin hausten, vertrieben haben, können wir nun endlich ruhen. Leider müssen wir weiter ohne Feuer der Kälte trotzen. Die dürren Äste des Gestrüpps würden sicher brennen. Aber da sie vom Regen völlig durchnässt sind, gäbe das eine Rauchsäule, die jeden Türken im Umkreis von zehn Meilen auf uns aufmerksam werden ließe. Das Risiko können wir nicht eingehen. Warten wir ab, bis sich die Aufregung legt. Es sollte möglich sein, einen Landsmann auf uns aufmerksam zu machen oder vielleicht gar selbst hinüber an Land zu schwimmen. Morgen sind wir klüger. Halleluja!