Leseprobe „Sex mit tödlicher Nebenwirkung“

 

comediantes 2020

 

 

 

Wolfram Christ

 

 

 

 

 

 

 

Sex mit tödlicher Nebenwirkung

 

 

 

Thriller

 

 

 

1. Auflage der überarbeiteten Neuausgabe

 

 

 

 

 

 

 

comediantes

 

Verlag für Lyrik und Belletristik

 

des 21. Jahrhunderts

 

 

 

e-book

 

ISBN 978-3-946691-08-2

 

 

 

 

 

 

 

© 2020 www.comediantes.de

 

 

 

Erstveröffentlichung 2012 im

 

AAVAA-Verlag Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    3      Aus und vorbei

 

 

 

  11      Wahnsinn mit Methode

 

 

 

  29      Sarah

 

 

 

  39      Ein Opfer kommt selten allein

 

 

 

  54      Fragen über Fragen

 

 

 

  72      Die Liste

 

 

 

  86      Freiheit

 

 

 

  103    In der Sackgasse

 

 

 

  116    Weit weg

 

 

 

  129    Kein Traum vom Glück

 

 

 

  144    Tina

 

 

 

 

Aus und vorbei

 

 

 

Kaum hörbar arbeiteten die Kolben unter der Motorhaube. Ruhig und gleichmäßig. Ein sonores Summen. Regentropfen prasselten. Dick und schwer klatschten sie direkt vor meinem Gesicht auf die Frontscheibe. Das war kein Regen mehr. Das war Eis! Im Nu überzog ein jungfräulich weißer Film die linke Fahrspur. Der Laster vor mir erzeugte hässlich graue Fontänen. Ich stellte die Scheibenwischer schneller. Wirkung gegen null. Beschissenes Ende eines beschissenen Tages. Und das, so kurz bevor ich von der Autobahn runter musste. Nicht auszudenken, wenn der Brummi die gleiche Ausfahrt nähme.

 

Ein Blick in den Spiegel, ein Blick nach links, blinken und dann ganz vorsichtig das Lenkrad herum. Nur ein klein wenig. Das Gaspedal tiefer getreten.

 

Weich zog der Wagen auf die unberührte Überholspur. Frisches Weiß blendete im Scheinwerferkegel. Dichtes Treiben. Das Fahrgeräusch der Reifen änderte sich. Leises Knirschen.

 

Ich sah zur Temperaturanzeige. Null, minus nullkommafünf, minus eins.

 

Das hieß, dass die Außentemperatur in kaum dreißig Sekunden, seitdem sich die Tropfen in Eisgraupel verwandelt hatten, um ziemlich genau fünf Grad abgestürzt war.

 

Ich befand mich jetzt direkt neben dem LKW. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, als würde mich sein Sog stärker als üblich nach rechts ziehen. Seine Radkästen kamen bedrohlich nah. Ich versuchte gegenzusteuern.

 

 

 

Glucksend und blubbernd umschmeichelte das warme Badewasser Sarahs Haut. Die Achtzehnjährige rekelte sich im Whirlpool. Sie dehnte sich, zog die Beine an, drehte sich leicht und streckte sie wieder aus. Sie wusste, dass der Mann sie beobachtete. Sie wusste es. Sie genoss es. Sollte er.

 

Strobel war ein alter Bock. Schwammige Visage. Dauergrinsen … wenigstens wenn Sarah sich in seiner Nähe aufhielt. Aber er zahlte gut. Sehr gut sogar. Jedes Gramm Fett seines Wabbelbauches ein Geldschein. Musste nur richtig gemolken werden. Und … Strobel hatte keine Angst. Keine Angst, ein Mädchen einzuladen, das viele andere neuerdings mieden. Das sie mieden, als hätte es die Pest.              

 

Luftbläschen perlten am Nacken der Badenden aufwärts, spielten mit ihren Locken, kitzelten unten zwischen den Beinen. Sarah bekam eine Gänsehaut vor lauter Lust.

 

Strobel war dicht an die Wanne herangetreten, krempelte die Ärmel hoch und begutachtete sie mit unverhohlener Gier.

 

Sarah hielt seinem Blick stand.

 

„Möchtest du mich nicht bisschen verwöhnen? So vom großen Zeh an aufwärts?“ Dabei streckte sie ihren rechten Fuß aus dem Wasser. Der Mann griff zu. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Wenn dieses junge, wundervolle Geschöpf ihn so selbstbewusst herausforderte, stieg in dem distinguierten Gentleman jedes Mal eine Hitzewelle hoch. Dann sah er sich außerstande, Haltung zu bewahren. Heute mehr denn je. Sollte er beunruhigt sein?

 

Wegen der Geschichte mit den Morden? Was, wenn er den Fuß einer eiskalten Killerin in Händen hielt? … Sarah? … Unsinn!  Allein diesem Engel zuzusehen, wog jede Gefahr auf. Voll und ganz.

 

Strobel hockte sich nieder und begann, Sarahs Waden zu massieren. Und er massierte gut. Sehr gefühlvoll. Sie schloss die Augen. Seine Hand arbeitete sich langsam den Schenkel empor. Das aufregende Prickeln einer unkonventionellen Beziehung. Anders als die albernen Schulhofromanzen ihrer Klassenkameradinnen. Abenteuer pur. Gewinnbringend.

 

Außerdem waren die Erfahrungen der alten Kerle durchaus nicht zu verachten. Wie sanft entschlossen seine Finger ihre Brust umfingen. Sarah schnurrte vor Vergnügen wie ein Kätzchen.

 

Filialleiter Strobel, dem seriösen Banker, wurde über seiner freudvollen Tätigkeit der Atem knapp. Endlich zerrte er sich den Schlips vom Hals. Dann packte er Sarah. Das Leichtgewicht bereitete ihm trotz seiner Körperfülle keine Schwierigkeit.

 

Schwäche zu zeigen, konnte er sich ohnehin nicht leisten; jedenfalls nicht vor so einem jungen Ding.

 

Er packte sie, hob sie aus der Wanne und trug sie, tropfnass wie sie war, quer durch den langen Flur hinüber zum Schlafzimmer.

 

Das Mädchen kreischte auf, als er es mit Schwung auf sein mondänes Doppelbett warf. Sarah wusste genau, jetzt hatte sie ihn. Es gab kein Entrinnen. Er war ihr ausgeliefert. Nur noch einen Moment.

 

Der Mann keuchte. Sie machte ihn wild. Wie ein gehetztes Reh kauerte sich die Kleine an der oberen Bettkante zusammen. Taktik. Die Taktik einer Raubkatze, die auf ihre Chance wartet. Er war wie von Sinnen, kroch auf allen Vieren auf sie zu.

 

Aber kaum, dass er über sie kam, schnellte sie hoch und stürzte sich nun ihrerseits auf den wehrlos auf den Rücken kugelnden Mann-Käfer. Jetzt war sie der Chef im Ring. Seine Herrin. Fauchend zeigte sie ihm die Zähne.

 

Dr. Hartmut Strobel durchzuckte ein Glücksgefühl. Ihm schwindelte. Er sah sie nicht mehr, spürte sie dafür umso intensiver. Was für ein Mädchen! Fast ohne Überleitung ging sein atemloses Grunzen in ein genussvolles Aufstöhnen über. Was für ein Mädchen!

 

 

 

Wie ein Puck gegen die Bande des Eishockey-Feldes geschleudert, prallte der Wagen von der Mittelleitplanke zurück. Ein letztes Mal versuchte ich, meine Fahrkünste in die Waagschale zu werfen, dem Unausweichlichen zu trotzen. Es half nichts. Um mich drehte sich die Welt im Kreis.

 

Als das Karussell innehielt, sah ich den Brummi, den ich eben überholt hatte, direkt vor mir. Er raste mit kaum verminderter Geschwindigkeit frontal auf mich zu. Merkwürdigerweise kam er trotzdem nicht näher. Meine Räder rutschten immer noch. Rückwärts. Ich gab es auf, irgendetwas selbst tun zu wollen, ließ mit mir geschehen.

 

Verblüffend, wie ruhig mich diese erzwungene Passivität machte. Angst? Eher weniger. Dafür Neugier. Tatsächlich, Neugier. Was passiert, wenn mich das große Fahrzeug erfasst? Der Augenblick des Todes – finales Erlebnis oder Übergang in eine andere Dimension?

 

Noch blieb mir eine Galgenfrist. Noch schleuderte ich ein zweites Mal gegen die Leitplanke. Mit der Motorhaube. Ein Blitz. Bunte Plastik und schwarze Metallteile flogen.

 

Das Auto pendelte um seine Achse zurück. Es krachte erneut. Diesmal hinten am Heck. Dann tauchte der Lastwagen wieder vor mir auf. Ich musste mit unglaublicher Geschwindigkeit über das Eis segeln, dass er mich bisher nicht erwischt hatte. Und ich segelte weiter. Meter um Meter, der Standspur zu. Auf dieser Seite gab es keine Leitplanke. Nur Bäume, Gestrüpp und ein Feld. Abschüssig. Großer Gott!

 

Ein Stoß. Ich kippte. Ein Stück. Nicht völlig. Bis zu einem toten Punkt. Stille.

 

Unerträglich lange Augenblicke. Dann wippte der Wagen auf seine vier Räder zurück. Und endlich bewegte sich nichts mehr. Gar nichts. Schluss. Aus. Vorbei.

 

 

 

Mit Blaulicht und Sirene raste der Streifenwagen in Richtung Norden. Mitten durch ruhig verschlafene Straßen, fernab des Trubels im Zentrum. Gleich darauf ein zweiter und ein Zivilfahrzeug – ebenfalls mit Blaulicht. Zwei Notarztwagen folgten. Erstaunt hielten ein paar Passanten inne, sahen den Wagen nach.

 

Die Nacht war jung für Leipziger Verhältnisse. Genau genommen zu jung, als dass es schon die erste Schlägerei unter Betrunkenen sein konnte, die den Lärm verursachte. Zumal die, wenn überhaupt, in der entgegengesetzten Richtung zu erwarten wäre.

 

Noch strömten Vergnügungssüchtige den Tempeln der Spaßgesellschaft  in der Innenstadt zu. Leute, für die die Nacht erst richtig anfing, wenn anderswo die ersten Wecker klingelten.

 

Fette Beats dröhnten aus den Betonkasematten der ehemaligen Stasizentrale. Treffpunkt der Backfische. Gegeelte Lackaffen fortgeschrittenen Alters protzten im alten Untergrundmessehaus am Markt mit breiten Goldkettchen und aufgetufften Bräuten. Unweit davon, zwischen beiden gelegen, hallte Gelächter aus verschiedenen Studentenkneipen und Kaffeehäusern durch die engen Gassen und Passagen.

 

Drüben im Metropolis ließen die, die wirklich Geld in der Tasche hatten, die Puppen tanzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit langen Beinen auf hohen Tresentischen. Champagner! 80 Mark die Piccolo Flasche.

 

Die Stadt bebte. Sie fieberte dem Samstagmorgen entgegen. Endlich Wochenende!

 

Ristorantes, Pubs, Varietés, kubanische Bars, Bordelle, bayerische Bierstuben.  Für jeden Geschmack das Passende. Neuankömmlinge mischten sich mit jenen, die schon vor Stunden aus der gesitteten Langeweile von Kinos und Theatern in das bunte Treiben der Straße gesickert waren.   

 

Anders im Norden der Stadt. Dort, wo der Konvoi der Polizei- und Sanitätsfahrzeuge durch die Nacht jagte. Wo er schließlich in einer Seitenstraße zwischen noblen Altbauten anhielt. Hier war das pulsierende Leben der City nur mehr als fernes Echo zu erahnen. Und auch das erst, nachdem die hektisch aus ihren Wagen springenden Leute die Sirenen abgeschaltet hatten. 

 

 

 

Ziemlich schräg stand ich zwischen zwei kleinen Obstbäumen im Morast des Feldraines. Der Schlamm hatte mich aufgefangen. Nicht auszudenken, wäre hier eine Leitplanke gewesen. Der Laster war an mir vorbeigerauscht und gut hundert Meter weiter hinten erst zum Stehen gekommen.

 

Ich hatte nicht das Geringste abbekommen. Kein Kratzer, kein Kopfschmerz, nichts. Das schien angesichts meines leichtsinnigen Überholmanövers so unwahrscheinlich, dass ich es kaum glauben mochte.

 

Ein ungeheures Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Klar, das Auto war hin, die Chance, noch vor dem Morgengrauen daheim zu sein, so gut wie vertan. Wochenendausflug ade. Eine Menge Bürokratie lag vor mir. Aber … ich lebte!

 

Der Brummifahrer und zwei Männer, die mit ihren PKW sofort gehalten hatten, um mir zu helfen, sahen mich ziemlich verwirrt an, als ich ihnen selig lächelnd erklärte, es sei nichts geschehen und sie könnten beruhigt weiterfahren.

 

Vermutlich waren sie der festen Überzeugung, dass bei mir durch den Schock einige Schrauben locker saßen. Womöglich hatten sie damit sogar recht.

 

Sie hatten meine Todesspirale mehr oder weniger ausführlich beobachten können und mit mir gelitten. Ich glaube, die drei waren blasser als ich.

 

Allerdings beunruhigte mich das Zischen unter der völlig zerbeulten Kühlerhaube. Dampf kroch aus den leeren Grotten, in denen sich bis eben Scheinwerfer befunden hatten.

 

Ich stellte das Warndreieck auf und postierte mich mit meinem Telefon in gehöriger Entfernung von der Unfallstelle. Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Dann setzte ich alle, die es wissen mussten, über mein Missgeschick in Kenntnis. Automobilklub, Polizei, …

 

Die nasse Kälte, die mit dem Matsch über den Rand der Halbschuhe in meinen Körper drang, ließ die Warterei zur Tortour werden. Gestern Morgen hatte ich die Stiefel schon in der Hand gehabt. Das war schon mal die erste Fehlentscheidung des Tages gewesen.

 

 

 

Es klingelte. Einmal kurz. In der Villa der Webers rührte sich nichts. Der Samstagmorgen war dem vielbeschäftigten Manager normalerweise heilig. Seine Damen hielten ohnehin viel auf ihren Schönheitsschlaf. Es klingelte erneut. Diesmal länger, ungeduldig. Und gleich darauf zum dritten Mal. Ärgerlich rappelte sich Hannes Weber hoch. Ein Blick zur Uhr. Kurz nach drei. Was sollte der Unsinn?

 

Die Haustürklingel gellte ihm in den Ohren. Der aufdringliche Besucher gab nicht nach.

 

„Geh endlich und jag die Nervensäge zum Teufel!“ zischte seine bessere Hälfte unter ihrer Decke hervor. Mühsam wälzte sich der Mann aus dem Ehebett. Er bekam kaum die Augen auf. Ein Griff zum Morgenmantel.

 

Der Mensch an der Tür hämmerte inzwischen zusätzlich zum Klingelsingsang mit den Fäusten auf die Nerven der müden Hausbewohner ein. Das war zu viel! Weber explodierte förmlich. Was für eine Impertinenz! Mit Schwung riss er die Haustür auf.

 

„Himmeldonner ...“

 

„Kathrin Kranz. Mordkommission. Herr Weber?“ Vor ihm stand eine energische Dame. Sie hielt ihm ihren Ausweis und ein Stück Papier unter die Nase. Hinter ihr zwei Uniformierte.

 

„Herr Weber, ich habe den Auftrag, Ihre Tochter Sarah in Haft zu nehmen. Sie steht unter dringendem Tatverdacht, heute Nacht einen Mord begangen zu haben. … Ist sie da?“

 

„Ja ... nein ... ich weiß nicht ...“

 

„Darf ich?“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten schob sich die Polizistin an dem konsternierten Menschen vorbei.

 

„Würden Sie uns bitte zu Sarahs Zimmer führen.“

 

„Sie kommt am Wochenende immer erst sehr spät heim. Ich weiß nicht ...“

 

„Würden Sie uns bitte Sarahs Zimmer zeigen!“ Die Stimme der Beamtin klang so ungeduldig wie zuvor ihr Klingeln und Klopfen. Weber machte eine hilflose Handbewegung.

 

Auf der Treppe erschien das bleiche Gesicht seiner Gemahlin. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen ohne wirklich zu begreifen, was da vor sich ging.

 

 

 

Das Mädchen hatte von all dem nichts mitbekommen. Sie war erst vor kurzem zu Hause eingetrudelt. Tief und ruhig ging ihr Atem. Ihre weichen Züge hatten etwas beruhigend Friedliches an sich. Eine Märchenprinzessin, die wach zu küssen kein Prinz umhin gekommen wäre. Sarah hatte einen festen Schlaf. Nicht einmal die krachend aufplatzende Tür konnte sie wecken. Erst als ihre Schwester Joanna sich auf sie warf, sie hin und her rüttelte, kam Sarah zu sich. Sie wollte den Quälgeist wegschubsen.

 

„Eh!“, knurrte sie wütend „Lass den Quatsch. Verzieh dich!“

 

„Die Polizei ist da. Du musst fliehen!“

 

Wie ein aufgescheuchtes Huhn stob die Kleine durch das Zimmer der großen Schwester, wühlte sich durch deren herumliegende Plüschtiere zum Schrank und begann, wahllos irgendwelche Sachen in eine Reisetasche zu stopfen. Sarah war plötzlich hellwach.

 

„Was? Spinnst du? … Hör sofort auf, in meinen Sachen ...“

 

Durch die offene Tür trat eine fremde Frau ein.

 

„Sarah Weber? Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten. Ziehen Sie sich an und packen Sie das Nötigste ein. Alles was Sie für einen längeren Aufenthalt benötigen. Zahnbürste, Nachtzeug und so weiter. Und Beeilung, wenn ich bitten dürfte.“

 

 

 

 

 

 

 

  Wahnsinn mit Methode

 

 

 

Ich hatte mich kaum hingelegt, da klingelte das Telefon. Ich registrierte es im Unterbewusstsein und beließ es dabei. Wenn man die Nacht auf zugigen Autobahnen, mit gestressten Verkehrspolizisten, in überheizten Abschleppwagen und beim Werkstattnotdienst zugebracht hat, weiß man, wo man hingehört. Unter die Bettdecke! Und zwar möglichst bis zum Nachmittag. Ob darüber gerade die Welt unterging oder nicht, war mir im Moment ziemlich Schnuppe. Ich drehte mich auf die andere Seite und zog mir das Kopfkissen übers Ohr. Vergeblich. Mürrisch schob ich meine Füße in die Filzpantoffeln. Sie hatten gerade angefangen, warm zu werden.

 

„Hall ...“, schnarrte ich in die Hörmuschel.

 

 

 

Was mich am meisten aus der Fassung brachte, war das viele Blut. Eine richtige Lache auf dem Teppich. Da, wo den Kreidestrichen nach zu urteilen der zusammengekrümmte Leichnam gelegen hatte.

 

Blut am Spiegel. Blut am Bettgestell. Tropfspuren quer über das Laken. Blut auf dem Nachttisch.

 

Blut in jenem Becher, der normalerweise vermutlich den dritten Zähnen oder einer Aspirin vorbehalten war. Überall Blut. Mir wurde speiübel. Der blanke Horror.

 

Einer der Kriminaltechniker, die mit der Spurensicherung beschäftigt waren, schubste mich grinsend in den langen Flur zurück.

 

„Tschuldigung, können Sie Ihre aufsteigenden Magensäfte woanders abladen? Wir sind hier noch nicht fertig. Hat diesmal ganze Arbeit geleistet, Ihre hübsche Mandantin.“

 

Verständnislos blickte ich den Mann an. Er hob missbilligend die Brauen.

 

„Geben Sie’s auf. Nach der dritten Nummer im gleichen Stil haben Sie eh keine Chance mehr. Sie war’s. Die Beweise sind erdrückend. Wissen Sie, was wir hier alles an Haaren, Wollfusseln und so weiter finden? Unmengen! Und heute Nacht hat sie’s besonders heftig getrieben. Hat Ihnen das keiner erzählt? Das Wasserglas? Da steckte sein Pimmel drin. Den hat sie diesmal komplett abgesäbelt.“ 

 

Es dauerte eine Weile, bis ich das Bad wieder verlassen konnte. Edles Ambiente. Mir wurde das seltene Vergnügen zuteil, mich in die Sanitärkeramik einer bekannten deutschen Porzellanbude entleeren zu dürfen. Was die Angelegenheit, unter uns gesagt, nicht sonderlich angenehmer machte.

 

Nebenan, in der Wanne, sofern man diesen stattlichen Whirlpool überhaupt als Wanne bezeichnen konnte, stand noch das Badewasser des vergangenen Abends. Ob da Sarah ...?

 

Außer den Spezialisten im Schlafzimmer, die weitere Hinweise auf das nächtliche Treiben sammelten, war niemand mehr am Tatort, der mir über den Stand der Ermittlungen etwas sagen konnte. Genau genommen hatte ich fürs erste auch genug gesehen und gehört.

 

Also verließ ich die ungastlichen Hallen so schnell als möglich. Höchste Zeit. Mein Magen meldete sich bereits zum zweiten Mal. So sensibel kannte ich ihn gar nicht. Vielleicht hatte ich mir letzte Nacht auf der Autobahn was eingefangen. Ein Wunder wär’s nicht.

 

 

 

Als ich auf dem Revier eintraf, hatte Sarah schon die erste Runde Verhör hinter sich. Kathrin Kranz, meine spezielle Freundin, war schnell. Zu schnell.

 

„Herrschaften! Hatte ich vorhin am Telefon nicht ausdrücklich gesagt, keine Befragung ohne mich? Frau Weber, wollen die Ihnen irgendwas anhängen? Ich hoffe, Sie haben nichts gesagt.“

 

Sarah antwortete nicht, starrte nur vor sich hin. Kathrin Kranz verdrehte die Augen.

 

„Brechen Sie sich keinen Zacken aus der Krone, Hall. Wir haben nur zwanglos geplaudert. … Übrigens: Guten Morgen!“

 

„Kann kein guter Morgen werden, wenn wir beide uns über den Weg laufen. Und zwanglos geplaudert wird hier auch nicht ohne mein Einverständnis. Merken Sie sich das bitte, Frau Kommissarin.“ Sie winkte ab.

 

„Spucken Sie keine Töne, Hall. Raten Sie Ihrer Mandantin lieber, endlich auszupacken. Wenn sie kooperiert, versprech ich Ihnen, dass ich mich für mildernde Umstände einsetze. Das würde uns nämlich ne Menge Arbeit sparen. Habe ich mich klar ausgedrückt, lieber Herr Hall?“

 

„Schon kapiert! Sie suchen ein bequemes Opfer, damit Sie um gründliche Ermittlungen rumkommen. Nicht mit mir! Und jetzt würde ich Sie bitten, mich allein mit meiner Mandantin reden zu lassen. Liebe Frau Kranz!“

 

„Vorsicht Hall! Wir lassen Sie hier mit Sarah allein. Aber überlegen Sie sich bitte anschließend ganz genau Ihre Wortwahl. Von Ihnen lass ich mir nicht auf der Nase herumtanzen. Nicht von Ihnen!“        

 

Nachdem der Raum leer war, setzte ich mich dem Mädchen gegenüber. Mein Gott, sah die Kleine schlecht aus. Die weichen Gesichtszüge … verkrampft. Die sonst so leuchtenden Augen … stumpf und leer. Wirre Haare zottelten um blasse graue Wangen. Man hatte ihr anscheinend nicht mal Zeit gelassen, sich zu kämmen. Scheiße! Womit beginnen?

 

 

 

Seit ich vor gut einer Woche den Anruf von Weber bekommen hatte, ich solle die Vertretung seiner Tochter übernehmen, war so ziemlich alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Dabei klang der Auftrag zunächst ganz simpel. Vermutlich aus Geldgier hatte sich die Göre auf ein Verhältnis mit einem reichen Gönner eingelassen.

 

Mit einem Professor der hiesigen Uni. Ein Bekannter des Herrn Papa. Eine einmalige Entgleisung, hatte es geheißen.

 

Dummerweise war der feine Lehrer auf ziemlich brutale Weise vom Leben zum Tode befördert worden. Einen Schnitt in den Penis und einen durch die Gurgel. Mit eiskalter Präzision und einer Art scharfem Messer. Von der Mordwaffe fehlte jede Spur. 

 

Ausgerechnet am Vorabend nun hatte Sarah nachweislich ein Date mit dem alten Zausel gehabt. Mein Engagement sollte eine reine Vorsichtsmaßnahme sein. Leicht verdientes Geld.

 

Das zierliche Kind mochte hochnäsig, leichtsinnig, naiv und was weiß ich nicht alles sein. Von mir aus auch berechnend. Welche Frau wäre nicht berechnend? Dämlich war Sarah aber definitiv nicht.

 

Und so viele Spuren zu hinterlassen, wie sie es getan hatte, wäre, gesetzt den Fall, sie wäre die Mörderin gewesen, ziemlich dämlich gewesen.

 

Nein, sie war keine Mörderin. Diese Überzeugung ihrer Eltern teilte ich vom ersten Augenblick an unbesehen.           

 

Drei Tage später allerdings änderte sich die Lage erheblich. Eine zweite Leiche. Wieder ein gut betuchter älterer Herr. Wieder die bekannte Schnittfolge. Wieder kein Raubüberfall. Dafür an der Nachttischlampe Sarahs Telefonnummer. Schluss mit lustig!

 

Sarah war um die Tatzeit herum zwar in einer Disco gesehen worden, vorher jedoch wies ihr Alibi Lücken auf. Schließlich musste sie zugeben, tatsächlich auch diesen Herrn besucht zu haben. Sie schwor Stein und Bein, dass er noch gelebt habe, als sie ihn verließ. Zeugen gab es dafür naturgemäß nicht. Die Story von dem einen alten Gönner war damit vom Tisch. Gab es vielleicht weitere Freier?

 

Jedenfalls fiel es zunehmend schwerer, die Staatsanwältin zu überzeugen, dass der von Kathrin Kranz geforderte Haftbefehl übertrieben wäre. Genau genommen hatte ich lediglich davon profitiert, dass die Frau Kommissarin die wundervolle Gabe besaß, sich überall nach Kräften unbeliebt zu machen. Ihr Diensteifer wirkte mitunter penetrant.

 

Jetzt allerdings sah ich wirklich keine Möglichkeit mehr, Sarah schnell aus ihrer Patsche zu helfen. Vielleicht war es am Ende sogar besser, sie ein paar Tage aus dem Verkehr zu ziehen. Warum begriff sie nicht, dass sie wenigsten das Ende der polizeilichen Ermittlungen abwarten musste, bevor sie erneut ihrem sicher lukrativen Zeitvertreib nachgehen konnte?

 

                 

 

„Ich war es nicht.“ Sarahs Worte rissen mich aus meinen Gedanken.

 

„Aber Sie waren da, heute Nacht?“

 

„Schon. Aber ich war es nicht?“

 

„Wer war es dann? Haben Sie einen Verdacht?“ Sie schüttelte den Kopf.

 

„Können Sie mir sonst irgendwas sagen?“ Kopfschütteln.

 

„Und warum waren Sie da?“ Schulterzucken.

 

„Er hat mich angerufen.“

 

„Als Sie gegangen sind, hat er gelebt?“

 

„Ja.“

 

„Gut. Passen Sie auf. Wir kommen so nicht weiter. Die Haft kann ich Ihnen vorläufig nicht ersparen. Ich muss überlegen, was zu tun ist. Ihre Eltern konsultieren. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit gegen Kaution. Sie sollten auf jeden Fall nachdenken, ob es nicht mehr gibt, das ich wissen sollte. Dass Sie es nicht waren, können Sie der Frau Kommissarin sagen. Sonst nichts. Kein Wort. Haben Sie mich verstanden? Lassen Sie mich reden.“ Sie nickte. „Und auch zu keinem anderen ein Wort, wenn ich nicht dabei bin. Versprechen Sie mir das?“

 

„Ja.“

 

„Gut, dann können wir die Bullen wieder rein lassen. Die scharren vor der Tür bestimmt schon ganz ungeduldig mit den Hufen.“

 

Es sollte ein Scherz sein. Irgendwie war uns aber beiden nicht zum Lachen.

 

 

 

„So gegen zehn ist sie gegangen. Was weiß ich wohin! Zu dem Kerl wohl. Oder? Mir erzählt sie ja nichts.“ Barbara Weber, Sarahs Mutter, schnäuzte sich. Ihre Augen waren rot vom vielen Weinen. Erregt sprang ihr Mann auf.

 

„Jedenfalls hat Sarah ihn nicht umgebracht.“

 

„Sagt sie“, warf ich ein.  

 

„Das steht fest. So was würde meine Tochter nicht tun. Nie. …

 

Finden Sie raus, wer’s war und entlasten Sie Sarah! Das ist Ihr Job. Dafür bezahle ich Sie!“ Er schnaufte hörbar.

 

„Ich bin Anwalt, kein Detektiv! Wenn Sie es wünschen, kann ich aber gern einen engagieren. Könnte hilfreich sein.“

 

Die herablassende Art dieser Leute ärgerte mich. Schon beim ersten Treffen. Geringschätzig hatte Sarah mich taxiert. Ich stand nicht auf Designerklamotten. Und von Idealgewicht konnte keine Rede sein. Dafür lebte ich zu gern ein bisschen zu gut. Der wehleidige Blick aus den tiefen dunklen Augen des Mädchens zu ihrem Vater sprach Bände: ‚Muss ich wirklich mit diesem naduweißtschon Typen reden?’

 

Als sie dann zu sprechen begann, gab sie sich betont cool. Sie könne halt mit grünen Jungs nichts anfangen. Und wenn ein guter Freund einen einlade und einem was schenke, sei dagegen wohl nichts einzuwenden. Sei ihre Sache. Oder besser seine. Alles andere wäre dummer Zufall gewesen.

 

Gelangweilt ihre Stimme. Ausdruckslos ihr Gesicht. Lediglich die dunklen Augen ließen vermuten, dass sie zu anderen Regungen fähig war. Wunderschöne Augen übrigens. Was sollte ich von diesem Mädchen halten? Irgendwie passte das ganze Gehabe nicht zu ihr. Irgendwas war faul im Staate Dänemark. Genau genommen ging mich das alles jedoch nichts an.

 

„Fakt ist, wenn ich Sarah verteidigen soll, wenn ich ihre Unschuld vor Gericht beweisen soll, brauche ich konkrete Anhaltspunkte. Fakten. Was meinen Sie, was ein Staatsanwalt alles vorliegen haben muss, damit er einen Haftbefehl unterschreibt? Beim jetzigen Stand der Dinge bekomme ich Ihre Tochter nie im Leben aus der Untersuchungshaft. Selbst wenn Sie noch so viel Kaution bieten. Die Kripo hält das Mädchen für gemeingefährlich. Frau Kranz haben sSe ja kennengelernt. Wenn die sich in eine Sache verbeißt ...“

 

Barbara Weber schluchzte. Ganz klein, völlig in sich zusammengesunken, kauerte sie in der riesigen Couchgarnitur. Krasser konnte der Kontrast zu dem riesigen Zimmer nicht ausfallen. Dunkles Parkett und schwere Teppiche gaben dem Raum ein wohlig gediegenes Aussehen.

 

Die breite Holztreppe, die ins Obergeschoß führte, teilte ihn in zwei Erlebnisbereiche. Der von mir aus gesehen hintere Teil war nur spärlich möbliert. Er schien so eine Art privater Galerie der Webers zu sein. Kräftige Farben und abstrakte Figuren dominierten. Bill, Müller-Eibenstock und Altenbourg. Nicht gerade Allerweltskram. Die Leute hatten Geschmack.

 

Am Fenster plätscherte ein Zimmerspringbrunnen. Ein ausladender Leuchter hüllte den Raum mit seinen Kerzen in warmes, weiches Licht. Es wehte ein Hauch von Vivaldi. Das Violinenkonzert. Kaum hörbar aber präsent. Ein Hauch eben. Hervorgezaubert von einer sündhaft teuren Musikanlage. Alles vom Feinsten. Unter normalen Umständen … ein Traum. Jetzt empfand ich die Atmosphäre als Alptraum.

 

Hannes Weber zuckte mit den Schultern.

 

„Und nun?“

 

„Hat sie denn nicht irgendwas gesagt, vorher oder hinterher? Nachdem sie weg war, meine ich?“ Schweigen.

 

„Wann sie wiederkam, weiß ich nicht.“ Das Sprechen fiel Barbara Weber sichtlich schwer. „Wir haben geschlafen. … Heute morgen ... ich weiß nicht ...“ Sie schluckte.

 

Immer wieder dieses ‚ich weiß nicht’. Ich weiß nicht. … So viel Nichtwissen über die eigene Tochter ging mir zunehmend auf die Nerven. Aber ich sagte nichts.

 

„Na ja, ... doch. So um viertel drei war’s wohl. Ich bin durch Sarahs Lachen munter geworden. Hat wahrscheinlich Joanna geärgert. Und dann hat sie gelacht. Ziemlich laut. Ich wollte erst schimpfen, hab’s aber gelassen. Sie war in den letzten Tagen so still und verschlossen. Und jetzt plötzlich so ein Lachen.

 

Das hat mich halt auch wieder gefreut. Deshalb war der Schock umso größer, als die Polizei kam. … Ich war da gerade wieder eingeschlafen.“

 

Weiter kam die Frau nicht mit ihrem Bericht. Tränen. Ihr Mann stand am Fenster. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen.

 

„Wissen Sie“, begann er schließlich leise, „genau genommen haben’s diese Schweine nicht besser verdient. Seien wir mal ehrlich. Weil sie bei ihrer Alten daheim den Schwanz nicht mehr hochkriegen, kaufen sie sich solche unerfahrenen jungen Dinger. Es ist zum Kotzen!“        

 

Seine Stimme klang seltsam. Wütend und weich zugleich. Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Waren ihm solche Anwandlungen am Ende selbst nicht ganz fremd?

 

„Da schenkt man seinem Kind alle Liebe und Aufmerksamkeit und dann kommt so ein Kerl und zerrt es in den Dreck.“

 

Ein gekränktes Vaterherz? Oder gar Eifersucht?

 

„Immerhin ist sie freiwillig hingegangen“, wagte ich einzuwerfen, „und Sie haben sie gehen lassen.“

 

„Was soll das heißen? Halten Sie mich für’n Zuhälter?“ Wutschnaubend fuhr der Mann herum. Das Weinen wurde lauter.

 

„Wenn Sie uns beleidigen wollen, hauen Sie lieber gleich ab!“ Er kam einen Schritt auf mich zu. Ich stand auf.

 

„Hannes!“ unterbrach ihn seine Frau mit tränenerstickter Stimme. Und zu mir: „Entschuldigen Sie bitte!“

 

Ich verneigte mich leicht.

 

„Nein, entschuldigen Sie! Ich wollte Sie keineswegs beleidigen. Vielleicht hab ich mich falsch ausgedrückt. Ich möchte nur herausfinden, was passiert sein könnte und wie es dazu gekommen ist.“

 

Er winkte ab.

 

„Finden Sie’s raus und verschonen Sie uns mit ihren Weisheiten. Geld spielt keine Rolle. Wenn Sie einen Detektiv brauchen, engagieren Sie einen.“

 

„Ich tu was ich kann.“

 

Ich griff nach meinem Mantel. Den Weg hätte ich mir sparen können. War heute wohl kein guter Zeitpunkt für ein sachliches Gespräch. Die Nerven lagen blank. Ich sollte endlich bisschen Schlaf nachholen. Vorher einen gesitteten Scotch zum Tagesausklang. On the rocks. Irgendwo in einem rauchigen Pub. Oder vielleicht doch lieber vor dem heimischen Fernseher? Genau.

 

„Wiedersehen.“

 

„Schon gut, mir tut’s auch leid.“

 

Mein Auftraggeber reichte mir die Hand. Es sollte wohl so eine Art Versöhnungsgeste sein.

 

„Ist halt alles so furchtbar, wissen Sie. Was sollen wir machen? Das Mädel ist achtzehn und ich bin nicht ihr Babysitter. Von mir hat sie immer genug Geld gekriegt, damit sie nicht auf andere angewiesen ist.“

 

„Zuviel.“ Die Mutter hatte sich etwas beruhigt.

 

„Wie zu viel?“

 

„Na du hast ihr immer jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Davon war ich nie begeistert.“

 

„Was soll das denn nun wieder? ‚Immer’! Ich bin doch fast nie zu Hause. Wenn hier jemand was an der Erziehung falsch gemacht haben könnte, dann bestenfalls du. Außerdem begreife ich nicht, was das mit unserem Problem zu tun haben soll.“

 

„Du begreifst nie was. Schleppst am Wochenende die teuren Geschenke an und ich kann im Rest der Woche sehen, wie ich mit den Mädels klarkomme. Was in deren Köpfen wirklich vorgeht, davon hast du überhaupt keine Ahnung!“ Ihre Tränen rollten ungehemmt.

 

„Na das ist ja die Höhe! Jetzt bin ich dran schuld, dass deine Tochter Nutte spielt!“

 

„Hannes!“

 

Leise schloss ich die Wohnzimmertür hinter mir. Was da drinnen zwischen den beiden abging, hatte mich nicht mehr zu interessieren. Wenngleich ich es aufschlussreich fand.                 

 

 

 

Draußen umfing mich das Flair der „guten alten Zeit“. Leipzig-Gohlis ist ein besonderes Viertel. Beeindruckende Villen mit noch beeindruckenderen Gärten dahinter. Meist nicht sonderlich gepflegt. Das gewisse Etwas gibt ihnen der uralte Baumbestand. Unvergängliche Noblesse vergangenen Bildungsbürgertums.

 

Heute zierten Begriffe wie „Grundstücksverwaltung“ oder „Assekuranz und Kapital Consulting“ die Haustüren. In dieser Ecke der Messestadt hielt ich mich ehrlich gesagt ungern auf. Viele meiner Kollegen betrieben hier ihre Kanzleien. Tür an Tür mit neureichen Möchtegernstars aus Wirtschaft, Kunst und Politik. Klüngel. Geschmackssache.

 

Dem Himmel über Gohlis war die ganze Bagage schnuppe. Sternenklar dekorierte er die malerische Kulisse. Kassiopeia, Orion, Großer Wagen ... Apropos Wagen. Vergeblich suchte ich vor der Haustür nach meinem Auto. Hatte ich das nicht...? Quatsch! Das war ja Schrott. Bis auf weiteres musste ich nach einem blauen Leihwagen Ausschau halten. Und der stand direkt vor mir.

 

Müde quälte ich mich hinter das ungewohnte Lenkrad. Der Motor sprang sofort an. Nicht ganz so kultiviert, wie ich es gewohnt war, aber immerhin. Neben mir klappte die Beifahrertür.

 

Erschrocken fuhr ich herum. Ehe ich etwas sagen konnte, saß ein Mädchen von schmaler Statur mit schulterlangem Haar an meiner Seite und befahl in nervösem Tonfall:

 

„Nu fahrn Sie endlich paar Meter! Muss uns nich jeder beieinander sehn. Na los!“

 

Ein aufgedrehtes Kind. Es war Joanna, Sarahs Schwester. Fünfzehn Jahre. Wirkte älter. Ich hatte sie bisher erst einmal gesehen. Hübsch. Sah ihrer Schwester verdammt ähnlich. Ausgesprochen lange Beine. War auf dem Beifahrersitz nicht zu übersehen. Sie trug ein für die Kälte übertrieben kurzes Röckchen.  

 

Wunschgemäß fuhr ich um zwei Straßenecken. Am Ende der Pölitzstraße, vor dem Bauzaun, der die Wohnsiedlung von den Kleingärten im Rosental trennte, hielt ich. Unter ausladenden Ästen eines kahlen, grauen Baumes, den ein Schildchen als naturgeschützte Ulme auswies, parkten wir einigermaßen ungestört. Die edlen Stadtvillen rechts und links waren erst vor kurzem fertiggestellt oder saniert worden. Die meisten standen leer. Der große Nachfrageboom nach teuren Wohnungen war vorüber.

 

„Na schön“, begann ich, „und wie weiter?“

 

„Ich muss mit Ihnen reden, Herr Hall.“

 

„Hätten wir das nicht im Haus machen können?“

 

„Wenn meine Eltern zuhören? Pah.“

 

Ich runzelte die Stirn. „Okay. Dann schießen Sie mal los, wo Sie mich schon gekidnappt haben.“

 

Im Halbdunkel sah ich, dass sie lächelte. Für ihr Alter hatte sie, wenn sie nicht gerade hysterisch herumkommandierte, eine ziemlich angenehme weiche Stimme.

 

„Duzen Sie mich bitte. Ich heiße Joanna.“ Sie reichte mir ihre Hand.

 

„Ich weiß, hm, in dem Fall ... Martin.“ Für meine Begriffe drückte sie meine Hand etwas zu lange.

 

„Sie wollen doch wissen, warum Sarah heute so fröhlich war, so gelacht hat, wie meine Mutter sagte?“

 

Das kleine Luder hatte also gelauscht.

 

„Sie hat sich gefreut, weil der Kerl, den sie heut Nacht geschlachtet haben, der erste von ihren Freiern war, der sich von den Zeitungsmeldungen nicht hat verschrecken lassen und wieder angerufen hat. Und der gehört ... nee gehörte ...“, sie kicherte, „... gehörte zu denen, die am besten gezahlt haben. Und heute, da hat er sogar richtig tief in die Tasche gegriffen. Richtig dicke Knete! Verstehen Sie?“

 

Ich spürte, dass sie mich aufmerksam musterte. Offenbar genoss sie die Wirkung ihrer Worte. Tatsächlich war ich einigermaßen sprachlos. Natürlich hatte ich mir so was in der Art gedacht. Aber irgendwie klang das, was mir die Kleine da auftischte, als wären Sarahs bisherigen Geständnisse nur die Spitze eines Eisberges. Vorausgesetzt,  Joanna sprach die Wahrheit.

 

„Wie Freier? Ich denke, Sarah hatte nur zwei, drei ältere Freunde, die sie, sagen wir mal, ausgehalten haben für ihre ... hm ... Freundschaftsdienste. Gibt es mehr von denen?“

 

Die Kleine kicherte wieder.

 

„Viel mehr?“

 

„Viel mehr! Also, in der letzten Zeit jedenfalls. Die macht’s doch mit jedem, wenn nur die Kohle stimmt. Und meine Schwester ist nicht billig. Is ne reelle Sache, so nach Schulschluss. Schnell verdiente Scheine.“ Bei ihren letzten Worten war Joanna näher an mich herangerückt. Ihr durchdringender Blick und der Hauch ihres Atems so dicht neben meiner Wange irritierten mich.

 

„Also ich find’s total cool. Und du?” Graziös schlug das Mädchen ihre Schenkel übereinander. Was nützte es, sich klarzumachen, neben dir sitzt ein Kind, wenn doch alles an ihr, besonders im Halbdunkel des Wagens, eine andere Sprache sprach. Ihr Haar umschmeichelte meine Schulter. Absicht.

 

Sie hielt den Kopf schräg. Ihre vollen Lippen leicht geöffnet. Raffiniert einstudiert. Unter dem engen Top zeichneten sich kleine Rundungen ... Nein!

 

Ich drehte mich weg. Wann hatte ihr Vater Joanna zum letzten Mal den Hintern versohlt? Vermutlich noch nie. Sollte er umgehend nachholen. Der Mund wurde mir trocken. Ich war wütend. Auf mich! Sind eigentlich alle Männer schwanzgesteuert? Das wäre immerhin eine Entschuldigung. Für amerikanische Präsidenten. Nicht für mich. Ich sollte mal einen Psychologen konsultieren. So kann doch kein Mensch sinnvoll arbeiten. Himmel, Arsch und Zwirn!

 

„Nein. Ich nicht. Ich find es nicht cool.“

 

Ich ließ meine Fensterscheibe runter. Bemüht desinteressiert blickte ich nach draußen. Die kalte Nachtluft tat gut.

 

„Wie viele potentielle Leichen haben wir denn zu erwarten?“

 

Offenbar enttäuscht vom Gang der Dinge rückte Joanna wieder ein Stück von mir ab.

 

„Keine Ahnung. Meine Schwester ist mir keine Rechenschaft schuldig. Außerdem hat ihr Job nichts mit den Morden zu tun! Zufall.“

 

„Zufall?“ Ich nickte. „Immer mit der gleichen Masche und immer nach Sarahs Hausbesuchen. Dreimal. Ist das nicht komisch?“

 

Sie zuckte mit den Schultern und schwieg.       

 

„Versteh mich nicht falsch. Ich steh auf Sarahs Seite, will ihr helfen. Aber es muss eine Verbindung von ihr zu dem Mörder geben. Die müssen wir finden, wenn wir Sarahs Unschuld beweisen wollen.“

 

Joanna zupfte unbeteiligt ihr Top zurecht. Ich saß in der Zwickmühle. Reichte ich dem kleinen Biest auch nur eine Fingerkuppe, war Ärger programmiert. Andererseits nutzte mir eine verstockte Joanna erst recht nichts. Denn dass sie mehr wusste, sah ich ihrer Nasenspitze an. Wenn ich mich also höflich verabschiedete, konnte ich diese Informationen in den Wind schreiben. Aber so wie ich sie verstanden hatte, ging es ihr primär um Geld. Vielleicht war sie mit einem Trick zu ködern.

 

„Sag mal, liebe Joanna“, ich wandte mich wieder zu ihr um und legte väterlich meinen Arm um ihre Schulter, „willst du dir nicht ein paar Mark verdienen?“

 

Ob meiner plötzlichen Direktheit klappte ihr Unterkiefer herunter. Bevor sie etwas antworten konnte, fügte ich schnell hinzu,

 

„Ich meine, für die Adressen und Namen von Sarahs Freiern würde ich schon was springen lassen.“

 

Joannas Mund klappte zu. Ich spürte, ihr Gehirn arbeitete fieberhaft. Nach einer Weile siegte die Gier über ihre Loyalität.

 

„Na ja, die hab ich nicht parat. Und ob ich alle finde, weiß ich nicht. Aber wenn ich Sarahs Zimmer mal durchsuche ... Irgendwo muss sie die ja haben. Jedenfalls die Stammkunden. Bloß, wenn Sarah rauskommt und das mitkriegt. Die bringt mich glatt um!“

 

„Für wieviel würdest du’s riskieren?“

 

Sie überlegte kurz.

 

„Fünfzig?“

 

„Pass auf, ich geb dir sogar hundert, wenn du mir außerdem sagst, wie lange sie das macht und wie alles angefangen hat.“

 

Die Kohle würde ich ihrem Vater in Rechnung stellen. Er musste nicht wissen, welche Informantin ich schmierte. Immerhin wollte ich seiner Tochter nur helfen. Was konnte ich für den Charakter seiner Kinder. Diesmal brauchte Joanna nicht lange zu überlegen.

 

„Das erste Angebot hat sie gekriegt, da war sie so alt wie ich jetzt. Fünfzehn.

 

Die dumme Pute hat aber fast ein Jahr gewartet, bis sie’s angenommen hat.“ Joannas Gesichtsausdruck wirkte sehr überlegen. „War ein Bekannter von Papa. tausend Mark hat er ihr geboten. Stell dir das mal vor! … So richtig los ging es aber erst nach Sarahs achtzehntem Geburtstag.

 

Weißt ja, bei Minderjährigen haben die meisten Kerle Schiss vor der Sitte. Du doch auch, oder?“ Sie kicherte. Mir wurde schwül. „Jedenfalls hat’s dann wirklich gebrummt. Bloß nicht sehr lange. Mit dem zweiten Mord kam Sarah wie du weißt ins Gerede. Den Rest kennste selber.“

 

 

 

Bei mir brummte es nach dieser Offenbarung auch. Im Schädel. Vor einer Woche war ich engagiert worden, ein harmloses junges Ding aus gutem Hause zu beschützen, ihr gegebenenfalls Rechtsbeistand zu gewähren, weil sie aus Leichtsinn mit einem netten alten, inzwischen verstorbenen Herrn ein Feierabendverhältnis begonnen hatte. Mehr nicht.

 

Nun saß das Mädchen als Hauptverdächtige einer ganzen, abartigen Mordserie ein und ich bekam es notfalls sogar mit der hiesigen Rotlichtszene zu tun. Futterneid wäre ein verdammt gutes Motiv, jemandem was anzuhängen. Die Jungs kannten kein Pardon, wenn ihnen wer ins Handwerk pfuschte. Es sei denn, die oder der Betreffende beteiligte sie am Gewinn.

 

Natürlich konnte auch die These der Kommissarin stimmen. Aber davon durfte, konnte und wollte ich nicht ausgehen. Ich war Sarahs Anwalt.

 

Wenn sich eine Verbindung ins Rotlichtmilieu auftäte, wäre das zumindest eine Spur, auf die ich setzen konnte. Warum zum Kuckuck hatte sie sich keine andere lukrative Freizeitbeschäftigung suchen können, um ihre Traummaße zu vermarkten? Als Fotomodell oder so. Was ging im Kopf des Mädchens vor? Joanna riss mich aus meinen Überlegungen.

 

„Mehr weiß ich nicht. Was ist mit der Knete?“

 

„Fünfzig gleich, den Rest, wenn ich die Adressen habe.“ Ich drückte ihr den Schein in die Hand. „Alles klar, Partnerin?“

 

„Alles klar, Partner!“ Zufrieden steckte sie ihr Geld ein. „Aber versuch nich, mich zu bescheißen. Wenn du die Adressen hast und ich krieg kein Geld, erzähl ich allen, dass du mich angrapschen wolltest. – Tschüssi!“ Sprach‘s und sprang aus dem Wagen.

 

Hübsche Beine aber ein hässlicher Charakter. Da war Vorsicht angebracht. Immerhin konnte sie mir wirklich nützlich sein. War mein abendlicher Ausflug doch nicht ganz umsonst gewesen. Versöhnt mit mir und der Welt machte ich mich auf den Heimweg.

 

              

 

Müde kippte ich mir meinen Scotch hinter die Binde. Und gleich einen zweiten hinterher. Auf einem Bein kann man nicht stehen. Single Malt vom Feinsten. Schade um das gute Zeug. Dafür hatte es zwölf lange Jahre im schottischen Hochland in spanischen Sherry-Fässern aus nordamerikanischer Eiche reifen dürfen. Eine Schande. Zumindest das dritte Glas wollte ich dem Malt zuliebe genießen.

 

Ich knipste die Glotze an, um mich abzulenken. Der Versuch misslang. Die Spätnachrichten brachten einen ausführlichen Bericht von der Mordserie in Leipzig. Sarah, zwei Polizisten und Kathrin Kranz auf dem Weg zum Revier. Nebst Stellungnahme der Staatsanwältin Mercedes von Greiffen. Gleich früh am Samstagmorgen! Seit wann standen Journalisten am Wochenende so zeitig auf? Hatte die mediengeile Lady sicher persönlich eingefädelt. Harte Hand demonstrieren – ihre Devise. In dem Punkt waren sich die beiden Damen ähnlich. Hart, unerbittlich und dieses Image stets allen deutlich vor Augen halten. Nur dass die Greiffen nicht ganz so aufdringlich agierte wie Kranz. Dafür war sie im Gerichtssaal ein umso schwerer Brocken.

 

Vielleicht war es genau das, das ähnliche persönliche Konzept, dass sie einander nicht riechen konnten. Aber ehrlich gesagt konnten mir die Gründe Wurst sein. So lange es mir gelang, die Animositäten der Staatsanwältin gegen die Polizistin und umgekehrt für meine Zwecke zu nutzen, war für mich die Welt in Ordnung.

 

Sollte mich vielleicht vorsichtshalber bei Kathrin Kranz wegen heute Vormittag entschuldigen. Sie liebte kleine Unterwerfungsgesten. Und wer weiß, was im anstehenden Verfahren noch alles auf mich zukam.  

 

Wieso hatten die Fernsehfuzzis es eigentlich nicht für nötig befunden, mal bei mir wegen einer Gegendarstellung anzurufen? Wurden auch immer schlampiger bei ihren Recherchen. Müsste ich Montag unbedingt meinerseits anklingeln und darauf bestehen. Und dann? Eine Strategie entwickeln.

 

Ob Sarah nur ein kleines arrogantes Miststück war oder eine eiskalte Serienkillerin, blieb für mich, ihren Anwalt, unerheblich. Nach dem, was Joanna mir erzählt hatte, konnten x Leute ein Motiv haben, Sarahs Lover zu killen. Das Mädchen bot mit ihrem Leichtsinn exzellente Angriffsflächen. Es bestand selbst die Möglichkeit, dass die Toten in diesem Spielchen eigentlich unwichtig waren und über die Tochter lediglich der Vater getroffen werden sollte.

 

Jedenfalls stand inzwischen fest, dass die drei Leichen keineswegs liebe Onkels gewesen waren, die sich nur mal zu einem Seitensprung hatten verführen lassen. Es waren gezielt auf entsprechende Angebote abfahrende Gelegenheitsficker. Keine Puffgänger sondern ehrenwerte Herren, die sich ihr exklusives Hobby etwas kosten ließen. Noblesse obliege.

 

Ob sie von Sarahs neuerdings entwickelter Geschäftstüchtigkeit wussten? Ob sie ahnten, dass sie mittlerweile keineswegs mehr exklusiv behandelt wurden? Gelänge es mir, nachzuweisen, dass die Weste der Herrschaften längst nicht so weiß war, wie vermutet ...  

 

Und gelänge es mir, neue Verbindungen in dieser Sache zum Beispiel ins Rotlichtmilieu aufzudecken, stiegen mit Sicherheit die Chancen, Sarah wenigstens bis zur Hauptverhandlung aus der U-Haft zu bekommen. Denn, so sehr mir der Gedanke behagt hatte, Sarah erst mal außerhalb der Schusslinie zu wissen, geschützt vor der eigenen Leichtsinnigkeit, so sehr wurde mir zunehmend klar, dass sie da drin vor die Hunde gehen konnte. Zumal, wenn sich die Ermittlungen hinzögen.

 

U-Haft ist mit Jugendstrafanstalten nicht vergleichbar. Dort gelten die gleichen rauen Sitten für alle. Und Sarah mit ihren achtzehn Jahren ...

 

Ich müsste mir im Fall des Falles halt etwas einfallen lassen, um sie vor weiteren Dummheiten zu bewahren. Was, das war im Moment schwer zu sagen. Mir würde schon was einfallen, wenn es soweit wäre. Zunächst musste das Mädchen erst mal mir gegenüber reinen Tisch machen. Vielleicht hatte sie heute schon genug Zeit gehabt, über ihre Fehler nachzudenken.             

 

 

 

Fehler, Fehler, immer wieder Fehler. Fehler des Mädchens, Fehler der Polizei, meine Fehler! Was hatte ich übersehen?

 

Mir war, als drehte ich mich im Kreis. Klarer Fall von Orientierungslosigkeit. Unscharfe Bilder. Wo war Sarah hin? Große unübersichtliche Klötze verstellten mir die Sicht. Sie drehten sich auch. Trieben um mich herum. Lastautos. Tanzende Brummis! Wir tanzten auf einer riesigen Spritzeisbahn. Dazwischen verschiedene Männer und Frauen, die unseren Drehungen auswichen.

 

Etwas kam auf mich zu. Mit ausgesprochen lasziven  Bewegungen. Ein langbeiniges Mädchen. Nicht Sarah. Joanna auch nicht. Im Gegenlicht greller Brummischeinwerfer konnte ich sein Gesicht nicht erkennen.  Die Kleine gefiel mir. Anscheinend ich ihr auch. Ich fragte die Frau, wer sie sei und ob sie mit mir tanzen wolle.

 

Sie antwortete nicht. Lächelte nur. Doch statt in meine geöffneten Arme zu kommen, schubste sie mich unvermittelt um. Rücklings stürzte ich auf den harten Boden. Sie kniete sich auf mich, öffnete meine Hose und zückte ein Messer.

 

Schüsse fielen. Ganz aus der Ferne. Trotzdem klar und deutlich. Ich war verwirrt. Eine Schießerei passte überhaupt nicht ins Konzept. Eine Männerstimme rief, ich solle aufgeben. Ich hätte keine Chance. Woher kannte ich diese Stimme?

 

Ich wollte antworten, jeder habe eine zweite Chance verdient. Es gelang mir nicht. Meine Kehle brannte. Das Messer kam bedrohlich näher. Ich hatte Angst. Nur, wo immer ich hin griff, mich zu schützen: Ich griff ins Leere.

 

Das musste das Ende sein. Wahnsinn mit Methode. Bis zum bitteren Schluss. Dann schwanden die Schatten.

 

 

 

Ich blinzelte. Es war immer noch mein Wohnzimmer. Im Fernsehen wiederholten sie zu später Stunde einen alten Krimi. Der beliebte TV-Kommissar führte gerade den Bösewicht ab. Es hatte eine Schießerei gegeben. Der Bursche hatte nicht die Spur einer Chance gehabt. Neben meinem Sessel lag das umgekippte Whiskyglas.


 

 

Sarah

 

 

 

Unterwegs zum Untersuchungsgefängnis machte ich einen Abstecher aufs Revier. Ein Versöhnungsangebot an Kommissarin Kranz. Sie kam mir auf dem Flur mit einem riesigen Stapel Ordner entgegen.

 

„Guten Morgen Frau Kranz! So früh schon so beschäftigt? Darf ich helfen?“

 

„Finger weg. Was wollen sie?“

 

„Vielleicht einfach nur bisschen Small-Talk mit einer angenehmen Zeitgenossin pflegen ...“

 

„Zur Sache!“

 

„... und mich für den rauen Ton neulich entschuldigen. Die Nerven liegen halt manchmal blank.“

 

„Geschenkt. Ich muss...“ Sie versuchte mich beiseite zu schieben.

 

„Einen Moment, bitte. … Wegen Sarah. Warum die U-Haft? Ist das wirklich nötig?“

 

„Wenn Sie mich veräppeln wollen, sagen Sie es gleich. Ich bin beschäftigt.“ Ich musste mich arg zurückhalten, nicht wieder ausfallend zu werden.

 

„Entschuldigen Sie bitte, dass es mich interessiert, was meiner Mandantin genau vorgeworfen wird.“

 

„Die Akten sind bei der Staatsanwaltschaft einsehbar.“

 

„Ich würde gern von Ihnen erfahren, was Sie an Beweisen haben.“

 

„Jetzt passen Sie mal auf, mein Lieber.“ Sie knallte die Ordner auf den kleinen Tisch neben dem Kopiergerät und blitze mich wütend an. „Ich bin hier kein Auskunftsbüro, aber wenn Sie bis drei zählen können, dann sag ich Ihnen mal was. Und zwar in der Hoffnung, dass Sie mir anschließend aus den Augen und aus dem Weg gehen.

 

Erstens: Ihre Sarah war in allen drei fraglichen Fällen um die Tatzeit herum nachweislich bei den späteren Opfern. Haare, Fasern … Spuren ohne Ende. DNA Abgleich überflüssig. Bestreitet das Mädchen unseres Wissens auch nicht.

 

Zweitens: Ihre brutale Vorgehensweise. Bei Nummer drei haben die Gerichtsmediziner am Geschlechtsteil tiefe Bisswunden festgestellt. Meine Kollegen sind überzeugt, die Mörderin hat das Ding mit ihren Zähnen festgehalten, während sie es absäbelte. Echt psychopathische Veranlagung.

 

Drittens und letztens: Da sie trotz der einschlägigen Verdachtsmomente weitergemacht hat, ist sie ganz offensichtlich ein unberechenbares Risiko. Das hat der Staatsanwaltschaft gereicht. Wenn Sie mich fragen, stellt die Frau eine Gefahr für jeden reiferen Mann dieser Stadt da. Jedenfalls für die Schwanzgesteuerten, aber das seit ihr ja sowieso alle.“

 

Sie wandte sich wieder ihren Ordnern zu. Ich war wie geplättet.

 

„Mit den Zähnen?“

 

Sie grinste.

 

„Stellen Sie sich das gerade bildlich vor? … Ja. Vermutlich. Eine zielstrebige, kalt berechnende Vorgehensweise. Bei allen dreien gleich, denn … Bisswunde hin oder her, runtergelassene Hosen hatten schließlich alle. Also, Schritt eins:

 

Erst hat sie die alten Böcke angemacht, ihnen einen geblasen. Wenn denen dann bunte Sterne vor Augen geflattert sind vor lauter Geilheit, kam Schritt zwei:

 

Ein schöner, präziser Schnitt mit einem sehr scharfen Messer in den erigierten Penis. So was wie ein Skalpell vielleicht. Mal mehr mal weniger tief. Wenn sich die Opfer daraufhin vor Schmerz zusammenkrümmten, musste sie sich nach der ungeschützten Kehle nicht mal mehr strecken. Folglich Schritt drei:

 

Der Schnitt oben. Finito. Sekundensache. Perfekt ausgeführter Mord.“

 

Na toll. Eigentlich hatte ich gehofft, meine Strategie auf die offensichtliche körperliche Unterlegenheit meiner Mandantin aufzubauen. Aber nun?

 

Logisch, wenn so ein süßes Ding vor einem kniet, dann ist kein normaler Mann zu klaren Gedanken fähig. Diesen Fakt hatte die Mörderin offenbar eiskalt genutzt. … Oder der Mörder. Ich fing auch schon an, in Polizeikategorien zu denken. Verdammt. Vielleicht war es ja auch ganz anders gewesen.

 

„Sind Sie ganz sicher, dass es Zahnabdrücke sind?“

 

„80 Prozent Wahrscheinlichkeit.“

 

„Bleiben zwanzig Prozent, die dagegen sprechen. Es kommen also auch andere Gegenstände für die Verletzung in Frage.“

 

„Ach kommen Sie, was sollte es Ihrer Meinung nach denn für ein ‚Gegenstand’ gewesen sein? Ich kenn euch Bagage.“

 

„Sie haben eine sehr schlechte Meinung von Männern.“

 

„Ich habe gute Gründe dafür.“

 

„Darf ich Sie mal zum Essen einladen, um Sie vom Gegenteil zu überzeugen?“

 

Sie lachte. Endlich. Ein seltener Moment. Das Lachen stand ihr gut zu Gesicht. 

 

„Allein damit beweisen Sie mir, dass Sie auch nicht besser sind. … Danke. Ich ess‘ lieber alleine oder mit meiner Lebensgefährtin.“

 

Alles klar.

 

„Moment noch. … Die Tatwaffe? … Wenn die nicht da ist, nutzen alle anderen Spuren gar nichts. Und das Motiv?“ Kathrin Kranz zuckte mit den Schultern.

 

„Die Tatwaffe finden wir noch. Im Moment stellen meine Kollegen Webers Haus auf den Kopf.“

 

Ich betete inständig, dass Joanna gleich gestern das verräterische Adressbuch gefunden und sichergestellt hatte.

 

„Und das Motiv? Lieber Herr Hall! Hunderte! Bei Sarahs aufwendigem Lebensstil könnte Erpressung zum Beispiel ein Motiv gewesen sein.“

 

„Die Männer sollen Sarah erpresst haben?“

 

„Quatsch. Umgekehrt.“

 

„Das ist unlogisch. Keiner tötet die Kuh, die er melken will.“

 

„Vielleicht wollten die Kerle zur Polizei gehen.“

 

„Schnickschnack. Wie wär’s mit einem eifersüchtigen Liebhaber von Sarah?“

 

„Seien Sie nicht albern. Lassen Sie vor wildfremden Männern die Hose runter? Freiwillig? … Obwohl ...“

 

„Na, na.“

 

„Schon gut.“

 

„Lässt sich so ein Erscheinungsbild nicht auch nachträglich basteln? … Ich denke schon.“

 

„Halte ich für ausgeschlossen. Auf alle Fälle könnte es von Sarahs Seite späte Rache für sexuellen Missbrauch in der Kindheit sein. Vergewaltigung. Ein Trauma. Gutes Motiv. Kommt in den besten Familien vor.“

 

„Vermutungen. Wo sind die Beweise, die eine Haft rechtfertigen?“

 

„Passen Sie mal auf, langsam reicht mir‘s. Mein letztes Wort. Notfalls, bei ihrem Zustand, muss man das Mädel vor sich selbst schützen. Wir haben hier gute Psychologen.“ Fast hätte ich laut gelacht. Aber ich wollte die Polizistin nicht unnötig reizen. Höflich bedankte ich mich für die Auskünfte und verabschiedete mich.   

 

 

 

Das Untersuchungsgefängnis war ein hässliches Bauwerk. Häuser, in denen Untersuchungshäftlinge auf ihr Verfahren warten, sind immer hässlich. Das hat nichts damit zu tun, ob die Wände frisch getüncht sind oder nicht. Es liegt an den Leuten. Kalte Gesichter, kalte Stimmen. Feinfrost auf Beinen.

 

Im normalen Vollzug ist das anders. Da entwickelt sich mit der Zeit so eine Art familiäres Verhältnis. Man kennt sich und weiß, was man voneinander zu halten hat. Ich hatte manchmal beruflich dort zu tun. Besonders in einigen neueren JVAs, die vorwiegend Freigängern und anderen harmlosen Fällen vorbehalten waren, kam ich mir immer wie in einem Ferienressort für Cluburlauber vor. Alle total entspannt. Wichtigstes Thema: Was geht ab, heut Abend? Vollzugsbeamte als Animateure.

 

Bei U-Häftlingen ist das anders. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Was wird morgen sein? Hat Kutte gesungen? Mein Anwalt ist ein Arsch. Der sollte sich sein Lehrgeld wiedergeben lassen. Ich kann für nix … klingt meine Lüge glaubwürdig? Die Gesellschaft hat schuld! Und Kutte, das Schwein.

 

Für ihre Bewacher sind die Insassen samt und sonders Menschenfresser. Massenmörder. Distanz … die einzig mögliche Grundhaltung. Gefühle könnten gefährlich sein. Fürs Gemüt wie für die Karriere. Kalt, kälter, eisig. Kein Ort für junge Mädchen. Kein Ort für Sarah.

 

Der Weg von der Pforte bis zu meiner Mandantin kam mir heute ewig vor. Und dann musste ich auch noch warten. Ein Seelsorger war bei ihr. Hoffentlich fand der die richtigen Worte. Nichts gegen Seelenklempner. Aber soviel sie nutzen, soviel Schaden können sie anrichten.

 

Die Neonröhren knatterten leise. Draußen vor dem kleinen vergitterten Fenster … Frühling. Viel zu früh. Grau und schmutzig grün. Tiefer Schlamm, die ersten Krokusse. Mitte Februar.

 

Eigentlich Zeit für Winterurlaub im Gebirge. … Eigentlich hatte ich mir das dieses Jahr fest vorgenommen. … Mist.

 

 

 

Hinter mir klappte eine Tür. Sarah. Irgendwie verspürte ich eine unbestimmte Angst, mich ganz zu ihr umzudrehen. Angst, in diese leeren Augen zu sehn. Die Bilder aus dem Fernsehen. Ich wollte das nicht sehen. … Half nichts. War mein Job.

 

Das Mädchen bot wirklich einen jämmerlichen Anblick. Sie sah durch mich hindurch, blickte zu Boden. Keine Spur jener selbstbewussten Überheblichkeit von neulich.

 

„Danke, dass Sie gekommen sind.“

 

Schüchtern, kaum hörbar, flüsterte Sarah die Worte. Ich setzte mich zu ihr. Eben noch hatte ich mir meine Rede im Kopf zurechtgelegt. Eine energische Rede. Erst leichter Tadel, dann psychologische Streicheleinheiten, Mut machen, das Angebot, gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Offenheit gegen Offenheit. Aber angesichts dieses Häuflein Elends, gingen mir die Worte aus. Alles, was ich hatte sagen wollen, erschien mir jetzt platt und unwichtig.

 

Da saß sie nun vor mir. Ein Engel mit gebrochenen Flügeln. Langsam hob sie die Lider, schweigend sah sie mich an. Ich verspürte das Bedürfnis, Sarahs Hand zu streicheln. Sie zuckte bei der Berührung zusammen, ängstlich, doch ließ sie mich gewähren.

 

Was für zarte, schlanke Finger. Hände einer eiskalten Mörderin? Wie weich ihre Haut. Wie weiß, fast blau im kalten Neonlicht. Kalt. Ja. Kalt auch … die Hand. Die Fingerspitzen zitterten. Vor Kälte? Vor Angst? Angst vor mir? Ich drückte diese kleine, zarte, kalte Hand unmerklich, ließ sie los und lehnte mich zurück. Der Stuhl knarzte. Viel zu laut. Ätzend hallig im nahezu leeren Raum. 

 

„Vertrauen Sie mir, Sarah. Ich glaube Ihnen. Vertrauen Sie mir, bitte.“

 

Ihre großen Augen waren immer noch schön. Schön und leer.

 

„Von Ihrem Vertrauen hängt ab, ob ich etwas für Sie tun kann.“ Ich schluckte. „Ganz ehrlich: Waren Sie’s?“ Verwundert sah sie mich an. Schien meine Frage nicht zu begreifen. Ich beugte mich wieder vor. „Der Mord, Sarah, gestern Nacht?“ Endlich schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Und leise, unendlich leise:

 

„Nein.“

 

Nein. Nur ein Wort. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wenn das eben eine Lüge war, musste sie eine verdammt gute Schauspielerin sein. Eine mit allen Wassern gewaschene Betrügerin. Und das war sie nicht.

 

„Ich denke, dass ich Ihnen helfen kann. Nur dürfen Sie mir nichts verschweigen. Nichts, verstehen Sie? Keine Lügen mehr!“ Sie nickte.

 

„Versprochen?“

 

„Versprochen.“

 

„Da es im Moment keine echten Beweise gibt, weder für noch gegen Sie, müssen wir herausfinden, wer ein Interesse haben könnte, Sie so reinzureiten.“

 

„Sie meinen ...?“

 

„Na, an einen Zufall glauben Sie wohl selbst nicht mehr, oder?“

 

„Ich weiß nicht. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Vielleicht bin ich wirklich verrückt, wie alle meinen.“ Sie vergrub den Kopf in den Händen. „Vielleicht war ich’s und kann mich bloß nicht dran erinnern. Gibt’s das nicht?“

 

Polizeipsychologen. Prima.

 

„Sie sind nicht verrückt. Reißen Sie sich zusammen, Sarah. … Dr. Jekyll und Mr. Hide, das gibt’s nur in schlechten Filmen. Werwölfe sind aus der Mode gekommen. … Versuchen Sie sich zu erinnern. An alles. Jedes Detail könnte wichtig sein. Am besten, Sie fangen ganz am Anfang an. Wie Sie die Männer kennengelernt haben und seit wann Sie für Geld arbeiten. …

 

Sehen Sie mich bitte nicht so an. Denken Sie im Ernst, ich glaube Ihnen das Ammenmärchen von den zwei, drei älteren Freunden? Wenn Sie auf dieser Version beharren, haben wir schon verloren.“

 

Wieder senkte sich ihr Blick. Ich hätte drängen müssen, denn man hatte mir für den Anfang nur eine halbe Stunde zugebilligt. Geschenkt.

 

„Lassen Sie sich Zeit. … Wir haben Zeit.“

 

„Bitte, helfen Sie mir.“                

 

 

 

Am Nachmittag traf ich den Leiter von Sarahs Schule. Das Gymnasium war ein ziemlich trister Plattenbau aus den Siebzigern. So kurz nach Beginn der Winterferien wirkte er noch trostloser. Leerer Schulhof, leere Fensterhöhlen, kahle Bäume und Sträucher.

 

Der Direktor war ein kräftiger, bärtiger Mann, den man sich auch gut als Kapitän eines Windjammers vorstellen konnte. Der Rollkragenpullover sah selbstgestrickt aus.  

 

„Kaffee?“

 

„Gern.“

 

„Es dauert ein bisschen. Meine Sekretärin macht immer während der Winterferien Urlaub mit Familie. Da muss ich hier alles allein regeln. Schwarz oder weiß?“

 

„Weiß.“

 

„Mit oder ohne Zucker?“

 

„Komplett bitte.“

 

„Das ist ein Wort. Alles im Leben sollte komplett sein. Yin und Yang. Vollkommene Harmonie. Sagen die alten Chinesen. Die Buddhisten dagegen sehen den Weg zur Vollkommenheit im Verzicht. Eigentlich das ganze Gegenteil.“

 

Ich nickte. Daher also wehte der Wind. Nix Kapitän, eher Esoteriker. Altachtundsechziger. Wahrscheinlich war der Pullover wirklich selbstgestrickt. Er goss ein.

 

„Ja, wirklich interessant“, heuchelte ich. „Die vier edlen Wahrheiten. Oder waren’s Weisheiten? Ausbrechen aus dem Kreislauf von Leiden und Durst.“ Ich schlürfte einen Schluck von seinem Kaffee. Er war fast ungenießbar. Blümchenkaffee ... man hänge eine Kaffeebohne so vors Fenster, dass ihr Schatten auf die Tasse mit heißem Wasser fällt. Aber um Gottes Willen nicht zu lange! „Um ganz ehrlich zu sein“, ergänzte ich, „bevorzuge ich den westlich-christlichen Wertekanon.“ Er winkte ab.

 

„Wohin der uns führt, sieht man an Sarah. Nur noch Materielles im Sinn. Bis zur letzten Konsequenz.“

 

„Prostitution gibt’s in Thailand auch“, wagte ich einzuwenden.

 

„Schon, aber nur, weil wir dorthin fahren und uns die Kinder kaufen.“

 

‚Wir.’ Eine solche Verallgemeinerung hätte ich mir normalerweise verbeten, aber vielleicht sprach er ja von sich selbst. Höchste Zeit, endlich zum Thema zu kommen.

 

„Was Sarah betrifft: Seit wann wissen Sie, dass sie auf ältere Semester steht?“

 

Er grinste.

 

„Na, das ist aber sehr freundlich umschrieben. … Hm. Ich würde sagen, so richtig erst, seit es in der Zeitung stand. Ich hatte übrigens das Gefühl, dass sie es sogar ein bisschen genoss, gleich neben prügelnden Prinzen und der Queen im Blatt zu erscheinen. Jedenfalls war sie danach noch unnahbarer als zuvor.“

 

„Heißt das, sie hat wenig Kontakt zu ihren Lehrern? Und zu ihren Mitschülern?“

 

Er nickte.

 

„So ungefähr. Sie spielt die Prinzessin, so lange ich sie kenne. Sie weiß, dass sie top aussieht.“ Er schnaufte. „Wissen Sie, die Distanz besteht wohl gegenseitig.

 

Wenn die Mädels in dem Alter mit ihrem heißen Fummel richtig loslegen ... kurze Röckchen, tiefe Ausschnitte ... versuchen Sie mal, da wegzugucken ... aber es muss sein, um keinen Ärger zu kriegen. Da hilft nur Distanz.“

 

Er hatte sicher recht. Ich musste an mein Erlebnis mit Joanna denken.

 

„Die Jungs bewundern Sarah. Aber sie lässt keinen an sich ran. Kühl und arrogant. Von den Mädchen beneiden sie einige wegen ihres teuren Fummels. Uns hat immer gewundert, wie sie sich das alles leisten kann. Jetzt wissen wir’s.“

 

Sein süffisantes Grinsen bei den letzten Worten ärgerte mich.

 

„Wie weit geht dieser Neid denn?“

 

„Bis hin zum Hass, würde ich sagen. Werden sich einige am Wochenende die Hände gerieben haben.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Ich kann’s ihnen nicht verübeln.“

 

Vermutlich hatte er sich auch die Hände gerieben. Arschloch.

 

„Und sonst so? Wie lernt sie? Es geht ja hart aufs Abi zu.“ Er hob die Hände.

 

„Normal. Nicht glorreich. Aber … normal halt. Ohne die Morde hätte sie sicher alles problemlos geschafft. Schade. Zwei Jahre umsonst gelernt. Na ja. Strafe muss sein.“

 

„Sie denken, Sarah war es?“ Er zuckte mit den Schultern.

 

„Sagen doch alle, oder?“

 

Freundlich aber bestimmt wies ich ihn darauf hin, dass er ganz bestimmt mit einer Abiturientin Sarah Weber an seinem Bildungsinstitut zu rechnen habe. Sarah sei unschuldig. Jedenfalls so lange, bis das Gegenteil bewiesen war. Ich bat ihn eindringlich, Gerüchten und Vorverurteilungen entschieden entgegenzutreten.

 

Auch Verleumdung und üble Nachrede seien ernst zu nehmende Straftatbestände.  


 

 

Ein Opfer kommt selten allein

 

 

 

Ich betrachtete die Auslagen in den Rathauskolonaden. Nicht, dass sie mich sonderlich interessiert hätten. Ich hatte Zeit. Passanten rannten an mir vorüber. Graue Gesichter. Graue Mäntel. Gestresste Mütter. Genervte Geschäftsleute. Grau, grau, grau. Februar in der Stadt.

 

Müde schlenderte ich über den Markt zur Hainstraße hinüber. Ich hatte viel Zeit. Alle Zeit der Welt. Aus einem simplen Grund. Was zu tun war, hatte ich abgearbeitet. Was zu tun blieb, konnte ich heute nicht mehr erledigen.

 

Die Bank zum Beispiel, in der das dritte Opfer gearbeitet hatte, sah sich außerstande, in absehbarer Zeit einen freien Gesprächstermin zu finden. Jedenfalls für mich, einen Typen, der womöglich Dreck aufwühlte. Klar, wär ich aufgekreuzt, um ein paar Milliönchen anzulegen …  

 

Stattdessen faxte mir irgendeine Pressesprecherin irgendeiner irgendwo gelegenen  Unternehmenszentrale die offizielle Verlautbarung, den Nachruf für die morgige Zeitung. Also hatte ich Zeit. Zeit zum Nachdenken.

 

 

 

Ein Pärchen, wahrscheinlich Studenten, hatte noch mehr Zeit. Knutschend standen die Beiden in einem Torbogen. Nett. Hätte sich nicht Sarah eine ähnlich unkomplizierte Beziehung suchen können?

 

Ein Kaffee täte jetzt gut. Ein richtiger. Nicht wie eben. Einer, wie sie ihn im Kaffeehaus unten am Ende der Hainstraße brauten. Früher. Als der Laden noch Bahnhofshallencharme versprühte und gegen den Verfall in der Stadt ankochte. Als die Messestadt noch für ihre „Schälchen Heeßen“ berühmt war. Damals, in meinen Studienzeiten, war ich dort Stammkunde. Lange her. Den Laden gab’s nicht mehr. Dass ich dennoch diese Richtung einschlug? … Gewohnheit. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

 

Die Konditorei, die seine Stelle eingenommen hatte, kochte nicht halb so guten Kaffee. Seit Einführung der D-Mark stand da ein null-acht-fünfzehn Automat. Das Zeug schmeckte nicht mehr und nicht weniger verbrannt wie in allen ähnlich ausgestatteten Ristorantes dieser Welt. Aber zumindest Erdbeertörtchen backen konnten sie hier. Und das Ambiente war auch nicht übel. Also gab ich irgendwann meinen Widerstand gegen die Neuerung auf und nahm die alte Gewohnheit wieder an. Ich kehrte ab und zu ein, um in Erinnerungen zu schwelgen. Jugenderinnerungen sind meist schön. Egal, unter welchen Umständen man diese Jugend erlebte.

 

 

 

Eine Serviererin brachte mir Törtchen und Kaffee. Mit elegantem Schwung huschte sie die Treppe herauf zu meinem Tisch. Eine auffällige Erscheinung. Sie musste neu sein. Die Augen hätte ich nicht vergessen. Vor allem die Augen. Grüne Augen! Grüne Augen, Froschnatur. Dazu wuschlige rote Locken. Verlockende Locken. Da drin hätte ich gern mal mit beiden Händen gewühlt. … Stupsnase, schmale Lippen. Nicht schön, bewahre. Aber nicht uninteressant. Wirklich nicht uninteressant.

 

Ob ich weitere Wünsche hätte, fragte sie mit kokettem Augenaufschlag. Ich verkniff mir die Antwort, die mir auf der Zunge lag und bestellte einen Cognac. Federnden Schrittes schwebte Grünauge die Treppe hinab.

 

Mein Balkon war so eine Art Zwischengeschoß. Von hier aus genoss man einen netten Ausblick über die Kuchentheke bis vor zur Straße. Ein Platz, um Menschen zu beobachten:

 

Kinder, die ihr Taschengeld in einen Kringel investierten. Mütterchen, die Kuchen für das nachmittägliche Kränzchen zu besorgen hatten. Und natürlich Bummler wie ich heute einer war. Sie alle mussten durch diesen schmalen Schlauch unter meinem Balkon.

 

Ich mochte diesen Platz. Manchmal, wenn mir im Büro die Decke auf den Kopf fiel, nahm ich meine Arbeit und zog damit hierher. Leider war das meist nicht sonderlich effektiv. Wegen der Erinnerungen und wegen der Freude am Beobachten. So wie heute.

 

Frau Ehle, mein Vorzimmerdrachen, hatte mir das Fax der Bank fein säuberlich in eine Mappe geheftet. Zusammen mit anderen Unterlagen, die zu diesem Fall gehörten. Ordnung muss sein. Die Frau war ein Goldstück – so lange man nicht persönlich mit ihr zu tun bekam. Ich beschränkte meinen Verkehr mit der resoluten Dame deshalb auf ein Mindestmaß. Sie hielt mein Büro in Schuss, darauf war Verlass. Das musste reichen.

 

Ich zog die Mappe aus meiner Tasche, schob den Kaffee beiseite und begann zu blättern. Frau Ehle hatte mich am Morgen grob über den Inhalt des Schreibens informiert; ich hatte keine Lust gehabt, es gleich zu lesen. Schlechte Nachrichten las ich nie gleich. Jetzt endlich fühlte ich mich ruhig genug, den Inhalt genauer zu studieren. Manchmal fanden sich bei so lapidaren Schriftstücken die Hinweise zwischen den Zeilen.  

 

„Dr. Hartmut Strobel ist von uns gegangen. Wir trauern.“ Bla, bla, bla. Fein. „… Opfer eines brutalen Überfalls …“ Schön. „… wertvoller Mitarbeiter, gerechter Vorgesetzter …“ Was sonst? Logischerweise kein Wort darüber, dass er sich für Geld kleine Mädchen kommen ließ. „… zuverlässig und liebenswürdig …“ Nach außen hin sicherlich. Ein Banker halt. Irgendwie ein ganz normaler Abgesang, dieser Text. Bisschen distanziert vielleicht, für meinen Geschmack. Die üblichen Floskeln. Wenn einem sonst nichts einfällt. Alter 58, Filialleiter. Wohl keine große Leuchte. Sonst hätte er es in dem Geschäft weiter gebracht. So weit, so gut. Dr. Hartmut Strobel. Hm. Irgendetwas fehlte mir im Text. Nur was? 

 

 

 

Grünauge wippte wieder die Treppe herauf und mit ihr mein Cognac. Diesmal wollte ich es wissen. Entschlossen blickte ich in ihre bemerkenswerten Sehorgane. Ich war gespannt. Natürlich klimperten ihre Wimpern. Einen Tick zu prompt. Einen Kick zu professionell. Einstudiert. Offenbar eine Trinkgeld fördernde Übung. Die Pupillen des Mädchens blickten dabei ungerührt erst durch mich hindurch, dann auf den Tisch. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie sich für meinen Hefter mehr interessierte als für mich. Eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet. Trotzdem blieb ein Rest Enttäuschung. Kinderkram.

 

 

 

Was fehlte im Text? Ich grübelte. Es half nichts, ich musste in die Filiale. Sie lag ja gleich hier um die Ecke am Bahnhof. Bei den Chefs war ich zwar abgeblitzt, aber was hinderte mich, einen freien Bürger, ein Konto dort zu eröffnen? Dass ich bei dieser Gelegenheit rein zufällig mit ehemaligen Mitarbeitern des Opfers ins Gespräch kam, ließ sich kaum vermeiden. … Genau! Das würde mir weiterhelfen. Dass ich nicht eher darauf gekommen war?

 

Ich zahlte und stürmte aus dem Café, ohne mich weiter um Grünauge zu kümmern.

 

 

 

Die Dame von der Bank sah aus wie eine Dame von der Bank. Jung, dynamisch, grau. Für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit als stellvertretende Filialleiterin fast zu jung; für ihre Jugend eigentlich zu grau. Laut Namensschild am Revers hieß sie Gisela Steiner.

 

Gisela Steiner war sehr freundlich. Sie stellte die nötigen Fragen:

 

„Name?“

 

„Hall.“

 

„Beruf?“

 

„Vertreter.“ Die Frau musste nicht alles wissen. Sonst roch sie womöglich Lunte.

 

„Versicherungen?“

 

„Ja.“

 

„Welche?“ Na nun aber, ging das nicht ein bisschen weit? „Nur des Interesses halber.“ Ich nannte ihr die, bei der ich selbst versichert war. Das freute sie herzlich. Sie ließ sich vom gleichen Unternehmen beraten. Ob ich ihre Vertreterin kenne?

 

„Klar doch. Wir treffen uns regelmäßig bei Schulungen.“

 

Das Gespräch nahm den gewünschten Verlauf. Wie beiläufig erkundigte ich mich nun im Gegenzug, ob dies hier eigentlich die Filiale sei, wo neulich der furchtbare Mord ...?

 

Sie nickte. Ja, wie tragisch. Ihr Chef. Und so ein reizender Mensch. Alle im Hause trauerten. Nur mit Rücksicht auf die Kunden habe man sich keinen Trauerflor um den Arm gebunden. Sie war eine schlechte Lügnerin. Augen und entspannte  Körperhaltung widersprachen ihrem Auftritt entschieden. 

 

„Haben Sie Ihren Chef persönlich näher gekannt? Seine Familie?“

 

Sie verneinte und zog den Gesprächsfaden gekonnt auf mein Konto zurück. Schade.

 

 

 

Ein blasses Wesen, das sich Mühe gab, ebenfalls wie eine Dame von der Bank zu wirken, machte sich unweit von unserem Tisch an einem Kopierer zu schaffen. Kurzes, streng gescheiteltes Haar. Ungefähr in Steiners Alter,  aber wohl nicht halb so hoch auf der Karriereleiter stehend. Sie hatte meine letzten Worte und die Antwort der Kollegin mitbekommen und grinste jetzt unverhohlen.

 

Ich nahm mir vor, meine Ermittlungen anderweitig fortzusetzen, erklärte meiner Gegenüber, es mir noch mal überlegen zu wollen und ging. Allerdings nur bis zu dem unvermeidlichen bunten Aufsteller, in dem Broschüren weitere „Topp-Produkte“ des Hauses anpriesen. Angeregt blätterte ich in einem der Heftchen. Ich richtete es so ein, dabei die Frau am Kopierer beobachten zu können. Kaum, dass sie mit ihrer Arbeit fertig war, stellte ich das Papier in den Aufsteller zurück und lief ihr gewissermaßen in die Arme.

 

„Hoppla.“

 

„Entschuldigung.“

 

„Nein, nein. Meine Unachtsamkeit.“

 

Auf dem Schildchen an ihrem Revers stand „Britta Bach“. Ich fragte sie, ob sie Ahnung von Geldanlagen in Luxemburg hätte. Sie verneinte. Ich solle mich bitte an Frau Steiner wenden. Das war mein Stichwort. Ich sagte ihr auf den Kopf zu, dass ich ihr impertinentes Grinsen bemerkt hätte, als es vorhin um ihren ehemaligen Chef ging.

 

Britta Bach lief rot an. Rot bis an die Haarwurzel, was bei ihrer Blässe besonders auffiel.

 

Nun war es an mir, zu grinsen. Innerlich, denn nach außen musste ich gerade jetzt den harten Hund rauskehren. Ich sagte ihr also, sie solle sich zusammenreißen und die Klappe halten, wenn ihr der Job lieb sei. Ihr gehetzter Blick bewies mir, dass ich sie da hatte, wo ich sie hin haben wollte. Ich sei ein verdeckter Ermittler, beantwortete ich ihren fragenden Blick. Inkognito.  Hier könne ich nicht reden, weswegen ich sie auffordern müsse, nach Dienstschluss unauffällig zum Zeitungsladen unten im Bahnhof zu kommen. Westhalle. Und zu keinem ein Wort!

 

Sie nickte eifrig. Ich deutete einen Abschiedsgruß an, drehte mich um und ließ das verdutzte Mädchen stehen.        

 

 

 

Die Dämmerung brach herein über die große Stadt. Bunte Leuchtreklamen zuckten auf. Ich stöberte durch die Auslagen der Bahnhofsbuchhandlung. Viele Kunden waren um diese Zeit nicht mehr unterwegs. Die Deutsche Bahn hatte erst mit der letzten Preiserhöhung die Abendverbindungen weiter ausgedünnt.

 

Ich entschied mich für eine Auswahl der gängigsten Tageszeitungen. Die meisten von ihnen hatten meine Mandantin und die Mordserie als Aufmacher auf dem Titel.

 

„Sex mit tödlichen Nebenwirkungen“ hieß es da. „Sexmonster“ und „Killerbiene“ nannten sie das Mädchen in den Artikeln. Schmierfinken! Einer hatte besonders originell sein wollen. Bei ihm hieß Sarah „Der tödliche Engel von Leipzig“. Das klang zumindest nicht ganz so ordinär.

 

Trotzdem konnten diese Wurstblätter für meine Ermittlungen von Bedeutung sein. Manchmal fanden sich Hinweise, wo man sie am wenigsten erwartete. Die Burschen steckten ihre Nasen in jeden Dreck. Ab und zu blieb was daran hängen.

 

Hoffentlich hatte Sarah die Wahrheit gesagt. Seit fast drei Tagen hockte sie nun schon in ihrer kleinen dunklen Zelle. Immer wieder musste ich an sie denken. An ihre Augen. Ihre wunderschönen, leeren Augen.

 

Genau genommen wusste ich über die Frau, für die ich arbeitete, noch immer herzlich wenig. Wer war sie wirklich? Komisch, wenn ich bei ihr saß, war ich mir meiner Sache sicher. Mit der Entfernung wuchsen die Zweifel.

 

 

 

Jemand rempelte mich an und riss mich aus meinen Gedanken. Frau Bach von der Bank. Ohne mich anzublicken, fragte sie, was ich von ihr wolle.

 

„Informationen über Ihren Chef.“

 

„Muss das hier sein? Es könnten Kollegen vorbei kommen. Auf dem Weg zur S-Bahn. Die Steiner hat sowieso schon gefragt, was wir zu besprechen gehabt hätten.“ Mein Herzschlag beschleunigte sich.

 

„Und?“

 

„Na Sie haben mich doch nach Luxemburg gefragt.“ Uff.

 

„Sehr gut. Hm … machen Sie einen Vorschlag.“

 

„Kennen Sie das ‚come in’?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Das ist ‘ne kleine Disco im Osten.“

 

„Dann find ich sie.“

 

„So gegen elf?“

 

„Eher geht nicht?“

 

„Die machen erst 22.30 Uhr auf.“

 

„Gut. Also gegen elf.“

 

 

 

Das Telefon klingelte. Joanna. Sie hatte ein Büchlein mit verschiedenen Adressen gefunden. Vor der Polizei. Wir verabredeten uns an dem bekannten unbebauten Grundstück.

 

Diesmal trug das Mädchen lange Hosen. Besser. Viel besser, dachte ich bei mir. Das Büchlein war eine Erkenntnis. Dr. Strobel stand genauso drin wie die anderen Opfer. Und jede Menge weiterer Namen. Ich bedankte mich höflich. Joanna hielt die Hand auf. Ich bat sie, am nächsten Tag wiederzukommen. Gleiche Zeit, gleicher Ort.

 

„Wieso?“ Sie musterte mich skeptisch.

 

„Willst du dir noch mal 50 Eier verdienen?“

 

„Wie denn?“ Sie schielte nach meinem geöffneten Portemonnaie.

 

„Pass auf, wer Beweismittel unterschlägt, kriegt Ärger mit den Bullen. Das heißt, wir müssen dieses Heftchen, sobald ich es kopiert habe, der Polizei zukommen lassen. Deshalb musst du es wieder mitnehmen. Am nächsten Tag rufst du im Präsidium an und sagst, du hättest es in einer versteckten Ecke ... Dir wird schon was einfallen. Verstanden?“

 

Joanna zuckte mit den Schultern.

 

„Wenn’s weiter nichts ist?“

 

Sie gluckste vergnügt.

 

„Cool. Das heißt, dass wir beide jetzt sozusagen Gesetzesbrecher sind? So eine Art Gangsterpärchen wie Bonnie und Clyde!“

 

Mir schmeckte der Vergleich nicht. Wegen des fehlenden Happy Ends. Ich verzog das Gesicht. Sie lachte.

 

„Is schon okay. Also bis morgen.“

 

Schwupp, war sie verschwunden. Weiber. Ich schaute auf die Uhr. Viertel vor neun. Genug Zeit, die Kopiererei gleich zu erledigen. Ich fuhr ins Büro.

 

 

 

Frau Ehle hatte ihr Reich wie immer im Zustand peinlichster Ordnung hinterlassen. Die Informationen für mich steckten gut sortiert in verschiedenfarbigen Mappen. Während der Kopierer warm lief, sah ich das Zeug schnell durch.

 

Obenauf lagen Angebote verschiedener Autohäuser für einen neuen Dienstwagen. Die interessantesten waren angekreuzt. Ich entschied mich für jenes, dem meine Sekretärin zusätzlich ein Ausrufezeichen verpasst hatte. Gute Wahl.

 

Dann Versicherungsunterlagen. Weitgehend ausgefüllt. Ich brauchte nur noch unterschreiben.

 

Die dritte Mappe enthielt Zeitungsartikel, die in den letzten Tagen zu unserem Fall erschienen waren. Ich legte jene Blätter dazu, die ich vorhin am Bahnhof gekauft hatte.

 

 Am spannendsten fand ich Mappe Numero vier. Drei Dossiers der Opfer. Jedenfalls, soweit Frau Ehle in den uns zugänglichen Gerichtsunterlagen, Presseberichten und im Netz fündig geworden war. Beeindruckend. Professor Heinrich Funcke, Dietrich Maier-Ebersbach und unser lieber Doktor von der Bank. Drei gestandene Herren ohne jeden Makel. Säulen der Gesellschaft. Vorbilder der Jugend. Es war zum Schreien. Eine wirklich saubere Recherche. Ich malte ein dickes „Danke“ auf die Schreibtischunterlage.

 

Daneben warf ich die fünfte und letzte Mappe. Ungelesen. Die unvermeidliche Postmappe. Rechnungen, Angebote, Bettelbriefe.

 

Kopieren ging schnell. Einige eng beschriebene Seiten mit zirka 30 Namen. Meist nur Telefon und Adresse. Ab und an stand der Beruf dabei. Ausnahmslos gehobene Gehaltsklassen.

 

 

 

Unerbittlich hämmerten die Beats in meine Eingeweide. Der DJ, ein Laientalent, mühte sich redlich. Mit mäßigem Erfolg. Dicke Schwaden stickigen Kunstnebels waberten durch den leeren Raum. Bunte Lichtkegel schwenkten hin und her. Auf Tänzer trafen sie dabei nicht. Unter der Woche ging hier offenbar nicht viel.

 

Völlig verloren in der Nebelsuppe – ein kleines Podest mit einer Stange. An dieser mühte sich ein langbeiniges Etwas, den schrägen Klängen des DJs irgendwie Rhythmus abzugewinnen. Das einsame Go-Go-Girl konnte einem leid tun.

 

Wen ihr Tanz befeuern sollte, war nicht ersichtlich. Es ging vermutlich einfach ums Prinzip. Und so schlang sie denn unbeeindruckt von den äußeren Widrigkeiten ihr dürres Fahrgestell um die kalte Stange. Außer mir und der Bardame sah ihr dabei lediglich ein streng gescheitelter junger Mann zu. Der Bursche hielt sein Cola Glas  umklammert und ließ keinen Blick von der Tänzerin.

 

Ich gähnte, schaute zur Uhr und bestellte mir einen Scotch. Erfreulicherweise hatten sie hier sogar meine Marke. Pluspunkt. Wäre der Schuppen nicht so gähnend leer gewesen, hätte es also vielleicht sogar ein netter Abend werden können. Dagegen sprach allerdings, dass mein Date ausblieb. Immer wieder sah ich zur Tür. Vergeblich. Hatte mich die kleine Schlampe versetzt? Sehr ärgerlich.

 

Der Not gehorchend, wandte ich mein Interesse wieder der Tänzerin zu. Ihr Gesicht war im Halbdunkel nicht zu erkennen. Die Frau war wirklich sehr dürr. Kurze, steil abstehend gegeelte Haare, kurzes Top, kurzes Röckchen, Plateauschuhe.

 

Alles in allem nicht unerotisch, aber kaum mit meiner Mandantin vergleichbar. Sarah hatte zweifellos trotz ihrer Eskapaden mehr Stil. Ob sie schlafen konnte, heut Nacht?

 

Der junge Mann schräg gegenüber presste seine Finger fester um das Cola Glas und beugte sich vor. Seine Augen traten fast aus den Höhlen. Die Bardame, die seine Veränderung genau wie ich wahrnahm, grinste. Sein Verhalten hatte eine simple Ursache. Das Go-Go-Girl begann sich zu entkleiden. Wenigstens zog sie ihr Top über den Kopf, öffnete kurz den BH. Zwei flotte Drehungen, dann war der Zauber vorbei. Sie hüpfte vom Podest und verschwand durch eine Tür in der dunkelsten Ecke der Disko. 

 

An ihrer Stelle sprang ein anderes, ähnlich gekleidetes Mädchen an die Stange und begann, wild zuckend zu tanzen. Der junge Mann stürzte seine restliche Cola in einem einzigen Zug hinunter, fuhr sich nervös mit den Fingern durch die ordentliche Frisur, stand auf und verließ seinen Tisch in die entgegengesetzte Richtung.

 

Die Zeiger meiner Uhr gingen auf 23.19 Uhr. Britta Bach hatte mich versetzt. Ich bezahlte meinen Drink und erhob mich von meinem Barhocker. Hinten in der dunklen Ecke öffnete sich die Tür. Die Frau vom Podest, inzwischen wieder vollständig bekleidet, kam direkt auf mich zu. Wurde an Tagen wie heute zahlende Kundschaft einzeln per Handschlag verabschiedet? Reizender Gedanke, solange das Go-Go-Girls erledigten und nicht der dicke Rausschmeißer.

 

Erst als sie fast direkt vor mir stand, erkannte ich unter den wild gestylten kurzen Haaren und hinter jeder Menge farbiger Schminke … die Bach.

 

Die graue Maus von der Bank. Du lieber Himmel. Das durfte nicht wahr sein. Lagen zwielichtige Zweitbeschäftigungen im Trend bei den jungen Frauen dieser Stadt? Offenbar tauchte ich immer tiefer in eine Szene ein, von der ich bisher nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.           

 

„Hallo!“ Müde lächelnd reichte sie mir die Hand. „Hat Ihnen die Show gefallen?“

 

„Sehr!“ log ich, nachdem der erste Schrecken verflogen war. „Ich hab Sie gar nicht gleich erkannt, mit der rasanten Frisur, dem süßen Röckchen und in dem Schummerlicht.“

 

„Danke.“ Verlegen senkte sie die Augen. Anscheinend hörte sie nicht oft Komplimente. „Das ist ja die Kunst, sich anders zu geben, als man eigentlich ist. … Wenn ich da oben stehe, bin ich in einer ganz anderen Welt. … Da bin nur ich und die Musik. Die Scheinwerfer. … Unten die Leute, die mich sehen wollen. Die nehm ich kaum wahr. … Trotzdem. … Bisschen mehr als heute können es gern sein. Genau genommen ist mir das egal. Aber irgendwie ist es auch schön, bewundert zu werden. Anders als in der Bank. … Da ist nur Staub. Da bist du selber nur Staub. Ein kleines Rädchen. … Dort oben“, sie nickte mit dem Kopf in Richtung ihrer Kollegin, „da bist du was Besonderes.“

 

So ähnlich musste es Sarah wohl auch gesehen haben, wenn sie bei ihren Freiern ihre Solonummer abzog. Eigentlich traurig, keinen anderen Weg zur Selbstverwirklichung zu finden. Oder?

 

„Darf ich Ihnen einen Drink bestellen?“

 

„Gern.“

 

„Spezielle Wünsche?“

 

„Hm, Tequila Sunrise?” Ich musste über so viel Schüchternheit einer scheinbar abgebrühten 50-Prozent-Stripperin lächeln.

 

„Also Tequila Sunrise. Für mich auch bitte.“ Die Bardame begann lustlos, Eis zu stoßen. „Weiß jemand bei der Bank, dass Sie abends hier arbeiten?“ Sie schüttelte den Kopf.

 

„Bitte, verpfeifen Sie mich nicht. Eigentlich darf ich nichts dazuverdienen. Aber Gott sei Dank verirrt sich keiner von dort ins ‚come in’. Und ... unser Gespräch soll doch vertraulich sein, nicht?“

 

„Keine Sorge. Ich halte dicht. … Wenn Sie mir helfen. … Offiziell versucht Ihre hochverehrte Dienststelle nämlich zu mauern, was das Zeug hält. Deshalb muss ich ran. Inoffiziell. Wobei ich nicht begreife, was es da zu vertuschen gibt. So ein Filialleiter kann schließlich in seiner Freizeit tun und lassen was er will. Oder nicht? So lange seine Frau nichts dagegen hat.“

 

Meine letzten Worte verursachten wieder jenes leicht fiese Grinsen auf ihren schmalen Lippen.

 

„Seine Frau?  Wie Sie meinen.“

 

„Wieso?“

 

Mit einem Schlag fiel mir ein, was mir im Nachruf der Bank gefehlt hatte. Der Hinweis auf den liebenden Familienvater und seine Angehörigen. Frau Ehles Dossier hatte ich noch nicht durchgesehen. In der Mordwohnung hatte ich vergessen, nach der Familie zu fragen.  Das große Doppelbett in seinem Vier-Zimmer-Appartement. Da war die Sache für mich klar gewesen. Wegen der unappetitlich blutigen Szenerie hatte ich nur schnell wieder nach draußen gewollt. Nur weg. Ich hätte mich ohrfeigen können. So cool als möglich nippte ich an meinem Glas.

 

„Hat er nicht?“ Frau Bachs Grinsen wurde breiter.

 

„Für ‘nen Bulle sind Sie aber verdammt schlecht informiert.“

 

„Okay, spielen wir mit offenen Karten.“ Ich warf ihr meine Karte auf den Tisch. Leise pfiff sie durch die Zähne.

 

„Anwalt …“

 

„Anwalt. Der Verteidiger von Sarah, dem Mädchen, das ihn umgebracht haben soll.“

 

„War sie’s?“

 

„Bestimmt nicht. Da bin ich mir sicher. Sie müssen mir helfen, wenn Sie mehr wissen und nicht wollen, dass eine Unschuldige verknackt wird.“ Britta Bach hatte mich nun ebenso in der Hand wie ich sie. Sie genoss dieses neue Gefühl sichtlich. Grinsend lehnte sie sich zurück und schlug ihre dürren Beine übereinander.

 

Die Bardame reichte den bestellten Cocktail. Unendlich langsam nippte meine Verabredung an ihrem Glas. Ich wartete, bis sie mit ihrer kleinen Sondervorstellung fertig war. Dann fragte ich: „Also wie jetzt?“

 

Der junge Mann von schräg gegenüber kam zu seinem Platz zurück. Er wirkte erschöpft. Bachs Augen folgten dem Knaben belustigt.

 

„Der ist jeden Abend hier, sitzt immer an der gleichen Stelle, macht große Augen. Aber meinen Sie, der hätte eine von uns schon mal angesprochen? Dabei sieht er gar nicht so übel aus. … Wissen Sie“, begann sie nach einer erneuten kurzen Pause, „selbst wenn Ihre Dingsda …Klientin… ‚der tödliche Engel‘, wie sie in der Zeitung so schön schreiben, also wenn sie ihm das Ding höchst persönlich abgebissen hätte, ich wäre dafür. Der Strobel, dieser Scheißkerl, hat’s nicht besser verdient. Er war ‘ne Schwuchtel. Na ja, was heißt Schwuchtel. Eigentlich Bi. Ein Typ, der sich zur Abwechslung immer mal wieder an Angestellten vergriff. An männlichen und weiblichen gleichermaßen … versteht sich.“ 

 

„Versteht sich.“ Warum ich ihr beipflichtete, wusste ich selbst nicht. Irgendwie war es ein Reflex. „Mir hat er mit seinen fettigen Fingern auch an den Hintern gefasst. Hab ich mir aber nicht gefallen lassen und hab ihm eine geklebt. Konnte er nichts gegen machen. Standen zu viele drum rum, die es gesehen hatten. Vielleicht hätt ich es zum Jahresende in die Beurteilung gekriegt.

 

Also so gesehen … Für mich hätt’s nicht besser laufen können. Andre haben ihn mehr fummeln lassen. Der Karriere wegen. Die Steiner z.B. ist ziemlich jung und an und für sich fachlich keine große Leuchte. Er hat sie protegiert, bis sie seine Stellvertreterin war. Ich wette, die hat erst mit ihm gevögelt und ihn dann unter Druck gesetzt. Ist ein gerissenes Aas.

 

Strobels ‚Frau‘, wie Sie es nennen, heiß übrigens Karl-Heinz. Der ist ein hysterischer alter Knabe, der die Eskapaden seines Liebsten natürlich mitgekriegt und ihm deshalb regelmäßig eine Szene gemacht hat. Manchmal sogar in der Filiale. Strobel hätte das neulich fast den Job gekostet. Daraufhin hat er Karl-Heinz an die Luft gesetzt. Nach 25 Jahren! Kurz vor der ‚Silberhochzeit‘.“

 

Sie nahm einen Schluck ihres rötlich-orangenen Getränks. Am Glas blieb der rote Abdruck ihrer Lippen zurück. Die Farbe harmonierte ausgezeichnet mit dem Gesöff.

 

„Hm, hm.“ Ich rieb mir das Kinn. „Hysterisch also. Eifersüchtig. Gedemütigt.“

 

„Und meines Wissens“, Bach beugte sich vor und sprach leiser, „meines Wissens verfügt ‚Frau Strobel‘ nicht mal über eigenes Einkommen. Muss ein harter Schlag gewesen sein. Immerhin hat Karl-Heinz all die Jahre wie eine gute Ehefrau den gemeinsamen Haushalt geschmissen.“ Sie lehnte sich wieder zurück. „Klingt nach ‘nem verdammt starken Motiv, was?“

 

Sie nahm mir die Worte aus dem Mund. Nicht dumm, die Kleine.

 

„Haben sie ‘ne Idee, wo ich Karl-Heinz finden könnte?“

 

„Keine Ahnung. Im Obdachlosenasyl vielleicht. Oder …“, sie zog die Stirn in Falten, „genau weiß ich’s natürlich nicht. Könnte aber sein … in der gemeinsamen Wohnung. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das eine Eigentumswohnung. Falls Strobel nicht umgehend sein Testament geändert hat, könnte es sein, dass Karl-Heinz die geerbt hat.“ Ich begann, ihre Kombinationsgabe zu bewundern.

 

„Sie sollten Ihr Metier wechseln, junge Frau. Gute Detektive sind selten.“

 

Sie lächelte geschmeichelt, schüttelte dann aber entschlossen den Kopf.

 

„Nö, danke. Wär mir zu aufregend. Lieber was Solides und nebenbei bisschen tanzen.“ Sie genehmigte sich den Rest ihres Drinks. „Vielen Dank übrigens für das Zeug.“ Sie stellte das leere Glas zurück auf den Tisch. „Ich muss dann wieder…“ Sie zeigte mit dem Daumen zum Podest, wo sich die Kollegin gerade einen fliederfarbenen BH von der Brust riss und mit verzücktem Gesichtsausdruck durch die Luft wirbelte. „Oh Gott, Thea!“ Britta Bach verdrehte die Augen. „Extasy“, ergänzte sie lakonisch.

 

„Kannste nichts gegen machen. … Na, tschüss denn. Wenn Sie noch was von mir brauchen, Sie wissen jetzt ja, wo Sie mich finden.“

 

Sie reichte mir die Hand und spurtete zum Podest, um ihrer völlig erschöpften Kollegin herunter zu helfen. Höchste Zeit für die Ablösung.