Dieser Sammelband vereint achtzehn Geschichten, wie sie das Leben schreibt oder zumindest schreiben könnte. Ergänzt um einen vermeintlichen „Leserbrief“, der für so ziemlich alles, was Ihnen in letzter Zeit merkwürdig erschien, eine plausible Erklärung bietet.

 

Kurz und gut, das Ihnen vorliegende Buch enthält Heiteres und Trauriges, Hoffnungs-volles und Nachdenkliches. In jedem Fall aber bietet es neunzehnmal kurzweilige Unterhaltung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe:

 

 Der Nachtwächter

Hommage à Paul Delvaux I - „Der Nachtwächter“

 

   Mathilde ist glücklich. Sie arbeitet nicht. Nicht mehr. Nicht mehr, seit sie schwanger ist. Früher arbeitete Mathilde am Bahnhof. Da hieß sie noch Chantal. Warum gerade Chantal? Irgendein Typ hatte ihr gesagt, Frauen, die Chantal hießen, seien entweder Nutten oder aus Ostberlin. Was letztlich aufs Gleiche rauskäme. Mathilde stammt aus Ostberlin.

   Der Mann erwachte in der Notaufnahme. Mathilde wurde freigesprochen. Er sei ihr besoffen vor die Füße getorkelt, gab sie zu Protokoll. Sie habe nicht ausweichen können. Die Abdrücke ihrer High Heels in seinem Gesicht und sein von der Polizei gemessener Alkoholpegel ließen keinen Zweifel an der Glaub-würdigkeit ihrer Version aufkommen. Seitdem nannte sie sich Chantal. Rein dienstlich, versteht sich. Jetzt erst recht!

 

   Charles ist glücklich. Er arbeitet wieder. Er arbeitet als Nachtwächter bei einer Spedition am Bahnhof. Seit der Sache mit Mathilde haben sie ihn wieder eingestellt. Das heißt, erst haben sie ihm gekündigt. Dann … Nein, das wird zu kompliziert. Der Reihe nach.

 

   Die Geschichte von Charles und Mathilde beginnt im letzten Frühjahr. Mitte Mai, genauer gesagt. Sie spielt in einer Stadt, groß genug, um Freiberuflerinnen wie Mathilde zu ertragen. Zu klein allerdings, dass die Frau bei ihrer Arbeit nicht für ein gewisses Aufsehen gesorgt hätte. Nicht, dass sie direkt eine Schönheit wäre. Das Leben hat Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Aber diese Spuren passen zu ihr. Kein Püppchengesicht. Es ist „das gewisse Etwas“, wie die Leute sagen. Das macht sie interessant.

   Das nutzte sie, als sie noch arbeitete. Wen sie ansprach, lächelnd, sympathisch, selbstsicher, ohne eine Spur von Scham, der konnte sich ihrem Charme kaum entziehen. Geschickt verwickelte Chantal potenzielle Kunden in ein Gespräch. Ihre Worte versponn sie zu verlockend glitzernden Satzfäden, aus denen sie eine Art Netz voller Wohlfühlgedanken webte. Daran blieben nachher manche Herren und einige Damen kleben. Chantal war eine geschickte Händlerin. Ihre Geschäfte liefen … sagen wir … den Möglichkeiten der kleinen Stadt ange-messen … passabel.

   Charles kannte Chantal seit vielen Jahren. Sie sahen sich oft. Beider Dienst begann ungefähr um die gleiche Zeit. Er war einer der wenigen Menschen in der Stadt, der wusste, dass sie in Wirklichkeit Mathilde hieß. Er durfte sie auch so nennen. Jedenfalls, wenn sonst niemand dabei war. Wenn auf dem Bahnhofs-vorplatz nichts los war. Dann unterhielten sie sich manchmal. Wie Freunde, Arbeitskollegen. Charles hatte nie mit ihr geschlafen. Mathilde hatte ihn nie zu verführen versucht. Bis zu besagtem Freitagabend im Mai.

   Es war ein kühler, regnerischer Nachmittag. Nach Wochen voller Sonne und frühsommerlicher Temperaturen schien der Winter ein letztes Mal seine Krallen auszufahren. Die meisten Leute saßen daheim am warmen Ofen und ließen es sich gut sein. Nur Mathilde und Charles drehten ihre Runden am Bahnhof. Er, weil sein Dienstplan es so vorschrieb. Sie, der Berufsehre wegen. Wäre ja noch schöner, sich von bisschen Kälte vertreiben zu lassen!

   „Nicht viel los heute, was?“ erkundigte sich Charles. Eine rein rhetorische Frage. Nur um überhaupt etwas zu sagen.

   „Hm“, antwortete Chantal, „bei dir aber auch nich.“

   „Gott sei Dank.“

   „Wann is eigentlich das letzte Mal was gewesen, in deiner Spedition?“

   „Da warst du noch nicht in der Stadt. Ist bestimmt 15 Jahre her.“

   „Und?“

   „Hat einer versucht, das Tor aufzubrechen. Ich hab ihn auf frischer Tat ertappt. Seitdem wissen die Ganoven, dass sie an mir nicht vorbei kommen.“

   „Hut ab. Sag mal, wie alt bist du eigentlich, mein Held? Ich rätsel schon, seit ich hier arbeite. Aber von dir erfährt man ja nüscht Privates. Den grauen Haaren nach und deinem wettergegerbten Gesicht, müsstest du eigentlich die Dino-saurier persönlich gekannt haben. Aber wenn man dich so hört und sieht, wie fit du bist, glaube ich, der Schein trügt.“

   „Danke. Manchmal fühl ich mich ziemlich alt. Vor allem, wenn ich die Mucki-budentypen seh, die neuerdings in unserem Security Service anheuern. Von der alten Garde, die den Laden aufgebaut hat, bin ich fast der Letzte.“

   „Keine Ausflüchte, wie alt?“

   „Ich werd demnächst 55.“

   „Frau und Kinder?“

   „Lange her. Würdest du mit jemandem zusammen bleiben wollen, der jede Nacht unterwegs ist?“

   „Warum nich? Hätten wir den ganzen Tag für uns. Und die halbe Nacht hier draußen außerdem.“ Sie lachte. Er lachte.

   „Stimmt allerdings. Geht dir ja nicht anders als mir.“ Dann wurde Charles nachdenklich. „Lange werde ich dir aber wohl nicht mehr Gesellschaft leisten. Weil so wenig passiert, wollen sie die Stelle kürzen. Es gibt seit letztem Monat eine PKW-Streife, besetzt mit zwei Jungspunden, die mehrere Objekte in der Stadt Nacht für Nacht stichprobenartig abfahren. Die Spedition verhandelt mit meinem Chef, ob die Jungs nicht meinen Job mit übernehmen können, um Kosten zu sparen.“

   „Das tut mir leid.“

   „Nicht zu ändern. Ist auch noch nicht amtlich. Die Versicherung stellt sich quer.“

   „Die Versicherung? Logisch, is ein großes Gelände, oder? Reicht das nich bis runter zum Fluss? Jede Menge Platz, für Ganoven.“

   „Stimmt. Und in den Hallen hast du mitunter ziemlich wertvolle Fracht. Einmal im Monat zum Beispiel kistenweise Uhren.“

   „Aus der Schweiz?“

   „Aus Deutschland, aus Glashütte. Nomos. Lange & Söhne. Echt Glashütte. Die kosten richtig Knete. Etliche zigtausend Euro das Stück. Nächsten Freitag, also heut in einer Woche, kommt wieder eine Lieferung. Die Kästchen liegen dann über Nacht in Spezialbehältern im Hauptgebäude. In einem großen Safe. Teure Uhren werden grundsätzlich übers Wochenende weitergeleitet, weil dann weni-ger los ist auf den Autobahnen. Dafür verwenden die auch keine LKW sondern gepanzerte Limousinen. Sicher und unauffällig. Als würde jemand zur Oma fahren. Zu Kaffee und Kuchen. Diesmal kommt außerdem ein Spezialauftrag dazu. Ein ganz großes Ding. Streng geheim, versteht sich.“

   „Versteht sich.“

   „Ich hab zufällig mitgekriegt, wie der Chef davon erzählte. Sagt dir ‚Grand Complication‘ was?“

   „Nie gehört.“

   „Die ‚Grand Complication‘ ist das Flaggschiff von Lange & Söhne. Von den Dingern wurden ganze sechs Exemplare gebaut. Kostenpunkt: je zwei Millionen!“

   „Is nich wahr!“

   „Doch. Dagegen schmeißt du jede Rolex weg. Diese Uhren sind natürlich ein gefundenes Fressen für den Geldadel in aller Welt. Die sechs Teile waren schon verkauft, da haben die Uhrmacher in Glashütte noch dran rumgeschraubt. Länger als ein Jahr dauerte die Herstellung. Kleine Kunstwerke. Jetzt sind sie endlich fertig. Der Clou: Die Spedition hat den Auftrag, alle sechs Exemplare ihren Käufern rund um den Globus persönlich zuzustellen. Möglichst ohne großes Aufsehen, ohne Polizeieskorte, so wie immer, damit niemand Verdacht schöpft. Ich sage nur Kaffee und Kuchen.“

   „Das heißt, da drin liegen dann über Nacht zwei Millionen Euro?“

   „Du hast mir nicht zugehört. Jede Uhr kostet zwei Millionen! Das macht zusammen zwölf! Deshalb will die Versicherung, dass hier nicht nur mit Kameras und Alarmanlagen gearbeitet wird. Es ist völlig unmöglich, alle Winkel komplett einzusehen. Gemeinsam suchen sie jetzt einen sinnvollen Kompromiss, haben sie gesagt. Was immer das heißen mag.“ Er zuckte mit den Schultern. „Na egal. Ich muss los. Bis nachher.“

   „Bis gleich. Pass auf dich auf!“

   Charles begab sich auf seine gewohnte Runde. Chantal stöckelte ein paar Mal fröstelnd auf und ab. Zwecklos. Weit und breit keine Menschenseele. Einzig ein älteres Ehepaar flanierte über den Platz hinunter zum Fluss. Zwei kleine Leutchen, Arm in Arm. Chantal sah ihnen wehmütig lächelnd hinterher. Beide waren festlich gekleidet. Ein runder Geburtstag oder eine goldene Hochzeit, vermutete sie.

   Das Paar war aus dem Hotel auf der anderen Straßenseite gekommen. Ein gutes Haus. Konnte sich nicht jeder leisten. Durch die Fenster im Erdgeschoss schimmerten die Lichter edler Kristalllüster. Dort befand sich der Festsaal. Im Eingang stand ein Mann und rauchte. Musik und fröhliches Gelächter wehten herüber.

   Die werden dem Trubel für ein paar Minuten entkommen wollen, dachte Chantal. Eigentlich beneidenswert, trotz ihres Alters. Die haben wenigstens jemanden, der für sie da ist, an den sie sich anlehnen können.

   Chantal stellte sich schließlich in der Vorhalle des Bahnhofs unter. Hier zog es nicht so und um diese Zeit würde sie der Vorsteher nicht verscheuchen.

   Charles kehrte zum Haupttor zurück. Er hatte die beiden Alten unterwegs getroffen. Die Straße zum Fluss führte über die Bahngleise direkt an der Verlade-rampe der Spedition vorbei. Dort befand sich ein neuralgischer Punkt von Charles‘ Revier. Das betreffende Tor schloss nicht richtig. Es hatte sich verzo-gen. Die Reparatur würde noch einige Tage in Anspruch nehmen. So lange wurden die schweren Riegel zusätzlich mit einer Petschaft versehen. Charles musste das rote Siegel auf jeder Runde gründlich mit seiner Taschenlampe kontrollieren.

   Die beiden Leutchen waren stehen geblieben und hatten ihm zugesehen. Sie waren ins Gespräch gekommen. Das Paar feierte tatsächlich seine goldene Hoch-zeit. Die ganze große Verwandtschaft hatte sich eingefunden. Weil der Hauptteil der Festivität nun Gott sei Dank überstanden sei, wollten sie ein wenig frische Luft schnappen, bevor sie zu Bett gingen. Charles hatte artig gratuliert und eine gute Nacht gewünscht.

   Zurück am Bahnhofsvorplatz hätte er es sich in seiner Pförtnerloge bequem machen können. Es gab einen kleinen Heizlüfter und einen Fernseher. Aber da hinein hätte er Chantal-Mathilde nicht mitnehmen dürfen. Dienstvorschrift. Und die Kleine allein in der Kälte stehen zu lassen, brachte er nicht fertig. Sie war sofort herüber gekommen, als sie ihn sah. Er merkte, dass sie jemanden zum Reden brauchte und ihm machte es Spaß, sich ausfragen zu lassen. Das verkürzte die Zeit.

   „Und? Verbrecherjagd erfolgreich?“ Chantal kicherte.

   „Fünf über den Jordan geschickt, zehn inhaftiert und geschätzte 2000 Geiseln befreit!“ grinste der Nachtwächter zur Antwort. „Bruce Willis ist ein Scheiß-dreck gegen mich!“

   „Haste nich was vergessen?“

   „Was denn?“

   „Na, bei der Gelegenheit die halbe Stadt in die Luft zu jagen. Mit einem fröhlichen ‚Yippiajeh, Schweinbacke‘ auf den Lippen!“

   „Ich dachte, das wär normal. Muss ich nicht extra erwähnen, oder?“

   „Ah ja!“ Chantal fror inzwischen ziemlich heftig. Sie hatte sich nach den warmen Nächten der vergangenen Tage eindeutig zu dünn gekleidet. Charles überlegte, wie er ihr helfen könnte. Er bot ihr seinen Mantel. Sie lehnte dankend ab. Berufsehre. Trotzdem kuschelte sie sich ein bisschen an den Mann.

   „Was machst du eigentlich, wenn du nicht mehr hier arbeitest? Gibt’s ‘nen anderen Job in der Firma?“

   „Kaum. Nicht in meinem Alter. Wenn’s gut läuft, krieg ich ’ne kleine Abfindung.“

   „Und was machste dann?“

   „Wenn sie mich entlassen? Keine Ahnung. Vielleicht mach ich erstmal Urlaub. Vielleicht geb ich mir die Kugel.“ Er klopfte auf seinen Dienstrevolver. „Wird das Beste sein.“

   „Spinnste?“

   „Wieso nicht? Wenn ich nachts nicht mehr mit dir hier draußen palavern kann, sterbe ich sowieso vor lauter Langeweile.“ Es sollte lustig klingen. Mathilde spürte jedoch die Bitterkeit, die in seinen Worten mitschwang. Sie hätte ihn gern aufgemuntert. Nur wie? Ihr war ja selber nicht gerade nach fröhlichen Sprüchen, an so einem besch…eidenen Abend. Oder sollte sie vielleicht …?

   „Du, sag mal, wann musste das nächste Mal los?“

   „Frühestens in einer Stunde. Davor lohnt sich‘s nicht.“

   „Kommst du so lange mit zu mir? Ich koch dir einen heißen Tee und wir haben bisschen Spaß mit Aufwärmen und so. Nur bis du wieder weg musst.“

   „Mathilde, Hildchen, was soll der Quatsch? Du weißt so gut wie ich, dass ich im Dienst bin.“

   „Na und? Erstens wohn ich gleich da drüben. Das is nich weiter weg von den Hallen als deine Pförtnerloge. Und zweitens hast du mir gerade erzählt, dass die demnächst sowieso nur noch alle paar Stunden vorbei schauen wollen. Also fangen wir einfach gleich damit an. Nachher bist du pünktlich wieder hier und drehst deine Runde. Wird dir gut tun, so‘n bisschen Abwechslung! Ich kenn ein paar Methoden …“

   „Mathilde!“

   „Ach komm, ich seh doch wie müde du bist. Wie frustriert, weil sie dich wegrationalisieren wollen. Ich bau dich wieder auf! Ich krieg das hin. Ich bin gut! Vertrau mir.“

   „Hildchen, wenn dir kalt ist, dann geh einfach heim und wärm dich auf. Mach Schluss für heute. Dafür brauchst du mich nicht.“

   „Und du?“

   „Bei mir ist das was anderes. Ich hab Dienst. Ich arbeite.“

   „Ach, und was, mein lieber Charly, meinst du wohl, was ich hier treibe? Spazieren gehen, weil die Luft so schön frisch is? Einfach so?“

   „Hildchen.“

   „Nix Hildchen. Ohne Freier geh ich nich nach Hause. Schon mal was von Arbeitsmoral und Berufsethos gehört? Ich arbeite im Dienstleistungssektor! Abkommandiert, den ehrenwerten Bürgern dieser schönen Stadt ihre tristen Stunden zu versüßen. Das is nich nur‘n Job, das is Berufung! Aber schön, frier ich mir eben den Arsch ab. Lieg ich morgen im Bett und sterbe an Lungenentzündung. Und danach komm ich als Geist zu dir. Als dein schlechtes Gewissen. Denn dann bist du dran schuld, dass ich in standhafter Erfüllung meiner Pflicht elendlich zugrunde gegangen bin. Nur weil sich der Herr zu fein war, einer armen kleinen Hure mal ein Schäferstündchen zu gönnen. Gefall ich dir gar nich?“

   „Aber Hildchen, natürlich gefällst du mir. Sehr so gar. Ich hab dich gern.“

   „Also?“

   „Also was?“

   „Kommst du jetzt mit oder lässt du mich erfrieren?“

   „Hildchen, selbst wenn ich wollte, und du hast natürlich recht mit meinem Frust und so, aber …“

   „Aber?“

   „Ich hätte gar nicht genug Geld mit für dich. Also, wenn ich nachts arbeite, stecke ich nie Geld ein. Tut mir leid.“

   „Du bist der größte Trottel, den ich kenne, Charly. Hab ich vergessen, zu erwähnen, dass heute mein Null-Euro-Flat-Rate-Tag is? Und für alle, die mitmachen, gibt’s ‘nen Tee als Zugabe gratis. Topp? Na los, komm schon, alter Esel. Mir is kalt.“           

   „Was ist mit dem Berufsethos?“ wagte der Widerstrebende einen letzten Versuch, dem Unvermeidlichen zu entgehen. „Ich mein, wenn du kein Geld nimmst …“

   „Freier ist Freier. Sind lausige Zeiten und jetzt halt endlich die Klappe!“

   Eine dreiviertel Stunde später stand der Nachtwächter wieder vor seinem Pförtnerhäuschen. Drüben im Hotel wurde es langsam ruhig. An den Fenstern huschten Schatten entlang. Wahrscheinlich Kellner, die den Saal aufräumten. Charles war seltsam zumute. Zum ersten Mal in seinem langen Berufsleben hatte er kurzzeitig seinen Posten verlassen. Das hätte ihm eigentlich Gewissensbisse bereiten sollen. Er sollte zerknirscht sein, niedergeschlagen.

   Das ganze Gegenteil war der Fall! Der Mann fühlte sich fröhlich, leicht, zufrieden. Versöhnt mit sich und der Welt. Mit einem Küsschen an der Tür hatte Mathilde ihn hinaus in die Nacht entlassen. Es war wie ein Traum. Seit seiner Scheidung hatte er den Dienst nicht mehr so beschwingt angetreten. Auch wenn es heute natürlich nur die zweite Hälfte der Schicht war. Fröhlich pfeifend begab er sich auf seine gewohnte Runde.

   Schon von weitem sah er, dass etwas nicht stimmte. Hinten an der Rampe. Am Tor klaffte ein Spalt. Ausgerechnet heute. Ausgerechnet jetzt. Charles begann zu rennen. Die Petschaft war erbrochen, das Gitter aufgeschoben. Am Boden Schleifspuren. Der Nachtwächter folgte ihnen. Sie führten von den Gleisen nach drinnen. Im Schatten der großen Halle, in der die Überseefrachten für den Zoll vorbereitet wurden, entdeckte Charles ein Bündel. Nein, zwei. Seine Taschen-lampe schaffte Klarheit: Die beiden Alten, die goldene Hochzeit! Seine Schuld, seine Schuld, seine Schuld.

   Die Polizei legte sich relativ früh fest. Ein Raubüberfall. Jemand hatte beide vor dem Tor erschlagen und sie dann auf das Firmengelände gezogen, um sie ungestört ausplündern zu können. Eine Befragung der Verwandten ergab, dass der Mann immer genug Bargeld bei sich trug. An diesem Abend wahrscheinlich über tausend Euro, weil er am nächsten Morgen im Hotel die Unterkunft für seine Gäste, Musik und Festschmaus zu bezahlen hatte. Er traute weder Banken noch dem Hotelsafe. Vermisst hatte die Jubilare niemand. Sie hatten sich vor ihrem Spaziergang förmlich von der Festgesellschaft verabschiedet und zur Nachtruhe abgemeldet.

   In der Spedition schien ansonsten alles in Ordnung. Nichts deutete auf einen Einbruch hin. Es gab zwar ein paar Fußspuren in der Nähe des Hauptgebäudes, die denen an der Rampe ähnelten, aber das hatte nichts zu sagen. Hier liefen tagsüber so viele Leute rum. Auf den Überwachungskameras war auch nicht viel zu erkennen. Ein huschender Schatten. Mehr nicht. Zu dunkel. Die Alarmanlage löste wegen des defekten Schlosses nicht aus. Völlig abwegig der Gedanke, wie ausgerechnet der Nachtwächter den Mord hätte bemerken und verhindern sollen. Niemand machte Charles einen Vorwurf. Niemand.

   Nur er selbst. Er glaubte, er hätte Schreie hören können. Das Quietschen des Tores. Schritte. Er hatte ein feines Gehör und wusste, welches Geräusch in sein Revier gehörte und welches nicht. Er hätte etwas hören müssen! Wenn … ja, wenn. Dieses „wenn“ machte ihn wahnsinnig. Vielleicht hätte er den Mörder auf frischer Tat ertappt. Vielleicht würden die beiden netten Menschen noch leben, hätte er sie rufen gehört. Vielleicht. Es war seine Schuld.

   Deshalb gestand er dem Chef sein Fehlverhalten. Er bat nicht um Nachsicht oder Vergebung. Er wurde umstandslos gekündigt. Das Tor ließ die Spedition schnellstens reparieren, Zäune und Hallen mit zusätzlichen Alarmanlagen, Laternen und Kameras ausstatten. In der Pförtnerloge installierten sie eine neue vollautomatische Schaltzentrale, von der aus Polizei und Security über jede Unregelmäßigkeit umgehend informiert wurden. Zugriff zu den Sicherheits-systemen hatten nur die Kollegen der Security-Streife, die von Stund an die Überwachung übernahmen. Und natürlich die Geschäftsführung der Spedition.

   Um Mathilde-Chantal machte Charles fortan einen großen Bogen. Überhaupt mied er das Areal am Bahnhof. Was hatte er dort verloren? Der Anblick hätte ihn nur noch trauriger gemacht. Und letztlich: Was wusste er schon von dem Mädchen, dass sich Chantal nannte? Was, wenn sie mit dem Räuber unter einer Decke steckte? Was, wenn sie ihn absichtlich weggelockt hatte? Aber selbst wenn nicht. Sie war zumindest mitschuldig. Hätte sie ihn nicht fortgelockt, wäre wahrscheinlich nichts passiert. So, wie all die 15 Jahre zuvor. Charles war verbit-tert. Er fraß seinen Kummer in sich hinein, hockte daheim vorm Fernseher und blies Trübsal. Zwei Tage, drei Tage, vier, fünf, sechs.

   Am Freitag hielt er es nicht länger aus. Seit einer Woche war er jetzt außer Dienst. Genug Zeit zum Nachdenken. Er musste endlich zurück zum Bahnhof. Sich umsehn, wie die neuen Kollegen arbeiteten. Wie das funktionierte, ohne ihn. Mathilde? Mathilde. Vielleicht auch Mathilde.  

   Die Temperaturen waren im Laufe dieser Woche erheblich gestiegen. Vor dem Hotel standen Tische und Stühle. Charles setzte sich dorthin, bestellte ein leichtes Abendbrot, Kaffee. Kein Bier. Er wollte nüchtern bleiben. So saß er, als alle anderen längst gegangen waren. Bis die Kellner ihn baten, nun bitte drinnen Platz zu nehmen. Sie wollten die Stühle anketten. Charles zahlte.

   Ein einziges Mal hatte er innerhalb der vergangenen drei Stunden die Streife auftauchen sehen. Zwei Jungs mit kahlen Schädeln und dicken Oberarmen. Sie hatten erst vor kurzem in der Firma angefangen. Sie checkten in der Pförtnerloge ihre Bildschirme, kurvten einmal mit dem Wagen ums Gelände und ver-schwanden. Das war so gegen halb neun. Jetzt ging es auf elf zu. Einmal in drei Stunden! Und das, wo doch heute die teuren Uhren im Haus lagerten. Waren die Leute so überzeugt, dass ihre Elektronik die Arbeit für sie erledigen würde?

   Charles schlenderte den Weg zum Fluss hinab. Das Tor an der Rampe hatten sie nicht nur repariert, es war komplett neu. Auf einmal ging es. Interessant. Gleich zwei Kameras behielten die hell erleuchtete Zufahrt im Blick. Wie schön.

   Unten am Ufer blieb Charles stehen. Er lauschte dem leisen Plätschern, beobachtete die Lichter der Stadt, wie sie auf den Wellen tanzten. Sehr zart, sehr lustvoll. Fast wie Mathilde.

   Mathilde. Nein, die Frau traf keine Schuld. Bestimmt nicht. Er allein hatte alles verbockt. Sicher machte sie sich längst Gedanken, weil er so spurlos von der Bildfläche verschwunden war. Er sollte zu ihr gehen.

   Der Streifenwagen seines ehemaligen Arbeitgebers rollte oben vorüber. Na endlich. Charles blickte zur Uhr. Halb zwölf. Um diese Zeit begann Chantals Schicht am Bahnhof. Jedenfalls, wenn sie nicht gerade daheim mit telefonisch vorbestellten Terminen zu tun hatte. Er beeilte sich. 

   Chantal war nicht da. Sie würde kommen. Er kannte sie. Und sei es nur ihrer sogenannten Berufsehre wegen. Charles suchte sich eine Bank. Nicht direkt auf dem Platz. Sie sollte ihn nicht gleich sehen. Zwischen Hotel und Bahnhof lag ein kleiner Park. Dort, unter einer alten Trauerweide, gab es ein kuschliges Eckchen, das die hellen Straßenlaternen nicht erreichten. Der Nachtwächter hatte oft beobachtet, wie junge Pärchen an dieser Stelle im Dunkel verschwanden. Jetzt nahm er hier Platz und wartete.

   Gegen halb eins tauchte Chantal auf. Sie wirkte ziemlich mitgenommen. Wahrscheinlich hatte sie ein paar schwierige Kunden hinter sich, mutmaßte Charles. Vorstellen wollte er sich das lieber nicht. Schon gar nicht, seit er selbst in ihrem Liebesnest hatte einkehren dürfen. Oder müssen. Wie auch immer. Eine Weile beobachtete er sie schweigend. Dann räusperte er sich und rief nach ihr.

   „Mathilde!“ Erschrocken fuhr sie herum. Der Ruf war ihm auf dem nächtlich leeren Platz eindeutig zu laut geraten.

   „Wer … Charles?“ Sie sah nach rechts, nach links und erst als sicher schien, dass sie allein waren, kam sie in sein dunkles Versteck. „Sag mal spinnst du? Durch die ganze Stadt meinen Namen zu brüllen? Und was bildest du dir überhaupt ein, mir aufzulauern? Wo hast du gesteckt, die ganze Zeit? Weißt du, was ich mir für Sorgen mache? Ich bin ein seelisches Wrack, kann mich gar nich mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Ich bin so fahrig, vergesslich und oberflächlich geworden in dieser einen Woche, dass ich Angst habe, alle meine Kunden zu verlieren. Ich dachte schon, du hättest Selbstmord gemacht, als ich von den beiden Toten und deiner Kündigung hörte. Die beiden Muckibuden-heinis, die jetzt deinen Job machen, sind zwar Arschlöcher aber wenigstens gesprächig. Was man von dir nich sagen kann!“

   „Du lässt mich ja nicht zu Wort kommen.“

   „Werd nich spitzfindig! Wer hat mich denn die ganze Woche ohne Nachricht gelassen? Kerl, kannste dir nich vorstellen, dass es Menschen gibt, denen du was bedeutest? Aber was reg ich mich auf. Für dich bin ich wahrscheinlich nur ‘ne billige Nutte. Gerade gut genug zum Ficken. Muss man ja nich unbedingt Rück-sicht drauf nehmen, wie sich die Frau fühlen tut. Hauptsache in Selbstmitleid versinken, was? Weißt du was? Du kannst mich mal!“ Wütend drehte sie sich um. Er sprang auf, hielt sie fest.

   „Mathilde.“

   „Lass mich los!“

   „Mathilde, bitte. Hör mir zu. … Bitte entschuldige. Ich, ich wusste nicht, ob ich dir wirklich was bedeute. Ich hatte Angst, nach dieser Nacht, überhaupt einem Menschen zu begegnen. Ich fühle mich so verdammt schuldig.“

   „Schuldig? Du? Wenn hier eine Schuldgefühle haben muss, dann bin ich das. Ich, ich, ich, du Trottel!“ Sie brach in Tränen aus. „Weißt du, wie oft ich mir in den letzten Tagen Vorwürfe gemacht habe? Ich war so egoistisch. Ich wollte dich … Na gut, ich wollte dir vor allem was Gutes tun, weil du so depri warst. Aber ich habe es verdammt nochmal genossen, mit dir zusammen zu sein. Weil du ’n Freund bist. ‘N echter Freund. Und bloß wegen so einem bisschen Glück, wegen so ‘ner scheiß halben Stunde glücklich sein, mussten vielleicht zwei Menschen sterben; und du verlierst deine Arbeit ohne Abfindung und bringst dich womög-lich um. Weißt du, wie ich geheult hab? Ich hatte keinen Hunger mehr, konnte nich schlafen, wollte mich bei dir entschuldigen und hab dich nirgendwo gefunden!“ Bei jedem Wort trommelte sie mit ihren Fäusten gegen seine Brust. Ihre Tränen flossen ungehemmt. Er ließ sie trommeln und weinen, wühlte ein Taschentuch aus seinem Mantel und wischte ihr Gesicht trocken. Jedenfalls versuchte er es. Vergebene Liebesmüh. Sie konnte sich lange nicht beruhigen. Als ihr Weinkrampf endlich in ein ruhigeres Schluchzen überging, presste Charles sie an sich. Ganz leise stammelte er:

   „Vergib mir!“ Sie schüttelte den Kopf.

   „Du musst mir vergeben.“

   „Schon geschehen.“ Er hob ihren Kopf und küsste sie. Mathilde blickte ihn erstaunt an.

   „Aber du müsstest mich eigentlich hassen!“

   „Quatsch. Ich hab es genauso genossen, mit dir zusammen zu sein. Ich bin einfach ein Idiot. Vielleicht bin ich zu lange Einzelgänger, als dass ich mir vorstellen kann, dass jemand mich vermissen könnte.“ Er schluckte. „Übrigens, ich habe über den Mord nachgedacht. Wahrscheinlich hätte ich sowieso nichts gehört. Die Einfahrt an der Rampe ist viel zu weit weg. Und so, wie die aussahen, hatten die Opfer vermutlich gar keine Zeit, zu schreien. Der Kerl muss schnell und präzise zugeschlagen haben.“

   „Ach Charles.“

   „Lass gut sein, Hildchen. Es ist wie es ist. Jetzt bin ich ja wieder bei dir.“ Er zog sie auf seine Bank. Sie lehnte sich an seine Schulter. So saßen sie, schwiegen und starrten auf den leeren Bahnhofsvorplatz.

   Gegen zwei, Mathilde wollte ihn gerade bitten, sie nach Hause zu bringen, rauschte der Security-Wagen heran. Charles legte einen Finger an den Mund. Er wollte die Burschen nicht unnötig auf sich aufmerksam machen. Hätte möglicherweise albern gewirkt. Als ob er sie kontrollieren wolle. Durchaus möglich, dass sie ihn schon am Abend im Straßencafé des Hotels bemerkt hatten.

Interessanterweise stieg diesmal nur einer aus, um zur Pförtnerloge zu gehen. Der andere wendete den Wagen und fuhr die Straße zur Rampe hinunter. Irgendwie wurde Charles das Gefühl nicht los, dass jetzt alles viel länger dauerte, als am Abend. Das Auto kam nicht zurück. Merkwürdig.

   „Kannst du erkennen, was der macht?“ Mathilde schüttelte den Kopf.

   „Keine Ahnung.“

   „Ich kann schlecht hingehen und hallo sagen, oder?“

   „Nee, du nich. Aber ich. Soll ich?“

   „Hm, irgendwie stimmt da was nicht. Und dass der Typ mit dem Wagen nicht wiederkommt, irritiert mich auch.“

   „Also soll ich?“

   „Von mir aus. Aber sei vorsichtig. Du siehst, was das für bullige Kerle sind. Ich schleiche derweil dem Auto hinterher. Mal gucken, was der so lange treibt.“

   „Okay. Wir sehen uns dann in einer Viertelstunde wieder hier auf dieser Bank?“

   „Genau.“

   Als Charles zur Rampe kam, glaubte er an ein Déjà-vu. Das Tor stand offen! Er schlich hinein. Das Auto parkte am Hauptgebäude. Machten die Kollegen ihre Kontrollgänge gründlicher als gedacht? Aber wieso ließen sie dann das Tor sperrangelweit offen? Warum ging der Typ nicht von vorn zu Fuß rein sondern fuhr mit dem Wagen vor?

   Charles schlich zurück. Höchste Zeit, sonst würde ihm Mathilde wieder Vorwürfe machen. Dass er sie warten ließe oder so. Auf dem Platz war von Mathilde keine Spur zu entdecken. Weder am vereinbarten Treffpunkt noch an der Pförtnerloge. Sollte unerwartet ein Freier gekommen sein? Nein. Dann hätte sie ihm wenigstens eine Nachricht hinterlassen. Er blickte zur Pförtnerloge. Der junge Mann drinnen schien sich mit etwas auf dem Boden liegendem … Moment. Charles fuhr zusammen. Wäre es möglich …? Was, wenn Mathilde? Er glaubte zwar nicht daran, dass ein Mitarbeiter seines langjährigen Arbeit-gebers sich an einer wehrlosen Frau vergehen würde, andererseits war Mathilde-Chantal aber auch keine normale Frau. Oder ob das zu Mathildes Plan gehörte? Nein, er durfte es nicht darauf ankommen lassen. Er musste nachsehen gehen.

   So unbeteiligt, wie sich ein Spaziergänger nachts halb drei auf einem menschenleeren Platz geben kann, bummelte Charles zur Pförtnerloge hinüber. Der Knabe drinnen bemerkte ihn schon von weitem. Er kam aus dem Häuschen, Charles zu begrüßen.

   „Ach nee, was ‘ne nette Überraschung. Der Herr Kollege. Kannste nicht schlafen oder willste gucken, ob ich alles richtig mache?“

   „Hallo. Ersteres. Wenn man fast drei Jahrzehnte jede Nacht draußen war, fällt der Nachtschlaf schwer. Wie läuft’s denn so?“

   „Prima, alles bestens. Schön, dass du mal vorbei schaust.“ Seine Augen straften die Worte Lügen. Charles fiel auf, dass der Mann hektisch den Platz nach weiteren ungebetenen Gästen absuchte.

   „Ja, dachte halt so, machst mal einen Spaziergang und sagst hallo, falls ihr gerade hier seid.“

   „Soso. Na schön, willste mit reinkommen? Dir die neue Technik ansehen?“

   „Na das ist doch sicher nicht gestattet, oder?“

   „Aber hallo, bei einem Kollegen? Noch dazu, wo du dein ganzes Leben hier gedient hast. Komm schon!“

   Die scheißfreundlichen Töne, die der Mensch anschlug, machten Charles misstrauisch. Er hatte zwar seinen Dienstrevolver abgeben müssen, die ziemlich große, stabile Stabtaschenlampe trug er allerdings aus alter Gewohnheit nach wie vor stets in der Manteltasche. Um die schlossen sich jetzt seine Finger. Charles wusste, dass er dem Kerl rein kräftemäßig unterlegen war. Am Ende konnte für ihn nur das Überraschungsmoment den Ausschlag geben.      

   Der Junge hielt Charles die Tür auf. Charles lehnte dankend ab.

   „Nach dir Kollege, du bist hier der Hausherr.“

   „Ach was, Alter vor Schönheit.“

   „Unter keinen Umständen. Ich weiß, was sich gehört.“ Bei diesen Worten trat Charles einen Schritt zurück. Er merkte, wie der andere nervös wurde und wollte unbedingt außer Reichweite seiner Fäuste bleiben. Der Junge knurrte zwar. Seine Hand zuckte kurz zur Dienstpistole, dann gab er missmutig nach und schritt voran. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er überzeugt, mit dem Alten auch so fertig zu werden, wenn der erstmal in der Falle säße. Beim Eintritt gab er sich Mühe, die linke Seite mit der breiten Schreibtischplatte für Anmeldeformalitäten zu verdecken.

   Charles lenkte folgerichtig seinen Blick genau zu dieser Platte und sah am Boden unter ihr, was er vermutet hatte. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, zog er seine Taschenlampe dem Kerl über den Kopf. Es krachte wie brechende Knochen. Die Schädeldecke.

   Dem alten Nachtwächter war es gerade völlig egal, wie unfair es sein mochte, jemanden von hinten niederzuschlagen. Mit Fairness hatte das hier nichts zu tun. Es ging ums nackte Überleben. Der Mann schoss herum, zückte den Revolver und blickte Charles mit glasigen Augen an. Dann brach er ohne ein Wort zusammen.

   Charles zitterten zwar die Knie, doch wusste er, dass er jetzt keine Zeit hatte, Schwäche zu zeigen. Als erstes prüfte er, ob der Mann noch lebte, entwand dem Bewusstlosen die Waffe und durchsuchte ihn nach den in der Branche üblichen Kabelbindern, um ihn zu fesseln. Anschließend kümmerte er sich um die zusammengekrümmt am Boden liegende Mathilde. Der Mistkerl hatte sie mit ebensolchen Kabelbindern zu einem handlichen Päckchen verschnürt und unter den Schreibtisch geschoben. Es dauerte eine Weile, bis Charles ein Messer gefunden hatte, mit dem sich die Plastikbändchen lösen ließen. Mathildes Mund war mit festem Gaffa-Tape zugeklebt. Das abzuziehen musste dem Mädchen Schmerzen bereiten. Deswegen wollte er es sie selbst machen lassen, was ihm erneut Tadel einbrachte.

   „Du hättest mir wirklich erst den Mund losmachen können, du Hirni! Ich wär fast erstickt!“             

   „Entschuldige. Ich wollte dir nicht weh tun.“

   „Schönen Dank auch. Schwamm drüber. Gott sei Dank, dass du überhaupt gekommen bist. Ich hatte das Gefühl, der Typ meint’s ernst.“

   „Was hast du denn rausgefunden? Ohne Not wird er dich nicht verschnürt haben, oder?“

   „Da kannste Gift drauf nehmen. Wie ich rüber bin, hat der anscheinend gerade sämtliche Sicherungen gekappt.“

   „Das geht doch gar nicht!“

   „Oder den Alarm abgeschaltet oder was weiß denn ich. Jedenfalls glaub ich nich, dass der nur einfach so die Kontrollmonitore abgeschaltet hat.“

   Mathilde hatte recht. Charles sah sich um. Sämtliche Sicherheitssysteme einschließlich des Alarmes, der das Gelände mit der Polizei verband, waren abgeschaltet. Irgendwie musste es der Kerl geschafft haben, die Stromkreise zu überbrücken. Jetzt fiel ihm auch ein, was er vorhin am Tor vermisst hatte: Den Alarm! Der hätte zweifellos sofort losgehen müssen, denn laut Dienstanweisung hatten Begehungen und Kontrollen durch die Security immer vom Haupteingang aus zu erfolgen. Die hinteren Tore blieben nachts geschlossen.

   „Hm, dabei hast du ihn also ertappt und als er merkte, dass du was mitgekriegt hast, hat er dich gekidnappt.“

   „So in etwa. Bloß wieso denn nur?“

   „Tja, wieso? … Die Uhren!“

   „Die zwölf Millionen Dollar Uhren?“

   „Euro, meine Liebe, Euro. Das ist ein bisschen mehr.“

   „Besserwisser. Und nun?“

   „Ruf die Polizei an! Ich kümmer mich um das Tor, damit uns der andere nicht entwischt.“

   Der andere entkam nicht. Auch ohne Alarm und Videoüberwachung war es dem Ganoven schwer genug geworden, ins Hauptgebäude einzudringen und den Tresor zu knacken. Die Polizisten erwischten ihn auf frischer Tat. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dieser Raub lange geplant gewesen war. Die beiden Muskelmänner hatte ein Insider in den Dienst eingeschleust und detailliert instruiert. Dieser dritte Mann war der Kopf der Bande. Ein Typ aus der Uhrenbranche, der bestens über die sechs ‚Grand Complications‘ bescheid wusste und seinerseits im Auftrag von Kunden arbeitete. Von reichen Sammlern, die ihre Bestellungen in Glashütte zu spät aufgegeben hatten.

   Die Aktion in der Vorwoche, die Charles den Job gekostet hatte, sollte lediglich dem Ausbaldowern der Örtlichkeiten dienen. Dass die Geldschrank-knacker von den alten Leutchen am Tor überrascht worden waren, schien zunächst ein unliebsamer Zwischenfall, ein Kollateralschaden. Er entwickelte sich allerdings zum Glücksfall für die Ganoven, weil sie nach Ausscheiden des alten Nachtwächters direkt Zugriff auf die Sicherheitssysteme erhielten.

 

   Was bleibt zu erwähnen? Charles wurde auf Drängen der Spedition von seiner Firma wieder eingestellt. Zudem erhielt er eine üppige Entschädigung für die Unannehmlichkeiten und eine Prämie wegen der Rettung der Uhren. Nachdem er in den Gebrauch der neuen Technik eingewiesen war, ging er wie eh und je seinem gewohnten Geschäft nach. Nacht für Nacht, Sommer wie Winter.

 

   Ganz anders Mathilde. Sie gab ihr Gewerbe auf und zog bei Charles ein. Das Gericht sprach ihr Schmerzensgeld in nicht geringer Höhe zu. Tja, und jetzt ist sie schwanger und glücklich und in Kürze heiraten die Beiden. Jedenfalls, wenn es nach Mathilde geht. Aber im Zweifel geht es sowieso immer nach ihr. Wer könnte dieser Frau widerstehen?