Im Leipzig der späten 90er Jahre geschehen seltsame Dinge. Auf brutale Art und Weise werden gutsituierte Herren, Stützen der Gesellschaft, ermordet. Sarah Weber, eine junge Frau aus besten Verhältnissen, scheint die knallharte Mörderin zu sein. Ein „tödlicher Engel“, wie es in der Presse heißt. Sie hatte mit jedem der Männer kurz vor deren Ableben Sex. Gegen Cash.


Sarahs Vater beauftragt den Anwalt Martin Hall, die Unschuld seiner Tochter zu beweisen. Für Hall eine zwar lukrative aber fast unlösbare Aufgabe. Je tiefer er in die Verstrickungen seiner Mandantin, seines Auftraggebers und der Opfer eindringt, desto unübersichtlicher wird das Verfahren. Die Honoratioren, denen Sarah zu Diensten war, haben allesamt Dreck am Stecken.


Durch seine Ermittlungen geraten Hall und Sarah ins Fadenkreuz dieser „ehrenwerten“ Herren. Und die sind nicht zimperlich. Gedeckt von Polizei und Staatsanwaltschaft, gelingt es dem Anwalt, Sarah und sich selbst zeitweilig der Bedrohung zu entziehen.


In der winterlichen Idylle des tief verschneiten Urlaubsortes Carlsfeld im Erzgebirge erleben die beiden Flüchtlinge eine Romanze voller Fantasie. Doch ihr Paradies hat ein Verfallsdatum.   

                                                                     


Leseprobe

 

Auszug aus „Sex mit …“

 

 

 

Aus und vorbei

 

 

 

Kaum hörbar arbeiteten die Kolben unter der Motorhaube. Ruhig und gleichmäßig. Ein sonores Summen. Regentropfen prasselten. Dick und schwer klatschten sie direkt vor meinem Gesicht auf die Frontscheibe. Das war kein Regen mehr. Das war Eis! Im Nu überzog ein jungfräulich weißer Film die linke Fahrspur. Der Laster vor mir erzeugte hässlich graue Fontainen. Ich stellte die Scheibenwischer schneller. Wirkung gegen null. Beschissenes Ende eines beschissenen Tages. Und das, so kurz bevor ich von der Autobahn runter musste. Nicht auszudenken, wenn der Brummi die gleiche Ausfahrt nähme.

 

Ein Blick in den Spiegel, ein Blick nach links, blinken und dann ganz vorsichtig das Lenkrad herum. Nur ein klein wenig. Das Gaspedal tiefer getreten.

 

Weich zog der Wagen auf die unberührte Überholspur. Frisches Weiß blendete im Scheinwerferkegel. Dichtes Treiben. Das Fahrgeräusch der Reifen änderte sich. Leises Knirschen.

 

Ich sah zur Temperaturanzeige. Null, minus nullkommafünf, minus eins.

 

Das hieß, dass die Außentemperatur in kaum dreißig Sekunden, seitdem sich die Tropfen in Eisgraupel verwandelt hatten, um ziemlich genau fünf Grad abgestürzt war.

 

Ich befand mich jetzt direkt neben dem LKW. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, als würde mich sein Sog stärker als üblich nach rechts ziehen.

 

Seine Radkästen kamen bedrohlich nah. Ich versuchte gegenzusteuern.

 

 

 

Glucksend und blubbernd umschmeichelte das warme Badewasser Sarahs Haut. Die Achtzehnjährige rekelte sich im Whirlpool. Sie dehnte sich, zog die Beine an, drehte sich leicht und streckte sie wieder aus. Sie wusste, dass der Mann sie beobachtete. Sie wusste es. Sie genoss es. Sollte er.

 

Strobel war ein alter Bock. Schwammige Visage. Dauergrinsen … wenigstens wenn Sarah sich in seiner Nähe aufhielt. Aber er zahlte gut. Sehr gut sogar. Jedes Gramm Fett seines Wabbelbauches ein Geldschein. Musste nur richtig gemolken werden. Und … Strobel hatte keine Angst. Keine Angst, ein Mädchen einzuladen, das viele andere neuerdings mieden. Das sie mieden, als hätte es die Pest.               

 

Luftbläschen perlten am Nacken der Badenden aufwärts, spielten mit ihren Locken, kitzelten unten zwischen den Beinen. Sarah bekam eine Gänsehaut vor lauter Lust.

 

Strobel war dicht an die Wanne herangetreten, krempelte die Ärmel hoch und begutachtete sie mit unverhohlener Gier.

 

Sarah hielt seinem Blick stand.

 

„Möchtest du mich nicht bisschen verwöhnen? So vom großen Zeh an aufwärts?“ Dabei streckte sie ihren rechten Fuß aus dem Wasser. Der Mann griff zu. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Wenn dieses junge, wundervolle Geschöpf ihn so selbstbewusst herausforderte, stieg in dem distinguierten Gentleman jedesmal eine Hitzewelle hoch. Dann sah er sich außerstande, Haltung zu bewahren. Heute mehr denn je. Sollte er beunruhigt sein?

 

Wegen der Geschichte mit den Morden? Was, wenn er den Fuß einer eiskalten Killerin in Händen hielt? … Sarah? … Unsinn!  Allein diesem Engel zuzusehen, wog jede Gefahr auf. Voll und ganz.

 

Strobel hockte sich nieder und begann, Sarahs Waden zu massieren. Und er massierte gut. Sehr gefühlvoll. Sie schloss die Augen. Seine Hand arbeitete sich langsam den Schenkel empor. Das aufregende Prickeln einer unkonventionellen Beziehung. Anders als die albernen Schulhofromanzen ihrer Klassenkameradinnen. Abenteuer pur. Gewinnbringend.

 

Außerdem waren die Erfahrungen der alten Kerle durchaus nicht zu verachten. Wie sanft entschlossen seine Finger ihre Brust umfingen. Sarah schnurrte vor Vergnügen wie ein Kätzchen.

 

Filialleiter Strobel, dem seriösen Banker, wurde über seiner freudvollen Tätigkeit der Atem knapp. Endlich zerrte er sich den Schlips vom Hals. Dann packte er Sarah. Das Leichtgewicht bereitete ihm trotz seiner Körperfülle keine Schwierigkeit.

 

Schwäche zu zeigen, konnte er sich ohnehin nicht leisten; jedenfalls nicht vor so einem jungen Ding.

 

Er packte sie, hob sie aus der Wanne und trug sie, tropfnass wie sie war, quer durch den langen Flur hinüber zum Schlafzimmer.

 

Das Mädchen kreischte auf, als er es mit Schwung auf sein mondänes Doppelbett warf. Sarah wusste genau, jetzt hatte sie ihn. Es gab kein Entrinnen. Er war ihr ausgeliefert. Nur noch einen Moment.

 

Der Mann keuchte. Sie machte ihn wild. Wie ein gehetztes Reh kauerte sich die Kleine an der oberen Bettkante zusammen. Taktik. Die Taktik einer Raubkatze, die auf ihre Chance wartet. Er war wie von Sinnen, kroch auf allen Vieren auf sie zu.

 

Aber kaum, dass er über sie kam, schnellte sie hoch und stürzte sich nun ihrerseits auf den wehrlos auf den Rücken kugelnden Mann-Käfer. Jetzt war sie der Chef im Ring. Seine Herrin. Fauchend zeigte sie ihm die Zähne.

 

Dr. Hartmut Strobel durchzuckte ein Glücksgefühl. Ihm schwindelte. Er sah sie nicht mehr, spürte sie dafür umso intensiver. Was für ein Mädchen! Fast ohne Überleitung ging sein atemloses Grunzen in ein genussvolles Aufstöhnen über. Was für ein Mädchen!

 

 

 

Wie ein Puck gegen die Bande des Eishockey-Feldes geschleudert, prallte der Wagen von der Mittelleitplanke zurück. Ein letztes Mal versuchte ich, meine Fahrkünste in die Waagschale zu werfen, dem Unausweichlichen zu trotzen. Es half nichts. Um mich drehte sich die Welt im Kreis.

 

Als das Karussell innehielt, sah ich den Brummi, den ich eben überholt hatte, direkt vor mir. Er raste mit kaum verminderter Geschwindigkeit frontal auf mich zu. Merkwürdigerweise kam er trotzdem nicht näher. Meine Räder rutschten immer noch. Rückwärts. Ich gab es auf, irgendetwas selbst tun zu wollen, ließ mit mir geschehen.

 

Verblüffend, wie ruhig mich diese erzwungene Passivität machte. Angst? Eher weniger. Dafür Neugier. Tatsächlich, Neugier. Was passiert, wenn mich das große Fahrzeug erfasst? Der Augenblick des Todes – finales Erlebnis oder Übergang in eine andere Dimension?

 

Noch blieb mir eine Galgenfrist. Noch schleuderte ich ein zweites Mal gegen die Leitplanke. Mit der Motorhaube. Ein Blitz. Bunte Plastik und schwarze Metallteile flogen.

 

Das Auto pendelte um seine Achse zurück. Es krachte erneut. Diesmal hinten am Heck. Dann tauchte der Lastwagen wieder vor mir auf. Ich musste mit unglaublicher Geschwindigkeit über das Eis segeln, dass er mich bisher nicht erwischt hatte. Und ich segelte weiter. Meter um Meter, der Standspur zu. Auf dieser Seite gab es keine Leitplanke. Nur Bäume, Gestrüpp und ein Feld. Abschüssig. Großer Gott!

 

Ein Stoß. Ich kippte. Ein Stück. Nicht völlig. Bis zu einem toten Punkt. Stille.

 

Unerträglich lange Augenblicke. Dann wippte der Wagen auf seine vier Räder zurück. Und endlich bewegte sich nichts mehr. Gar nichts. Schluss. Aus. Vorbei.

 

 

 

 

 

 

 

Mit Blaulicht und Sirene raste der Streifenwagen in Richtung Norden. Mitten durch ruhig verschlafene Straßen, fernab des Trubels im Zentrum. Gleich darauf ein zweiter und ein Zivilfahrzeug – ebenfalls mit Blaulicht. Zwei Notarztwagen folgten. Erstaunt hielten ein paar Passanten inne, sahen den Wagen nach.

 

Die Nacht war jung für Leipziger Verhältnisse. Genau genommen zu jung, als dass es schon die erste Schlägerei unter Betrunkenen sein konnte, die den Lärm verursachte. Zumal die, wenn überhaupt, in der entgegengesetzten Richtung zu erwarten wäre.

 

Noch strömten Vergnügungssüchtige den Tempeln der Spaßgesellschaft  in der Innenstadt zu. Leute, für die die Nacht erst richtig anfing, wenn anderswo die ersten Wecker klingelten.

 

Fette Beats dröhnten aus den Betonkasematten der ehemaligen Stasizentrale. Treffpunkt der Backfische. Gegeelte Lackaffen fortgeschrittenen Alters protzten im alten Untergrundmessehaus am Markt mit breiten Goldkettchen und aufgetufften Bräuten. Unweit davon, zwischen beiden gelegen, hallte Gelächter aus verschiedenen Studentenkneipen und Kaffeehäusern durch die engen Gassen und Passagen.

 

Drüben im Metropolis ließen die, die wirklich Geld in der Tasche hatten, die Puppen tanzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit langen Beinen auf hohen Tresentischen. Champagner! 80 Mark die Piccolo Flasche.

 

Die Stadt bebte. Sie fieberte dem Samstagmorgen entgegen. Endlich Wochenende!

 

Ristorantes, Pubs, Varietés, kubanische Bars, Bordelle, bayerische Bierstuben.  Für jeden Geschmack das Passende. Neuankömmlinge mischten sich mit jenen, die schon vor Stunden aus der gesitteten Langeweile von Kinos und Theatern in das bunte Treiben der Straße gesickert waren.   

 

Anders im Norden der Stadt. Dort, wo der Konvoi der Polizei- und Sanitätsfahrzeuge durch die Nacht jagte. Wo er schließlich in einer Seitenstraße zwischen noblen Altbauten anhielt. Hier war das pulsierende Leben der City nur mehr als fernes Echo zu erahnen. Und auch das erst, nachdem die hektisch aus ihren Wagen springenden Leute die Sirenen abgeschaltet hatten. 

 

 

 

Ziemlich schräg stand ich zwischen zwei kleinen Obstbäumen im Morast des Feldraines. Der Schlamm hatte mich aufgefangen. Nicht auszudenken, wäre hier eine Leitplanke gewesen. Der Laster war an mir vorbeigerauscht und gut hundert Meter weiter hinten erst zum Stehen gekommen.

 

Ich hatte nicht das Geringste abbekommen. Kein Kratzer, kein Kopfschmerz, nichts.

 

Das schien angesichts meines leichtsinnigen Überholmanövers so unwahrscheinlich, dass ich es kaum glauben mochte.

 

Ein ungeheures Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Klar, das Auto war hin, die Chance, noch vor dem Morgengrauen daheim zu sein, so gut wie vertan. Wochenendausflug ade. Eine Menge Bürokratie lag vor mir. Aber … ich lebte!

 

Der Brummifahrer und zwei Männer, die mit ihren PKW sofort gehalten hatten, um mir zu helfen, sahen mich ziemlich verwirrt an, als ich ihnen selig lächelnd erklärte, es sei nichts geschehen und sie könnten beruhigt weiterfahren.

 

Vermutlich waren sie der festen Überzeugung, dass bei mir durch den Schock einige Schrauben locker saßen. Womöglich hatten sie damit sogar recht.

 

Sie hatten meine Todesspirale mehr oder weniger ausführlich beobachten können und mit mir gelitten. Ich glaube, die drei waren blasser als ich.

 

Allerdings beunruhigte mich das Zischen unter der völlig zerbeulten Kühlerhaube. Dampf kroch aus den leeren Grotten, in denen sich bis eben Scheinwerfer befunden hatten.

 

Ich stellte das Warndreieck auf und postierte mich mit meinem Telefon in gehöriger Entfernung von der Unfallstelle. Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Dann setzte ich alle, die es wissen mussten, über mein Missgeschick in Kenntnis. Automobilklub, Polizei, …

 

Die nasse Kälte, die mit dem Matsch über den Rand der Halbschuhe in meinen Körper drang, ließ die Warterei zur Tortour werden. Gestern Morgen hatte ich die Stiefel schon in der Hand gehabt. Das war schon mal die erste Fehlentscheidung des Tages gewesen.

 

 

 

Es klingelte. Einmal kurz. In der Villa der Webers rührte sich nichts. Der Samstagmorgen war dem vielbeschäftigten Manager normalerweise heilig. Seine Damen hielten ohnehin viel auf ihren Schönheitsschlaf. Es klingelte erneut. Diesmal länger, ungeduldig. Und gleich darauf zum dritten Mal. Ärgerlich rappelte sich Hannes Weber hoch. Ein Blick zur Uhr. Kurz nach drei. Was sollte der Unsinn?

 

Die Haustürklingel gellte ihm in den Ohren. Der aufdringliche Besucher gab nicht nach.

 

„Geh endlich und jag die Nervensäge zum Teufel!“ zischte seine bessere Hälfte unter ihrer Decke hervor. Mühsam wälzte sich der Mann aus dem Ehebett. Er bekam kaum die Augen auf. Ein Griff zum Morgenmantel.

 

Der Mensch an der Tür hämmerte inzwischen zusätzlich zum Klingelsingsang mit den Fäusten auf die Nerven der müden Hausbewohner ein. Das war zu viel! Weber explodierte förmlich. Was für eine Impertinenz! Mit Schwung riss er die Haustür auf.

 

„Himmeldonner ...“

 

„Kathrin Kranz. Mordkommission. Herr Weber?“ Vor ihm stand eine energische Dame. Sie hielt ihm ihren Ausweis und ein Stück Papier unter die Nase. Hinter ihr zwei Uniformierte.

 

„Herr Weber, ich habe den Auftrag, ihre Tochter Sarah in Haft zu nehmen. Sie steht unter dringendem Tatverdacht, heute Nacht einen Mord begangen zu haben. … Ist sie da?“

 

„Ja ... nein ... ich weiß nicht ...“

 

„Darf ich?“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten schob sich die Polizistin an dem konsternierten Menschen vorbei.

 

„Würden sie uns bitte zu Sarahs Zimmer führen.“

 

„Sie kommt am Wochenende immer erst sehr spät heim. Ich weiß nicht ...“

 

„Würden sie uns bitte Sarahs Zimmer zeigen!“ Die Stimme der Beamtin klang so ungeduldig wie zuvor ihr Klingeln und Klopfen. Weber machte eine hilflose Handbewegung.

 

Auf der Treppe erschien das bleiche Gesicht seiner Gemahlin. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen ohne wirklich zu begreifen, was da vor sich ging.

 

 

 

Das Mädchen hatte von all dem nichts mitbekommen. Sie war erst vor kurzem zu Hause eingetrudelt. Tief und ruhig ging ihr Atem. Ihre weichen Züge hatten etwas beruhigend Friedliches an sich. Eine Märchenprinzessin, die wach zu küssen kein Prinz umhin gekommen wäre. Sarah hatte einen festen Schlaf. Nicht einmal die krachend aufplatzende Tür konnte sie wecken. Erst als ihre Schwester Joanna sich auf sie warf, sie hin und her rüttelte, kam Sarah zu sich. Sie wollte den Quälgeist wegschubsen.

 

„Eh!“, knurrte sie wütend „Lass den Quatsch. Verzieh Dich!“

 

„Die Polizei ist da. Du musst fliehen!“

 

Wie ein aufgescheuchtes Huhn stob die Kleine durch das Zimmer der großen Schwester, wühlte sich durch deren herumliegende Plüschtiere zum Schrank und begann, wahllos irgendwelche Sachen in eine Reisetasche zu stopfen. Sarah war plötzlich hellwach.

 

„Was? Spinnst du? … Hör sofort auf, in meinen Sachen ...“

 

Durch die offene Tür trat eine fremde Frau ein.

 

„Sarah Weber? Ich muss sie bitten, mich zu begleiten. Ziehen sie sich an und packen sie das Nötigste ein. Alles was sie für einen längeren Aufenthalt benötigen. Zahnbürste, Nachtzeug und so weiter. Und Beeilung, wenn ich bitten dürfte.“

 

 

 

 


Wahnsinn mit Methode

 

 

 

Ich hatte mich kaum hingelegt, da klingelte das Telefon. Ich registrierte es im Unterbewusstsein und beließ es dabei.

 

Wenn man die Nacht auf zugigen Autobahnen, mit gestressten Verkehrspolizisten, in überheizten Abschleppwagen und beim Werkstattnotdienst zugebracht hat, weiß man, wo man hingehört. Unter die Bettdecke! Und zwar möglichst bis zum Nachmittag. Ob darüber gerade die Welt unterging oder nicht, war mir im Moment ziemlich Schnuppe. Ich drehte mich auf die andere Seite und zog mir das Kopfkissen übers Ohr. Vergeblich.

 

Mürrisch schob ich meine Füße in die Filzpantoffeln. Sie hatten gerade angefangen, warm zu werden.

 

„Hall ...“, schnarrte ich in die Hörmuschel.

 

 

 

Was mich am meisten aus der Fassung brachte, war das viele Blut. Eine richtige Lache auf dem Teppich. Da, wo den Kreidestrichen nach zu urteilen der zusammengekrümmte Leichnam gelegen hatte.

 

Blut am Spiegel. Blut am Bettgestell. Tropfspuren quer über das Laken. Blut auf dem Nachttisch.

 

Blut in jenem Becher, der normalerweise vermutlich den dritten Zähnen oder einer Aspirin vorbehalten war. Überall Blut. Mir wurde speiübel. Der blanke Horror.

 

Einer der Kriminaltechniker, die mit der Spurensicherung beschäftigt waren, schubste mich grinsend in den langen Flur zurück.

 

„Tschuldigung, können sie ihre aufsteigenden Magensäfte woanders abladen? Wir sind hier noch nicht fertig. Hat diesmal ganze Arbeit geleistet, ihre hübsche Mandantin.“

 

Verständnislos blickte ich den Mann an. Er hob missbilligend die Brauen.

 

„Geben sie’s auf. Nach der dritten Nummer im gleichen Stil haben sie eh keine Chance mehr. Sie war’s. Die Beweise sind erdrückend. Wissen sie, was wir hier alles an Haaren, Wollfusseln und so weiter finden? Unmengen! Und heute Nacht hat sie’s besonders heftig getrieben. Hat ihnen das keiner erzählt? Das Wasserglas? Da steckte sein Pimmel drin. Den hat sie diesmal komplett abgesäbelt.“ 

 

Es dauerte eine Weile, bis ich das Bad wieder verlassen konnte. Edles Ambiente. Mir wurde das seltene Vergnügen zuteil, mich in die Sanitärkeramik einer bekannten deutschen Porzellanbude entleeren zu dürfen. Was die Angelegenheit, unter uns gesagt, nicht sonderlich angenehmer machte.

 

Nebenan, in der Wanne, sofern man diesen stattlichen Whirlpool überhaupt als Wanne bezeichnen konnte, stand noch das Badewasser des vergangenen Abends. Ob da Sarah ...?

 

Außer den Spezialisten im Schlafzimmer, die weitere Hinweise auf das nächtliche Treiben sammelten, war niemand mehr am Tatort, der mir über den Stand der Ermittlungen etwas sagen konnte. Genau genommen hatte ich fürs erste auch genug gesehen und gehört.

 

Also verließ ich die ungastlichen Hallen so schnell als möglich. Höchste Zeit. Mein Magen meldete sich bereits zum zweiten Mal. So sensibel kannte ich ihn gar nicht. Vielleicht hatte ich mir letzte Nacht auf der Autobahn was eingefangen. Ein Wunder wär’s nicht.